Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 29 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 283 schwächlichen Nachgiebigkeit gegenüber dem Bunde der Landwirte politisch immer mehr den Krebsgang gegangen sind und bei den jetzigen Landtagswahlen allein in dieser Provinz, der nationalliberalen Hochburg zu Zeiten eines Bcnningscn. 9 Mandate verloren haben. Trotzdem gibt es aber nationalliberale Abgeordnete, welche nach wie vor mit den rcaktionärsten Bündlcrn ein Herz und eine Seele sind. Am 2. d. M. hat auf dem Schlossbcrg bei Ondcnsbcrg in Hessen ein Sommerfest des Bundes der Landwirte stattgefunden, unter dessen Ehrengästen neben zwei so waschechten Antisemiten wie Lieber mann von Sonnenberg und dein früheren bündtcrischcn Abg'. S c 11 r e m p f der national liberale Landtagsabg. Gleim- Melsungen Platz genommen hatte. Danach scheint also das W a h I k a r t e 11 zwischen Antiscniiten und Nationallibcraltn in Hcrsfcld-Rutcnburg keine vereinzelte Erscheinung mehr bedeuten zu sollen, sondem den Anfang einer Verbrüderung zwischen beiden Parteien in ganz Hessen. Im Rheinland scheint sich dieselbe Entwicklung zu vollziehen. Dort hat im März d. J. der nationalliberalc Parteisekretär Klein sich nach bisher unwidersprochen gebliebenen Mitteilungen In einer Versammlung des ״Nationalen Wahlvercins“ zu M ti 1 - heim (Ruhr) wörtlich folgendermaßen gcüussert: ״Ich habe in den letzten IS Jahren noch keine Viertel* stunde auf natinnalilberalem Boden gestanden. Ich bin Deutsch sozialer und bleibe cs bis an mein Ende.** Also die nationallibiiale Partei beschönigt als Partei* Sekretär eitlen Mann, der sich oüentlieh seiner Mitglied- Schaft zur Pattei des Herrn!.:ebermann von Sonnenberg rühmt. Wenn das in einer so stramm organisierten Partei geschieht, so geschieht es nur mit Wissen und Willen der Partei. Mangel an Helmaisgefühl Gegen eine in der Direktcren-Konicrcnz der Provinz Posen gefallene Aeiisserung, die dalii i ging, die Juden hätten kein Heimatsgcfiihl. was sich schon aus der Leichtigkeit ergebe, mit der sie ihren Heimatort veriiessen und nach Westen abwanderten, wenn ihnen materielle Vorteile winkten, batte der Zentralerem deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Beschwerde beim Kultusminister Holle erhoben. Darauf hat dieser jetzt folgenden Bescheid erteilt: ״Auf das Schreiben vom 31. März erwidere ich ergebenst folgendes: Das Protokoll der Direktoren-Konierenz gibt in gedrängter Zusammenfassung Ausführungen wieder, die etwa z\Vei Stunden dauerten. In seiner Kürze und aus dem Zusammenhang losgelöst, klingt der beanstandete Satz anders und schärfer, als er gemeint und gesprochen worden ist. Der Referent. Direktor v. Sanden, ging aus von den Schwierigkeiten, die sich den Lehrern der Provinz Poscc bei dem Bestreben, der Pflege des Hcimatsgcfühls gerecht zu werden, entgfitenstellen. Dabei setzte er auseinander, dass der in der Provinz Posen ansässige Jude im allgemeinen Heimatsgefühl für das Poscner Land vermissen lasse: er werde hier selten bodenständig, sei vielmehr geneigt, hach dem Westen abzuwandern, sobald er zu Wohlstand gekommen sei oder anderswo bessere Existenzbedingungen sehe. Zum Teil bewegten sich diese Auseinandersetzungen in derselben Richtung, wie die in der Beschwerdcschrift enthaltenen Gedanken. Direktor von fanden erklärt ausdrücklich, dass ihm jede Absicht einer Beleidigung' völlig icrngclcgvn habe; er hat auch gar nicht von den Juden im allgemeiiHn gesprochen, sondern von tatsäch״ liehen Vot gangen in der Provinz Posen, wobei er es nicht unterlassen hat. auch Massnahmen ausdrücklich zu konsta* deren. Auch alle Zuhörer haben unter dem Eindruck gestattden. dass Verletzendes nicht gesagt der gedacht ist. Wäre es geschehen, so würde der Vorsitzende. Provinzialschulrat Dr. Wege, dem »dort cntegcgctigetrcteu sein. Auch, mein bei der Versammlung anwesender Kommissar hat denselben Eindruck gehabt, wie die übrigen Anwesenden. Danach dürfte Jede Veranlassung für die Bitte der Beschw crdcsclirift. dass ich geeignete Massnahmen ergreifen möge, um schwere und ungerechtfertigte Belästigungen einer ganzen Bevolkerungs- Klasse für die Zukunft zu verhindern, fortfallen. Den mir unterstellten Behörden und Lehrerkollegien liegt die Neigung vollkommen fern, solcher Beleidigungen sich schuldig zu machen. gcz. Holle.״ Dazu bemrekt die DEUTSCHE TAGESZEITUNG: ״Die jüdische Beschwerde zeigt von einer Empfindlichkeit, die unverständlich ist: zugleich aber von einer Dreistigkeit, die den Juden gewiss, keine ״neuen Sympathien cinbringen kann.“ Das ist jedenfalls erfreulich, dass uns die DEUTSCHE TAGES- ZEITUNG und ihre DEUTSCHE ZEITUNG mit ihren Sympathien verschonen. Uebrigens ist das Heimatsgefühl der Posenschen Juden jedenfalls nicht geringer als das der deutschen Besitzer, die w׳enn sie Geld verdienen können, ihren Grundbesitz an Polen verkaufen, während die meisten Posenschen Juden die Provinz deshalb verlassen, weil sie von Deutschen und Pnlen zugleich boykottiert w׳erdcn. Rumänische Idylle Militärtaxen. . Die Ausw׳eisung aus dem Lande ist in Rumänien für die Militärbehörden keine Veranlassung, von der Einziehung der Taxen hei Ausgewiesenen abzusehen. Es werden aus diesem Grunde die A n g e h ö r i g c n der Betreffenden dazu aufgefordert und werden nicht eher in Ruhe gelassen, als bis sic sich fügen. — Geld ist ja weiter nicht gefährlich und kann dem Staatssäckel nicht schaden. Non ölet, denken die Rumänen, die so gern sich als Römer gerieren mochten. Aus der Politik. Uber den sogenannten ״Judenfreund“, Exprcmierminister P. P. Carp, Führer der Konservativen, fragt sich der SECOLUL: ״Wann war Herr Carp aufrichtiger: Als er behauptete, dass die Bestimmungen des Art. 7 der Konstitution barbarisch lind daher nicht aturcchtzucrhaltcu wären oder jetzt, si^it er mit dem durchaus als Judenfeind bekannten N. P i 1 i p e s c u zusamincn arbeitet? War er als eingefleischter Phi’oscmit oder als Protektor der von Pilipescu geleiteten antisemitischen Bewegimg aufrichtig?“ Auch eine andere einflussreiche Persönlichkeit, von der sich manche Juden eine Besserung der unerträglichen Lage versprachen, der frühere Einanzminister und jetzige Leader der neugegründeten konservativ-demokratischen Partei, Take Jo ne scu. äusserte sich in öffentlicher Versammlung zu dem ihm gemachten Vorwurf, er beabsichtige, dereinst, ans Ruder gelangt, den Art. 7 der Konstitution zu änderen iolgcuderart: ,.Wie kann man Ihnen vom fremden, jüdischen Gelde etwas erzählen! Bin ich denn so gewissenlos, cs anzunehmen. uni damit politische Zwecke zu verwirklichen? Welche Veranlassung hätten die Prcmden (d. i. Juden), cs mir anzubieten? — Man spricht vom Artikel 7. Zu welcher Stunde und bei welcher Gelegenheit habe ich jemals in früherer oder in neuerer Zeit etwas über die Absicht einer Aenderung des Art. 7 ausgesprochen? (Grosser Enthusiasmus in der Ver- Sammlung.) Habe ich sie vielleicht auch nur indirekt jemals ausgedrückt? Nennen Sie mir die Stunde, den Tag und den Ort. wo ich es getan! ~ Ich fordere jedermann dazu auf. es wird mir aber niemand so etwas nachweiscn können!“ Langanhaltender Beifall folgt den Ausführungen dieses Mannes, dem die grösste politische Zukunft in Rumänien bevorsteht. Man hat wahrlich keinen Grund, den rumänischen Juden irgendwelche lichtere Zukunft in Aussicht zu stellen, da ihre Lage, so entsetzlich sie bereits ist, sich doch nur noch verschlechtem wird. In Jassv kam der vom Dr. Sumulcanu. dem Direktor des chemischen Institutes. 88 jüdischen Schankwirten gemachte Prozess zur Verhandlung. Die Verhandlung wurde infolge eines Pormfchlcrs nach wenigen Debatten vertagt — Infolgedessen wollen wir aber doch Einiges über diesen tendenziösen Prozess mittcilcn. Dr. Sumulcanu inspizierte 88 jüdische Schankwirte in Jassv. W'ozu er gesetzlich berechtigt ist. Nun ist aber dieser , Chemiker einer der eifrigsten und feurigsten Anhänger der sogenannten ..nationalen" Partei der berüchtigten Universitätsprofessoren A. C. C u z a (Nationalökonom in Jassy) und N. Jorga (Historiker in Bukarest). In seiner Eigenschaft als Antisemit deklarierte Herr Sumulcanu alle Getränke für gefälscht, konfiszierte sic deshalb und Hess sie auf die Strassendämme ausgiessen. Das ״Eigenartige" bei diesem Vorgehen ist das Unterlassen jedweder Inspektion bei christlichen Schankwirten. Nur die jüdischen Getränke — und zwar alle ausnah ms los — werden für gesundheitsschädlich befunden. Eine einzige Ausnahme hätte des Chemikers Vorgehen weniger parteiisch erscheinen lassen können. Es hatte aber genügt, dass der Wirt einen jüdischen Namen hatte, um seine Getränke, in denen er sein ganzes Vermögen stecken hatte, auf die Strasse gegossen zu sehen. Gegen eine solche Brutaltiät protestierten die Leute in einem an den Minister des Innern gerichteten Memorandum. Die Presse erfuhr hiervon und veröffentliche das Gesuch. w־as Herrn Sumuelanu nicht besonders angenehm war. Er fühlte sich beleidigt und verklagte alle Gesuchschreiber wegen Verleumdung. — Verteidigt wurde er von den Führern des runiänisehen Antisemitismus. Professor A. C. Cuza und Abgar Buicliu (nebenbei bemerkt einem Armenier). Als Zeuge funktioniert — Herr Prof. N. Jorga! Die Jassy er Behörden merkten, worauf cs den Prozessführern ankümc und trafen