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Jüdische Rundschau · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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S?«te 284 ״ * <• JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 29 alle' Vorsichtsmassregeln zur Verhütung von ..Ordnungsstörungen“ aus diesem Anlasse. Als Beweis, dass solche Massnahmen gerechtfertigt erschienen, mag die Angabe des Anwalts Abgar Buicliu dienen, welcher ganz offen erklärte, dass die jüdischen Wirte nur den Christen gesundhcitsseVidliehe Speisen und Getränke vorsetzen und dass aus diesem Grunde ein Rückgang in der christlichen zu Gunsten der iüdisehen Bevölkerung zu beobachten wäre. Diese lügenhafte und blödsinnige Behauptung hatte natürlich den Zweck, die Massen gegen die Juden aufzurcizcn und Krawalle zu ver- Ursachen. — Es ist ihm d i e sm a 1 aber noch nicht gelungen, ״veil der Prozess nicht zu Ende geführt werden konnte. Man kann aus Obigem noch einmal zur Genüge ersehen, wie man in Rumänien den Juden auf jede nur denkbare Weise in jeder Beziehung zu schädigen trachtet. Aus Palästina Von unserem xx-Korrespondenten in Jaffa wird uns ge־ schrieben: Der Mutasarrif (Pascha) von Jerusalem beehrte di: Kolonie Rischon!'Zinn mit einem offiziellen Besuch in Be׳ glcitiiftg der Spitzen der Behörden von Jaffa und Jerusalem. Die ־' Fällrichtungen, ganz besonders der Kelter und Kellerei so\vie! die Kolonie im allgemeinen machten auf ihn einen so üusserst günstigen Eindruck, dass er wiederholt seiner Be* friedigting Ausdruck verlieh. Auch der Schule, in der S. Exzellcnz dem arabischen und hebräischen Unterricht beiwohnte, wurde seine Anerkennung zuteil. Alle diese Eindrücke brachte der Pascha beim Bankett, das in der Kolonie ihm zu Ehren veranstaltet wurde, zum Ausdruck. Es wurden seitens der Kolonisten Toaste in französischer, arabischer und hebräischer Sprache gehalten. Insbesondere wurde der Toast eines Kolonistcn beachtet, der sich ungefähr in folgendem Sinne bcwegte: ״Euer Exzellenz! Als im Jahre 1SSZ das Unglück und die Schicksalsschläge über die Juden hereinbraclien. und sie jenen unmenschlichen Verfolgungen ausgesetzt wurden, die die Entrüstung der ganzen zivilisierten Welt wachrieien. in dieser Stunde erinnerten sich die Juden, dass es ein Reich und ein Land gibt, die den Juden in solchen Stunden Schutz und ein Asyl gewährten. Und so wandte sich ein Teil unseres Volkes nach Palästina, dem Lande unserer Väter und unseres Volkes. Uns war also das Glück beschert, die Pioniere der Siedelungen in diesem Lande zu sein, und hier ist die erste Siedelung. die wir Rischön l’Zion, ein Erstling für Zion, nannten. Dank unserem Fleisse und tätigen Arbeit und nicht minder Dank dem Schutze S. Maj. unseres erhabenen Sultans haben wir die Kolonie zu dein blühenden Stand gebracht, von dem sich Ew׳. Exzellenz soeben überzeugt haben. E\v. Exzcllenz haben gewiss mit Ihrem scharien Blick den Unterschied zwischen unseren jüdischen und den arabischen Sicdelungen gesehen. Wir glauben, dass Ew. Exezellcnz dem Rechnung tragen und uns die Erleichterungen gewähren werden, die nötig sind, um zu unserem eigenen Gedeihen und Fortschritt und zum Glück und Wohlc unseres Türkischen Reiches weitere und mehr solcher Kolonien anlcgen zu können." Der Mutasarrif war von dieser offenen und mutigen Sprache sichtlich gerührt und wiederholte in seiner Antwort die Zusage, dass er ganz gewiss alle seine Kräfte daran setzen werde, um der Tatkraft und Energie der Juden die Erfolge zu sichern, die ihnen und dem Reiche zugleich eine glückliche Zukunft zu sichern. Wenn man in Erwägung zieht, dass dieser Mutasarrif, als er vor einem Jahre sein neues Amt antrat, den Juden grosse Schwierigkeiten in der Kolonisation zu bcreiten begann, und heute seinen Standpunkt in Anerkennung ihrer Nützlichkeit so gründlich ändern musste, so begreift mau die Bedeutung und den in die Augen fallenden Nutzen der iüdischcn Kolonien für das Türkische Reich. Jerusalem. Das Bcth־‘Am (Volkshalle) erfreut sich einer immer grösseren Popularität seitens der jüdischen Bevölkerung in Jerusalem. Es besitzt einen der grössten Säle der Siadt, der von den Bezalclschülern eine hübsche malerische Dekoration empfing. Ausserdem befindet sich ein Lese*. Gcsang-, Klub- und Büffetzimmer in der Volkshallc. Zahlreiche Vorträge wurden von verschiedenen Rednern abgehaltcn, von denen hervorzuheben sind: Benichuda (Kabbala und Jascliar- Mikandiu), Bclkind (Kirjat-Scfer und Ackerbau). Josua Eisen- Stadt (Verschiedenes). Dr. Yahuda (Die Entwicklung des Prophetismus), Dr. Masi6 (Die Malaria). Dr. Mossinsohn (Hebräischc Sprache und jüdische Geschichte), Suda Ch. B. (Schaul Tschernichowsky), J. Kamiel (Vorlesungen). Im Lesezimrner sind fast alle jüdischen Zeitschriften zu finden. Das Bet-.^m ist hier das einzige Institut. w׳elches ohne irgendwelche Subvention lediglich aus den Beiträgen der Mitglieder erhalten wird. Canada als Emigrationsziel Fs wird uns geschrieben* Das grösste Unglück des jüdischen Volkes in der Gegenw׳art ist vielleicht noch weniger seine Zerstreuung, seine Diaspora, als vielmehr die völlig diffuse Art, in der man ihm zu helfen sucht. Jede Organisation, ja. jeder einzelne Jude gibt eigene Wege und Ziele an. Von Königsberg schickt man die aus Russland kommenden Juden nach Berlin, von Berlin nach Frankfurt, von Frankfurt nach Hamburg, dann geht’s nach Amerika — ״Amerika treibt uns nach Russland zurück“, und da die Aermsten dieses Land meiden wie die Pest, mit gutem Grund, so versuchen sie ihr Heil in England. Dort ist ein neuer Prophet in Israel erstanden, der sie nach Galveston schickt — und so wandern sic weiter, bereichern mit ihren Bettelpfennigen Bahnen und Schiffahrtsgesellschaften und verkommen schliesslich im Elend in einem der vielen ״Eldorados“, die ihnen von Schiffahrtsagcnten vorgespiegelt werden. Wenn es nun nur Agenten wären, die immer wieder die alten, längst überfüllten Zufluchtsstätten anpreisen, so ginge es noch. Man könnte diese Empfehlungen durch systematische Aufklärung unwirksam machen. Was soll man aber sagen, wenn grosse Jüdische Organisationen und jüdische Phi- I a r. t h r o p 0 n . die es doch sicher gut meinen mit den Ärmsten der Armen, immer und immer wieder den A u s w a ׳n d t r e lr s t r 0 m 11 a c h L «i n d o rn dirigieren, die sich gegen jede E!i n w a 11 d e ־ rung sperren, und in denen die Lage der ber e i t s dort anwesenden Juden eine unsagbar elende ist!? Mehrmals bereits wurde in der NEUEN JÜDISCHEN KORRESPONDENZ aus Canada gemeldet, dass dort die jüdischen Einwanderer sielt in denkbar traurigster Lage befinden. Die Nachricht ging durch die Presse, und ihr Inhalt müsste den jüdischen Organisationen, wie man meinen sollte, auch bekannt geworden sein. Gleichwohl musste die Jcwish Colonization Association (ICA) das Fiasko erleben, dass sic 300 jüdische Auswanderer aus Rumänien, die sie nach Can a d a senden wollte, noch im Hafen von Rotterdam zuruckhalten musste, um sie wieder — nach ihrem ״Hcimatlande“ abzuschicben. Der Einwanderungskommissar von Canada hatte nämlich die ICA wissen lassen, dass eine Einwanderung nach Canada zur Zeit und noch auf Jahre hinaus absolut unerwünscht sei! Das war vor einigen Wochen. Im neuesten Heft der Zeitschrill IM DEUTSCHEN REICH beschäftigt sich Herr Bernhard Traubenberg mit dem ״russischen Problem“. Und da liest man wieder folgende Zeilen: ״Das dem russischen sehr ähnliche Klima Canadas muss dieses Land in den Vordergrund der in Betracht kommenden Besiedelungsgebiete rücken ..... Tritt Canada. was die Ausbreitung industrieller Anlagen betrifft, schon jetzt in einen ernsten Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten, so kann es für jüdische Landleute infolge der Billigkeit. Fruchtbarkeit und leichten Bestellbarkeit seines Bodens erst recht ein Eidorado werden.“ Und dieses zukünftige ״Eldorado" verbittet sich in gar nicht misszuverstehender Weise jede Einwanderung fast oder ganz mittelloser Elemente. In diesem ..Eldorado" erfrieren und verhungern die jüdischen Arbeiter, die vor ein oder zwei Jahren bereits eingewandert sind! — So kann das doch unmöglich w* c i t c r g c U c n! Man spricht schon so lange von Zentralisation und Regelung der jüdischen Aus- Wanderungsangelegenheiten, dass cs Zeit wäre, damit einmal Ernst zu machen. Mit welchem gefährlichen Dilettantismus hier immer noch gearbeitet wird, zeigen diese ewig wiederkehrenden Empfehlungen Canadas. Mit Canada ist es für die nächsten Jahre absolut n i c h t s — das mag mau sich endlich gesagt sein lassen. Es ist gewiss sehr schlimm, dass nach den Vereinigten Staaten nun auch Canada die Tore sperren muss, aber cs ist nicht zu ändern, besonders nicht durch immer neue Empfehlungen vom grünen Tisch. Man wird die Augen schon ctw'as weiter auftun müssen, um neue Emigrationsgebiete für die Juden zu finden. Das hpvnotischc Starren auf Amerika tut’s heute nicht mehr.- Kleine Mitteilungen Berlin. Auf sein 75jül!riges Bestehen blickt in diesem Jahre die Knaben-Anstalt der Baruch Auerbachschen Walsen-Erziehungs-Anstaftcn in Berlin zurück. Die Anstalt wurde 1833 mit 4 Knaben in der Rosenstr. 12. in 2wrei Hinterstübchen des damaligen Schulgebäudes der jüdischen Gemeinde begründet. 1838 hatte sie 10 Pfleglinge ,1843 wurde das Mädchen-Waisen- —,.™י-«-..«—״-י—- ..—-

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