Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651581--05767-2662811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 278 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 29 Betriebes der Lehrfarm wird voraussichtlich schon im nächsten Jahre erfolgen. Auch die Stellungnahme des Arbeiterverbandes ״Haschortsch“ aus Sedjera zu unserem Unternehmen hat absolut nichts mit unserem Arbeitsplan zu tun, weil äie Kritik der Arbeiter hauptsächlich auf ihren Erfahrungen in Sedjera, wo der Boden bekanntlich ein viel schlechterer ist, basiert, während es sich in unserem Kalle um einen ausserordentlich fruchtbaren Boden handelt. Die Ziffern der Arbeiter für Brücken- und Häuserbauten sind filr uns ebenfalls nicht massgebend, weil wir vorläufig nur wenige Bauten vornehmen werden, während der Bau der Brücke erst einer späteren Zukunft Vorbehalten bleibt und fürs erste gar nicht in Betracht kommt. Hierbei möchten wir zu Ihrer Orientierung bemerken, dass man die Rentabilität landwirtschaftlicher Betriebe weder in einem noch in zwei Jahren fcststcllcii kann, da hierzu Erfahrungen vieler Jahre cr'ordcrlich sind. Was nun das Angebot der Cliersoner Kolonisten und Berg- Juden anbclangt, so haben wir bereits längst unsere Bedenken gegen die Verpachtung des Nationaliondgutes (von ״Uindereien“ kann beim Nationalfond überhaupt noch nicht die Rede sein, weil er nur cii! einziges zur Besiedelung iit Betracht kommendes Out besitzt) an genannte Reflektanten geäussert. Wir haben nämlich die nur allzu sehr begründete Bciiirchtung ausgesprochen, dass wenn der Nationalfom'l sein Gut den betreffenden Bewerbern in langfristige Pacht übergibt, er es wahrscheinlich nie wieder zurückbekummen wird. Denn es ist wohl kaum anzunchnicn, dass Leute, die 12 oder 15 Jahre auf einem der ״Gesamtheit•* gehörenden Gute wohnen und inzwischen eigene Häuser errichtet, und das Land durch Kultur und Pflanzungen verbessert haben, nach Ablaui der Pachtfrist ohne weiteres ihren bisherigen Wohnsitz aufgeben würden. Aber selbst im besten Falle müsste wahrscheinlich der Nationalfond nach Ablaui des Pachtvertrages die Häuser und Pflanzungen der Pächter übernehmen, obwohl er möglicherweise zu jener Zeit hierfür gar keine Verwendung hätte. Ucbrigcns werden wir von befreundeter Seite darauf aufmerksam gemacht, dass die Vertreter der Bergjuden, die im vorigen Jahre Palästina bereisten, auf die wenigen palästinischeu Fachleute den Eindruck von erfahrenen Landwirten gar nicht gemacht haben, wozu noch hinzu kommt, dass die klimatischcn und agrikulturellen Verhältnisse ihrer Heimat von denjenigen der Jordanniederung grundverschieden sind. Doch wie es sich auch mit der landwirtschaftlichen Tiichtigkeit und Akklimatisationsfähigkeit der Bcrttfudcn verhalten mag, sind sie gewillt und bereit, nach Palästina zu übersiedeln und besitzen sie wirklich genügend Mittel zum Häuserbau. An- Schaffung des Inventars und Bestreitung der Betriebskosten, so glaube ich, dass bei einmütigem Zusammengehen der in Betracht kommenden Faktoren, insbesondere der Gculah und Ihrer Gesellschaft, sich auch andere Mittel und Wege finden Hessen, um das nötige Land zu kaufen: und ebenso und vielleicht mit noch besseren Chancen Hessen sich die Cliersoner Bewerber in Palästina ansiedeln. Auch die P.L.D.C. könnte für die Bittsteller das Land kaufen und zur Besiedlung vorbereiten, wenn sie schon jetzt über die nötigen Mittel verfügen würde, aber Sic tragen Ja die grösste Schuld daran, dass wir diese Mittel noch nicht besitzen, denn Sie waren Ja der Erste, der in Ihrem Organ HASCH1LOACH die Prosperität der zu gründenden Gesell- Schaft in Zweifel zog. Um schliesslich auf die Frage des Agrarkredits einzugehen, so sind Sic ini Irrtum, wenn Sie glauben, dass die P.L.D.C. diesen Punkt gänzlich ausgesehaltet hat. — Unsere Gesellschaft wird an die zukünftigen aus ihren Zöglingen hervergehenden Pächter und Besitzer wohl Kredite gewähren müssen und dies auch tun, soweit sic es geschäftlich wird verantworten können. Dagegen wäre es meines Erachtens vollständig verfehlt, wenn sie auch Fernstehenden Kredite einräumen würde. Letzteres wäre vielmehr Aufgabe einer besonderen Agrarkredit-Institution, deren Gründung der Zukunft Vorbehalten bleibt. Ucbrigens gibt cs noch viel dringendere Institutionen, die zur Hebung der palästinischen Landwirtschaft ohne Versäumnis geschaffen werden müssten. So schreibt z. B. der bekannte Landwirtschaftler. Herr Dr. Lothar Meyer, der vor kurzem Palästina studienhalber besucht hat. in seinem Berichte über ״die jüdischen Kolonien um Jaffa" Folgendes: ״Es ist ,ni. E. hohe Zeit, die vielen infolge des Fehlens zielhcwusster und tatkräftiger Instruktion und Direktion cingetretenen Versäumnisse gut zu machen." Nach Ansicht dieses allgemein anerkannten Fachmannes bedarf es also vor allem der Einführung einer Instanz, welche landwirtschaftliche Direktiven zu geben versteht. Ebenso ist nach Meinung des genannten Fachmannes die Errichtung der landwirtschaftlichen Versuchsstation etwas sehr dringendes und ungemein wichtiges, also wiederum einer Institution, die die I Gegner der P.L.D.C. erst unlängst als etwas Ueberfliissiges und bestenfalls Verfrühtes bezeichnet haben. Daraus allein kann der objektive Beobachter ersehen, welch weite Kluft uns von den Anschauungen unserer Opponcritcn trennt. Indem ich diesen Briefwechsel hiermit sclilicsse, gebe ich der Erwartung Ausdruck, dass die Zukunft unsere Gegner eines Besseren belehren wird. Hochachtungsvoll gez. 0. WarbUrg. Zu dieser öffentlichen Diskussion zwischen Professor Dr. Otto Wa r b u r g als Vorsteher des zionistischen Palästinaressorts und dem Präsidenten der Odcssacr Chowewc-Zion Ingenieur M. Ussischkin über die Ziele und die Ent- Wicklung der Palcstinc Land Development Company, insbesondere ihr Verhältnis zum Nationalfond hat der freiwillige ,. P a 1 ä s t i n a r a t" in Jaffa Stellung genommen und in einem ausführlichen Memorandum seinen Standpunkt niedergelegt. Memorandum de־..’ Palästina-Rats Die wichtigsten Probleme der realen Arbeit in Palästina, v.ic die Frage des Arbeitssjstcms des Xationalionds, Heran- Ziehung von Privatkapitalicn. Gründung eines Agrarkredits. Schaffung einer Möglichkeit iür unbemittelte Personen sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen, etc. ־; Probleme, die in der letzten Zeit so hartnäckig die ernsten Zionisten beschäftigten, führten zum Projekt der Land Development Co., das in seinen Hauptzügen in folgendem besteht. Es wird eine Aktiengeselischait gegründet, die in Palästina eine Farm anlegeu soll, wo eine allseitige Landwirtschaft getrieben und die Arbeit mögliehst durch jüdische Arbeiter ausgeführt werden soll. Je nach der Vergrösserung des Grundkapitals, soll die Gesell- Schaft neue Ländereien ankaufen, sie in wirtschaftsfähigen Zustand bringen, dann sie verpachten und nachher auch auf langfristige Ratenzahlungen denjenigen von ihren Arbeitern und auch an Arbeiter der Kolonien geben, die sieh zur Landwirtschait geeignet zeigen werden. Die Gesellschaft gibt 50 WO Aktien heraus ä 1 £. Um die Sache nicht in die Länge zu ziehen, sali sic ihre Operationen nach dem Verkauf der ersten 2500 Aktien eröffnen dürfen. Und da es unmöglich ist. für 2500 £ eine Farm auf eigenem Grund und Boden zu gründen, so gibt der Nationalfond der Gesellschaft seine Ländereien in Dalaika nud Uuuu-el-Dschuuc in Pacht auf 99 Jahre und ausserdem noch eine Baranlcihc von 3000 £. Die Arbeiter der Form werden ausser ihrem regulären Gehalte noch einen Anteil an dem Gewinn der Farm haben, sie werden infolgedessen an ihrem Gedeihen interessiert sein und. was noch wichtiger ist. sie werden die Möglichkeit bekommen, genug zu verdienen, um selbst Aussaat und Vieh zu stellen, sobald sie Boden in Pacht bekommen werden. Dieses Projekt wurde vom A-K. begutachtet, von der Generalversammlung des Nationalfonds bestätigt, und es erfreute sich eines einstimmigen, enthusiastischen Empfanges in der zionistischen Presse. Man erblickte in ihm die Lösung vieler schwierigen Kolonisationsproblcme, ja. sogar ein ganzes Kolonisationssystcm. Angesichts der grossen Hoffnungen, die von zionistischer Seite auf diese künftige Gesellschaft gesetzt werden, und da der Nationalfond die Absicht hat. an ihr einen bedeutenden finariziehen Anteil zu nehmen, hielt es der Palästina-Rat für seine Pflicht, das Projekt einer eingehenden Prüfung zu unterziehen- und seine Meinung darüber zu sagen. Zu der dazu cinbcrufencu Sitzung wurden ausser den Mitgliedern des Palästina-Rats eingeladen auch einige alte, erfahrene Kolonisten und einige weitere Vertreter der Arbeiterorganisationen, wie auch andere kompetente Personen und der Sekretär des Palästina-Amts Herr Dr. Thon. Alle fühlten sich sehr geniert dadurch, dass sie das Projekt besprechen mussten, nicht im Stadium seines Werdens, sondern nachdem es schon angenommen wurde, so dass zu befürchten war. dass dies von manchen als unfreundliche Aktion gegen das A.-K. betrachtet werden kann. Ausserdem war allen klar, dass durch die Kritik des ersten offiziellen Schrittes der zionistischen Organisation auf dem Wege zur realen Arbeit in Palästina dieser noch zarten Strömung ein grosser Schaden zugefügt werden kann. Die Wichtigkeit der Frage hat aber alle gezwungen, sich durch diese Bedenken nicht abhalten zu lassen und zu der Besprechung des Projektes überzugeheu. Aus der eingehenden Diskussion wurde klar, dass alle, mit Ausnahme des Herrn Dr. Thon, sich negativ zu dem Fortsetzung auf Seite 279.