Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 29 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 277 der Partei zu Reiten, entschieden zurückwics und die Notwcndfgkcit einer indischen Sonderorganisation überhaupt leugnete, da sah sich der Kongress im Jahre 1903 genötigt, seinen Austritt aus der sozialdemokratischen Partei zu erklären. Er konnte das triumphierend tun, well die russische Sozialdemokratic In ihrer Entwicklung,’ weit hinter dem Bund zurückgeblieben war und er auch vorher schon meist selbständig gearbeitet hatte. Trotzdem aber wurde seine Stellung seitdem isolierter. Erst die neueste Zeit hat eine Acndcrung gebracht. Unter dem Eindruck der schrecklichen Verfolgungen der Juden in Russland und ״mit Rücksicht darauf, dass bei den immer stärker wachsenden Verwicklungen des wirtschaftlichen und politischen Lebens die planmässigc und einige Tätigkeit die Voraussetzung des Erfolges sei,“ hat der letzte Kongress vom Jahre 1906 die Wiedervereinigung des Bundes mit der russischen Sozialdemokratie beschlossen. Die gegenseitigen Abmachungen sind ungefähr dieselben wie im Jahre 1898. Unter der Decke dieser scheinbaren Wandlungen In der jüdischen Politik des Bundes sind seine eigentlichen Grundanschauungen und seine Stellungnahme zur Judenfrage von Anfang an doch dieselben geblieben. So wie die Gründer der jüdischen Arbeiterbewegung gar nicht den Gedanken an eine jüdische Sonderorganisation hatten, so ist auch später jede stärkere Betonung des jüdischen Momentes nie auf cjiicn Antrieb von innen heraus zurückzuffihren, sondern stets durch äussere Einflüsse veranlasst. Als die polnisch-sozialistische Partei erklärte, mit dem Bund in keinem Verhältnis treten zu können, da er einen Teil der ihr feindlichen, russischen Partei bilde, musste er aus praktischen Gründen zum ersten Male sich als jüdisch-nationale Organisation erklären.' Well die Agitatoren aus dem Ansiedlungrayon nicht herauskonnten, mussten sic auf die Propaganda unter den russischen Arbeitern verzichten und sich auf das jüdische Proletariat beschränken; ebenso haben sie den Jargon nur aus Nützlichkeitsrucksichten benutzt. Eine Judenfragc existiert für die Bundisten nur insoweit, als die Juden in Russland noch weniger politische Rechte haben als das russische Proletariat. Das sind aber die beiden einzigen Punkte, die die Bundisten in ihrem nationalen Progranim anzuführen wissen: Die volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung und eine durch das Gesetz garantierte Möglichkeit, die eigene Sprache im privaten und öffentliehen Verkehr zu sprechen. Ja dem Jargon fangen sie an langsam etwas an Boden zu entziehen. Er hätte sich zwar in der Agitation bewährt, sei aber für dio Kritik des allgemeinen *wirtschaftlichen und politischen Lebens nach aussen hin unwirksam geblieben, weil1 niemand, nicht einmal die intelligente jüdische Welt ihn verstehe. Dahcn wurde auf dem 4. Kongress (1901) beschlossen, ständig auch Berichte in russischer und polnischer Sprache l.crauszugebcn. Der Kampf gegen die nationale Unterdrückung’ wird von den Bundisten nicht um seiner selbst willen geführt, sondern weil diese ״das Klassenbewusstscin irn Proletariat des unterdrückten Volkes verdunkle.'* Die nationale Einheit der Judenhcit leugnen sie, für sie gibt cs. wie ihre alte Parole lautete, nur zwei Nationen: Arm und Reich, das Proletariat und die Bourgeoisie. Der Zionismus galt ihnen von vornherein als Vertreter der Bourgeoisie und des Chauvinismus. Die allgemeine Sozialdeiuokratic ist ihre Devise, sic erhoffen alles von der Solidarität der allgemeinen internationalen Arbeiterschaft. Auch nicht die Enttäuschungen und Kämpfe, die zu der Trennung im Jahre 1W3 führten, konnten «de eines Besseren belehren. Es fehlt ihnen die Liebe zur jüdischen Vergangenheit und die Hoffnung auf eine jüdische Zukunft. Trotzdem hat sich das nationale Prinzip, wie in den sozialistischcn Organisationen aller Länder, auch bei ihnen schärfer herausarbeiten müssen. Die Existenz einer gesonderten jüdisch proletarischen Bewegung, der Gebrauch der eigenen jüdischen Sprache und die Aufstellung' eigener politischer Forderungen beweist das zur Genüge. Und falls die Bundisten in ihren | nationalen Konzessionen nicht noch erheblich weiter gehen werden, werden sie eine grosse Zahl ihrer Mitglieder auf der einen Seite an die Poale Zion und auf der andern Seite an die russisch-sozialdemokratische Partei verlieren, deren antinationalc und antiseparatistische Jüdischen Mitglieder eine grosse Propaganda gegen den Bund entfalten. Ungewollt und unbewusst hat der Bund im nationalen Leben des jüdischen Volkes eine wichtige Rolle gespielt, insofern er einen grossen Teil des Proletariats, der dem Judentu••• gänzlich verloren gegangen wäre, als Juden mit eigener Sprache und spezifisch indischen Forderungen erzogen und so der Assimilation, besonders In Polen entrissen hat. Die Bundisten aber täuschen sich, wenn sic meinen, dass die Juden, nach einem etwaigen Siege der Revolutionäre völlige Gleichberechtigung erlangen werden. Sic vergessen hierbei, den Rasseninstinkt und die nationalen Antipathien in Rechnung zu ziehen. Der Verfasser ihrer Broschüre: ״Die neue Epoche“ hat das Problem 1895 schon viel tiefer erfasst, wenn er sagt: ..Die indische Gleichberechtigung ist für die russische Sozialdcmokratic nur eine Prinzinienfragc. Sie kämpfen aber für Prinzipien nur so lange, als diese Prinzinic» ihren Bedarfnissen entsprechen.“ Und sogar wenn der Bund siegt, wird Cr nur bestimmte konkrete, praktische, politische und ökonomische Forderungen durchsetzen. Die Judenfrage wird er nie lösen, weil er ihr Problem nie auigerollt hat. Skiin Fehler ist. dass er die ökonomischen und politischen Frage!! Russlands einerseits lind die jüdische Frage andererseits verquickt und durch revolutionäre Phantome das zu erreichen wähnt, was eine langsame soziale und politische Arbeit im besten Falle erreichen könnte. Literatur DieP!:blik׳>ti0p?n des Bundes seihst, besonders die Brosch״re: Die Geschichte von der jüdischen Arbeiterbewegung in R״ss!and und Polen. 1900. Sar? R a b ח o w i t s c h: Die Organisation des jüdischen Proletariats. 190?. R e * k c rv i 110: The pojish jew. 1906 E. Sorow: Die jüdische Sozialdemokratie in Russland (in NEUE ZEIT XX. 1 (1902) S. SI2 ff). Esther Sclincerson: Der alle, jüdische Arbeiterbund In Russland Polen und Littmron G״: ZEITSCHRIFT FÜR nFMnr.RAPHiF. UND STATISTIK DFR JUDEN. Jg. 2. No. 6). DIE WELT. 1906 No. 4. 5. No. 43. 19. Palestine Land Development Company Unser Palastlnaressort übersendet uns sein Antwortschreiben auf den Brief U s s! s c 11 k i n s. der ln vorletzter Nummer abgedruckt w׳ar: Berlin. Uhlandstrassc 175, den 3. Juli 1908. Herrn Ing. M. Ussischkin. Odessa. . Sehr geehrter Herr! Aus Ihrem werten Brief vom 15. v. Mts. ersehe ich leider, dass Sie die Idee der P.L.D.C. noch immer nicht erfasst haben. Wie aus dem Inhalt Ihres Schreibens liorvorgeht, scheinen Sie noch immer der irrigen Ansicht zu sein, dass die Lehrfarm den Hauotzwcck unserer Gesellschaft bildet, während sie in Wirklichkeit doch nur den Anfang der Tätigkeit der P.L.D.C. darsfcllt. Ihre Argumente gegen die P.L.D.C. habe ich bereits mit meinem ersten Briefe widerlegt und halte cs daher für zwecklos. auf die einzelnen Punkte mit Heutigen! nochmals elnzugehen. Zur Vermeidung von Missverständnissen muss fcl! indes erklären, dass von einer etwaigen Acndcrung des Arl>citsplanes der P.L.D.C. absolut keine Rede ist. da diese Gesell- Schaft, wie bereits wiederholt niiseinandereesetzt. nicht etwa neue Theorien erproben will sondern nach dem bewährten System der nreussischen Ansicdlungskommission und der nrivnten deutschen und polnischen Landbanken verfahren wird. Die Reduzierung des Betriebes im ersten Jahr ist hauptsächlich auf die vorgerückte Jahreszeit zuriiekziiftihrcn. und das von unserer Gesellschaft vorläufig unbebaut bleibende Terrain wird nur auf eine ganz kurze Frist an bereits ansässige jüdische Kolonisten verpachtet, dio in der Nachbarschaft unseres Gutes eigene Besitzungen und Häuser haben. Die Erweiterung des