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Jüdische Rundschau · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 276. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 28 daher auch zugleich die politischen. Die russische Regierung erkannte schon früh, dass hinter den unscheinbaren Aeusscrangen des ökonomischen Kampfes stets der Gedanke an den grossen politischen Schlag ach verbarg und ging schon seit dem Jahre 1S95 mit den härtesten Strafen gegen die Bundistcn vor. Juden werden schon für leichtere Vergehen und dazu noch strenger bestraft, sie bilden 54 Prozent aller Depor* tierten. Von dem im Jahre 1904 organisierten Arbeitern waren 4476 bestraft mit Deportation, Kcrkerliaft, körperlicher Ziichtigung oder Zwangsarbeit. Aber mit den Verfolgungen und Strafen wächst der Trotz der Bundistcn. Ihre eigentliche Minicrarbeit führen sie im geheimen. Neben den Demonstrationen am 1. Mai, die die Fernstehenden mit der revolutio* nären Bewegung bekannt machen und den Mut der Arbeiter heben sollen, hat der Bund ständige ,.Feiertage“ eingerichtet, die Veranlassung zu ähnlichen Massenversammlungen geben. (Z. B. 1. März Todestag Alexanders I(., 19. Februar Befreiung der russischen Bauern, Todestag von Fricdr. Engels u. a. m.) I)ic geheimen Zusammenkünfte sollen zur Aufklärung und Ern’.utigung der Massen dienen, sie werden sogar in den Fabriken während der Mittagspausen abgchaltcn. Schon mehrere Male sind Generalstrikes versucht worden. Die l>c* kanntesten sind die beiden letzten, der ״Aufruf zum letzten Kampf“ im Winter 1905 und im Juli 1916 nach der Auflösung der Duma. Sic bedeuten beide eine völlige Niederlage des Proletariats, die Folgeerscheinung war eine Preissteigerung und ökonomische Krisis, die für die Arbeiter am schädlichsten war. Die Proklamationen, die die Arbeiter über ihre ökonomische Lage und ihre politische Rechtlosigkeit auiklären und sie zum Kampf gegen Bourgeoisie und Regierung auihetzen sollen, gewinnen täglich in dem Masse, in dem die Zahl der organisierten Arbeiter und damit die Bedeutung der Kassen abnimmt Der Bund bewaffnet das Proletariat und treibt eine gefährliche Propaganda unter den Soldaten, sogar ’in den Kasernen. Die Bundistcn waren die ersten, die den politisehen Kampf in die Massen getragen haben und sic sind bis heute die Vertreter des weitgehendsten und wüstesten Terro* rismus. Die Verbreitung von Agitationsliteratur, die Heraus* gäbe revolutionärer Zeitschriften, die Errichtung illegaler Bibliotheken nehmen einen erheblichen Teil ihrer Arbeit in Anspruch. Zu diesem Zweck besitzt der Bund drei Drucke* rcien, zwei geheime in Russland und eine im Ausland. Das Tätigkeitsgebiet des Bundes ist heute weit ausgedehnt, ln N.-W. Russlands, besonders In den Gouvernements Wilna, Kowno^ Minsk, Orodno, Witcwsk, Mohilev, in Russisch-Polen in den Gouvernements Warschau, Lodz, Suwalki, und auch im Süden beginnt er Jetzt festeren Fuss zu fassen. Die Organisation und allgemein revolutionäre Richtung des Bundes ist im Laufe der Jahre dieselbe geblieben, ge* wechselt hat nur die Stellung, die er der russiscli-sozialdcmo* kratischen Partei gegenüber eingenommen hat. Diese Stei* lungnahmc wird jeweilig dadurch bestimmt, in welchem Masse er als jüdische Organisation die Sonderintcressen des jüdischen Proletariats vertritt. In! Jahre I89S war der Bund in die russisch-sozialdemokratische Partei als autonome Sondcrgruppe eingetreten; auf der dritten Konferenz im Jahre 1900 wurde zum ersten Male angeregt, den jiidisch-natioiiaicn Gedanken in der Tätigkeit des Bundes schärfer hervor treten zu lassen; cs sei möglich, dass der jüdische Proletarier sogar flach der politischen Freiheit von Russland einige der wichtigsten politischen Rechte (z. B. die Versammlungsfreiheit) nicht werde benutzen können, wenn cs nicht vorher vollkommen nationale Glcichl>ercchti??mg (z. B. der jüdischen Volksspräche) errungen habe. Aber nur ein Abgeordneter legte sieh für diesen Gedanken ins Zeug, die Mein zahl führte aus, dass ein besonders warmes Eintreten für nationale (üeichberechtigung das Hauptziel, den Sturz des Zarismus, verdunkle, das Klassenbewusstsein abschwächc und die nationale Begeisterung leicht zum Chauvinismus führe. *Dementsprechend lautete der Beschluss des 3. Kongresses, dass nur die bürgerlichen, uicht die nationalen Rechte erstrebenswert seien. Zur weiteren• Klärung der Eragc sollte eine fortlaufende Diskussion des Problems im ,,jüdischen Arbeiter“ eröffnet werden. Der 4. Zusammenfallr ging weiter, er nahm die Resolution an, dass man ebenso wenig wie eine Klasse über die andere, so auch keine Nation über die andere und keine Sprache über die audere stellen dürfe• Der Begriff Nation sei auch auf die Juden anzuwenden, sie verständen darunter die autonome jüdische Kultur, und unter dieser besonders die freie Entwicklung der staatlichen Gleichberechtigung der jüdischen Volkssprache. Man berief sich zur Rechtfertigung dieser nationalistisch separatistischen Tendenzen auf ähnliche Anträge der Österreich!- sehen Sozialisten auf dem Brunner Parteitag im Jahre 1S97. Als dann von zwei Seiten die Polemik gegen den Bund bc- Kann, von Seiten der Zionisten, die den bundistischen Begriff des Nationalen als verschwommen bczcichncten, und von Seiten der russisch-sozialdemokratischen Partei, die die Forderung des Bundes, von nun an nur noch' als föderativer Teil Wer die Menschen unterhalten will, darf keine zu gute Meinung von ihnen haben. — * Und schliesslich kann man in der Weisheit nicht über das Sprichwort und in der Dichtung irclit über das Volkslied hinauskommen. — * Das Merkwürdigste, was wir erleben, steht ja immer schon irgendwo in einem alten Spruch. — * Um das Leben zu ertragen« brauchen die Intelligcnten einen Gedanken und d:e Einfältigen ein Gefühl. — * Das Begehrte muss uns manchmal entzogen sein, wenn wir wieder dafür entbrennen sollen. —• * Das Gewöhnliche ist am schwersten zu entdecken.— * Die Menschen sind nicht so schlecht; nur verstehen sie einander in der Regel nicht. —- * Die Menge, aus deren Schoss es ewig aufsteigt, mit deren Leiden wir Fühlung suchen müssen, wenn wir selbst zu einer neuen Sittlichkeit hinauf wollen, ist etwas Ehrfurchtgebietendes. — * Das!.eben ist Arbeit für die crne,n, Spiel für die andern. — ♦ Die Kunst uni des Lebens willen, tun es zu verstehen, zu verbessern, zu erhöhen. — * Niemand ist ein Weiser, der sich nicht zu seinen Torheiten bekennt. — * Kein Aufwand!ist erbärmlicher und lächerlicher, als der 11m Leichen herum gemacht wird. — * Mart findet nirgends wütendere Feinde der Literatur, als unter den Literaten. — "יו* 'f י ',?*IV *VF ■״V1 *יד*?יי

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