Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ז 1 Seite 29 JÜDISCHE RUNDSCHAU N0. 275 An der Spitze der Bewegung der Stadt steht das lokale K(o m i t c e (das ortig'e Komitat). Seine Aufgabe ist die politische Bildung der Arbeiter in Zirkeln und die Hebung ihres Klassenbewusstseins. Es verbreitet die halblegale und illegale sozialistische Literatur, halt Versammlungen ab zur Erklärung politischer Fragen, organisiert Dem< nstrationen und gibt die lokalen Zeitungen heraus (z. B. Warschauer, BialyStoker, Minsker Arbeiter, der Klassenkampf, der Wecker us»v.) Ausserdem hilft er den Arbeitern in ihrem Kampf für bessere wirtschaftliche Bedingungen mit Rat und Geld. Das Prinzip der rein lokalen Organisation des Bundes wird nur durch die baden intcrlokalen Berufsorganisationen der Gerber und Berster durchbrochen. Ihre Mitglieder sind über das ganze Ansiedlungsrayon verteilt. Als Organisation sind sie den lokalen Vereinigungen gleichberechtigt, entsenden z. ß. einen eigenen Delegierten zum Kongress. Den lokalen Komitees übergeordnet ist das zentrale Komitee, das aus Vertretern jener gewühlt wird. Seine Sache ist die Vertretung der allgemeinen Interessen «les Bundes. Es gibt das offizielle Organ des Bundes DIE AR- BEITERSTIMME, die Proklamationen über allgemeine Fragen und die Agitationsbroschiiren heraus. Es führt die :1 legale Literatur aus dem Ausland nach Russland ein und verteilt sie zusammen mit der in Russland selbst gedruckten unter die Städte. Pur dies druckt cs auch die Zeitungen und Aufrufe, und führt alle Geschäfte mit den lokalen Komitees und dem ausländischen Co mite« des Bundes. Dieses ist der ' Vertreter des Bundes im Ausland. Es besorgt die Herausgabe des zweiten, mehr wissenschaftlichen, offiziellen Organs des Bundes des ״jüdischen Arbeiters‘* und weiterer Agitationslitcratur. Es unterstützt die Streikenden, Arrestiertcn und Vcrschickten mit Geld und leitet den Nachrichtendienst im Ausland. Auch die Einführung neuer Organisationen im Ausland ist seine Sache. Das höchste Organ des Bundes is der Kongress (Zusamnienfahr). Er besteht aus Delegierten der lokalen Komitec-s und hat bisher 6 mal getagt (Septbr. 1S97, Septbr. 1898, Jan. 1900, April 1901, 1903, 190f>). Er allein entscheidet über die prinzipiellen und allgemein programmatischen Fragen, er bestimmt die Stellung des Bundes in der allgemeinen und jüdisehen Politik und gibt die Mittel an, die im Kampfe anzuwenden sind. Der ökonomische Kampf wird vom Bund offen geführt, er kommt am schärfsten in den Strikcs zum Ausdruck. In den Jahren 1897—1900 sind 312 Ausstündc von den Bundisten aufgezeichnct worden, später nimmt die Zahl erheblieh ab. Ausser dem kürzeren Arbeitstag und den höheren Löhnen sind es immer dieselben Forderungen, die gestellt werden: andere Zahlungsmcthodc, bessere Behandlung, grössere hygienische Fürsorge und medizinische Beihilfe, Ab- Schaffung der Vermittler u. a. m. Die Erfolge sind meist auf Seiten der Bundisten, da sic es verstehen, einen günstigen Moment für den Strike ausfindig zu machen und den Kampf gut zu organisieren. Der ökonomische Kampf hatte seine Bedcutung in einer Zeit, in der der erbitterte Konkurrenzkampf der Meister untereinander eine furchtbare Ausbeutung der Arbeiter zur Folge haben musste. Wenn er auch anfangs schon mit wechselndem Erfolge stritt und nur wenigen zu Oute kam, so gilt dies später umso mehr. Der Strike wurde als tradittonelles Kampfcsmittel weiter benutzt, und da er die Gosinnung der Arbeiter in der Ocffcntliclikeit am markantesten zum Ausdruck zu bringen imstande war, gern und übertrieben angewendet. Die Leitung glaubte daher mit Recht, dass die aufgewendeten Kosten und Mühen keineswegs den errungenen Erfolgen entsprächen, und sah sich genötigt, den Strikeciier der Massen cinzudärnmen (Kongress 1901). Der ökonomische Kampf der Bundisten hat zwar einer gewissen Klasse indischer Arbeiter einige Erleichterungen gebracht, der erdrückenden Mehrhahl der jüdischen Arbeiter aber hat er nicht geholfen. Dem gesamten Lumpenproletariat, der Masse der ,.Luftmensehen“ steht er ratlos gegenüber, für die elenden wirtschaitliehen Bedingungen und vor allem für die Arbeitslosigkeit hat er keine Mittel gefunden. Ihnen gegenüber hört die Gegenwartsarbeit des Bundes auf, für sie erwartet er alles von der Revolution. Der politische Kampf ist den Bundisten der Kern- Punkt ihrer ganzen Organisation und ihres ganzen Systems. Die Gedanken, wie sic in der auch in der russisch-sozialistischen Bewegung verbreiteten Broschüre vom Jahre 189-1 ״über die Agitation“ niedergelegt sind, sind auch heute noch in ihren Kreisen herrschend. Der Sturz des Zarismus, die Aufrichtung einer demokratischen Regierung und die politische Freiheit aller bilden das Ziel ihres Strebens; deshalb vor allem gilt es ihnen, das Klassenbewusstsein in den Massen zu wecken, immer wieder zu zeigen, dass ihre Interessen verschieden sind von denen der Bourgeoisie. Der wirtschaftliche Kampf gilt dem Bunde nur als eine notwendige Vorbereitung des politisehen Kampfes. Die gewerkschaftlichen Organisationen sind [.. r » » fc I 1 t Auch die grossen Männer sind eine Saat, von der nicht alle Keime autgehen. Die Frage ist nur, ob es iur die Menschheit gut oder schlecht ist, dass nicht alle grossen Männer zum Vorschein kommen. — * Jeder Mensch hat den wichtigsten Teil seines Schicksals in seinem Charakter. — * Spiclwut und Sparwut sind nur verschiedene Grade derselben Passion. — Was wird ihm (Bismarck) die Geschichte als Höchstes nachriihnien? Dass er die Menschen vcrstand. — * Die Menschen nähern sich einander nicht, wenn es keinen Notstand gibt; das Gemeingcfühl, die Gemeinbürgschaft erwachsen nur in den Katastrophen. * Nicht die Denkmäler verbürgen den Ideen ein bischen Ewigkeit, sondern die Ideen den Denkmälern. — Was ist Jugend anders als ein Lechzen, eine immerwährende Begierde? ♦ Es lassen sich in der Tat d!׳c merkwürdigsten Pyraxniden aufführen, wenn man den Frohnkncchtcn als Honorar mir die Peitsche zu geben braucht. * Gewöhnlich gehen die Perioden unseres Daseins ineinander über, ohne dass w ir es recht merkten. — ♦ Das Altern ist die allnuihPcIie Akkommodation an das Ende der Dingt*. * Er schliff Brillen, Spinoza. Für einen Philosophen gar ein schöner, passender Broterwerb. — * Der Baum des Lebens ist zu allen Zeiten grün. — * Vergessenheit, auch ein Glück der Erdenkinder. — Denn wir vergessen das Leben nicht minder als ds,n Tod. — * ■ ־ 1 ,! %