Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651581--05763-2662807
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 274!JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 29 legten sie anfangs das Hauptgewicht ihrer Tätigkeit auf die Aufklärung der Masse in Arbeiterzirkeln; Naturwissenschaft, Geographie und politische Ökonomie sind der Hauptgegenstand des Unterrichts. Nur ungern befassten sich die Intellektuellen mit den Problemen einer praktischen Agitation. Trotzdem aber begannen sie schon 1SSS mit der Gründung profcssionaler Kassen. Die Sackmachcr, Schneider, Gamasclicnstcpper u. a. begannen, und die Berstcr iolgten ls9l nach. In erster Linie Untcrstötzungskassen, sollten sie auch zur Organisierung von Strikcs dienen. Jetzt erst kam man mit dem ׳'eigentlichen indischen Proletariat in Berührung; die in den Zirkeln ausgebildeten Arbeiter bildeten die Vermittler zwischen diesen und den Intellektuellen. In der wissenschaftlichen Diskussion war man bisher mit dem Russischen ausgekommen; jetzt aber, als man mit dem eigentlichen jüdischen Volk in Berührung kam stellte sich heraus, dass man sich nur des Jüdischen in der mfuidlichcn und literarischen Agitation bedienen konnte. Dazu kamen die besonderen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, unter denen die Juden zu leben gezwungen waren. Trotzdem aber dringt erst allmählich der Gedanke durch, dass die geschaffene Bewegung sich nur auf das jüdische Proletariat wird beschränken müssen, erst allmählich gewinnen andrerseits die praktischen Gedanken einer Kleinagitatinu immer mehr an Boden. Die Schöpfer der Bewegung treten so als radikale Theoretiker hinter der Bewegung selbst zurück. Ausser in Wilna bilden sieb noch in Warschau. Lodz, Minsk, Bialystok Kowno, Grodno, Smorgony, Osziniany und anderen Orten Strikekasscn, alle aber bewahren vorläufig noch streng den professiotialen und lokalen Charakter. Die 90er Jahre werden bestimmt durch die Taktik der Strikes. Der furchtbare Konkurrenzkampf der Handwerkermcister hatte eine noch grössere Ausbeutung der Arbeiter zur Folge gehabt; ein 16—ISstündiger Arbeitstag bei einem Lohn von 2—3 Rubel wöchentlich gehörte in den 80er Jahren nicht zu den Seltenheiten. Demgegenüber stellen die Kassen behairlich die Forderung der Verkürzung des Arbeitstages und Erhöhung des Lohnes, indem sie an ein altes Gesetz Katharinas II. erinnern, das den lOstündigen Arbeitstag als den Maximatarbeitstag dekretiert. 1897 sind 850 Arbeiter in der Wilnacr Strikekasse organisiert. Solange die Behörden sich in den privaten ökonomischen Kampf nicht cinmischcn, erringen die Arbeiter bei der Machtlosigkeit der Arbeitgeber Erfolge. In dem an indischen Fabrikarbeitern reichen Bialystok können 2000 Weber durch einen allgemeinen Strike den lOstündigen Arbeitstag durchsetzen (1896). Aber durcli die steten Rückschlüge ist man seines Erfolges nie ganz sicher, und als vollends die Regierung die Bewegung zu verfolgen anfängt. weil unter dem Scheine des nur ökonomischen Kampfes die Glut der revolutionären!! Gesinnung in den Geistern geschürt wird, scheint den Führern die Organisation in ihrer bestehenden Form nicht die genügende Festigkeit zu besitzen. Die getrennten lokalen Gruppen bieten nicht die genügende Gewähr für einen dauernden Erfolg. Die Konferenz vom September 1897 führt endlich zur Gründung des allgemeinen Arbeiterbundcs in Russland und Polen. Damit ist die Sonderexistenz einer jüdischen Sozialistengruppe in Russland festgelegt. Der Oebrauch der jüdischen Sprache und die besonderen Verhältnisse des jüdischen Lebens bei der Agitation, ferner die Forderung der politischen Gleichberechtigung, die die Juden in bedeutend erhöhtem Masse zu steilen und daher auch allein zu vertreten hatten, mussten zu dieser Entwicklung führen. Da der integrierende Bestand der ־״Mitglieder des Bundes in Littauen sitzt, hat er dementsprechend im April 1901 seinen Namen geändert und heisst seitdem Jüdischer Arbeiterbund ia Littauen, Polen und Russland. Als siel, im März 1898 die sozialdemokratische Arbeiter- Partei Russlands konstituierte, trat iiir der Bund als eine autonome Organisation bei. Er nahm das Programm der Partei an, und erhielt das Rech!, es in eigener den Lebcnsbedingungen des jüdischen Volkes entsprechender Agitation durchzufiihrcn, Selbständigkeit wurde ihn! nur in den Fragen zugestand:;!, die speziell das jüdische Proletariat angingen. Die Organisation des Bundes ist von vornherein äusserst straf! und bis ins kleinste geregelt. Die Grundlage des Ganzen bilden die Kampfkasscu. Weil derartige Kassen aber nach russischem Gesetz verboten sind, finden sie sicli meist nur in den kleineren Handwerksbetrieben, wo sie den Nachforschungcn der Polizei leicht entgehen können, nicht aber in grösseren Fabriken. Der Zweck der Kassen ist, vor allem im ökonomischen Kampf der Arbeiter zu dienen. Jeder unbescholtcne Arbeiter, der für seine materielle Aufbesserung sorgt, kann Mitglied werden. Von diesem scheinbar neutralen Boden aus benutzt der Bund die Kassen dazu, um die sozialistischen Ideen in den Arbeiterkreisen zu verbreiten. Als solchen bilden sie eine Zwischenstufe zwischen der eigentlieh politischen Organisation des Bundes und den Arbeitern. I—I /N *%•*!, a io! 4.1 Q rvm'lr'nQ U 1 ץ uw! iv Die Spruchwcislieit ist gcwissmiasscn ein Gradmesser für die geistige Kultur eines Volkes. In den kurzen, schlichten Aussprüchen des Volkes, oder in den Aphorismen bedeutender Menschen, ist oft mehr eu־׳ halten, als in Kompendien und Geschichtsbüchern. Auch in der Literatur unseres Voikcs nehmen Sprüche und Aphorismen einen bedeutenden Rang 11. Die Spruchweisheit der heiligen Schr it ist unmittelbar und in den verschiedensten Variationen in die Literatur aller Völker übergegangen. Es ist nicht ohne Interesse zu untersuchen, wie z. B. gerade d:e Sprüche klassischer Dichter aus verschiedenen Literaturen in andern Variationen sich auf die Bibel ztiriickiühren lassen. Wer öfter die Gelegenheit nimmt in den zion'stisehen und allgemeinen Werken Theodor Herzls 7,0 lesen, der wird in fast jedem Aufsätze Aphorismen und Aus- Sprüche finden, die es verdienen ganz besonders hervorgehoben zu werden. Aus diesen bekannten Aussprüchen ßässt sich schliesscn, wieviel Interessantes wir diesbezüglich zu erwarten haben, wenn einmal die Tagebücher Herzls der Öffentlichkeit übergeben werden. Die zionistischen Schriften Herzls sind zu bekannt, als dass ich auf die in ihnen enthaltenen Aphorismen ך hinzuweisen brauchte. Manche davon, wie etwa ״Der Zionismus ist die neiinkchr i״s Judentum vor der Rückkehr ins Judenland“, ״Kein Amt ist beglückender, wie das eines Dieners am Lichte“, ״Der Zionismus ist das jüdische Volk unterwegs“ 11. v. a. sind bereits zu geflügelten Worten geworden. Dagegen möchte ich einige der markantesten Aussprüche aus den nichtzionistischen Werken anfiihrcn, die in mancher Beziehung d;e wunderbare Eigenart Herzl's charakterisieren. Ich möchte bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, auf die allgemeinen Werke Herzls Iiinzuweisen und sie jedem Verehrer unseres grossen Führers angelegentlichst zur Lektüre empfehlen. Viele Stunden des erlesensten Cjciuisscs habe ich ihnen zu danken. A. P. Die Arbeit veredelt sch in ihrer feinsten Blüte zur Kunst, gleichwie das Nachsinucn über den eigenen Vorteil sich bis zur erhabenen Philosophie steigern kann. Für den Ton in einer Gesellschaft sind immer die Frauen verantwortlich, weil die Männer ihnen Alles an den Augen abschen. das Hohe, wie das Gemeine. * Wer die Zukunft vorbereitet, muss über die Gegenwart hinwegblicken können. ״

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.