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Jüdische Rundschau · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Juli, wurde der Präsident der Zionistischen Organisation, Herr David Wolffsohn, vom russischen Premierminister, Herrn P. A. von Stolypin, im Elagin’schen Palais empfangen. Im Laufe einer längeren Unterhaltung, die während dieses Empfanges stattfand, wurden die wesentlichen Punkte der zionistischen Bewegung, ihre allgemeinen Ziele, die Tätigkeit ihrer Institutionen und die zionistische Arbeit innerhalb Russlands eingehend' er» örtert. Zum Schluss gab der russische Premierminister seiner vollsten Sympathie für das zionistische Ideal Ausdruck und erklärte, die russische Regierung beabsichtige nicht den Zionisten Russlands Hindernisse in den Weg zu legen, sofern ihre Arbeit der Verwirklichung ihres programmatischen Bestrebens gewidmet ist, eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen. An demselben Tage hatte Herr David Wolffsohn eine längere Konferenz mit dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Herrn A. P. tswolsky. Wir geben diese kurze Mitteilung ohne jeden Kommentar wieder. Jeder unserer Freunde ersieht daraus, dass auch die ״politische“ d. h. diplomatische Arbeit nicht ruht. Aber wir bemerken, dass die Arbeit der russischen Landsmannschaft ja viel weniger inneren russischen Verhältnissen als der Realisierung unseres politischen Ziels im Lande Israel gilt. Der jüdische Arbeiterbund״) I Von 0 011 h 01 d Weil, Der Jüdische Arbeiterbund in Littauen, Russland und Polen umfasst heute über 30 000 organisiertc Mitglieder und bildet eine der grössten Stützen der sozialdemokratischen Partei in Russland. Schon 1896 war er auf dem internationalen Sozialistenkongrcss in London als ״die ״Avantgarde der Arbeiterbewegung in Russland* bezeichnet worden, ln seiner heutigen Organisation uml Tätigkeit ist er erst das letzte Glied in einer langen Kette von Entwicklungen. *) Dieser Artikel wurde vor einem Jahre für das Zionistischc A-B-C-Bucli augefertigt, fiel aber zu lang aus und konnte daher nicht aufgenommen werden. Aus seiner urspriinglichen Bestimmung erklärt sich auch der enzyklopädische Stil des Artikels. Die Anfänge der industriellen Entwicklung Russlands fallen erst in sehr späte Zeit, dementsprechend ist auch die Arbeiterbewegung dort viel jüngeren Datums als im westlichen Europa. Gleichzeitig mit dem Anwachsen von Handel und Industrie und mit dem Anschwelten der Städte um das 3־ und lOfachc, wächst auch die Zahl der Arbeiter. Im Unterschied zu der Entwicklung im westlichen Europa ruht aber die Arbeiterbe־ wegung nur in der Hauptstadt und in Zentral- und Südrussland in den Händen der eigentlichen Fabrikarbeiter, in den andern Teilen, besonders im Westen sind die in Handwerksbetrieben beschäftigten Arbeiter die Träger der Bewegung, das sind aber gerade die .Gegenden, in denen das Ansiedlungsrayon liegt. Die alten, selbständigen, kleinen Handwerker, die aui Bestellung arbeiteten, verschwanden, und wurden .abhängige Arbeiter ihrerMcister, die für einen grösseren Markt zu arbeiten anfingen und ihrerseits wiederum einen furchtbaren Konkurrenzkampt auszuhalten hatten. Auch unter den russischen Juden existierten schon in den 70er Jahren cune Menge von Arbeitern verschiedenster Art, aber sic bleiben von der sozialistisch-revolutionären Strömung jener Zeit vollkommen unberührt, ja sie waren sogar mit ihren Meistern in lokalen Ckcwras, zünftigen Berufsvereinen mit religiösem Charakter, zusammen organisiert. Diese Abgeschlossenheit der jüdischen Arbeitermasse ist aus der Politik der damaligen radikal-sozialistischen Partei heraus zu verstellen, die ausser in den Hauptstädten eine Agitation überhatipt ablehnte. Erst nach dem Falt der Narodnaja Wolja (=-־ Volkswille), erst als Plcchanow und seine Anhänger den wissenschaftlichen Sozialismus Westeuropas popularisierten und die revolutionaie Bewegung' als Arbeiterbewegung hinsteMten, da erst begann eine Agitation grösseren Stiles. Mitte der 80er Jahre setzt die Arbeit unter dem jüdischen Proletariat ein. Wilna war der Ausgangspunkt der jüdischsozialistischen Arbeiterbewegung und ist bis heute noch der Brennpunkt derselben; cs ist das Zentrum von Littauen, eine grosse Handels- und Kulturstadt mit starker jüdischer Bevälherung, die zumeist den kleinen Handwerkerstand bildet. Jiidiseli-rcvolutionäre Studenten und Studentinnen waren es, die mit Hilfe der klassenbew ussten Arbeiter die politische Freiheit Russlands schatten zu können glaubten. Sic dachten dabet anfangs nur an die russischen Proletarier im allgemeinen, diese aber waren ilmci», die sich ja nur im Ansicdlungsrayott aufhalten durften, unerreichbar. Daher mussten sie sich darauf beschränken, unter den jüdischen Arbeitern für die allgemeine Arbeiterbewegung Propaganda zu niaclien. Der Gedanke an den Umsturz und die revolutionäre Arbeit blieb aber stets das bewusste Endziel ihrer Wirksamkeit. So bildet sich 1887 der erste sozialistisch-jüdische Kreis. Doktrinär, wie sie waren, ו > I י t 1 "•*יי• ‘

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