Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 269 No. 28 Muiscsvillc, wo die klimatischen Bedingungen def Grosskultur nicht günstig sind, sind die Kolonisten dazu übergegengen. t'%;1 Bau der Luzerne, die auf diesem Boden sehr gut gedeiht und im Lande leicht abgesetzt wird, in grösserem Massstabc zu betreiben. Zugleich gestattet diese Kultur eine Vermehrung der Viehzucht In den Kolonien der Provinz Entre Rios. die insgesamt ungefähr 7000 Seelen zählen und bisher unter Schwierigkeiten zu leiden hatten, beweisen die Resultate der beiden letzten Jahre, dass tüchtige Arbeiter dort genau so wie anderswo zu Wohlstand gelangen können. In allen unseren Kolonien wissen die Kolonisten Nutzen zu ziehen aus den Hilfsmitteln, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben; sie verstehen cs fetzt, Florakultur und Viehzueht zu verbinden, Milch zu gewinnen und zu verkaufen usw. Sic arbeite» mit Hilfe ihrer Kinder und fast nur jüdischer Arheiter, und das Bewusstsein, Arbeit zu finden und in einem jüdischen Milieu leben zu können, wird in den Kolonien immer gewisser. Bemerkenswert ist auch der Geist der Solidarität, der unter den Kolonisten herrscht, und die Leichtigkeit, mit der sie ihre Gemcindeangelegenheitcn regeln: überall haben sie Gcnossenschaftcn gegründet, die die Grundlage einer autonome» Verwaltung bilden, der Selbstverwaltung, die zu erzielen wir bestrebt sind. Die Mehrzahl der öffentlichen Lasten, die Kosten des Sanitätsdienstes. Unterhaltung der Synagogen. Bäder und Friedhöfe, der Verkauf des Kosehcrileisches. des ßibliotiickdienstes usw. wird heute von den Kolonisten selbst aufgebracht Die JCA trägt nur noch zu dem Etat der Schulen bei., . Hierbei beteiligen sich auch die Provin/.vcrwaltungen. Ain^’gibt die JCA alljährlich an Bedürftige Vorschüsse aut die Ernte. Der F'rtolg des slolonisationswcrks hat die JCA bestimmt, es auszubauen. Hierfür kommen zunächst die Arbeiter in Betracht, die bereits in den Kolonien leben. 12 Familien sind solcherart im Jahre 19u7 neu etabliert worden, und 200 weitere folgen in diesem Jahre. Damit keine Stockung in die Ansied־ lung eintritt. ist der Erwerb neuer Terrains nötig. Der Grundbesitz der JCA in Argentinien belief sich im letzten Jahre aut *103 000 Hektar; neuerdings hat sie 10 000 Hektar bei der Kolonie Lcloir und 35 000 Hektar beim Hafen Bahia Bianca hinzu erworben. Weitere Neuerwerbungen sind in Aussicht gcnommen. Die Resultate der letzten Ernte sind zufriedenstellend. Insgesamt sind 436926 Zentner Produkte geerntet worden, die einen Wert von 4 800 000 Frcs. repräsentieren. Die Kolonisten kommen ohne Mühe ihren Verpflichtungen gegen die Gesell- Schaft nach. Durch Vermittlung der Administration wurde im Jahre 1907 von den Kolonisten an in Russland zurückgebliebene Verwandte die Summe von 136000 Frcs. geschickt. An die Verw׳altu!!g wurden zirka 280 000 Frcs. gewährte Darlehen zurückgezahlt. In Brasilien sind die Kolonisten infolge einer zweijährigen Dürre entmutigt. Indessen haben w ir die Kolonie rcorganisiert, und wir hoffen, dass sich ihre Lage günstiger gestalten wird. In den Vereinigten Staaten unterstützen wir seit Jahren durch die Jewish Agricultural and Industrial Aid Society die Etablierung jüdischer Ackerbauer. Deren Zahl kann man auf ca• IOUOü schätzen, die sielt über alle Staaten verbreitet haben, so dass cs fast keinen Bezirk mehr gibt, wo nicht jüdische Ackerbauer wohnen. Einige dieser Gruppen, insbesondere in Ncw-Jersey und Neu England gedeihen sehr gut. Auch in Kanada gibt es zwei bedeutendere Gruppen. In den palästinischen Kolonien hat sich der in unser!» letzten Berichte konstatierte moralische und materielle Fortschritt weiter befestigt. Seit zwei oder drei Jahren war die Ernte gut, die ökonomische l.age der Kolonisten hat sich gebessert, sie erwarten jetzt dui Eriolg. der in erster Linie von ihrer eigenen Initiative abhängt, und verlassen sieh viel weniger als früher auf fremde Hilfe. Die persönliche Arbeit bringt ihre Früchte, und die Existenz der Kolonisten ist jetzt durch sie selbst gesichert. Man arbeitete überall Sehr fleissig. Das Gedeihen mehrerer unserer Kolonien wurde nicht nur von uns selbst, sondern auch von den gelegentlichen Besuchern fcstgestcllt. Der Bericht behandelt sodann die Lage der Juden in Russland. wo die!ca ein grosses Sehulwerk unterhält, das natürlich ebenfalls unter der entsetzlichen Lage der russischen Juden leidet. Auch die von der JCA in Russland organisierten Hilfskassen entfalteten eine segensreiche Tätigkeit. 1906 bestanden 166 solcher Darlchnskassen, im letzten Jahre sind allein 223 neue Kassen eröffnet worden. Die von der JCA im Jahre 1907 iintcrsu'itzten 100 Leihkassen repräsentierten eine Mitgliederzahl von 59923; sic hatten für 5 826 212 Rubel Darlehen gewährt, wovon 4500 866 zuriickgezahlt wurden. Auch in Galizien bewahren siel! diese Kassen sehr gut. Dort bestanden Ende des Jahres 17 Kassen mit 11 130 Mitgliedern und 261310 Kronen Haftsumme. Diese Kassen verfügten über einen Fonds von 1 073946 Kr., die im letzten Jahre bewilligten Darlehen betrugen 1 636 036 Kr. Ausserdem verfügten sie über einen Reservefond von 78 000 Kr. Der Bericht schüesst mit dem Hinweis auf die Eignung der Juden für den Ackerbau und erwähnt, dass die JCA bcstrebt sei. der Ansiedlung der Juden neue Regionen zu erschliessen. Zu diesem Zwecke habe sic Herrn N'iego nach dem Orient entsandt. Die einzigen Länder, wo eine agrikulturcllc Kolonisation der Juden unmöglich sei. seien die, von wo uns Kolonistcnmatcrial hcrkoimiie. Diese Länder wissen noch nicht, was sic gewinnen würden, wenn sie denjenigen die Freiheit und das Recht des Eigentums gäben, denen sie cs jetzt verweigern. . WELT. Erinnerungen an den Berliner Kongress Aus Wien wird uns geschrieben: Der bekannte Publizist und pensionierte Scktiousclief im österreichischen Ministerium des Aeussern. Geheimrat Baron ׳Ludwig Doczi (ein getarnter Jude), erzählt in einem laugtren Artikel einige persönliche Erinnerungen an den Berliner Kongress, der bekanntlich gerade vor 30 Jahren stattianu und auch in der jüdischen Geschichte eine charakteristische Rolle spielt. In dem genannten Artikel jinden sich folgende, die Juden betreffende Stellen: ״Es betrübt mich, zu erzählen, was mir Graf Andrassy von seinem ersten Zusammentreffen mit Lord B e a c 0 n s i ise 1 d (Disraeli) Sagte: ein gewaltig kluger Staatsmann von echt englischem Eigennutz und Selbstgeiiih! — aber Sie entschuldigen wohl — man sieht ihm an, dass sein Grossvater mit Hasenfeüen gehandelt hat.“ Ich erlaubte mir, zu erwidern, dass die meisten Lords in hohem Alter wie alte Juden aussehen. Im weiteren Verlaufe des Autsatzes gibt Doczi das folgende, interessante Gespräch. Andrassy's mit dem russischen Staatsmanne Schuwaleff wieder: ״Nach einer Sitzung, in welcher Oesterreich-Ungarn die. Religicnsfrciheit und Gleichberechtigung der Juden in Rumänien durchgesetzt und unter europäischem Schutz gestellt hatte, gehen beide Herren nach Hause. Schuwaloff schiebt seinen Arm unter denjenigen des österreichisch-ungarischen Kollegen und fragt gemütlich: ״Mein lieber Graf, haben Sie die Juden gern?“ ״So ziemlich!“ antwortete Graf'Andrassy. ״Aber in Rumänien gibt es viel Juden!“ Und beide lachen. Die ״Durchsetzung“ der Gleichbcrechtig'ung der Juden Rumäniens war jedenfalls nicht einer der grossen Erfolge der kaiserlich österreichischen Diplomatie! Pseudo-Nationalismus q Aus Warschau wird uns von unserem dortigen A.- Korrespondenten geschrieben: Bekanntlich hat das preussische Enteignungsgesetz gegen die Polen sowohl in Galizien wie in Russisch-Polen eine grosse Empörung wachgcrufeii, die zu Boykottversuchen gegen alles Deutsche oder zumindest gegen alles Preussische führte. So wurde u. a. auch beschlossen, die preussischen Kurorte, also besonders die von Polen aus viel besuchten Badeorte an der Ostsee und in Schlesien, zu boykottieren. Man kann min nicht sagen, dass diese Bestrebungen irgend welche Erfolge gehabt hätten. Wirtschaftliche Interessen pflegen eben zumeist stärker zu sein als irgend w eiche noch so berechtigten politischen Sentiments. So war es auch hier. Uns als Juden ginge die Sache ja auch eigentlich nichts an — aber das ist ebert der Punkt, an dem diese Vorgänge jüdischinteressant werden. Die lautesten Schreier In diesem Rache- Boykott sind natürlich — Juden. Und die einzigen, die sich diesem Boykott zuliebe persönliche Unbequemlichkeiten wirklieh aufcrlcgen. sind ebenfalls beinahe ausschliesslich Juden. Denselben Felder, den die deutschen Juden in den deutsehen Ostmarken gemacht haben, indem sie sich für eine ebenso ausgesprochen antisemitisch wie antipolnische deutsche Politik engagierten, denselben Fehler machen jetzt unsere polnischen Juden. Weil vielleicht einige von der ״Bank l.udowy“ angekaufte Güter enteignet werden sollen, deshalb gehen Warschauer Juden nicht in preussische Kurorte ־־־ und dabei hat dieselbe ״Bank Ludowy“ Hunderte jüdischer Kaufleute und Gewerbetreibender in der Provinz Posen systematisch ruiniert! Ist solches Verfahren nicht vielmehr ein Satyrspiel als eine ״jüdische Politik", von der natürlich deutsch-antisemitische Zeitungen jetzt ebenso schreiben werden, wie die polnischen bei der ״Verdeutschung“ ־r ׳י״וי" «pp ״pppppppp*-'* 'y-tjmF**** fVIf i