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Jüdische Rundschau · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 268 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 28 Spaltungen würden unvermeidlich sein. Der Zionismus würde seine magnetische Kraft ganz verlieren, weil der feurige, lebensfrole Jüngling ein alterschwacher Greis werden würde. Das Judentum könnte dabei nichts gewinnen, aber alles ver- Heren. Darum: Vldcant consulcs! Bruno Boschwitz. Kunuscnaii Antrag Schmid Mit einer Majorität von 43 Stimmen hat das österreichische Abgeordnetenhaus den niederträchtigen Antrag Schmid verworfen. die jüdischen Kinder in den Mittelschulen zu zählen und zu vermindern. 205 Abgeordnete stimmten mit nein, 162 mit ja, 149 fehlten. Die Abstimnnmgsliste״ gab ein eigentiimlichcs Bild. Sie zeigte, dass die slavischcn Parteien mit Ausnahme der Klerikalen geschlossen für die Sache des wahren Freisinns cintratcn, die Deutschen bis auf 20 ebenso geschlossen für die Judenfeindschaft. Die parlamentarischen Minister enthielten sich der Abstimmung. Die Abstimmung beweist: Erstens, dass die Regierung des Baron Beck allen Völkern und Parteien gegenüber auf der mittleren Linie verbleibt, nur den Juden gegenüber nicht. Sic hat keine Hand gerührt und von der so berühmten Ueberrcdungskunst keinen Gebrauch gemacht, um den Skandal zu vermeiden, dass ein russischer Antrag vor ein mitteleuropäisches Parlament gebracht wird. — Zweitens aber beweist die Abstimmung, dass bei voller Besetzung des Hauses Herr Sclunid triumphiert hätte. Der ironische Beifall, mit dem seine Parteigenossen das Resultat aufnalunen, und ihr Zuruf: ..162, nächstens werden's mehr sein!“, bilden die richtige Konsequenz aus der namentlichen Abstimmung, die endlich den unterschiedlichen ,.Freiheitlichen** die Maske vom Gesicht gerissen hat. — Unter den Abgeordneten, welche für die antisemitische Resolution Schmid gestimmt haben, befinden sich der Ehren- Präsident des deutschen Schul ver eines. Dr. S t e i n w c n d c r. der Sekretär desselben Vereines Weidenhoffe r, sowie die Vorstandsmitglieder des deutschen Schul- Vereines Dr. Sommer. D o b e r n i g , Dr. Sylvester, Zinspinncr und Oberlcithncr. Es ist gut. dass es so gekommen ist. Wir kennen unsere Feinde nunmehr genau, haben ihre Stellung gesehen und haben eine neuerliche Bestätigung dafür, dass wir von niemandem Hilfe oder Unterstützung zu erwarten haben. Die Regierung hat geschwiegen, im Abgeordnetenhaus hat sich bis auf die wenigen jüdischen Redner niemand gefunden, der auch nur ein Wort über diese neueste Phase österreichischer Politik gesprochen hätte. Und .die Deutschen, die sich von Baxa und Choc beschämen Hessen, sandten gegen den Antrag nur Abgeordnete, die aus Kreisen stammen, wo die jüdischen Stimmen entscheiden. Dass cs auch für die Christlichsozialcn nicht ganz gefall rlos war. für den Antrag Schmid zu stimmen, bewies der Herr Reichsrittcr von Panz. der sich abwesend machte, da er als Ehegatte einer jüdischen Frau fürchten musste, dass vielleicht einmal die Resolution auch auf seine Kinder als Judenstämm- Unge Anwendung finden könnte. Alkoholmonopol und Antisemitismus In Ergänzung einer kürzlich von uns gebrachten Meldung über Bestrebungen in Galizien, die dortigen zumeist jüdischen Schankwirte aus ihrem Gewerbe zu verdrängen, schreibt uns unser Korrespondent aus Lemberg: Vor einigen Tagen fand hier eine Versammlung jüdischer Schankwirte aus Galizien statt, zu der 120 Delegierte aus 80 verschiedenen galizischcn Städten erschienen waren, um über die Anwendung der Gefahren zu beraten, die ihren Erwerb von vielen Seiten bedrohen. Es waren zumeist kleine Wirte in einiachcr gaUzisch-jüdischer Tracht erschienen. Die Versammlung, zu welcher auch ein Rcgierungsvcrtrctcr erschienen war, wurde von Herrn Fett aus Dembitz eröffnet. Der Vorsitzende erörterte die aktuellen Fragen des Schaiikgewcrbcs und legte einen Statutenentwurf für eine jüdische Scliänkerkorporation vor. Der nächste Redner, Herr Frostig, erörterte dann zunächst die Frage der Konzessionen nach dem Jahre 1910. Bekanntlich werden im Jahre 1910 die Propinationen aufgelöst und die vielen Tausende von Schänken, welche jetzt der Propination angehören, werden ihres Schankrechtes verlustig werden. Laut dem Plane des Larulesausr.chusses sollen dann Schank-Konzessionen nur in begrenzter Zahl ausgegeben werden. So soll in der Stadt auf je 500 und auf dem Lande auf je 800 Einwohner eine Schänke entfallen. Auf dieser Grundlage schon muss eine grosse Zahl der heutigen S c h a n k w i r te ohne Erwerb bleiben. Zieht man noch in Betracht, dass selbst die wenigen Sclumklizenzen nicht den wirklichen Schälken. die sich von Anfang an dem Fache gewidmet haben, sondern irgend einem Protcktionskinde verliehen werden dürften, so begreift man die Gefahr, welche den heutigen Schänken! droht. Eine weitere Gefahr besteht in der projektierten Verschärfung der Sonntagsruhe, wonach das Schankgewcrbc von Samstag Abend 6Uhr bis Montag früh 6 Uhr zu ruhen habe. F.ine solche Verfügung wäre mit dem Ruin der jüdischen Schankwirte gleichbedeutend. Gegen diese Gefahr könnte sie nur eine jüdische Fachorganisation schützen. Nach längerer Debatte wurde eine aus mchreren Punkten bestehende Resolution angenommen, in welcher verlangt wird, dass in dem Gesetze über die Konzcssionicrung' ausgesprochen werde, dass bei Erteilung von Konzessionen vor allem diejenigen zu berücksichtigen sind, die schon im Schankgewcrbc stellen und sich jetzt keinem anderen Gewerbe zuwenden könnten. Die Versammlung protestiert ferner gegen die geplante Verschärfung der Sonntagsruhe, und spricht den Wunsch aus. dass überall im Lande Fachorganisationen konzessionierter Schänker entstehen, die jedoch auch die Interessen der nichtkonzcssionicrtcn Fachgenossen zu vertreten hätten. Schliesslich protestiert die Versammlung gegen die Erhöhung der Branntweinsteuer. Nach Annahme der Resolution wurde ein vorbereitendes Komitee gewählt, dem die Ausarbeitung der Statuten übertragen wurde. Da am darauffolgenden läge auch in Krakau eine ähnliche Versammlung stattfand, erklärte sich die Lembcrger Versammlung solidarisch mit den in Krakau versammelten Berufsgenossen. Diese Angelegenheit ist von nicht zn unterschätzender Bcdeutung. Die Monopolisierung bat siel! nämlich noch immer als eines der letzten Mittel erwiesen, die in einem bestimmten Berufe tätigen Juden auszuschalten und sie wirtschaftlich zu ruinieren. Voraussetzung dabei ist, dass die Regierung oder die ihr untergeordneten Verwaltungsbehörden genügend antisemitisch verseucht sind. Auch bei den deutschen Antisemiten erfreuen sich z. B. die Projekte der Verstaatlicht! ng der Apotheken und der Vcrsichcrungsgesell sc haften grosser Sympathien. Und die Herren wissen, warum! Wahrscheinlich werden denn auch die Juden des europäischen Kontinents gegen diese Bestrebungen die schwersten Kämpfe zu führen haben. Das gibt diesem kleinen Kampfe in Galizien die tiefere Bedeutung! Generalversammlung der Jewish Colonisation Association Am 28. Juni, vormittags 10 Uhr. fand in Paris die General- Versammlung der Jewish Colonisation Association statt. Sic wurde geieitet von Herrn N. Leven, Vorsitzendem des Administrationsrats. Anwesend waren die Herren: Leonhard L. Cohen. Paul Errera. Dr. Ed. Lachmatm. Vertreter der Gemeindc Berlin, Herbert G. l.ousada. Claude G. Montefiorc. Vertreter der Anglo-Jewish Association, Dr. A. Netter, Vertreter der Alliance Israciite Universelle. Fr. Pliilippson. Vertreter der Gemeinde Brüssel, und S. Reinaeh. Mitglied des Rates. Herr Dr. Blau, Vertreter der Gemeinde Frankfurt, hatte sich entschuldigt und Herrn Dr. Lachmauti mit der Aus- Übung seines Mandats beauftragt. Nach F.rlcdigung der gcsehäftsordnmigsmässigcn Verbandhmgsgcgcnstäude verlas der Präsident einen Bericht, dem wir folgendes entnehmen: Der Bericht gedenkt zunächst in wannen Worten der Verdienste des verstorbenen Charles Hallgarten und geht dann auf die Tätigkeit der JCA im Berichtsjahre ein. An erster Stelle stand auch im verflossenen Jahre das Kolonisationswcrk in Argentinien. Diese jüdischen Kolonien, die die JCA selbständig gegründet hat und deren älteste jetzt 15 Jahre bestellt, fahren nach dem Berieiitc fort, sieh günstig zu entwickeln. Die Totalbcvölkcrung, die Anfang des Jahres 11 974 Seelen betrug, belief sich zu Ende' des Jahres auf 13 212. Die Fläche des bearbeiteten Gebietes stieg in diesem Zeitraum von 58 400 auf 64 900 Hektar, die Zahl des Viehes wuchs von 104 000 auf 142 000. Ebenso wie der eigentliche Ackerbau, stieg auch die Viehzucht, die eine der Haupterwerbsqucllcn der Landwirtsebaft in Aigcntinien bildet. Mit Genugtuung verweilt der Bericht bei der Tatsache, dass die Besserung der Verhältnisse eine allgemeine war und dass auch diejenigen der Kolonisten, die bisher unzufrieden waren, sich erholt haben und ihr Auskommen finden. In

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