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Jüdische Rundschau · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 266 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 28 für uns bei der jetzigen ^-nßC von absoluter Wichtigkeit sind, gleitet uns eine nach der andern aus den Händen. Die Phosphatfelder, die In den 90er Jahren noch frei waren, sind heute an dio Hcdscliäs-Bahn vergeben, und in diesen Tagen gelangt eben wieder die ausserordentlich betrübende Nachricht zu uns, dass palästinische Bahnkonzessionen von grundlegender Wichtigkeit an fremde Kapitalisten gefallen sind. Warten wir ab, bis die Transportmittel und Mineralien Palästinas in fremden Händen sind, bis das fremde Kapital die palästinische Industrie und den palästinischen Handel beherrscht, so ist Palästina für uns verloren. Denn es erscheint aus rein wirtschaftlichcn Gründen ausgeschlossen, dass auf Basis der agrarischen Kolonisation allein die Juden Jemals in Palästina eine dominierende Stellung erlangen könnten. Muss die Rückkehr zum Judentum der Rückkehr ins Judcnlaad vorausgehen, so ist das Juden- 1 a n d verloren und das Judentum mit i h m. Diesen Tatsachen gegenüber ist es die Pflicht jedes Zionisten, in letzter Stunde alles zu versuchen, um die für die Finanzierung Palästinas notwendigen Kapitalien zu erlangen, sei es mit welchen Mitteln immer. Ob der Kinzclnc die Verpfhelitung bat. selbst auf Palästinischem Boden mitzuarbeiten, ob er die Verpflichtung hat, seine gesamte physische und materielle Existenz in den Dienst der Sache» zu stellen, das hat er mit seinem Gewissen abzumachen. Wohl aber halte ich cs für die Pflicht eines, der die tatsächliche Lage der Bewegimg und die Gefahren der Zukunft zu erkennen glaubt, rechtzeitig seine Stimme zu erheben, um über den Rahmen seiner eigenen kleinen Existenz hinaus, .so weit er es kann, zum Rechten zu wirken. Dr. H. G. Hey m a n n. Unser Verhältnis zu den jüdischen Organisationen Von Dr. J. Drcyfuss, Kaiserslautern/) Zu diesen! Kapitel sei auch einem das Wort gestattet, der, von! ersten Moment an in der Partei, all die Jahre her wenig hervortrat und ein Urteil zu haben glaubt, weil er nicht mitten im zionistischen Betriebe stand, sondern — freilich zu seinem Bedauern — in der zionistischen Diaspora lebt. H. G. Heymann und Elias Auerbach bringen in der gleichen Nummer der JÜDISCHEN RUNDSCHAU die entgegengesetzten Meinungen, und doch scheint cs mir, dass sie beide recht haben. Es gibt In der Tat für uns zwei Wege. Der eine, idealistisch wertvollere, führt auf steiler Höhe. Die ihn gehen, tragen unser Ideal rein und unverfälscht in der Brust, verkünden es ohne Zutaten und Verbrämungen, unbekümmert darum, ob etwa neue Weggenossen die mühevollen, steilen Pfade zu ihnen herauffinden. Sie wandern unbekümmert, selbst wenn der eine oder andere von ihnen abstürzen sollte, auf der Höhe weiter — zum Ersatz der Abgcstürzten genügen die wenigen, die trotz aller Schwierigkeiten in ihrem Licht- und Lufthunger von unten hcraufstossen. Diese Höhenwanderer sind diejenigen, die unser Ideal rein durch die Zeiten tragen. Und sollte sogar einmal unsere Bewegung zurfickgehcn. sic werden dafür sorgen, dass unsere Idee nicht zurückgeht, sondern als stille Glut unter der Decke weiterglimmt, bis bessere Zeiten sie zur sieghaften Flamme emporlodern lassen. Das sind die reinen Idealisten. Sie werden zu Kompromissen mit den andern Organisationen nicht bereit sein, sondern die bedingungslose Kapitulation der andern fordern. Sie sind uns unentbehrlich, weil unsere Idee ohne sic verwässern würde — abei praktische Erfolge bringen sie uns nicht. Der andere Weg führt im Tale. Er sucht Steilheiten und Schwierigkeiten zu vermeiden, sucht die Anhöhen langsam in Serpentinen, zu erklimmen und schlägt über Abgründe bequeme Brücken. Die ihn gehen, werden natürlich viel Schneller als die Höhenwanderer eine Schar von Weggenossen haben, sie werden aus der ganzen Nachbarschaft — d. h. von andern Organisationen — Zulauf erhalten uud werden in der Lage sein, ihrerseits in der Nachbarschaft Einfluss zu ge- #) Der Artikel musste von voriger Nummer Raummangelshalber Zurückbleiben. wimien. Sie werden unserer Bewegung Anhänger Zufuhren, materielle Mittel gewinnen, unsere Aktionsfähigkeit erhöhen, uns Geltung verschaffen — aber sic werden Gefahr laufen, durch die Nachbarn im bequemen Tale festgehalten zu werden, den Blick zur Höhe zu unterlassen, ihren Zweck, ihr Ideal zu vergessen. Sic werden unsere Masse in der Gegenwart vermehren, aber sic werden nicht imstande sein, unser!! Bestand für die Zukunft zu sichern. Was soll man nun unserer Organisation als programmatisch empfehlen, den ersten oder den zweiten Weg? Ich meine, wir müssen Wanderer auf beiden Wegen schicken, wir lassen sie getrennt marschieren, damit sie s c 111 ie s s I i c h vereint schlagen. W'ir brauchen die Idealisten, die unsere Idee rein erhalten, ohne Nachgiebigkeit nach irgend einer Seite, und wir brauchen die Praktischen, die Bündnisse sclilicsscn und uns Einfluss verschaffen. Und was man den einzelnen empfehlen .soll? Im Guten tue ein jeder, w׳ic seine Natur ihn treibt, so wirkt er am besten. El. Auerbach, der ja — nebenbei bemerkt — auch in der Trage der Juden in der deutschen Politik das rechte W'ort geprägt hat: ״In deutschen Fragen deutsch, in jüdischen jiidiscir. hat recht: ״Der Zionismus ist im Kampf gegen alle“ (usw. im Judentum) ״entstanden und giess geworden. Vergessen wir das und tun wir in dem Entgegenkommen gegen andere mehr, als sich damit verträgt — dann ist der stärkste Hebel unserer Grösse und Kraft zerbrochen.” Aber auch 11. ü. H e y!11 a 11 n hat recht: ״Den Zionismus, wie wir ihn ihnen (d. h. den deutschen Juden) bisher nahe zu bringen versuchten, leimten sie ab. l'merziehen werden wir sie nicht. Wollen wir sie gewinnen, so müssen wir unser!! allzufeiirigcn Wein mit ein wenig Wasser verdünnen. Dass die Pantschcrci nicht zu arg wird, dafür werden schon unsere Radikalen sorgen." Freilich muss zu den Ausführungen Heymanns bemerkt werden, dass er nur recht hat, ..wenn wir die deutschen Juden gewinnen wollen," dass aber absolut keine Notwendigkeit besteht, sie, wie er meint, in den nächsten 5 Jahren zu gewinnen. W ürden wir so, wie Heymann will, im Zeitraum von 5 Jahren die deutschen Juden und ihr Geld und dadurch in dem nämlichen Zeitraum Palästina gewinnen, dann dürfte das doch ein Gebäude werden, das iniolge seiner schnellen Bauweise bald zusammenstürzte. Gut Ding will Weile haben, und wenn die Deutschen zur blossen Einigung ihrer bestehenden Staaten von 1817 bis 1871 gebraucht haben, dann dürfen wir uns zu unseren! schwierigen Vorhaben doch auch etwas Zeit nehmen. Also, ich meine, die Gewinnung der deutschen Juden muss nicht gerade in diesen 5 Jahren erfolge״. Es kam! aber nichts schaden, wenn wir sie, wie ja bisher schon, so auch weiter zu gewinnen trachten, und dazu scheint mir das Heymann'sche Rezept nützlich. Aber immer in der oben ausgeführten Voraussetzung, dass die reinen Ideeverfechter für d i e D a u e r der Bewegung bei weitem wertvoller sind. . Dcr Bedingung, dass die Anteilnahme an der Arbeit der ircnidcn Organisationen würdig eriolge — die dankbare An- {1*"יי"ן: unserer Mitarbeit drüben bedingt noch nicht die W ürdigkeit — pflichtet zweifellos auch Heymann bei. Pro und Contra Der Kernpunkt der Heymannschen Ausführungen scheint mir der zu sein: Wir müssen Palästina erobern. Wirtschaftlieh und kulturell. Und wir müssen sobald wie möglich und in grossem Masstabe arbeiten. Sonst geht uns Pa l ä s - t i n a verloren. Nun hat dio Erfahrung gezeigt, dass die bisherige Arbcits» weise das Einsetzen einer grossen und sofortigen Anstrengung um die wirtschaftiiclie Eroberung Palästinas nicht hervorrufen kann. Denn man ist nicht imstande gewesen, trotz der eindringlichsten Aigtation, das nötige (leid hierfür auf/.utreiben. Nur! ist erwidert worden, wir hätten eine so gewaltige Anstrengung vorläufig gar nicht nötig. W'ir!)rauchten nicht in Kassandrarufe auszubrechcn: Heute ist cs noch Zeit, morgen schon ist das Spiel endgiltig veilorc». Demi ein Konkmrent wäre nicht vorhanden. — Diese Aussicht ist aber ein Irrtum, uud ein Irrtum, der verhängnisvoll werden kann. Wir haben alle Ursache, aui der Hut zu sein! Der Augenblick ist ernst: greifen wir nicht zu, so haben wir verloren. Denn mit der Hcdschusbalut w׳ird die Zivilution nach Palästina kommen und mit ihr das nichtjüüischo Kapital, das eben durch diese Zivilisation sicliergcstelit ist. Es wird

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