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Jüdische Rundschau · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 28 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 265 Theorie nur sekundären Wert. Das Hauptgewicht legt die Theorie auf den lückenlosen Nachweis der objektiven Bedingungen, die angeblich mit mathematischer Notwendigkeit den Sieg des Sozialismus licrbciftiltrcu. ״Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnatcn, welche alle Vorteile dieses Umwandclungsprozcsses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Druckes, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung־; aber auch die Empörung der stets anschwcllenden, durch de־.; Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit ei reichen eir.cn Punkt, w o sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt, die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt, die Expropriateurs werden expropriiert.‘* Das Endziel ist das durch die Entwicklung als unabwendi־ar Gegebene. Die Bewegung kann nur das Tempo der Ent- Wicklung beschleunigen und retardierende Momente aussclultci. Das grundlegende Verdienst, das sich Marx um den Sozialismus rworben hat, ist, wie es genannt wird, dessen Um- Wandelung aus der Utopie in die Wissenschaft. Die St. Si:non, Owen, Fourier wünschten so gut wie er das Endziel, die Vergcsellschaitung der Produktionsmittel, aber sie sahen nicht der, Weg, der zum Ziele iührte, den Mechanismus des kaoifaiistisehen Produktionsprozesses. Fourier soll bis ans Ende seines Lehens auf den Millionär gewartet haben, der ihm die Mittel zur Begründung seines Phalansterion überbrächte. Der Zionismus befindet sich noch Im vormarxistischen Stadium. Vcn der finalen Notwendigkeit des palistinischen End- Zieles ist stets gesprochen worden; die kausale Notwendigkeit hat noch keiner zu beweisen vermocht Die Versuche, die objktiven Bedingungen nachzuweisen, die uns nach Palästina führen, — Pastnanik ׳und Tiietsch haben in dieser Hinsicht manches Interessante geschrieben — haben in unseren Reihen nie Anklang gefunden. Unsere Tätigkeit war immer beschränkt auf die Erweckung der subjektiven Bedingungen der ״Bewegung.“ Aber die Bewegung als solche ist nicht notwendig mit dem Endziele verbunden; sie kann vielmehr ihre eigenen Wege gelten, genau so wie z. B. in England die proletarische Bewegung sich jahrzehntelang auf den Trade-Unionismus beschränkte, und . vom Sozialismus und der Erorbcruug der politischen Macht nichts wissen wollte, trotzdem sich doch wahrhaftig die objektiven Bcdingungen der Kapitalskonzentration und Monopolisierung in einer Weise erfüllten, wie sie fast buchstäblich den Voraussagungen der Theorie entsprach. Bei uns dagegen kann die jüdisehnationale Bewegung zu tausenderlei Dinge führen — und sie hat schon zu ihnen geführt — die mit Palästina nicht das geringste zu tun haben; z. B. die revolutionäre Bewegung der Poale-Zion in Russland, die jüdisehnationale Partei in Oesterreich» das Streben nach kultureller Renaissance in der Diaspora, die Ito usxv. Nach dem Tode Hcrzls sprach es die ERANKFURTER ZEITUNG in ihrem Gedenkartikcl aus: Hcrzls Wirken wäre ein Segen für die Ostjuden, wenn es auch zu nichts anderem führen sollte, als zu ihrer Aufrüttelung aus dem Schlafe des Ghetto. Hüten w ir uns, dass nicht die jüdisehnationale Bewegung vielen von u n s S e I b s tz w c c k wird und wir gegenüber tausenderlei an sich sehr erstrebe ns werten Di n egen das palästinische Endziel mit dem die Bewegung nicht durch kausale Momente verknüpft ist, aus dem Auge verlie rcn. Historische Entwickelung heisst nämlich für den Sozialisimis: 7 Millionen organisierte Gewerkschaftler, Stahltrust, Verstaatlich!!!!« ip allen Ländern au allen Ecken und Enden; historische Entwickelung heisst für das Judentum: Ueberhandnehmende Assimilation, Mischehe, Unlösbarkeit der Auswandererfrage ,New Yorker Ghetto. Wir kämpfen den Kampf für Judentum Iniquo Marte, gegen Wind und Sonne; Volk, Land und Judentum, die dreistreifen der Trikolore, verblassen zur gleichen Zeit. Bei allen andern Völkern fallen unter dein Druck des Kapitalismus Kultivierung und Nationalisierung zusammen; nur bei uns allein bedeutet das Eindringen der modernen Kultur ins Ghetto die Entnationalisicrung der Masse. Viele lausende fürchten den Sozialismus wie die Pest, aber glauben die Realisierung des Endzieles mit den Händen greifen zu können; viele Tausende schenken uns und unserm Endziele die w eitgehendsten Sympathien,־׳ halten es aber für unrealisierbar und utopisch• Diese fundamentale Ueberlcgcnheit der sozialistischen Theorie vom Endziel in ihrer stählernen Konstruktion über das leichte Gewebe der unsrigeu bedingt es, dass di Begriffe Bewegung und Endziel im Sozialismus ganz anderes bedeuten, wie im Zionismus. Wir sind wie Fourier in der Tat noch darauf angewiesen, dass eines Tages ein Reicher komme und uns die Millionen schenke. Was bisher wirklich Grosszügiges in der jüdischen Kolonisation geleistet wurde, geschah durch die ,,grossen Privatvermügen“ des Baron Roth- Schild und des Baron Hirsch, und ohne diese grossen Privat* vermögen wird auch in der Zukunft für uns sehr wenig zu erreichen sein. Der ganze Unterschied zwischen Sozialismus und Zionismus wird klar, wenn inan iolgende beiden Sätze, die beide gleich richtig sind, aber ganz verschiedenes bedeuten, mit einander vergleicht: 1. Rockefeiler hat den Sozialismus mehr gefördert als 100 000 organisierte Genossen. 2. Baron Rothschild hat den Zionismus mehr gefördert, als 100000 Schckelzahler. Der Unterschied liegt darin, dass Rockeiellcr wider Willen einen Teil der historischen Bedingungen zur Realisierung des Sozialismus durch seine kapitalistische Tätigkeit notwendigermassen schauen musste, während Baron Rothschild aus freien Stücken die Grundlage der jüdischen Kolonisation legte, und die Ueberiegenheit des Sozialismu j liegt darin, dass Leute wie Rockefciler fortdauernd durch d.e immanente Tendenz des kapitalistischen Produktionsprozesses neu entstehen, w'ährend leider Baron Rothschild nur ein singuläres Phänomen war. Hat man aber erkannt, und diese Erkenntnis erscheint mit als eine ganz besonders wichtige, dass die jüdischnationale Bewegung als 301 che in ihrer historisehen Entwicklung auch nach tausenderlei andern Orten führen kann w׳ie nur nacJi Jeru- Salem, während die objektiven Bedingungen für die Realisicrung des zionistischen Endzieles nicht in genügendem Masse vorhanden sind, um allein die Erreichung des Endzieles zu einer Notwendigkeit zu machen, so erscheint es mir doch gegenüber den uns anvertrauten heiligsten Gütern des jüdisehen Volkes als ein Mangel an Vcrantwortlichkeitsgefiihl, wenn man sich, wie es meine Herren Diskussionsgegner tun, zur Erreichung des Endziels ausschliesslich auf die Kraft dei Bewegung verlassen will. Ich habe in meinem vorigen Artikcl nachgewiesen, dass es vielmehr eine ganze Reihe von objektiven Bdingungen gibt, die uns in absehbarer Zeit die Erlangung wirtschaftlicher Macht in Palästina nicht nur erschweren, sondern unmöglich machen. Ich weiss genau so wie die Herren Kritiker, dass es keine Sehneilkolonisation gibt, ich weiss aber auch, dass unsere ganze Politik in den letzten Jahren auf die Erlangung von Teilkonzessioncn gerichtet war und gerichtet sein mussten, Eisenbahnkonzessionen, Bcrgwerkskoiizcssioncii usw\, weil wir bestrebt sein mussten, angesichts der naturgemäss sehr lang- Samen Entw ickelung der landwirtschaftlichen Kolonisation durch Förderung der industriellen Kolonisation das jüdische Element in Palästina zu stärken. Und von diesen Konzessionen, die

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