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Jüdische Rundschau · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 264 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 28 lung bei Fortdauer des Antisemitsmus eine schwere BedroHnng der gesamten wirtschaftlichen Stellung des Judentums in Deutschland. Als nationale Bewegung haben wir aber primäre ökonomische Interessen unserer Connationalen wahrzunehmen. per zweite Gesichtspunkt ist der, dass, solange die dcutschert luden vom Antisemitismus bedroht sind, sich ihnen die Furchtwle eine blutige Nebelwolke um die A u ge n legt und sie ausser Stande sind, als freie Menschen indische Zukunftpolitik zu verstehen. Es genügt nicht, dass wir sie innerlich zu freien Menschen zu machen versuchen; wir müssen ihnen auch die äusseren Bedingungen der Freiheit zu geben trachten, ln England, wo die Gleichberechtigung' der Juden viel weiter fortgeschritten war als bei uns. war die Stellung der Juden zu jüdischen Fragen unvergleichlich unbefangener, vernünftiger und jüdischer. Wir stehen heute tatsächlich im Kampf um die Gleiclibcrechtigung auf dem gleichen Boden wie der Zentralverein und auch die Logen. Wir vertreten denselben Rechtsstand־ Punkt der in der Verfassung niedcrgclegtcn, geschriebenen Gleichberechtigung und wir begründen den Anspruch auf überführung' der rechtlichen Gleichberechtigung in die tatsächliche elienso wie der Zentralerem damit, dass wir unsere Pilichtcn gegenüber dem deutschen Reiche voll erfüllen und gute deutsche Patrioten sind. Wir unterscheiden uns nur in zwei Dingen: das, was wir patriotisch nennen, nennt der Zentralverein deutschnational; die Differenz liegt nicht im Wesen der Sache, sondern in den» Definitionen von Staat, VolkJ und Nation. Und zweitens haben wir über dieses deutsche Minimalprogramm hinaus ein paltästinisches Maximalprograrnm, das den Rahmen der Ziele und Interessen des Zentralvereins und der Logen überschreitet. Ich bin auf Grundlage dieser Anschauungen der Überzeugung, dass mit beiden ein modus vivendi zu finden Ist und ein Zusammenarbeiten nicht nur möglich, sondern anzustreben ist. Wie soll nun dieses Zusammenarbeiten sich vollziehen? Wie soll das Handinhandgchcn aussehen? Vor allem soll man auf hören, sich gegen- Seit lg zu bekä mpf en. Es ist in dieser Beziehung schon zweifellos hüben und drüben sehr vieles besser geworden; aber cs bleibt immer noch ein zu tilgender Rest von gegen- Scltigcr Verhetzung und Verbitterung. Auch manche Zionisten haben im schlechten Tone ihr Redliches geleistet und denen, die die Nuancierung der Ausdrucksweise für so gänzlich unwesentlich In der Politik halten, sei nur angeführt, dass die durchgreifende Abwendung der deutschen Intelligenz von der Sozialdemokratie seit 1903 und bis zu einem gewissen Grade auch deren Wahlniederlage von 1907 in erster Linie verursacht wurde durch den ״Sauheerdenton", der seit dein Dresdener Parteitag immer mehr in der Sozialdemokratie aufkam. Es liegt mir fern, ein Eintreten unserer Gesinnungsgefressen en masse in den Zentralverein und in die Logen predigen zu wollen; aber es ist erfreulich, dass viele von uns Mitglicder dieser Organisation sind, die in den letzten 20 Jahren Ausserordentliches zur Hebung des jüdischen Bewusstseins in Deutschland geleistet haben. Die Mitarbeit unserer Gesinnungsgenossen kann nur dazu beitragen, dem seitens dieser Organisationen gepflegten jüdischen B c - wusstsein eine intensivere Färbung zu geben und deren Mitgliedern auch unser palästinisches Programm näher zu bringen. Der Hauptpunkt unseres Zusammengehens muss aber der sein, dass wir dem Zcntralvcrein und dem Verband klar machen, wir störten Ihre politische Betätigung in Deutschland i'.icht nur nicht, sondern wir erklärten uns mit ihr solidarisch. Die Resolution des Breslauer Delegiertentages bezüglich der Stellungnahme der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zur deutschen inneren PolKik erscheint mir daher nicht vollständig. Wir hatten ursprünglich eine Resolution beantragt, in deren erstem Satze cs hiess, dass die Interessen der Na- 1 i n a 1 - .111 d c n i n d c r i n n c r c n deutschen Politik m i t d e n e n der gesamten deutschen J u d e n h e i t i d e n t i s e 11 s i 11 •J. Der einzige Differcnzpunkt, der auf diesen! Gebiete möglich wäre, beträfe vielleicht die Stellung der ausländischen Juden in Deutschland. Hier müssen wir Zionisten unbedingt fordern, dass die Rechtslage der ausländischen Juden so günstig wie möglich gestaltet wird, dass ihnen die Möglichkeit der Naturalisation in weitestem Umfange gegeben wird. Manche Kreise des Zentralvercins und auch des Ver- Landes mögen liier noch aus Ängstlichkeit und Kurzsichtigkeit eine falsche Politik treiben wollen; aber es liegt logisch so klar, dass jede Zurücksetzung von Ausländern, nur weil sic Juden sind, ein Schlag ins Gesicht auch der Juden ist, die deutsche Staatsbürger sind, dass die Rezeption des Ausländerpunktes in die Glcichbcrcchti gungsf order ungen aller Kreise der deutschen Judenheit! ur eine Frage der Zeit sein kann. Nach obigen Ausführungen ist es klar, dass das erste der zu Anfang aufgcstcllten Postulate mir durch Zusammengehen mit Zcntralvcrein, Logen und Verband erreicht werden kann aber auch dem zweiten kann nur auf diesem Wege in weiterem Umfange genügt werde!! als es bisher der Fall war. Aui die Frage .,Wie bekommen w ir die .deutschen Juden?“ hat der eine der Herren Kritiker geantwortet: .,Dann eben ohne sie!“ und der zweite In der Tat, wie erwartet: ״Wir müssen fleissig weiter agitieren.“ J Es gibt verschiedene Definitionen von Politik. Definiert man sie, wie jemand einmal im Scherz sagte, als die ״Kondcnsicrung von Gefühlen.“ so haben die Herren Kritiker recht; betrachtet man sie als die Kunst des Erreichbaren und die Wahrung der eigenen Interessen, so dürfen wir zwar, was ich schon in meinem ersten Artikel betonte, die Agitation für unsere eigene Organisation in keiner Weise vernachlässigen, ua wir nur als grosser Conccrn geachtet und verhandlungsfähig sind; wir müssen aber über den Rahmen unserer eigenen Organisation hinaus danach trachten, auf eilen Gebieten, auf denen cs gilt, jüdische Interessen zu vertreten, — und diese Gebiete sind ohne Zahl —, auf Basis des ״bewussten Judentums“ mit N i c 111 z i o n i s t e 11 zusammen zu arbeiten, ihnen aus dem Borne unserer nationaljüdischen Weltanschauung neue Anregungen zu geben und ihnen in der 0 Kleinarbeit des Tages und durch die Tat zu bcw׳eisen, dass die Zukunft des Judentums und das gesamte jüdische Interesse tatsächlich in der Richtung unseres zionistischen Programms liegen. Dieses Streben nach Zusammenarbeiten auf gemeinsanier, bewusst jüdischer Basis hat in tu.scrn Reihen schon seit einigen Jahren eingesetzt, aber es kann immer noch ausserordentlich ausgedehnt werden, und cs dürfte für uns von grossem Nutzen werden, wenn in der Tat eines Tages Zionisten überall dort im Vordcrgunde stehen, wo jüdische Interessen verteidigt werden. Es sei zugcgcl>e!1, dass diese Politik der Infiltration, der Penetration pacifiiiuc, der Anwendung des Prinzips der Kleinkolonisation auf die Methode der zionistischen Agitation auch eine Politik ä la longue ist, wenn sie auch nicht in so unabschbarai Zeiten Resultate zeitigen dürfte, wie die derjenigen, welche nur durch nationale Agitation und Erziehung der Jugend den Zionismus in Deutschland ausbreiten wollen. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass auch diese Politik, die ich Üir unsere Agitation in Deutschland eben skizziert habe, erst leider so spät Früchte zeitigen wird, dass bis dahin Palästina in fremdem Besitze sein wird, so dass Bewegung und Endziel auscinaudcriallcn. Bewegung und Endziel, das sei einmal klargestellt, sind nämlich im So zliaI is!1! us etwas ganz anderes 'vie im Zionismus. Die subjektiven Bedingungen der Erreichung des Endzieles werden durch die ״Bewegung״ geschaffen. Auf diese Bewegung legte aber die ursprüngliche Marxscho

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