Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 260 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 27 Dieser ׳ Manuel veranlasse den Verband der Deutschen Juden eine Darstellung des durch 8 •10 V.U.Q. umschriebenen Rechtszustandes «eben zu lassen. Es handelt sich erst um einen ersten Versuch, aber die umfassende Sammlung und die versuchte objektive Darstellung bieten ein reiches Material und der wörtliche Abdruck der einschlägigen Gesetze, Ver- Ordnungen und höchstinstanzlichcn Entscheidungen ist von grossem Werte für jede Beschäftigung mit der rechtlichen Lage der Juden im Sckulbetricbe und in Prcussen überhaupt. Ein antisemitischer Antrag Wien, 27.' Juno Oie gestrige Sitzung des Abgeordnetenhanscs. die den Staatshaushalt erledigte, endigte erst um zwei Uhr nachts. Die erregte Stimmung hielt bis zum Schluss an- Mit der grössten Spannung wurde die namentliche Abstimmmi,־ über den christlich-sozialen Antrag verfolgt. Die Regierung solle Erhebungen pflegen, wie das Zifitrnverliültnis der jiidischeu zu den christlichen Mittelschülern cinigermassen mit den Bevölkerungsziffern in Einklang zu bringen sei. Der Antrag wurde mit 205 gegen 162 Stimmen abgclehnt. Dafür stimmten alle Christlichsozialen bis auf drei, darnnte.־׳ Präsident Weiskirclincr. die sich entfernten, die siidslavischcn. tschechischen und italienischen Klerikalen, die deiitschradikalci! und einige Deutscluiationalc. Die parlamentarischen .Minister enthielten sich der Abstimmung, deren Ergebnis die Deutschradikale״ mit lauten Rufen: ״Jiidcnkiieehtc“ auinahmeit. Druck und Schikane Der reaktionäre Kurs im russischen Kultusministerium hat, wie man unter dem 27. Juni aus Petersburg schreibt, die jüdische Bevölkerung besonders schwer getroiien. Hintereinander hageln .Massnahme;.tu .Massnahme, durch die den Juden jede Bildungsmöglichkeit genommen wird. Die Prozentsatz norm wird wie in den finstersten Zeiten strikte eingcludtcn. Dies gilt nicht nur für für die Mittel- und Hochschulen, sondern auch als Neuerung iiir die zahnärztlichen Lehranstalten, die von den Juden höchstens in einem Prozent- Verhältnis von 5 bis 10 Prozent besucht werden dürfen, wenn sie ihnen nicht gänzlich verschlossen sind. Früher gab cs nun wenigstens unter den freien Hörern und Hörerinnen eine bcträchtliche Anzahl von Juden; allein dies Institut ist durch Verfügung des Ministeriums über Nacht abgeschabt worden. Zur weiteren Bedrückung der Juden ist die Zahl derer, die als ״Wilde“־• zum Abiturientencxamen zugelasscn werden, wesentlich eingeschränkt worden. Vielleicht die ärgste Massregel Ist jedoch die gegen die jüdischen Privatgymnasien gerichtete. Von den Kronschulcu fast ausgeschhVsen. hatte die jüdische Bevölkerung in ihrem uitbez.w inglichen Drang nach Bildung eine Reihe von höheren Privatschulen, die die Rechte von Kronschulen hatten, ins Leben gernien. Mit einem Male sind diese Schulen jetzt ihrer Rechte beraubt worden. Druck und Schikane auf Schritt und Tritt! Da sind die Verfügungen, dass Kronstipendien an Juden nicht zu verleihen seien, nur noch, wie eine feine Ironie. Dr. Paul Nathan über seine zweite Palästina Reise (F.ine Unterredung aus der WEXT.) Herr Dr. Paul Nathan ist vor einigen Tagen von seiner zweiten Palästinareise zurückgekehrt und wir Hessen uns die Gelegenheit nicht entgelten, um den Hauptinspirator und tatsächlichen Leiter des Hilisxercins über den Vornehmheiten Zweck seines diesmaligen Besuches des heiligen Landes zu befragen* * ״Neben verschiedenen anderen Zielen,“ sagte Dr. Nathan, ״die ich bei meiner diesmaligen Reise nach Syrien und Palüstiua im Auge hatte, war meine Hauptaufgabe, die jetzt spruchreif gewordene Frage der Errichtung einer technischen Schule in Palästina an Ort und Stelle zu studieren:‘ ״Welchem Typus soll die vom Hilfsverein geplante tech• nischc Schute eigentlich angehören? Handelt es sich um cii! mittleres Technikum, oder um eine technische Aufaugsschule?‘־ ״Wir dcaiken vorläufig“ antwortete Dr. Nathan, ״eine technische Schule nach der Art der amerikanischen Manuel Training School einzurichten, in der sich die Schüler auf ihre zukünftigen technischen Bcruie vorzubereiten hätten und an die..wir dann später ein mittleres Technikum und, wenn inzwischen die Entwickelung der Dinge so weit gediehen ist, auch eine höhere technische Lehranstalt angücdcrn können. Im Schulwesen muss man eben alles von unten nach oben aüibauen.“ *;Und•wo soll diese Schule errichtet werden?“ ״Das ist eben zur Zeit die wichtigste Vorfrage, die wir zu entscheiden haben und zu deren Lösung Ich in Palästina viel Material gesammelt habe. Es liegt auf der Hand, dass die Frage des Sitzes einer technischen Lehranstalt in einem in uem Anfangsstadium der Entwickelung begriffenen Lande wie Palästina von ganz hervorragender Bedeutung Ist für die Existenz den Schule selbst, sowie für die Ortschaft, in der sie beherbergt werden soll. Das begreifen auch die Juden in Palüstiua sehr wohl und darum bewerben sich verschiedene Städte um die von uns geplante Schule. Eine» cndgiltigen Beschluss über diese Frage wird aber erst das Kuratorium zu fassen haben, dem ich das von mir gesammelte Material unterbreiten werde.“ ״Und glauben Sie. dass es bald geschehen wird?“ ״Natürlich, so schnell wie möglich, aber die Mitglieder des Kuratoriums wohnen in verschiedenen Ländern und cs dtiiite wohl einige Zeit vergehen, bis mau sie zu einer Sitzung wird zusammentrommeln können.“ ״Und gibt cs nicht noch eine wichtigere Vorfrage zu entscheiden, die finanzielle nändicii? Bei der Gründlichkeit, mit der der Hilfsverein in allen seinen Unternehmungen und ganz speziell im Schulwesen vorzugehen pflegt, wird doch wohl and» die geplante technische Atituligsschule eine ansehnliche Geldsumme, vielleicht sogar 1U bis 2 Millionen benötigen?" ״Die Grösse der n-i’tigen Summe lässt sieh im Augenblick iicilich nicht mit Exaktheit angebcii. wir werden aber ganz gewiss bei der Verwirklichung unseres Planes keinen imiiberv.ir.dlichen Schwierigkeiten begegnen. Das steht schon je♦/( fest,“ sagte Dr. Nathan mit grosser Bestimmtheit. ״Und wie steht es mit der Unterrichtssprache in dieser zukünftigen Lehranstalt? Die Anschauungen des Hilfsvcrcii:י Eher diese Frage sind zwar bereits bekannt und Sie persönlich Icheu sic!; ja auch darüber wiederholt i!1 Wort und Schrift gcaassert. Gilt aber Ihre Meinung von der Präponderanz der hebräischen Sprache palästinischen Schulwesen auch für die technische. Schule? Technische Fächer in der hebräischen Sprache zu unterrichten, dürfte doch noch sehr schwer fallen.“ Herrn Dr. Nathan scheint diese Frage besonders am Herze!! zu liegen, und er aussertc sich darüber sehr klar, und deutlich: ioi. UIW i I UjsW w«| VI■»»• | IVIItU^piUVIlV .. . - zugsweise pädagogisch-technische und cs wird Sache des, Lehrerkollegiums sein zu entscheiden, in welcher Sprache jedes Fach zu unterrichten sei. Das lässt sich aber Jetzt schm; sagen; Was zur Zeit vielleicht noch mit grossen Schwierigkeiten verbunden sein dürfte, nämlich^ Lehrer zu finden, die technische Fächer in der hebräischen Sprache lehren könnten, wird vielleicht schon nach 5—6 Jahren möglich sein. F.s wird demnach auch in der technischen Schule vorzugsweise die hebräische Sprache als die zukünftige Hauptsprache der jiidisehen Bevölkerung des Landes gepflegt werde». Dann soll auch der deutschen Sprache, die die europäische Kultur vermittein soll, ein breiter Spielraum gewährt werden und schliesslich wird man in der technischen Schule auch der englischen Sprache als derjenigen, die für Techniker von besgndercr Bedeutung ist. einett gewissen Platz cinräumen müssen.‘‘ .w,. uviiiuMv 11mnm.Hr ute ueicgenncit. um etwas über die nach dem Jaffaer Zwischenfall herrschende Stimmung in Palüstina zu erfahren. ״Glauben Sie nicht, dass dieser traurige Zwischenfall auf den elementaren Ausbruch irgend eines latent vorhandenen Antisemitismus zurückzuführen sei?‘‘ ״Aber ganz und gar nicht," erwiederte Herr Dr. Nathan mit grosser Bestimmtheit. ״Soweit ich cs beobachten konnte, kann in Palästina von irgend welchen antisemitischen Etttpfir.dungen und Gesinnungen der ansässigen Bevölkerung abs> Int keine Rede sein. Es handelte sich somit in diesem betriibenden Falle wirklich nur um die Individuelle Tat eines einzelnett untergeordneten türkischen Beamten, der wohl überliaupt ein fanatischer Fremdenhasser sein mag und nun sein Mütchii an den Juden, als den Schwächeren, gekühlt hat." ״Hat aber dieser Zwischenfall keine schlechten Spure״ in der Stimmung der jüdischen Bevölkerung und in ihrem Verhältnissc zu den NicUtjudcn!unterlassen?“ ״Aber der Zwischenfall von dem Sie reden, ist ja voll• ständig erledigt, und’,wir müssen ztigeben, zur vollen Zufric* duiheit der Juden. Der betreffende Beamte, der sehr prompt, wie Sie wissen, seines Amtes enthoben wurde, sitzt lioch Ins auf den heutigen Tag in Konstantinopel ohne Stellung. Ja. wir können wirklich konstatieren, schloss Herr Dr. Nathan unsere Unterredung, dass die türkische Zentralbehörde sich in diesem Falle ganz ausserordentlich korrekt den palästinischen Juden gegenüber benommen hat und ihnen volle Satisfaktion in dankenswert prompter Weise, zukommen Hess. R.