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Jüdische Rundschau · 1908-06-26 · Heft 26 (26.6.1908) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 252 zweitens dieser Gerichtshof gegenüber den Behörden nicht zuständig sei. Damit wurde es entschieden, dass die Wahrheit über Bjalystok in diesem Gerichtssaal begraben werde. Aus Petersburg wird ferner unter dem 19. Juni telegraphiert: Um die Bjalystoker Richter noch mehr einzuschiichtern. veröffentlicht die letzte Nummer der RUSSKOJK SN'AMJA, des Hauptorg'ans des Schwarzen Hundert, folgenden Aufruf an die ״russischen Leute“: ״Das Herz blutet und die Seele wird von Zorn erfüllt, wenn man liest, wie die rechtgläubigen Russen und unser ruhmreiches Militär im gegenwärtigen Bjalystoker Pogromprozess von Kadetten verhöhnt werden. Indes seid getrost, russische Leute, und seid dessen eingedenk, dass jemehr die Feinde des Menschengeschlechtes uns verhöhnen, desto näher die Stunde der Rache ist. Wie sehr sich auch unsere Feinde, anstrengen mögen. sie werden nicht triumphicrcn. Wenn aucli der altersschwache Gerichtsvorsitzende die frechen ״Freihcitshelden" nicht im Zaume halten kann oder will, so wird doch, gebs Gott, unser Zar ein ungerechtes Urteil über die Verteidiger des christlichen Glaubens, der russischen Nationalität und der Zarengcwalt nicht zulassen. Noch gibt cs in Russland eine höchste Gerichtsbarkeit: das ist unser selbstherrschendcr Zar. Wendet Luch an ihn um Schutz für unsere Brüder, die von den Bjalystoker Juristen beleidigt und gefoltert werden. Denn unermüdlich ist der Zar in Beweisen seiner Gerechtigkeit. Da habt ihr eine lange Liste.“ Und nun kommt eine zwei Spalten lange Liste der Allerhöchst begnadigten Plünderer und Mörder. Trotz ihres Umfanges ist diese Liste allerdings nicht vollständig. Uebcr 5t0׳ Personen, d. h. mehr als die Hälfte aller wegen Beteiligung an Pogromen Verurteilter., sind begnadigt worden. Der ganze Aufruf kurz vor der Urteüssprechung soll die Leistungen des Untersuchungsrichters und des Staatsanwalts übertrumpfen und die Richter vor jeglicher Aufhellung der Pogromtatsachen völlig abschreckcn. Denn nichts ist hier iiir Beamte gefahrdrohender als die Rachsucht des Schwarzen Hundert. Bjalystok, 19. Juni. Die Gerichts-irzte haben konstatiert, dass die Wunden, welche einige Christen während des Pogronis auf der Strasse erhalten haben, von Flintenkugeln her- 1 uhren. Die mysteriöse, von den Juden angeblich geschleuderte Bombe zerrinnt damit in nichts. Die schwerbctroffenen Juden schildern ergreifende Szenen von Raub und Mord in Gegenwart und unter Mitwirkung der Polizei und des Militärs: doch werden sic vom Vorsitzenden oftmals unterbrochen und zur ״Beachtung des Anklägerinnen?.“ gemahnt. Nur in drei Fällen beschliesst das Gericht gegen Polizisten und Soldaten, die überhaupt unverfolgt bleiben, eine ergänzende Untersuchung in die Wege leiten zu lassen. Im weiteren Verlauic der Verhandlungen wurden vom Bczirksg'cricM folgende Zeugen vernommen: Der Geistliche Kanonikus Wilhelm Schwarz, der ertliche Dekan, hat den Pogrom nicht vorhcrgcsclten. du im Laufe von 38 Jahren zwischen Christen und Juden keine Streitigkeiten bestanden. Aus diesem Grunde habe er auch eine jüdische Delegation beruhigt, die sich an ihn gewandt hatte. Der Geistliche Ben011 Kaj, der örtliche Vikar, sagte׳ aus, dass, als die Prozession nach der Kirche zurückkchrte. er auf dem Ringe einen Polizisten bemerkt hätte, der aut einen fliehenden Juden und eine Jüdin gesch״fiet1_habe. Vom Fenster des Pfarrhauses aus. habe er den Angriff auf den Laden des Kaufmanns Kaplan gesehen. Aus diesem Laden hatte ein Soldat oder ein Polizist Waren auf die Strasse herausgeworfen. Der Zeuge will auch einen Polizisten gesehen haben, der geraubten Wein trank. Bondarck, Pristuw des 3. Polizeibezirks, sagte aus. dass er mit 18 Polizisten der orthodoxen Prozession voranschritt. Ein Mitglied der Bruderschaft habe ihm gesagt, dass eine bombe geworfen werde. Auf dem Balkon des Hauses Makowski an der Warschawskastrasse sali er zwei Personen. die aus Revolvern schossen (ihm scheint1 es. das es Juden waren). Gleichzeitig hörte er die Bombe explodieren. Die Apotheke von Knohclsdori begann mau zu plündern. Der damalige Polizeimeistr Radecki befahl am Vorabend des Pogroms eventuelle Gewultatcu der Juden energisch zu unterdrücken. Im Bedarfsfälle sollte man das Militär requiriergi. L. W. Koste c k i. der Pristaw des d. Polizeibezirks war Lei der Revision in! Hause Makowski anwesend, aus dem man auf die orthodoxe Prozession geschossen haben soll. In der Dachstube fand er Frauen. Greise und Kinder, die er verhaftete. Die Wohnung, aus der Anarchisten geschossen hatten, war leer. Waffen fand man nicht. Auf der Strasse lagen Tote uad Verwundete, im Hausflur auf der Treppe lag ein getöteter Schüler der Realschule. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni bemerkte der Zeuge in der Bäckerei von Press zwei Soldaten und drei junge Juden. In der Meinung, dass sic verkleidete Juden seien, verhaftete er alle. Die Soldaten wurden bald aus der Haft entlassen, die Juden aber weiter lehalten. Wer zwei von ihnen auf dem Hofe des Polizei־; bczirks gelötet hat, weiss der Zeugen nicht anzugeben. Auf die Frage des Rechtsanwalts Chomcntowski. ob der Zeuge. Pristaw Kostccki. die im Hilfe bittenden Juden in Bojary verteidigt batte, konnte der Zeuge nicht antworten. Was geschall mit den Verhafteten? Er wisse es nicht. Nikolai C i n c e w i c z. ein Post- und Telegraplicnbcatntcr, nahm mit seiner F’rau an der Prozession teil. Bei der Post horte er Rcvolvor.vchiissc. Ein Beamter rief aus der Reichs-, bank Soldaten herbei. Diese knieten hin und gaben auf die Menge Gewehrschüsse ab. Bald darauf begann der Pogrom, von dem er einige Tage zuvor gehört hatte. Der orthodoxe Geistliche W i z i c r s k i j sagte aus, dass in die Prozession nicht nur aus dem Makowskiscben Hause, sondern auch aus dem Hause des jüdischen Wohltätigkeits- \ereins geschossen worden war. Der Geistlich״ Kaliszewicz sagte aus. dass er persöulicl! die plündernde Menge aufforderte, auseinanderzugehen, darauf antwortete ihm ein anständig gekleidetes Individuum: ..Ihr, Batiüszka. habt Eures gemacht, gehet und störet uns nicht.“ Der Zeuge Pawel Trochimczuk sagte aus. dass das Gericht von der Ermordung eines Geistlichen dadurch entstanden war. weil der orthodoxe Geistliche Tiaszlaw sich im Postgebäne auige halten habe und mit der Prozession nach dem Sobor nicht zurückgekehrt sei. Fr habe damals dem Sterbenden scclsorgctischen Trost zugcsprochcn. Bjalystok, 21 Juni. (Telegramm des Hiüsvercins.) Gestern wurde das Urteil im Bialystoker Pogromprozesse kündet. Es wurden 12 Angeklagte zu Gefängnisstrafen von 8 Monaten bis 1 Jahr Gefängnis. Die übrigen 17 Angeklagten wurden ireigesprochen. Die Zivilkhiger verzichteten darauf, ihre Schadensersatz-;!!!Sprüche geltend zu machen. I Judenverfolgungen durch das Ministerium für Volksaufklärung Der reaktionäre Kurs im Kultusministerium Schwarz hat ditjiidische Bevölkerung besonders schwer getroffen. Hintercuirnder hageln Massnahme auf Massnahme, durch die den Juden jede Bildungsmöglichkeit genommen wird. Die Prozentsatznorm wird wie in den finstersten Zeiten strikte eingehalten. Dies gilt nicht nur für die Mittel- und Hochschulen, sondern auch als Neuerung für die zahnärztlichen Lehranstillten, die von den Juden höchstens in einem Prozcntverliältnis von 3-10 Prozent besucht werden dürfen, wenn sie iluien nicht gänzlich verschlossen sind. Früher gab es nun wenigstens unter den freien Hörern und Hörerinnen eine beträchtliclic Anzahl von Juden: allein dieses Institut ist durch Verfügung• des Ministeriums über Nacht abgeschafit worden. Zur weiteren Bedrückung der Juden ist die Zahl derer, die als ..Wilde“ zun! Abiturientenexamen /»gelassen werden, wesentlich eingeschränkt worden. Vielleicht die ärgste Massregel ist jedreh die gegen die jüdischen Privatgynmasieii gerichtete. Von den Kronschulen fast ausgeschlossen, hatte die jüdische Bevulkerung in ihrem unbezw iugliclien Drang nach Bildung eine Reihe von höheren Privatschulen, die die Reclte von Krönschulen hatten, ins Leben gerufen. Mit einem Male sind diese Schulen jetzt ihrer Rechte beraubt worden. Druck und Schikaue auf Schritt und Tritt! Da sind die Verfügungen, dass Kronstipcndicn an Juden nicht zu verleihen seien, nur noch wie eine feine Ironie. 1 Oekonomische Krisis in Odessa Aus Odessa wild der N. J. K. gesell riehen: Der hiesige ..Russische Verein", eine Filiale des ״Ver- Landes der echtrussischen Leute“ entfaltet eine rege Propagauda für den Boykott der jüdischen Kaufleute. Es werden Aiihufe verteilt, die die systematische ökonomische Vernichtung der Juden fordern. Man hofft offenbar auf diese Weise besser und geräuschloser das Ziel zu erreichen, das durch die Pogroms mir unvollkommen um! unter zu vielen Unannchtiiliclikciceii angestrebt wurde. Die Odcssaer Stadtvcrwaltung unterstützt nach Möglichkeit diese Machinationen, die bereits recht unangenehme Erfolge haben. Die iüdischen Gewerbetreibenden sehen dieser Agitation infolgedessen mit grosser Besorgnis entgegen, umsomehr als unter dem herrsehenden Regime an Abwehrmassregeln nicht zu denken ist

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