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Jüdische Rundschau · 1908-06-26 · Heft 26 (26.6.1908) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 251 werden, wenn ihr nur vernünftig'sein und Verstand haben welltet, könntet ihr dasselbe auch leicht ausführen." Noch au» selben Tage haben mehrere jüdische Eltern ihre Kinder aus der Sehule herausgenotumen. Aber hierbei sollte cs nicht sein Bewenden haben, man müsste endlich einmal mit aller Energie gegen den Unfug der galizischen Lehrerinnen und ihre Helfershelfer auitreten. Die zionistischen Abgeordlitten werden sicherlich Gelegenheit nehmen, diese Seelenfür.gerci geeigneten Ortes ins rechte Licht zu setzen. Reformen für die Einwanderer in England Aus London wird der NEUEN JÜDISCHEN KOR- RESPONDFNZ geschrieben: Die vereinigten Vorsteher aller jüdischen Gemeinden Englands richteten ein Gesuch an die Regierung, in dem die sofortige Durchführung einer Anzahl wichtiger Reformen für die Einwanderer gefordert wird. Zunächst wird der Bau von Häusern gefordert, in denen die Emigranten wohnen können, bis die Streitfragen mit den Einwauderungsbehörden erledigt sind. Dieses Verlangen wird motiviert durch felgende Schilderung des gegenwärtigen Zustandes: Der Beamte ordnet z. B. nach seiner Auflassung des Gesetzes, d. 11. der sogenannten .,Aniti-Alicn-Bili" an, dass dieser oder jener Einwanderer das Land nicht betreten dürfe. Alsdann darf der Einwanderer das Schiff nicht verlassen, bis die Imrnigrations- Kommission etwa das Urteil des Beamten kassiei t und eine dem Fremden günstige Entsche:Jung gefällt bat. Nun tritt aber sehr oft der Fall ein. dass das Schiff nicht die Zeit abwarten kann, bis die Entscheidung der Kommission eintrifft. Dem Emigranten bleibt also weiter nichts übrig, als mit dem Schiit w e i t e r zu fahren, gleichviel w o 11 i n i h n dieses führe. Diesem ,.wandernden Elend" soll durch den Bau von Emigrantenhauser!! abgehoben werden. Während letzt der Emigrant also tatsächlich gar kein Recht auf Appellation gegen die Massnahme des ersten Beamten liat. weil er die Entscheidung der Kommission in den meisten Fällen nicht ahwarten kann, soll er in Zukunft in einem speziell für solche Einwanderer bestimmten Hause solange wohnen dürfen, bis seine E'rage definitiv geklärt ist. In dem Gesetzentwurf der Regierung über die Verbesserung der englischen Häfen ist der Bau solcher Emigrantenhäuser als wünschenswert bezeichnet. Die Vorsteher der jüdischen Gemeinden fordern nun. dass die Erreichung dieser Gebäude nicht nur als wiinschenswert bezeichnet, sondern als notwendig gesetzlich icstgelcgt werden sollte. Weiter wird verlangt, dass dem Emigranten eine zweite Appellation an die ordentlichen Gerichte gestattet werden solle. Und schliesslich wird die Anstellung von geeigneten Dolmetschern gefordert, die dem des Englischen unkundigen Emigranten ermöglichen, vor der Kommission und evtl, vor den Gerichten sein Recht zu finden. Der Bjalystoker Pogromprozess Der RUSS. KORR, wird aus Petersburg von! 17. Juni geschrieben: Trotzdem die russische Gesellschaft nach den unzähligen Opfern an Gut und Blut den reaktionären Brutalitäten gegenüber so ziemlich abgestumpft ist und die fortlaufenden Willkürakte mit müdem Gleichmut auinimmt, ist sie doch über die Earcc empört, die letzt in Bjalystok in schamloser Weise mit dem Pogromprozess gespielt wird.. Bis in konservative Kreise hinein will man sich mit dem Gedanken nicht versöhnen, dass die fürchterliche Bhuäbersehwemmung, von der die Stadt Bjalystok vor genau zwei Jahren unter den Auspicien und unter der Leitung der lokalen Zivil- und Militärbehörden betroffen wurde, ungesiilmt bleiben sali. Und doch stellt es schon fest, dass die Gerichtsverhandlungen von Bjalystok die berüchtigten Pogromprozesse von Kisehinew׳, Hornel. Kiew 11. a. in den Schatten stellen werden. Alles geht von Anfang an wie nach dem Schnürchen, und ein jedes Kind weiss es bereits in Bialystok. dass nicht eine Spur von Gcrechtigkcitsgefiihl das Bjalystoker Tribunal erleuchten wird. Allein, damit ist es nicht genug, dass die Leute, die die 82 bestialischen Mordtaten. 70 schwere Verwundungen, zahllose Misshandlungen mul Plünderungen auf dein Gewissen haben, der Strafe entgehen werden: der russischen Btireaukratie handelt es sieh darum, durch die gröbsten Vergewaltigungen die önentliche Meinung zu fälschen und die Pogroinstinuming zu!»;ihren. Denn Pogrome können immer wieder von nuten sein. So hat es die Anklageschrift unter der Hand eines ..echtrussischen“ Untersuchungsrichters fertig gebracht, den Pogrom von Bjalystok den Juden in die Schuhe zu schieben. Erstens hätten sich die Juden am Vorabend des Pogroms, als die Vorbereitungen offenkundig w urden, aus der Stadt geflüchtet, und dadurch die christliche Bevölkerung geärgert, zweitens hätten sie eine Selbstwehr organisiert, drittens hätten sie die religiöse Prozession beschossen, eine Bombe geschleudert, gegen das Militär gefeuert nsw. Was will es besagen, dass alle diese Angaben von Bomben, von Beschicssungcu des Militärs durch luden reinste Fabel sind? Da muss man der NO WO JE W REM JA recht geben, wenn sic fragt, warum die Schuldigen unter den Juden nicht vors Gericht gezogen sind. Denn wie mm einmal die Farce eines Pogromprozcsses vor sich geht, sind auch hier Angeklagte da, die die Greuel vollzogen haben sollen. Da sitzen 30 stumpfe Gestalten auf der Anklagebank, blinde Werkzeuge, die nicht einmal für die Rolle eines Siindenboeks sich besonders eignen, die es aber nicht verstehen, wozu der ganze Rummel sei. denn das wissen auch sie. dass sie schliesslich * in Bialystok oder in Zarskoje Selo — von der Strafe befreit werden würden. Ist es doch, so ungeheuerlich cs klingt, Tatsache, dass diese Mörder und Räuber bis zum Prozesse und auch jetzt auf freiem Fusse geblichen sind. Der Gerichtshof verfährt nun einmal konsequent. Zeugen, deren Vorladung von den Zivllhehördcn beantragt wird, werden nicht ziißchtsscn, andere ausgcschaltet. So hat er au cf; die Klage eines wohlhabenden Juden Nawiaschky. dessen Bruder ermordet wurde, während er selbst eine schwere Wunde davon trag, und deswegen seitdem im Auslände sich kurieren muss, nur deswegen ziiriiekgew iesen. weil der Mann persönlich nicht erscheinen konnte: infolgedessen wurden auch die ■11 Zeugen, die über die Ermordung Nawiaschky’s aussageu sollten, abgewiesen, wohi mit Rücksicht darauf, dass sie zu den gebildeten Klassen geboren. Allerdings machen.auch die offiziellen Zeugen wider Willen Aussagen, die komprimittierender Natur sind. So schildert Oberst T i a s c 1. c 1;1 i k 0 w. der während des Pogroms Chef des Stal!es des Scmitzrayoiis war und jetzt Oehilie des Generalgouvcrnairs ist. seine Erlebnisse iolgendermassen: Am 1. Juni l’Jüö sei er um 10 Uhr morgens aus dem Lager in die Stadt gekommen. Alles sei still und ruhig gewesen, so dass er die Uchcrzcugung gewonnen hätte, dass Exzesse nicht stattfinden würden. Derselben Ansicht seien auch der Polizeimeister Radetzky und Oberst Woitzcchowski gewesen, und er habe in diesem Sinne den Chef der Schtitztruppen von Bjalystok, General Bogaicwsky. berichtet. Da sei nach etwa 10 Minuten General a. D. Bcsirow gekommen und habe erzähl;, dass eine Bombe in die katholische Prozession geworfen worden sei. Indes dieses Gerücht habe sich als falsch erwiesen so dass er zum General Bogaicwsky soiort zuiückgckehrt sei. Hier aber habe ihm ein Unbekannter telephoniscli ni'tgeteilt. dass ein Pogrom ausgebroclien und das Schutzamt in Gefahr sei. Auf dem Wege dorthin habe er eine Kanonade vernommen, und neben der Kathedrale hätte er eine Kompagnie Soldaten gesehen, die die Strasse und die benachbarten Häuser beschossen. Der Offizier habe ihm erklart ,dass die Soldaten aut' die Beschicssung der. katholischen Prozession durch die Juden die Antwort erteilten. Auf dem Marktplatze habe er wiederum eine Soldatenkettc gefunden, die durch die Fenster in die jüdischen Wohnungen feuerte. Auch hier hätte man ihm gesagt, dass das Bombardement durch Ucberfällc seitens der Juden hervorgerufen sei. Auf dem Marktplätze seien dann zwei Polizcipristaws an ihn herangegangen und hätten ihm gesagt, dass die Juden christliche Wobnimgen demolierten und dass int Waide eine Versammlung von zweitausend jungen Juden den Plan weiterer Handlungen bespreche. Militäraufgebote seien hingeseMckt worden, aber die Berichte hätten sich a!;> grundlos erwiesen. Der Zeuge erzählt weiter, w ie er von Gerüchten gehört habe, wonach die Juden am 3. Juni die Staatsgchüude beschossen und in der Nacht zum 5. Juni den Bahnhof und den Divisionsstab attakiert hätten. ,.Also hätten die Juden fragt ihn ein Vertreter der Zivilkläger. S k a r j a t i n , ein ehemaliger Richter — drei Tage lang gegen Militär gefeuert; wieviel Soldaten wurden nun getötet?" ״Kein einziger!“ ״Wurde jemand von den Progomaktiven getötet?" ״Nein, niemand!" ,.Nun. unu wieviel Juden wurden ermordet?‘ ״Kann mich nicht erinnern. Ich sah 12 Leichname." Waren auf der Surascherstrasse keine Militürahtcihingen auigcsteUt?“ ״Keine.** ״War. dort der Pogrom?" ״Nein!" Man sieht, wie der Verteidiger nur auf Umwegen seine Fragen bezüglich des Militärs zu stellen sucht. Geradeaus dürfen doch keine derartigen Fragen gerichtet werden, und die Bemühungen der Zivilkläger sind natürlich erfolglos. Denn der Vorsitzende kennt seine Schuldigkeit gegen die Behörden. Als Skariatin an den genannten Obersten die Kardinalfrage richtet, w ic es gekommen sei, dass die Militärbehörden, ohne von der Zivilobrigkeit dazu aufgefordert zu sein, das Kommando über die Stadt übernommen iiabe, da fährt der Vorsitzende mit der Erklärung dazwischen, der Gerichtshof J.abe den Beschluss gefasst, dass er nicht bevollmächtigt sei. die Handlungsweise 1 uer Militär- und Ziviihehörden zu prüfen, weil dies erstens I über den Rahmen der vorliegenden Anklage gehe und weü

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