Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 250 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 26 vor vier Jahrhunderten — damals hatte bereits das Welt- Kericht das Urteil gesprochen — den Vcrstos-senen Israels eine neue Hdinat auftrat, unter den Auspicien der B'nc B'rith-L־׳gc eine Bibliothek gegründet, die zu Ehren des Mannes, in dessen Leben sich die Grosse und Tragik jener Zeit widerspiegelt, den Namen ״Ml drasch A bar bauet“ erhielt. Aus kleinen Anfängen hat sich diese Bibliothek im ersten Dezennium ihres Bestehens gedeihlich entwickelt. Durch die grossartige Schenkung des hochherzigen Idealisten Dr. Jose p h Chazanovicz in Bialystok sowie durch eine Reihe kleinerer Schenkungen und Neuanschaffungen ist die Biicher-Sammluhg bereits bis zu 30000 Bänden, grösstenteils Hehr ai ca und Judaica. angewachsen. Darunter befinden sich wissenschaftliche Werke von hohem Wert und Snczialsammluugen, wie sic vielleicht in keiner der grössten Bibliotheken anzutreffen sind. Seit fünf Jahren ist die ßüchersammlung in einem eigenen Heim untergebracht, das einstweilen aus dem rechten Elügel des geplanten grossen Rihliothckcchüudcs besteht. Die Anstalt wird vom Exekutivkomitee des B’ne Brith-Ordcns in New York mit 1000 Eres., vom ..Hilfsverein der Deutschen Juden“ mit 2000 Eres, und von zionistischen Vereinen mit rund 1000 Eres, jährlich unterstützt. Diese Summen reichen aber zur würdigen Ausgestaltung der Bibliothek nicht aus. Die Verwaltung setzt sich aus Vertretern jener drei Organisationen zusammen. Die Bibliothek hat eine doppelte Aufgabe, eine praktische und eine ideale. Sie soll in erster Linie dem (leiehrten das nötige Hilismaterial zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten, der studierenden Jugend die erforderlichen Büdimgsmittcl und dem Volke gesunde, belehrende Lektüre in die Hand geben. Die ideale Aufgabe der Bibliothek besteht aber darin, auf dem historischen Boden Jerusalems die jüdische National-Bibllcthek zu werden, in welcher sämtliche Produktionen des jüdischen (leistes aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein würdiges Heim finden und zusammen ein harmonisches Ganzes bilden sollen. Um dieses Doppelziel erreichen zu können, bedarf die Anstalt reicher Mittel, die nur durch ausnahmslose Beteiligung aller jüdischen Kreise erzielt werden können. Bei dem kulturellen Fortschritt Palästinas und angesichts der Bemühungen der ziviliserten Nationen, durch Gründung von Volks- und Hochschulen, von archäoligischen Instituten. Bibliotheken und Museen ihr Ansehen i.n heiligen Lande zu heben und ihre Einflusssphäre zu vergrössern. ist es für uns sehr wichtig, dass wir in diesem Wettbewerb nicht hinter anderen Kulturvölkern Zurückbleiben. So wollen wir denn den historischen Anlass zum weiteren Aushau und zur Vcrvollkomninung des ״Midrasch Abarbaner‘־B:bliothck benutzen! Möge jeder Jude, dem noch das Ideal vor• schwebt. dass Zion der Mittel- und Ausgangspunkt für Thora und jüdische Wissenschaff sein soll, nach seinen Kräften au der Verwirklichung dieses Planes mitwirken!•) *' Nachschrift der Redaktion. Unscrn Lesern ist bekannt, dass auf Antrag unseres leitenden Redakteurs Dr. Heinrich Locwe die letzten Zionistenkongresse eine Kommission eingesetzt haben, um für die Nationalbibliothck (Midrasch Abarbanell) die rechtlichen Garantien zu erreichen und die Vorbereitungen zu einem weiteren grossziigigen Ausbau zu veranlassen. Wir hoffen Datei über einige Fortschritte Mitteilung machen za können. *) Geldsendungen bittet man an Max Wolisteiner, Cliarlottenburg-Bcrlin, Sybelstrasse 50. zu richten. — Rundschau : Professoraler Antisemitismus Aus akademischen Kreisen wird uns geschrieben: Ganz Deutschland spricht von der Berufung eines jungen Natlonalökonomcn auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl dieses Faches an der Berliner Universität. Verschiedene politische Umstände, die hier nicht von Belang sind, werden dieses Interesse an einer Angelegenheit, die eigentlich ausserhalb der wissenschaftlichen Kreise niemanden zu interessieren brauchte, sobald nicht oiiisehlafen lassen. In all diesem Lärm hat man einer sehr bedeutungsvollen Todesanzeige vergessen, die just zur gleichen Zeit durch die Blätter ging und Mitteilung machte von dein pl ö t z I i c h e n Ahle b c n des Professors G e o r g Adler — ebenfalls Nationalükouom und ebenfalls Dozent In Kid, wie der obenerwähnte Professor Bernhard, der jedoch, obwohl vid jünger an Jahren und weit weniger bekannt als Adler, bereits ordentlicher Professor war, während Adler noch immer Extraordinarius war. Von Adlers Bedeutung für die nationalökonomischc Wissenschaft braucht hier gar nicht gcsprochcn zu werden. Er war einer der ersten Historiker und Kritiker des Sozialismus, und sein Name wie seine Schriften waren seit Jahren allen Fachgenossen, ja auch über deren Kreise hinaus, so riihmlichst bekannt, dass es kaum zwei verschicdcne Urteile über seine wissenschaftliche Qualifikation geben wird. Dennoch hat cs dieser Mann nicht zum ordentliehen Professor bringen können, weil — sagen wir cs gleich ehrlich! — weil er ein Jude blieb! Er wurde ein Mal nach dem andern bei der Berufung übergangen: ganz Junge unbekannte Herren wurden ihm vorgezogen, die vielleicht noch die Schulbank drückten, als Adler bereits ein anerkannt hervor ragender wissenschaftlicher Vertreter seines Faches war. Und alles, weil Adler als Sohn eines Rabbiners geboren war. und weil er auch in seinen späteren Jahren noch immer nicht die in Prctisscn erforderliche ..Vorurteilslosigkeit“ bcsass. durch einen formalen Übertritt zum C 11 r i s t e n tu m die oft verlangte Konzession an den herrschenden Antisemitismus zu machen. Aber cs ist nicht wahr, was liberale Akademiker so oft behaupten, dass dieser Antisemitismus ti 11 r von! prcussischea Kultusministerium gepflegt werde! Wenn die Herrscher ir! der Gelehiten-Repiibük. die ausschlaggebenden Prof cssoren nicht mit dem A n t i s c tu i t i s m ti s ihrer Vorgesetzten Behörde inner! i c 11 durchaus sympathisierten, so wäre dieser Zustand, dass ein Gelchrter, der Jude ist. in Prcusscr. fast niemals mehr Ordinarius werden kann. umuögl׳c!1! Aber warum sollten die Herren Professoren auch anders denken. Bleibt ihnen doch so der Teil der Konkurrenz, den sie durch ihre Clique nicht icrnhalten könnten, so schön vom Leibe, und sic können noch dabei ihre Hände in Unschuld w a s c 11 e n! Diese heimliche Schadenfreude — neben öffentlicher Entrüstung — sollte eines Gelehrten unwürdig sein; aber eben dieser versteckte Antisemitismus der Kollegen hat schon manchem jüdischen Akademiker die Lust an der wissenschaftlichen Arbeit geraubt, und er hat vielen cias Leben vergällt. Und der ..Fall Adler" sollte die Öffentlichkeit über den heimlichen ..kollegialen“ Antiseri i t is in us der Herren Professoren, und zwar — das ist ein besonders tief verborgenes Geheimnis! — auch der liberalen Professoren! Sittliche Reife? DAS REICH schreibt in einem Leitartikel. ..Der Herr Direktor“ über den Fall des Schuldirektors mit dem Angriii der ״sittlichen“ Reife Dr. Markusc. Darin wird uns der Rcligionsgeuosse deier vom REICH in die Schuhe geschoben, weil er früher nicht Christ war. ״Seitdem im Berliner Magistrat und in der Schuldeputation nicht mir Herr Cassel selber, sondern jüdischer Einfluss überlumpt tätig ist. wimmelt es au den städtischen höheren Schulen von getauften und ungetauften Juden. Und in cingewcihtcn Kreisen ist man sich längst klar darüber, dass derjenige jüdische Philologe, der es erst bis zum Wohlgefallen der jüdischliberalen Clique im roten Hause gebracht hat. an der Stufe der höchsten Macht stehe. Ob solche Einflüsse auch bei der Erneimung Markuses zum Direktor Geltung gehabt haben, wissen w ir nicht. W e n n aber schon unsere Schulverwaltung jüdische oder wenigstens ehemals jüdische Herren besonders bevorzugt, dann sollte sie doch in der Auswahl ihrer Erkorenen etwas vorsichtiger sein. Der Fall Markusc sollte ihr zur Warnung dienen. Ob auch zur Beherzigung, das muss abgewartet werden.“ Ja. wenn diese getauften Juden, die durch ihren Übertritt ja dokumentiert haben, dass sie das Christentum für besser als das Judentum halten, etwas aut dem Kerbholz haben, dann sind die bisher so gut getauiten Herren in den Augen ihrer nunmehrigen Glaubensgenossen plötzlich schlecht getauft• Aber warum sollen wir gerechtes Mass verlangen dürfen? Wir 1 sind ja nur Juden, und noch dazu ungetaufte! Oeffer.tliche dudentaufen in einer Schule Das Wegtaufen jüdischer Schülerinnen nimmt in Galizien in einer Weise überhand, dass cs schon höchste Zeit wäre, diesen übereifrigen Lehrerinnen das scelenfäugerische Handwerk zu legen. W'as uns jedoch jetzt aus S o k a I in Galizien gemeldet wird, übersteigt schon die Grenzen des Erträglichen. Vorige Woche wurde eine jüdische Schülerin der dortigen Mädchenschule der Taufe zugeführt. Der Taufakt wurde mir grosser Feierlichkeit in dem Lelir/immer der Schule in Gegenwart der ganzen Klasse vorgenommen. Die Schulleiterin U wendete sieh nach Schluss des Aktes an die jüdischen Scliiilc- I rinnen der Klasse mit den Worten: ..Seht ihr. was ein braves. ' folgsames Kind tut? Auch aus euch könnten brave Christen *«וי««ז*^<ו??ן»ן,«!«*,יז»««1,י^««>>^ן!^>1,«ןיייין1יןן<1י*יי<¥>ו*י,ז,י-^~”זי.״^י?וו>»^,*,,ו«ןןי*<