Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 246 No. 26 # JÜDISCHE RUNDSCHAU Sind wir inneEhat von heute und fünf Jahren rächt :wesentlich weiter als bisher, so ist viel, wenn niclit alles verloren. Genau so wie ich mit meinen alten Freunden von den Zionc-Zion jahrelang dafür gekämpft habe. dass die Organisation inner* halb Palästinas schon vor Erlangung des Charters praktisch kolonisieren muss, genau so kämpfe ich heute gegen meine alten Freunde und mit den früheren Ugandisten und ״Politi* sehen“ zusammen dafür, dass uns nicht theoretischer Radi* kalismus den einzigen Weg abschncjdet, der zu den Geld* quellen und damit zur Möglichkeit der praktischen Palästina* arbeit führt. Seit drei Jahren, seit dem 7. Kongress, ist unser Palästina- Programm als offizielles Parteiprogramm rezipiert, seit sechs Jahren bemüht sich Professor Warburg mit unermüdlichem Eifer um die Förderung der palästinensischen Kolonisation. Vieles hat er erreicht, wäre es von IS02—1808 in Palästina geschafien, wäre es ein Ungeheures. Ein Jahrhundert später ist cs ein Nichts. Er wir der erste sein, zu erklären, dass er und die ganze Bewegung das Hundertfache hätte leisten können, wenn die absolut erforderlichen Geldmittel zur Verfügung gestanden hätten. Was haben wir? Etwa 8 Millionen Mark, citt Nichts gegenüber den Mitteln der Alliance und der I.C.A.. ein Nichts aber auch gegenüber den Privatvermögen der westeuropäischen Philanthropen. Unausgesetzt sind wir bemüht, von diesen Quellen aus Gelder für Palästina flüssig zu machen, mit dem allergeringsten Erfolg. Und warum? You ca 11 not eat your cakc and keep it: wir können nicht fortgesetzt die ganze ausserzionistisehe Judenhcit über dem Tische für Volksverräter erklären, und ihr unter dem Tisch die deutlichsteil Liebes- und Gelderwerbungen machen. Die Heranziehung des jüdischen Grosskapitals zur wirtschaftlichen Palüstinaarhcit. ist unsere letzte Karte, genau so wie sie die erste Hcrzl's war. Damals ist das Spiel misslungen, heute kann cs unter weit besseren Gestirnnen wieder aufgenommen werden. Verlieren wir es auch heute, so haben wir Palästina zur gleichen Zeit verloren. Die radikalen Demokraten unter uns können dann noch weiter demagogische Agitation treiben, der Zionismus ist dann verloren und das Judentum mit ihm, wenn wir auch selbst bis zum Tode zur Zionsfahne schwören werden. Die Verhandlungen* mit dem Grosskapital und den Organi* sationen sind Sache der Parteileitung. Wir Soldaten in Reih und Glied haben nur die Pflicht, dieser Versöhnungspolitik die Hindernisse fortzuräumen, die der sich in Brandreden bahnbrechende Drang Einzelner nach Betätigung ihr fortgesetzt in den Weg rollt. Dass dabei die Grundlage aller unserer Verhandlungen die Stärke unserer eigenen Organisation sein muss, ist überflüssig zu sagen. Je reicher und mächtiger ein Concern ist. desto mehr gilt sein Wort, in der Finanz wie in der Politik. Und das Wort, das mir am heutigen Tage ein sehr prominentes Nlcfitzforiist entgegen warf: ״Der Zionismus hat in Deutschland seinen Höhepunkt überschritten,“ das darf nicht aufkommen, wir müssen cs durch die Tat Lügen strafen. Statt im Innern Misstrauen zu säen, sollte der Überschwang der Gefühle sich daher lieber nach aussen richten, und der Bewegung neue Freunde und neue Mittel werben, ln gemeinsamer Arbeit haben auch die schärfsten Gegensätze im Zionismus sich immer noch vereint. Das sind cMe palästinischen Gesichtspunkte, aus denen heraus ich Frieden, mit den übrigen Organisationen wünsche, und eine ״Organisation der Judenhcit“ (vgl. das. A.B.C.-Buch) anstrebe. Aber auch unserer Ausbreitung in Deutschland kann eine friedlichere Art der Agitation nur dienlich sein. Die deutschen Juden sind nicht nationale Helden, sondern bequeme Bourgeois, Den Zionismus, wie wir ihn ihnen bisher nahe zu bringen versuchten d.cn lehnten sie ab. Unterziehen werden wir sic nicht. Wollen wir sie gewinnen, so müssen wir unseren allzufcurig'eu Wein mit ein wenig Wasser verdünnen. Dass die Pantsehcrei nicht zu arg wird, dafür werden schon unsere Radikalen sorgen, welche die au moralischer RfickenmarksscUwindsueht leidenden ״sogenannten Führer" am liebsten unter Sittenkontrollc stellen möchten. Statt dessen was uns von dem anderen theoretisch trennt, ist die Einheit im Handeln zu betonen. Ich weiss, dass meine Ausführungen gerade bei vielen meiner alten Freunde Befremden und Unwillen erregen werden. Ehe sie mich aber angreifen, bitte ich sie mir folgende Fragen zu beantworten: 1. Wie bekommen wir die deutschen Juden? 2. Wie bekommen wir die Geldmittel zur Stärkung unserer palästinensischen Position? Ich füge gleich hinzu, dass ich mich durch eine Antwort: ״Wir müssen fldssig weiter agitieren“ nicht für befriedigt erklären kann. D r. H. G. Hcyman 11. Wir und die jüdischen Organisationen Von Dr. Elias Auerbach. (Nach einer Diskussionsrede in Berlin am II. VI. (»8.) Ein Kennzeichen der Hauptdebatte aui dem Breslauer Dclegicrtciitage war eine gewisse Unklarheit und Unfertigkeit der Meinungen. Das» kam daher, weil wir diesmal neue, bisher nicht erörterte Fragen behandelten: Die Frage unserer Stellung gegenüber den grossen jüdischen Organisationen m Deutschland. In dieser Fiage gibt es kaum einen Unterschied von Theorie und Praxis. Pas theoretische Verständnis für diese Probleme ist von eminenter praktischer Bedeutung. Denn da wir nicht auf eine rasche und unerwartete Erfüllung des zionischen Endziels rechnen, müssen wir die Bewegung in der Diaspora frisch und leiidig erhalten. Wir stehe n j c t z t vor der Entscheidung, ob wir eine a u s s i e h t s - voll e P r o pa g a n d a mac h eil k ö n n e 11. und w i c wir sic 111a c h e 11 solle ». Warum •ist eine deutliche Verzögerung in der Ausbreitung des Zionismus in Deutschland eingetreten? Es geht nicht mehr so voran wie ־In den ersten Jahren, und das liegt daran: Damals gewannen wir im Handumdrehen diejenigen Juden, die keine feste Anschauung hatten, deren Gefühle uns nalieslundcn. und die nirgends festgelegt waren- Jetzt kommen wir all* mählich an die grossen Massen der deutschen Juden, die bereits irgendwie jüdisch organisiert sind Nunmehr ist die Frage unserer Stellungnahme zu• den jüdischen Organisationen die Grundfrage der weiteren Agitation des deutschen Zionismus. Es gibt Zionisten, welcle sagen: Jede jüdische Organisicrimg bedeutet einen Schritt zum Zionismus hin. schafft Vorbcdingungeu für unsere weitere Arbeit. Ich hin der entgegengesetzten Meinung: Die Juden, die schon ander* w e i t i g o r g a n i s i e r t sind, sind für uns weit 11 ä u f i g c!• e n d g ii 11 i g verlor cn als die ii h r i g e n. das liegt an der Art de׳• jüdischen Organisationen und ihrer Tätigkeit, die wir kurz, mustern müssen. Den Hilfsverein der Deutschen Juden und die Alliance, die beide hauptsächlich im Orient arbeiten, können wir aus unserer Betrachtung fortlasscn. Sic treiben kaum Agitation in Deutschland, da sie mühelos ihre Mitglieder gewinnen, und wir haben uns liier — mögen w ir im Orient mit ihnen zusammenwirken oder nicht nur da mit ihnen zu beschäftigen, wo sic, was immer wieder verkommt, den Zionismus angreifen. Dann sollen wir uns kräftig zur Wehr setzen, auch wenn wir anderswo gemeinsam arbeiten. Ebenso dürfen wir 1ms dadurch nicht hindern lassen, wie bisher falsche Arbcits* niethoden scharf zu kritisieren, denn nur die Kritik des Fal* sctien bricht dem Richtigen Balm. Am wichtigsten sind für die Taktik unserer Agitation — und um diese handelt cs sich hier über* haupt — der Zcntralvcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und die Logen. Der Zcntralvcrein ist keine Vorstufe zionistischer Orga* nisation. Er ist seinem ganzen Wesen nach antizionstisch und anti-iiidischnational. Seine Betonung des Deutschtums treibt einen Keil in das Gesamtjudentum. Gibt man alles zu. was er an Nützlichem leistet -- cs ist sehr, sehr geringfiigig ־— so bleibt für uns noch ein srar nicht zu berechnender Schaden. Dass er fiir die völlige Gleichstellung der Juden cintritt.'mag nützlich sein: aber wir müssen ihm immer w ieder sagen, dass er gegen Windmühlen kämpit. da die geschriebenen Gesetze seinen Kampf nicht erforderlich, machen und die tingcschriebenen von ihm nicht beeinflusst werden können. Eine so gewaltige Organisation mit so minimal».:!'Erfolgen -- ein lächerliches Missverhältnis. Dafür aber hindert er 20(1011 deutsche Juden, sich ernstlich mit jüdischen Fragen zu hefassen. Wir lesen ״Im deutschen Reich", wir zahlen Beitrag das wird die politische Moral der deutschen Juden durch den au den Zentralverein, in seine Hände legen w ir unseren Geist — Zentralverein. An diese .,Staatsbürger“ kommen wir furchtbar schwer heran, sie werden andauernd zu einem unklaren deutschen Nationalismus gedrillt, glauben ihre Schuldigkeit gegen das Judentum getan zu haben und hören wieder und wider, dass der Zionismus citie Utopie ist. Und ist niclit letzten Endes die ganze Arbeit des Zentral- Vereins für die Assimilation? Wenn w i r für die Gleichstellung der Juden kämpfen, so tun wir es, damit der jüdische Mensch als gleichberechtigt anerkannt werde, der Zentralverein tut es, damit kein Unterschied gemacht werde zwischen Jude und N i c h t j u d e. Eine jüdische Eigenart erkennt der Zcntralvcrein grundsätzlich nicht an. ..Wir, sind dutsch bis auf die Knochen,“ erklärte sein Führer, und derselbe Führer verwahrte sielt sogar bei einer