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Jüdische Rundschau · 1908-06-26 · Heft 26 (26.6.1908) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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/ No. 26 » Jüdische’ Rundschau Seite 24s von anderen diametral entgegengesetzten Erziehung^ Systemen. . * Wenn wir erst eine kristallisierte Jugend, mag sie noch so klein an Zahl sein, in Palästina haben werden, wird sich das geistige Zentrum von selbst weiter entwickeln, denn schwer ist nur der Anfang. Dieses Zentruni wird mit der Zeit den grössten Einfluss auf die Entwicklung der gesamten jüdischen Jugend in allen Weltteilen ausüben. Und wenn vorläufig nur einer von hundert unter der jüdischen Jugend die Möglichkeit erhalten w.ird, sich in Palästina in efrier modernen jüdischeu Hochschule ausbilden zu lassen, so werden sich auch die anderen neunundneunzig ganz anders zu dein geistigen Vermögen ihres Volkes verhalten. Gerade in der letzten Zeit sehen wir, dass die Erkenntnis der Notwendigkeit eines anderen Erziehungs- Systems in Palästina in eine der jüdischen Organisationen emdringt. In solchen, Fällen, wo wir die neue Richtung wahmetunen, ist cs unsere heilige Pflicht,׳ initzuarbeitcn. Der Hilfsvcrcin der deutschen Juden hat die Gründung eines Technikums, verbunden mit euer Mittelschule, in Palästina beschlossen. Wir können sehr zufrieden sein, wenn auch nichtzionistische Organisationea auf ganz anderem Wege zur Uebcrbringuug gelangen, dass die Kulturelle Tätigkeit in Palästina von grosser Wichtigkeit für die gesamte J u d c 11 h e i t sein kann. Dieser Umstand kann uns nur zu neuer Tätigkeit anspornen, uns Irschen Mut und Zuversicht cinflössen. Jeder Zionist muss es als seine Pilicht betrachten, diese neue Gründung in Palästina mit allen Kräften zu fördern und für deren weiteren Ausbau mit aller Energie zu arbeiten. Zum ersten Male haben wir es in diesem Falle mit einem grosszügigen Plan auf dem Gebiet der kulturellen Arbeit in Palastina zu tun. Dis Grundlage ist eine gesunde und gut durchdachte. Von unserem Mitwirken ist der Erfolg der Gründung abhängig. Es ist wahr, in der letzten Zeit vernehmen wir Stimmen zu Gunsten einer Palästina-Tätigkeit vieliach von solcher Seite, von der wir sie vor mehreren Jahren recht zu erwarten hatten. Diese Umwandlung in der Anschauung mancher Leute darf aber nicht auf Rechnung unserer aktiven Wirksamkeit gesetzt werden. Viel eher ist sie zu verdanken jener uralten. Kraft, d:e in latenter Form dem mehr bewussten Teile dsr Judenheit immer innewohnte, der Kraft, die neue Hoffnungen und Erwartungen mit unserem alten historischen Boden immer in Zusammenhang brachte. Das ist die Kraft der Idee an u״d für sich, die aus dem Hintergrund der historischen Erinnerung allmählich zur klaren Erkennt- .4!4s und vernünftigen Einsicht gelangt. Unsere Aufgabe ist cs, diese Erkenntnis überall zu stärken und ihrer Verbreitung den Weg zu ebnen. Wir stehen jetzt also vor einer sehr wichtigen Aufgabe. Die Schaffung eines Kulturzentrums in Paläs־ tina muss uns zur Hauptaufgabe werden, und wenn diese Idee ׳einst ihre Verwirklichung geiunden haben w ird, dann wird auch der unnütze Streit über ,,Oestier“ und ״Westler“ innerhalb der nationaljüdischeil Gruppen von selbst verschwinden, denn der Schwerpunkt des jüdischen Schaffens wird nicht mehr in irgend einem Lande der Diaspora bleiben. Es lässt sich nicht in der Form ■einer Rede die ganze tiefere Bedeutung der Schaffung eines Kultur-Zentrums in Palästina erschöpfen. Das war auch nicht meine Absicht. Ersttnitder Arbeit wird der tiefere E i n b I i c k g e w* o n n e n. Ich wollte nur darauf hinweisen, in der Hoffnung, dass, jeder von uns sich dieser grossen Aufgabe gewachsen zeigen wird. Diskussion über den Delegiertentag Dld Zukunft des deutschen Zionismus. Auf den deutschen Zionisten lastet heute eine schwere Verantwortung. Ihre Landsmannschaft hat' die Leitung der Oesamtorganisation in ihrer Mitte, ihre Führer arbeiten zur gleichen Zeit in der Gesamtzentrale, sie sind, bei der Desorganisation in Russland, bei der Ablenkung des Interesses der österreichischen Gesinnungsgenossen auf die innere Politik, diejenigen, denen in erster Linie auch die finanzielle Unter- Stützung der Bewegung zugcfalhn ist. Dazu kommt, dass Berlin sich immer mehr zu einer Metropole des Judentums entw ickelt und es heute das Zentrum der Bestrebungen ist, die ausserhalb des Zionismus eine Besserung und Neuordnung der jüdischen Dinge zum Ziel haben. Diese Tendenzen, stark beeinflusst durch unsere Ideenwelt, sind für 11ns überaus erfreulich, aber sie kommen aus feindlichem Lager und prinzipiell trennt uns von ihnen der Abgrund einer Weltanschauung. Unsere Stellung zu ihnen und damit bis zu einem gewissen Grade die Stellung des gesamten Zionismus zu den grossen jüdischen Organisationen ist heute für uns das zentrale Problem, das man nur auf Cirund einer tief eindringenden Analyse der jüdischen Entwicklungsgeschichte des letzten Halbjalirhunderts wird beurteilen könne״. In letzter Linie spitzte sich die Erage so zu: Führen Abwehr und Philanthropie zum Judentum zurück oder vom Judentum hinweg? Ich bin der Uebcrzcugung, dass alle die zahlreichen Organisa tionen, die seit den Tagen der Begründung der Alliance Ist achte universelle entstanden sind, Etappen bedeuten zu einer Neubildung und Neugliederung des Judentums. Unsere zionistische Bewegung ist nicht wie Minerva ans dem Haupte Jupiters gewappnet entsprungen, sie ist nur der letzte folgerichtige Schritt auf dem Wege zur Sammlung des religiös zerkluiteten Judentums aui ausser religiösem Gebiete. Unter diesen Umständen dürfen wir zweierlei nicht verg'essen: 1. Unsere Vorgänger haben Grosses geleistet. Speziell auf unserem eigentlichen Arbeitsgebiet in Palästina ständen wir ohne die Chaluka und ohne den Baron vor dem Nichts. Sie haben ungeheure Fehler gemacht, die Chaluka bedarf der. Reform an Haupt und Gliedern. Aber wenn es heute 80 000 Juden in Palästina gibt, w enn wir heute Anfänge jüdischen Lebens in Palästina haben und ein bedeutendes Tätigkeitsgebiet allein in der Reform der palästinischen Judenbeit, so danken wir es Unseren Vorgängern. 2. Es ist historisch falsch, zu glauben, dass die zuletzt entstandene Organisationsform auf welchen! Gebiete es immer sei, die älteren radikal vernichtet. Sie ringet! miteinander, bis die neue ihren Platz gefunden hat: die alten bleiben neben ihr bestellen. So auch im Judentum: wir können uns heute keiner Täuschung mehr darüber hingeben, dass es uns nicht gelingen wird, die anderen Organisationen zionistisch zu machen oder sie zu zerstören. Wir müssen uns ferner darüber klar werden, was Kvir als Zionistische Organisation in letzter Linie wollen. Wollen wir eine ..Bewegung“ sein, getreu dem Spruche Eduard Bern- Steins: ״Das Endziel ist mir nichts, die Bewegung ist mir alles", wellen wir die Juden Deutschlands zu Nationaljuden erziehen, so hat der Radikalismus vielleicht recht. Vielleicht nur, denn der Begriff Bewegung wird seit den Tagen der Soziuldemokratic fälschlich auf alles mögliche übertragen, ohne dass man es sich klar macht, dass die Masse die Voraus- Setzung einer Bewegung־ ist. Die Juden Deutschlands sind in keinen» Sinne eine Masse und ob es gelingen kann, sie zu Nationaljiidcn zu machen, ist problematisch. Mir ist das Endziel alles, die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina. Eine Volksbewtgung kann demokratische Rechte erobern, sie kann aber nicht über See kolonisieren. Und grade weil Ich dieses klar sehe und weil ich heute so wie früher «einer der eifrigsten Verfechter des Palüstinismus“ bin. habe ich in Breslau erklärt,, so w־!ic bisher kommen wir nicht weiter, der Zionismus muss seine Methode ändern. Wollen w׳ir warten, bis wir das Jüdische Volk im Golus erzogen haben — bis dahin ist der letzte Stein in Palästina in fremdem Besitze. Mit dem Tage, an dem die Hodschas- Bahn und die Bagdadbalm zu einem cinlieitlichen Netze verschmolzen sind, und diesen Tag haben wir binnen heute und fünf Jahren, ist die Türkei eine Grossmacht ersten Ranges und die abendländische Zivilisation, vulgo der moderne Kapialismus hält seinen triumphierenden Einzug in Palästina und Syrien.

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