Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651577--05707-2662747- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 240 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 25 heimischen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses sanktionierte. Die 200 000 einheimischen Juden! Ja! die Out- und Blutsteuern haben sic zu trauen. Insoweit sind sie Ein* heimische. Aber bezüglich ihrer Rechte, in ihrer bürgerlichen Existenz, ihrer Erwerbstätigkeit, der Aufenthalts-Berechtigung us\v. usw. sind sic ״Fremde“ und als ״Fremde“ allen gesetzliehen Beschränkungen und ungesetzlichen, willkürlichen Quäkreien der Verwaltungsorgane preisgegeben. So hat vor kurzem der hiesige Präfekt an die Bürgermeister seines Distrikts ein Rundschreiben gerichtet, in welchem er diese anweist. ..die wider jene Fremden erlassenen Beschlüsse zur Vertreibung aus der Gemeinde sofort zum Vollzüge zu bringen;" er. der Prä* iekt, habe nämlich ׳in Erfahrung gebracht, dass .,durch eine unverzeihliche Gleichgiltigkeit“ in der und jener Gemeinde ״mehrere Fremde“ geduldet werden. Das ist auf dem Lande. Und nun sollen die Juden, die in den Städten wohnen oder dort hineingetricbcn wurden, auch cn!nasse aus kleinen Städten nusgetricben werden. Nachriclten ans Jassy. Falcin, Hakan lassen keinen Zweifel, dass von Regierungswegen solche Austreibungen inszeniert werden. ..Wir. Bürgermeister der Kommune .... (so lauten die uns vorliegenden Dekrete) richten infolge der Order des Präfekte!) unseres Distrikts an X und seine Familie die Aufforderung, die Kommune zu verlassen, da er nicht unter den Artikel 5 des Gesetzes über die Organisati״n der Landgemeinden gehört, und w ir geben ihm bekannt, dass wir, wem» er sich dieser Aufforderung nicht fügt, Polizeigewalt anwenden werden." . . . Mit derartig formulierten Ausweisungs-Dekreten sollen nunmehr Hunderte jüdischer Fa* milien. das sind Tausende von Personen, die in kleinen Städten wohnen, in Not und Elend gejagt werden. Ein oppositionelles Blatt, die OP1NIA in Jassy, brachte vor M 'lagen einen Artikcl gegen diese Auswcisimcsmassregeln der Präfektur vom politischen Gesichtspunkte. Das Blatt hob hervor, dass derartige in die wirtschaftlichen Verhältnisse tief eingreifende Verordnungen mindestens erst von! Parlament genehmigt werden müssten. Natürlich wird das dehnbare ..europäische Gewissen", wenn so etwas überhaupt noch existiert, auch diese Brutalitäten ungehindert geschehen lassen, anstatt den (k* walthabcrn nahezulegen. dass׳ es doch nicht angeht, in Europa in einem mit den * mittel- und w esteuropäischen Staaten durch seine wirtschaftlichen Interessen enge verbundenen Balkan- Staate eine ganze Bcvölkerungsklassc ausserhalb «der Gesetze zu stellen und einen völkerrechtlichen Vertrag, auf welchem die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des eigenen Landes beruht, mit Füssen zu treten. JÜD. PRESSE. Talmud-Thora-Schulen in Russland Aus Astrachan wird uns von einem gelegentlichen Mitarbeiter geschrieben: Das indische Schulwesen in Russland krankte bisher an einem Geist, der nirgends so unsympatiscb wirkt, wie gerade in Schulangclcgenheitcn, nämlich an einem beinahe fanatischen Kastengeist. Trotz der viel gepriesenen demokratischen Ueber- Zeugungen, die angeblich in der russischen Judenhcit Herrsehen sollen, sind wohl nirgends die Unterschiede zwischen reich und arm so scharf ausgeprägt, wie unter den russischen Juden. Wenigstens auf dem Gebiet des Schulwesens will man nunmehr diesem — besonders einer gleichmässig unterdrückten Gemeinschaft — unwürdigen Zustande ein Ende machen. Im Auslande hat man kaum eine Vorstellung, was hierzulande eine ״Talmud-Thora-Schulc * heisst. Das sind jüdische Schulen für arme Kinder. Schulen, die erst in der letzten Zeit Fenster bekommen haben — im wahren Sinne des Wortes zu verstehen, da es meist schmutzige, dunkle und kleine Räume waren, in denen arme, ausgehungerte Kinder reichlich mit Ohrfeigen gefüttert wurden.unentgeltlich! In den letzten Jahren ist es ein wenig besser geworden; an manchen Orten sind die Talmud-Thora-Schulen sogar verhältnismässig moderne Schulen geworden, in denen die armen Kinder auch mit Kleidern und mit Essen versorgt werden. Natürlich geschah das bisher nur in den grossen Städten. An sehr vielen Orten dagegen ist noch die ..gute, alte" Tradition erhalten, die z. B. fordert, dass die Kinder aus der Talmud-Tliora-Schulc bei Beerdigungen reicher Leute in Wind und Wetter mitlaufcu müssen, um ״Thilim“ zu sagen. Dafür bekommt iedes der Kinder drei Kopeken und der Verstorbene einen ״hellen Gau Eden" (Paradies). Wie anregend und erzieherisch das auf die Kleinen wirkt, kann man sieh ungefähr vorstellen. Jetzt wird dieser Zustand also vielfach reformiert, sei cs von seiten intelligenter und aufgeklärter Leute, die den Kindern eine bessere Erziehung geben wollen, sei es von manclien anderen, die hauptsächlich die materiellen Einkünfte der Talmud-Thora-Schule heben wollen. Vielerorts will man die Talmud-Thora in solche Schulen umwandeln, in denen die reichen Kinder Schulgeld zahlen, während die armen die Schule unentgeltlich besuchen können. Da würde es natürlich auch atifhören mit solchen schönen Bräuchen wie ,.Tchiilim"־sagen. In Astrachan ist diese Reform bereits diirchgeführt, und cs wäre sehr zu wünschen, dass sie auch anderwärts recht schnell durchdringt. Die Schwierigkeiten die von mancher Seite vorgeschützt werden, (:egen in Wahrheit nur in der Kastcnrcligion begründet, die freilich!nächtiger ist als alle anderen Religionen. Regelung der Emigration Aus Petersburg wird der NEUEN JÜDISCHEN KOR- RLSPONDENZ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Das Komitee des neugegriindctcu Vereins zur Regelung der jüdischen Emigration hat in Petersburg eine Sitzung abgehalten, au der sich auch die Vertreter des Vereins in den Provinzstädten beteiligt haben. Nach einer teilweise recht lebhaften Debatte wurde folgende Resolution beschlossen: ״Indem die Versammlung Jie Notwendigkeit des neuen Vereins neben den bereits existierenden Emigrations-Gesellschäften rückhaltslos anerkannt, mul ferner diesen Verein als eine neue gesellschaftliche unparteiische und allgemein-jüdische Organisation, die ihre Filialen in allen indischen Städten Russlands haben muss, betrachtet, bestimmt die Versammlung, dass bis zur Einberufung und Abhaltung einer allgemeinen Generalversammlung nachstehende Bestimmungen iiir die Aktionen und Unternehmungen des Vereins gelten sollen; Der Verein hat 1. für rechtzeitige Informierung der Euiigrauten zu sorgen und deren Interessen nach jeder Richtung hin zu schützen; 2. für die Schaffung von Hilisvereitien in allen denjenigen Ortschaften, die von den Emigranten passiert werden müsset!. Diese Vereine sollen die Rcisostrapazen der Emigranten nach Möglichkeit verringern. Ferner sollen Massnahmen getroffen werden iiir die Begründung von allgemeinen Anstalten in den Ländern, die die Emigranten als Zielpunkt ihrer Reise erwählen. Diese Anstalten sollen hauptsächlich geeignete Beschäftigungen iiir die Eiugew änderten ausfindig machen. Um die Gründung von solchen Anstalten zu critiogliehen, soll der Verein mit einflussreichen jüdischen Personlichkeiten der betreffenden Länder in Verbindung treten. L'm dieses Tätigkeits-Programm diirchziitührcn. soll das Komitee sofoit an die Begründung von Zweigvereinen in der Provinz hcrangehen. In denjenigen Orten, in denen solche Vereine schon von früher her existieren, sollen keine neuen Vereine begründet werden, insofern ein Zusa tn 11! c 11 a r b e i t c!1 mit den bestellenden möglich ist. Wo sich indessen ein solches Zusammenarbeiten nicht ermöglichen lässt, sollen rücksichtslos neue Vereine geschaffen werden, damit die Organisation fest gegliedert und vollständig ist. — Am Schluss der Sitzung wurde das Engere Komitee, das seinen Sitz in Petersburg hat. beauftragt. Vorbereitungen zu treffen für eine allgemeine General vers a 1!1 m 111!1 g, die möglichst bald in einer Stadt des jüdischen Ansiedclimgsgebictcs einzuberufen ist. und die sich ausscliliesslieh mit den jüdischen Emigrationsangelegenheitcn beschältigen soll. Wandernde Bücher Aus Warschau wird uns von unserem dortigen A.-Korrespondenten geschrieben: Dieser, Tage kam hier ein Transport von Büchern im Gewicht von 300 Pud (W Zentner) aus Jerusalem an. Die Bücher, die in vierzehn Kisten verpackt waren, wurden aut spezielle Anordnung ihres Besitzers, des in Jerusalem verstorbenen ehemaligen Rabbiners von Otwoek (Russisch-Polen) nach Warschau zuriiekgesandt. Die jüdischen Zeitungen wenden diesem eigcnai tigen Büehcrtrausport grosse Aufmerksamktit zu, da cs seltsam berührt, dass angesichts der vielen Bemühungen, in Jerusalem eine jüdische Natioual-Bibliothek zu schaffen, ein dort lebender Rabbiner seine reichhaltige Bibliothek aus Palästina wegbringen lässt. Bekanntlich arbeitet Dr. Chasanowiez in Bialystok seit zehn Jahren unermüdlich an dem Plane, in Jerusalem eine Art N’ationalbibliothek des jüdischen Volkes zu schaffen. Er hat für diesen Zweck die Unterstützung einiger grossen jüdischen Institutionen, ti. a. der Logen sowie auch, des Zionistenkongresses, gewonnen und sammelt mit Bieneneifer auch die kleinsten Biicherspcnücn aus aller Welt für seine Jerusalemer jüdische Bibliothek. Und da wandern tausende jüdischer Schriften aus Jerusalem zurück nach Russland. Habent sua lata libclli! Neue jüdische Kolonie In Erez üisrael Aus New York wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Der Gründer der jüdischen Kolonie Reehoboth bei Jaffa, die׳ bekanntlich zu den besten Kolonien Palästinas zählt. Herr