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Jüdische Rundschau · 1908-06-19 · Heft 25 (19.6.1908) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 25 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 239 der jüdischen Turnvereine, die auf Erhaltung und Stärkung der indischen Eigenart hinauslaute, voll bewusst und ihr ergeben sein. Er müsse seine Aufgabe nicht nur darin sehen, gute Turner zu erziehen, sondern er müsse seinerseits nach Kräften dazu beitragen, selbstbewusste Glieder des jüdischen Volkes he .ranzubilden. Im weiteren Verlaufe seines Vortrages kam der Referent zur Aufwerfung der Frage, ob nicht die spezielle körperliche und seelische Eigenart der Juden ein auf diese ־ Veranlagung eingestelltes Turnen verlange. Referent vertrat die Ansicht, dass zur Erzielung der dem Juden besonders nottuenden Disziplin und zur Ueberwindung des stark ausgeprägten Einzelgefühls des Juden, das einem solchen Beginnen hindernd im Wege stehe, ein stärkeres Betonen des Rasenspiels und der öescllschaftsiibungen erforderlich sei. Gegen II Uhr schloss der Vorsitzende die Verhandlungen, mit denen der erste lag der Veranstaltungen seinen Abschluss erreichte. Zweiter und dritter Tag. Der zweite Tag der ersten allgemeinen Vorturnerstunde der Jüdischen Turnerschaft vereinigte zunächst morgens die Teilnehmer zu volkstümlichen Uebuttgen und Spielturttcn auf dem Städtischen Spielplatz am Lindentor. Nachmittags fand das zweite Turnen in der Turnhalle statt, an das sielt eine sehr eingehende und instruktive Besprechung der Vorturner über die vorgefiilirtui Uebungen und ihre Ausführung schloss. Gerade diese Besprechung, die mehrere Stunden in Anspruch nahm, dürfte für den Erfolg der Veranstaltung von besonderer Bedeutung werden. Ueber viele wichtigen strittigen Fragen der Turntechnik wurde eine Einigung erzielt, manche schützbare Anregung wurde zur Kenntnis genommen. Am Dienstag unternahmen die Teilnehmer der Vorturner* stunde eine Turniahrt ins Siebettgebirge. Einen würdigen Ab* Schluss fand die lagung durch das vom Jüdischen Turnverein zu Köln aus Anlass der Veranstaltung gegebene Fest, zu dem sich Dienstag abend mehrere hundert Freunde des Vereins und der jüdischen Turusaclte im Saale der Rhcinlatiulogc eilige* iundett hatten.• Der Vorsitzende des• icstgcbenden Vereins. Herr J u li u s Berger, w ies in seiner Ansprache mit be* sonderer Genugtuung darauf hin. dass der Vorstand und dis Rcpräsentantenkollcgium der Kölner jüdischen Grossgemeinde seine offiziellen Vertreter zu diesem Festakt entsandt hatte. Er entnehme daraus mit Freude, dass die «Missverständnisse nunmehr beseitigt seien, die noch vor wenigen Jahren massgebende Teile der deutschen Judenheit veranlasst hätten, der jüdischen Turnsache gegenüber eine reservierte oder gar gegnerische Haltung cinzunehmcn. Die Tendenz, die sich die jüdischen Turnvereine zum Ziele gesetzt hätten, ihre Mitglieder zu vollbcwussten Juden und Menschen heranzuziehen. habe sich allmählich die weiteren Kreise der Judenheit erobert und er freue sieb, konstatieren zu können, dass die Kölner jüdische Gemeinde auch in dieser Hinsicht wieder als eine der ersten die Forderung des Tages verstanden und ihr ihren Tribut gezollt habe. Sehr bemerkenswert waren die Aust'ührungcn des Herrn Dr. Mastbaum: ..Als Vertreter des Vorstandes der hiesigen jüdischen Grossgcmeiiide. so sagte er. haben Herrn Siegfried Simon und ich die Ehre und das Vergniigen. Sic auf das herzlichste zu begriissen. Ich habe aus den Referaten, die am Sonntag gehalten wurden, mit Freude entnommen, welcher gute und ernste Geist in der Jüdischen Turnerschaft herrscht. Wie es immer war. dass die geistigen Bestrebungen schon bei den Völkern des Altertums in einem gewissen innigen Zusammenhang mit den körperlichen Uebutigen standen, ebenso ist cs auch in unserem Vatcrlande. wo die Turncrci dadurch grosse Erfolge erzielt hat. Dasselbe I muss bei der Jüdischen Turnerschaft der Fall sein, und ist es auch, wie ich gerne konstatiere. Sie hat sich ein edles Ziel gesetzt, vollwertige Menschen zu erziehen. Es möge ihr vergönnt sein, auf diesem gemeinsamen Boden die Juden zu ver* einigen. Ich habe bei Ihnen ein interessantes Referat gehört, das verlangte, dass den Juden mehr Disziplingefühl beige* bracht werden müsse, nicht eine Mussdisziplin, sondern eine Disziplin, die auf logischer Erwägung beruht, eine gewollte Disziplin. Wenn nur dieses eine gelingt, so werden £ie damit dem Judentum schon beträchtliche Dienste geleistet haben. \ Dieses Selbstbewusstsein und die ideale Begeisterung werden J zurückwirken und ihr Pflichtbewusstsein :!ns deutsche Vater* '!and stärken und kräftigen. In diesem Sinne heisse ich Sie willkommen und.hcgriissc Sie im Namen des Vorstandes der hiesigen Gemeinde.“ | Es folgten noch eine Reihe Ansprachen. Der Präsident! der Zionistischen Weltorganisation. Herr David Wolffsohn. feierte die Turnerschaft als einen praktischen Erfolg des• Zionismus. Die jüdische Turnbewegung habe mit dem Zionismus das gemein, dass beide Bewegungen die Erziehung ן von Volliuden bezweckten. ״Von der geistlichen Ecke“ sprach Herr Rabbiner Dr. Rosenthal in einer sehr gehaltvollen Rede! der Turnerschaft seine Anerkennung aus. Er erinnerte dr«?n. ׳ •dass er auch zu denjenigen gehört habe, die der indischen Turnbewegung misstrauisch gegenübergestanden hätten. Um so mehr freue er sich, dass er durch die Arbeit de! Jüdischen Turnerschaft zu einem begeisterten Freunde ihrer Sache geworden sei. Namens der Jüdischen Turnerschaft dankte ihr stellvertretender Vorsitzender. Herr Theobald Scholem-Bcrlin. der Jüdischen Gemeinde für ihre sympathische Begriissung. Herr Felkcnstein sprach für das Repräscntantenkollcgium der jüdischen Gemeinde. Herr Katzky für den Jüdischen Turnverein Bar Kochba, Herr Safomon namens des Köluer Vereins. Wiederholt klang durch die Reden die Genugtuung heraus, dass die anfänglichen Missverständnisse vollkommen geschwunden seien, dass die praktische Arbeit der jüdischen Turner ihre Gegner eines besseren belehrt habe. Erst spät schloss der offizielle Teil, dem sich noch ein sehr unterhaltender geselliger auschloss. Neuwahl des elsässischer» Konsistoriums Bald nach der vorigen Ersatzwahl zum isracl. Kotisistorium war infolge des T«kIcs des Präsidenten, durch De* mission zweier Mitglieder sowie durch Anfechtung der Wahl der Neugewählten, die Zahl der weltlichen Mitglieder auf 1 redtiz.iert. Daraufhin, vielleicht auch um den Erörterungen bei der Verhandlung des Wahlprotestes vorztihciigcn. löste die Regierung das gesamte Konsistorium auf. Line ernannte K״usistorialkommiss'op besorgte die laVif'.nden Geschäfte. Die Neuwahl des gesamten Konsistoriums wurde auf heute angesetzt. Gewählt wurden: Mitgl. der Handelskammer J. Gcntzburgcr. Kommerzienrat Kauitiumu, Ste!1 R.-A.. Dr. Schmoll. A. Durlach aus Strnssburg sowie Jules Klein aus Bisclilicim. Der Wahlkampf war sehr kurz. Erst gestern wurden Flug* bl,ittcr verschickt, aller da'ch in der Anzahl von 10 mit eben so vielen Kandidatenlisten. Vor einigen Jahren war der Versuch jrcmacht worden, die Aufstellung der Kandidaten den Clioueii zu entreissen und einer öftcntlichen Diskussion zu uiitcrwciien. Dabei musste logischerweise mit der Zeit der Kampf vom persönlichen Gebiet auf das sachliche program* matischc gewendet werden. Und wirklich war ein Anlaut dazu da. wie auch die JÜDISCHE RUNDSCHAU aus einem Artikel der hiesigen WOCHENSCHRIFT mitteilte. Aber die Sache entwickelte sich so. dass die Wortführer der damaligen siegreichen demokratischen Opposition sich heute an Stelle der alten Clique setzten, und somit die Wahlvorbereitung wieder die alten Bahnen betreten hat. Auf diesem Boden rein persönlicher Beziehungen war natürlich für Zionisten keine Möglichkeit mit programmatischen Forderungen oder Zielen in den Mahlkampf einzugreiien. Andererseits war es nach den obwaltenden Umständen nicht angängig, bei der in den privaten Zirkeln statt"indendtn Nominierung von Kandidaten einigen Einfluss geltend zu machen und so die bei den letzten Wahlen begonnene Mitarbeit weiter zu führen. Es muss aber gesagt weiden, dass das einflussreichste Wahlkomitcc einstlieh bestrebt war, höchst ehrenwerte und den Umständen nach auch tüchtige Kandidaten aufzustclleu. Allerdings hatte es nicht ׳Jen ganzen Erfolg für sich, denn von seinen 6 Kandi- Uzten musste einer dem einzigen ernsten Gegner Herrn Durlach das Feld räumen. Dieser erlangte mit der zweithöchsten Stimmenzahl ein Mandat. Liberale Liebenswürdigkeit Budapest. Der Vorstand der israelitischen Kultusguiieimle hatte sich an die Studtbcliörde mit dem Ersuchen gewandt, vor der neuen Synagoge in der Arsnastrasse geräuschloses Pflaster legen zu lassen. D;1s Ingenieuramt beantragte heim Magistrat, das Gesuch abzulchncn. ״da der indische Gottesdienst, wie allgemein bekannt, so lärmend sei. dass ihm der von der Strasse eiudriiigei'dc Lärm nicl'.ts schade.“ Der ״liberale“ Magistrat hat sieh dieser famosen Begründung angeschlossen und die Kultusgeincinde abgewiesen! Hotfcittlid wird cs bei dieser Entscheidung nicht sein Bewenden finden. Massenausweisungen aus Rumänien Noch leiden Hunderte v<»u liidisclieii Familien an den Nachwehen der Massrcgelu. welche infolge der vorjährigen Agrar- Unruhen gegen die auf dem flachen Lande wohnenden Juden ergriffen wurden. Man hatte .bekanntlich die Auflehnung der unter schwerem Drucke seufzenden Bauern gegen die Grossgrundbesitzer, die Bojaren, auf den antisemitischen Druck geleitet. Und die jüdischen Pächter, deren Bedienstete und Tausende armer Juden, die auf dm Lande in den Dörfern ihr kümmerliches Dasein fristeten, wurden misshandelt, ihrer Habe beraubt, von Haus und Hof vertrieben. Das heisst im rumänischen Jargon: ״Fremden-Gesctzgebiiiig.** Man kennt ja den Trick, die Interpretationskunst. die an dem Berliner Vertrag geübt wird, welcher die Gleichberechtigung aller Ein-

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