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Jüdische Rundschau · 1908-06-19 · Heft 25 (19.6.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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I und die Gewerbefreiheit für den im Dienste des Individuaüsmus stehenden Arzt. Allmählich bereitet sich auch hier eine Renaissance vor. sei es durch Staats-, sei es durch Selbst- Hilfe. So ist zu erinnern an die wirtschaftliche Bewegung der Aerzte, an die Ausbreitung der Abstinenzvereine und des Vegetarismus. Am schwierigsten ist für die Durchsetzung der Sozialhygiene die Ehcreforn». hier tobt noch im geheimen ein erbitterter Kampf zwischen Juristen und Medizinern um die Regelung der Gesetzgebung, verdeckt durch die an ihren Zielen unschlüssige Frauenbewegung. Schliesslich dürfte hier der Kreislauf der Jüdischen Scxualhvgienc und namentlich der Frühheirat die gebührende Beachtung finden und mit Hilfe der allgemeinen Mutterschaftsversicherung nachgeahnl worden. An die jüdischen Eltern ergibt sich itti Hinblick aui das Aussterben der preussischcn Juden, welche die altbewährte sozialhygienische Praxis aufgegeben haben, eine ernste Mahnung bezüglich der Jugenderziehung: ..Die Gesundheitspflege der Juden in alter und neuer Zeit, mit besonderer Berücksichtigung der Ernährung und Ehe“. müsste als volkstümliches Lehrbuch unter Berücksichtigung des jetzigen Standes der Wissenschaft von einem Kollegium jüdischer Gelehrten und Aerzte herausgegeben werden. Weiter empfiehlt sich die Verbreitung einer ..Jüdischen Monatsschrift für Gesundheitspflege** und Furtbildtmgskursc in sozialer Hygiene für die Rabbiner und Lehrer. Tiergartenviertel In der Festschrift zum 50juhrigc11 Jubiläum des Berliner Kgl. Wilhcl;ns־Gy!m1asiu1:1 wurden auch die Ziffern für die Rcligioiisatigchörigkcit der Schüler veröffentlicht. Das Wilhelms-Gymnasium ist die Schule des Tiergartenviertels, und die vorliegenden Zahlen geben ein interessantes Bild von dem Vordiingen der Juden in dieses woldhabende Viertel Berlins. Fs gehörten der Schule an Jahr Protestanten Juden I Auf 100 Protestanten 1 kommen Juden 1850 167 12 j 72׳ 1805 *165 33! 7,2 1870 20־7 103 143 1875 702 192 1 273 1880 718 206 28,7 1885 691 232 33.6 1800 66«) 291 44,5 1895 510 ־ 5־36 71.6 1900 402 415 103,2 1905 278 308 110,8 1906 267 312 117.0 1907 260 291 111,9 1908 261 279 106,9 Die stetige Zunahme des jüdischen Eelemcuts ist hesonders in Spalte IV evident. Sie stellt durchaus nicht in Parallele zu der Entwicklung der protestantischen Schülerzahl. Diese hat ihren höchsten Stand, 753, bereits im Jahre 1H71 erreicht und nimmt seitdem ständig ab. Die Gesamtfrequenz der Schule steigt dann bis zum Jahre 1887, wo sie 1011 erreicht, nur noch durch den Zufluss der Juden. Die Hüchstzahl der jüdischen Schüler. *115, liegt erst im Jahre 1910. dreissig Jahre später als die der protestantischen. Vo!, da ab geht die jüdische Schule!zahl tust genau parallel der protestantisehen zurück, die schon geraume Zeit vorher infolge der Errichtung mehrerer Schulen in dieser Gegend abuahm. Seit 1900 ist anscheinend1 die ״Sättigung” des Ticrgartenviertcls mit Juden cingctreten. Dr. Elias Auerbach. Getaufte Juden Folgende getaufte Juden sind in bekannten Bädern Aerzte: In Karlsbad: 1. Dr. Adolf Charnut z. 2. Dr. Edgar Gans. , 3. Dr. Emil Goldscheider. 4. Dr. Alfred G r ii n b e r g e r. 5. Dr. Hugo Gut 11. 6. Dr. Stefan K e I e n. No. 238 7. Dr. Rudolf K o I i s c 11. 8. Alex. K o m a r o m v. 9. Dr. Arnold Lorand.!0. Dr. Arthur Pick. 11. Dr. Gus-tav Töpfer. 13. Von Herrn Dr. Aranvi ist zu berichten dass er selber dem Gotte der Väter treu geblieben ist. seine Kinder aber in den Schoss der Kirche mittels Taufe hat überführen lassen. An welche »Religion glaubt er. an seine eigene oder an die seiner Kinder? In KIssingcn: Dr. A p o I a n t. In Naustein: Dr. Th. G r ö d c 1. Dr. L. G r ö d e 1. In Ems: Dr. A p t. Hamburg. In der Frage der Feuerbestattung bat neulich das Hanseatische Obcrlandesgericht ein Urteil gefällt, das in Bezug auf die Beurteilung der religiösen Anschauung über diese Form der Beisetzung sich auf den entgegengesetzten Standpunkt stellt, wie die bekannte Entscheidung des preussisehen Obcrecrwaltungsgerichts. Wie seinerzeit berichtet, hat das hiesige Landgericht im Dezember v. Js. entschieden, dass die Beisetzung einer Aschcnunie in einem Erbbegräbnis des jüdischen Fiitdhofs von der Gemeinde geduldet werden müsse, trotz des \Vide1 Spruchs des Rabbiners. Das Oberlandesgericht hat sieh nunmehr diesem Urteil :mgcschlosseu. In der Begiiiiuhmg heisst cs: Was als Begräbnis nnztiscltcn ist. «!11 lediglich die Bei- Setzung: einer menschlicluu Leiehe oder auch die von Aschenresten einer selchen so enthalte darüber weder der Vertrag der jüdischen Gemeinde mit dem Hamburger Staat, der das Terrain fitr den FrieJkoi übe:lassen-bat. noch das Reglement des Begräbnisplatzcs einen Anhalt, weil z.ur Zeit ihrer Erlichtimg an Feuerbestattung und Beisetzung von Aschenrosten iiLcrhuupi noch nicht gedacht war. Deshajb müsse auf die Frage zuriiekgegangen weiden, was als Zweckbestimmung eines Bcgräbnisplatzes nach der herrschenden Volkssitte im allgemeinen anzusehen sei. In dieser Hinsicht sei festzustellen, dass sieh die Volkssitte in der Anschauung über die Zwecklicstinumii'g der Friedhöfe dahin erweitert habe, dass die Bei- Setzung von Aschenresten daselbst im Sinuc völliger Gleichbcrecktigime mit der Leichenbestattung auch hinsichtlich der Lage der Grabstätte vorgenommen werden könne. Deshalb sei auch in der Novelle zur Fricdhoisordnung von Ohlsdorf aus 19m die Beisetzung Feuerbestatteter auf dem Ohlsdorfcr Friedhof ohne Einschränkung iiir zulässig erklärt worden. Erste allgemeine Vorturnerstunde der jüdischen Turnerschaft Während der Pfingsttage hielt die Jüdische Turnerschalt (Verband der jüdischen Turnvereinei hier in Köln ihre erste allgemeine Vorturnerstunde ab. Erschienen waren ca 30 Vcrtreter der Vereine Berlin. Posen. Strassburg. Wien usw., die sich mit den Vorturnern des jüdischen Turnvereins zu Köln am Sonntag nachmittag in der städtischen Turnhalle Machbäcr- Strasse zur ersten Vorturnerstunde vereinigten. Die Uchungcn. die in Gegenwart eines grösseren Publikums aus allen Kreisen der hiesigen jüdischen Gemeinde stattfanden. dauerten über 2 Stunde!« und umfassten Stabübungen. sowie Vorführungen an Pierd und den Ringen. Sonntag Abend fand eine öffentliehe Sitzung im Saale des Gabriel-Ricsser-Vcreins in der Rheinlandlogc statt, der ebenfalls ein sehr zahlreiches Publihum. Vertreter des Vorstandes der Syuagogcngemeiudc usw. beiwohnte. Leider war der I. Vorsitzende der Jüdischen Turnerschaft. Herr Dr. Richard Blum-Berlin am Erscheinen verhindert. Statt seiner leitete der ehemalige Vorsitzende, Herr Buehdruchereibcsitzer Theobald Scholen! die Verbandhingen. Zunächst referierte Herr Bum über dis Thenn ..Turnerische und militärische Disziplin“. Er betonte den Unterschied dieser beiden Disziplinartcn. den er hauptsächlich darin findet, dass die turnerische Disziplin allumfassend ist. dergestalt, dass dir lediglich der Gehorsam versagt werden kann, wenn Befehl zur Ausübung eines Verbrechens usw׳. gegehen wird. Im Gegensatz, zu ihr betrifft die turnerische Disziplin nur turnerische Dinge. Die gegebenen Befehle müssen im Zusammenhang mit dem Turnen stehen und den erkennbaten Zweck wer Forderung des Turnens in Kte'ii tiagui. Der den militärischen Befehlen zu schuldende Gehorsam beruht auf der höchsten Gewalt, der Staatsgewalt. Die turnerische Beborde ist freigewäjjlt. ihr Bcfeldsgcwalt ist der Ausdruck des Vertrauens der dem Befehle Untergebenen. Demgemäss regelt sich in beiden Fällen auch die Ausführung der Befehle. Der interessante und höchst instruktive Vortrag fand lebhaften Beifall. Das zweite Reierat hielt Herr Julius Berger-Kol», der die jüdischen Aufgaben des j'idischcn Vorturners bcliandelte. Der Vorturner im jüdischen Turnvereine müsse nicht nur turnerisch gebildet sein, er müsse sich auch der Tendenz Seite 25 JÜDISCHE RUNDSCHAU

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