Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 24 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 229 im Westen da öffnet sich das Tal, und anschwellcnd crgicsst sich des Strom in ebenes Gelände; hier gilt es; den Strom aufzufangen und in den Dienst der Menschheit zu zwingen; hier sollen Staudäinmc gemacht werden und Regulierungsarbeiten, und hier sitzt die deutsche zionistische Föderation, welche die Arbeiten organisieren und leiten soll. Die mühevolle aber segensreiche Wasserwirtschaft das soll das Panier des deutschen Zionismus sein. Weiter nach Westen wird der Strom träger, und wo er sich ergiesst, da müssen Deiche errichtet werden gegen die Sturmfluten, und da sitzt im Haag unser Deichhauptmann, der mit klarem Blick die Deiche in Ordnung hält, damit nicht unvorgesehene Ereignisse das Werk der Menschenhand zerstören. Erlassen Sic mir, noch weiter westlich zu schauen, wn sich aus dem von den Gebirgen herunter gebrachten Geröll und Schlamm neue Inseln bilden, die leider erst im Werden sind, sich bilden und vergelten, bald als fester Boden erscheinen und dann sich wieder als trügerischer Schlick erweisen, in dem man versinkt, wenn man fest Zutritt. Lassen Sie uns hoffen, dass dieses Neuland alsbald richtig eiligedämmt, eilt fruchtbares Ackerfeld werden möge, denn reich genug ist es, um jahraus jahrein die schönsten Ernten zu geben. Aber vorläufig liegt das noch im Schosse der Zukunft verborgen, unsere Arbeit in Deutschland liegt jedoch in bezug auf Palästina klar zu Tage; wir wissen, was wir wollen, und haben wir es uns erst fest vorgenommen, so wird es uns ein Leichtes sein, es in Wirklichkeit umzusetzen. Unsere wirtschaftlich zionistische Patästinaarhcit besteht also in folgendem: a) Landwirtschaft: 1. Sammlungen für den Nationalfond. 2. Sammlungen für die Oelbaumspcnde und Herzlwald resp. Beitritt zu dem Verein ״Oelbaumspcnde**. 3. Vertrieb der Shares der Palestine Land Development Co. 4. Beitritt zu dem Piianzungsvercin ״Palästina“. b) Industrie: 1. Beteiligung an dem Palastina-Industrie-Syndikat. 2. Beteiligung an dem von dem Syndikat zu begründenden Industrien. 3. Beitritt zu dem ״Bezalel־*, Verein zur Verbreitung von Kunstgew-erbc und Hausindustrien in Palästina und den Nachbarländern. c) Handel. 1. Vertrieb der Shares der Anglo-Palestine Co. 2. Vertrieb von Palästina-Produkten. Ich bin am Schluss-, Sie sehen, die Arbeit der letzten Jahre ist keine vergebliche gewesen. Was früher nebelhaft vor uns lag, das ist fetzt klar und leicht übersehbar; hatten wir früher eine dunkle Scheu, uns in das palästinische Wirtschaftsgctriebe hineinzustürzen, jetzt können wir, wo wir den Umiang ermessen können, frischen Mutes herangehen. Wir brauchen an einem Erfolg nicht mehr zweifeln, und von unserer Energie hängt es ab, wann dieser Erfolg allen sichtbar werden wird. Das Referat von Dr. Schemaria Levin über die ku 1 ־ tu rellen Arbeiten in Palästina können wir Raummangels halber erst in der nächsten Nummer der JÜDISCHEN RUNDSCHAU bringen. Diskussion über die Berichte und die drei Referate von Kiec, Kollen sch er und Ascher: Feiwel, Berlin, beklngte, dass das Zentral-Komitee einen Bericht nur über das Finanzielc gegeben habe. Hatte denn seine Tätigkeit im verflossenen Jahr keine anderen Materien. Was fetzt in den drei Referaten neu gebracht wurde, soll eine Ausgestaltung des Zionismus bedeuten. Was heisst die Losung von Dr. Klee: Heraus aus dem Turm. Es kann nur heissen, wir waren bis jetzt zu ausschliesslich zionistisch, zu agressiv. wir waren nicht verhandlungsfähig. Aber das ist gar nicht der I all gcw’cscn. Wenn wir Jetzt den anderen Organisationen noch mehr entgegenkommen, so müssen wir von unseren Prinzipien noch mehr aufgeben. Wir stehen insofern an einem Wendepunkt, •als der Deutsche Zionismus jetzt ausschlaggebend fiir die ganze Bewegung ist. Unsere nationale Kluft gegenüber den Organisationen ist kleiner geworden, weil wir paktieren. Es gibt zw׳ci Arten von Zionismus. Der eine will Z1״n als Transportmittel' fiir fremde Juden, der national‘*. Zionismus will aber Zion für sich. Es darf keine Zionisten geben, welche in ihren Ländern sich assimilieren können oder wollen, aber es gibt solche. Was ist denn der Unterschied zwischen solchen Zionisten und Mitgliedern irgend eines Hilfs- Vereins? Wir sollen die Geduld haben, eine Macht zu werden. Vorläufig braucht mau uns nicht, so dass das Zusammenarbeiten nur ein frommer Wunsch von unserer Seite ist. Nur eine natürliche und erwünschte Arbeit mit anderen Organisationen ist möglich, die fiir und in Palästina. Es kommt darauf an. will mau die Assimilation oder nicht? Diese Or- Kassationen w ollen das Verschwinden des Judentums. Es heisst nicht die Gegensätze verwischen, sondern sie bis zum Ende auskämpfen. Dort das jüdisch-nationale Ziel, hier eventuell die Besserung der sozialen Lage einiger Juden. Wir wollen uns nicht zu tief verbeugen. Soll es Zionismus oder Staatsbiirgervercin plus Esra sein? (Lebhafter Beifall und Wider- Spruch.) Delegierter Hermann Struck bringt eine Interpellation an die deutschen Mitglieder des Aktions-Komitees wegen der im Zentralbureau vorgekommenen Verletzung der Sabbatruhe ein. Er vcrliesst eine Resolution des Misrachi, welche die Aufnahme einer Bestimmung' in das Organisationsstatut verlangt, die derartiges für die Zukunft verhütet. Ferner verlangt er die Aus- Schaltung aller religiösen Fragen aus unseren Parteiorganen. Dr. Friedemann, Berlin, erklärt auch im Namen von Dr. Bodenheimer und Dr. Gronemann sich mit den Massregeln zur Verhütung solcher Vorkommnisse einverstanden. Gleichzeitig gibt er der Entrüstung darüber Ausdruck, dass Gesinnungsgenossen aus den Kreisen des Misrachi diese Sache in zionistenfeindlichen Blättern zur Sprache brachten. Dr. Hantke, Berlin, gleichfalls Mitglied des Grossen Aktions- Komitees, hält die Form der Behandlung der ganzen Angelegenheit durch den Misrachi für verfehlt Für die zukünftige Verhütung־ solcher Dinge soll alles geschehen, dagegen ist die Aufnahme einer speziellen Bestimmung in das Statut unangebracht und unserer Bewegung nicht würdig. Nach kurzer Geschäftsordnungsdebattc beantragt Lcvigard (Frankfurt), die Besprechung der Interpellation für den michsten Tag. Simon (Mannheim spricht zum Referat Kollenschcr. Wir müssen die Arbeit in den jüdischen Gemeinden dazu benutzen, die Juden zu erziehen, nicht nur der Religionsunterricht der Kinder, sondern die ganze spätere Beeinflussung der Gemeindemitgliedcr durch jüdische Ideen muss durch uns allmählich reformiert werden. Schon die fortwährende Äusserung unserer abw׳eichehnden Meinungen in den Gemeinde-Vertretungen ist erzieherische Arbeit. Die Agitation im bisherigen Sinne genügt keineswegs, um die Juden zu uns zu bringen. — Auch die Palästina-Arbeit kann als neutrales Gebiet dienen, auf dem die anderen Juden uns nahe kommen. Wir wollen uns in religiösen Angelegenheiten nicht für oder wider eine bestimmte Partei für alle Falle fcstlegcn. aber unsere Stellungnahme gegenüber der Reformbewegung ist eine nationale Frage. Die Reform ist stets gleichbedeutend mit Assimilation, denn sie ist unter den heutigen Verhältnissen in jüdischem Sinne nicht möglich. Aus diesem Grunde gehen wir vielfach, so auch in Baden, mit der Orthodoxie Hand in Hand, müssen uns jedoch auch hier völlige Freiheit wahren. Auch wir empfinden den Zwiespalt zwischen Judentum und dem modernen Leben, aber wir haben eine andere Lösung dafür, als die Reform. Eine cndgiltige Lösung kann erst der Zionismus bringen, indem er ein lebendiges nationales Leben schafft. Ein Antrag auf Verkürzung der Redezeit wnird zunächst abgelchnt. Rechtsanwalt Gronemann (Berlin): Der Zionismus sit nicht nur praktische Arbeit, sondern ist eine Lebensanschauung, ihm gegenüber steht nicht eine Richtung mit bestimmter Anschauung. Es ist falsch, zu sagen, dass in den übrigen jüdischen Organisationen die Assimilation regiert, denn Assimilanteh gründen keine jüdischen Organisationen. Das ist unlogisclu Wir wollen auch keine Prosclyten unter bewussten Assitni-