Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 24 Seite 223 •ז׳יייזיימ^ע JÜDISCHE RUNDSCHAU Phrase; sie sind Phantomanbeter, Anbeter eines Gottes, den sie sich •erst machen. Wie in ältester Zeit, immer Rückiülle in den Götzendienst. Aber es hilft ihnen nichts. Sie schreiben Zeitungen — aber nicht Geschichte.“ Wenn wir die hier empfohlene Politik treiben, wird es uns auch gelingen, einige wirkliche Indische Abgeordnete ins Parlament zu schicken. Die Bevölkerung neigt dazu, wie in den Kommunen und Landtagen der Einzc!Staaten, einige Sitze jüdischen Abgeord* ncten zu (iberiassen. Es gilt, die richtigen Persönlichkeiten herauszufinden. Das brauchen keine Zionisten, cs müssen nur selbstbewusste Juden sein, denen nichts Jüdisches fremd ist, die zu antworten wissen, wenn von Seiten unserer Feinde Irrtiimcr über unser Volk, über unsere Sitten, über unsere Religion vorgebraeht werden. Mehr als eine Tribüne, von der wir gehört werden, ist und kann das Parlament für uns nicht sein. Die empfohlene Politik gilt aber nur für die einzclneu Juden. Unsere zionistische Organisation und Leitung hat sich von jeder Politik fern zu halten. Sie ist nicht liberal oder konservativ, nicht cnglandfrcundlich oder russenfeindlich, sondern jüdisch und sachverständig. Still sitzen, die Ent- Wicklung der Dinge mit offenem Auge betrachten, aus־ der Summe des Möglichen das in jedem Augenblick Notwendige herauszutinden und durchführen, das ist Aufgabe unserer Leitung. Wenn wir diese Politik verfolgen, werden wir die nutzlosen Konflikte vermeiden, werden wir die Sache, der wir dienen, am besten fördern und wcitcrzuiiihren. Eine erziehliehe Wirkung wird davon auf unser Volk ausströmen. Ein mannhaftes Geschlecht wird heranwachsen, das sich treuer Arbeit für die Gesamtheit widmet. Nur dies־c Arbeit vermag die letzte Befriedigung zu gewähren. Tue jeder in der stillen Folge der Tage das Seine und bleibe in Bereitschaft. Das ist alles. Die kleine •Arbeit hilft zu den grossen Taten, die einmal kommen müssen. Dann aber, wenn einst der siebente Tag unserem ungliickliehen Volke wiederkehrt, gedenke jeder deutsche Jude der Worte seines Schiller: ״Was auch draus werde — stell* zu deinem Volk — Es ist dein angeborener Platz." Herr Dr. Friedemann machte hierauf Mitteilung von zwei Resolutionen, auf die sich das C. C. in den Fragen der inneren Politik und der Stellung zu den jüdischen Organisationen geeinigt hat: 1. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland lehnt, ohne die Stellungnahme der einzelnen zu beschränken, für sich als Organisation jedes Eingreifen in die innerpolitischen Kämpfe Deutschlands und daher jede Unterstützung einzelner politischer Parteien ab. 2. Der 11. Delegiertentag begrüsst das Wirken der anderen grossen jüdischen Organisationen, soweit es der Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Juden* Schaft, sowie der Stärkung des jüdischen Selbsgefühls und Volksbewusstseins dient. Der Delegiertentag spricht die Hoffnung aus, dass es gelingen werde alle jüdischen Organisationen in gemeinsamem Handel im Gesamtinteresse der Judenheit, insbesondere in Bezug auf Palästina, zusammenzufassen. Hieran schloss sich die Generaldebatte über die Eröflnungsrede, den Bericht des Zentralkomitees und die Referate der Herren Klee, Ascher und Kollenscher. Totenliste Gustav Ü. C o h e n - Hamburg. Rabbiner Dr. Salomo!» Cohn- Halberstadt. S. L. E1 z h o 1 7. - Berlin. Dr. Julius Stern- Baden-Baden. Stadtkümmercr I. Unser- Kruschwitz. Georg Struck- Berlin. Lissauer - Lübeck. Dr. Alfred Lubowsky- Charlottcnburg. Benno Schutz- Zabrze. Gustav Hildesheimer -Hannover. Benno Hofstein, V. J.St.. Dresden. Daniel M a r c u s ־ Berlin. Emil K!10 11e r- Berlin. Bcrthold F 1 e g e n h e i m e r-Mannheim. Leopold M a y c r - Mannheim. Frau Thekla Bacr-Mannheim. Samuel senior-Gr.-Strehlitz. Theodor Osehinsky- Breslau. Prof. O. Warburg über die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas Wenn das Programm meines heutigen Referats lautet: ״Die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas'*, so brauchet; Sie nicht zu fürchten, dass ich hier einen wissenschaftlichen Vortrag halten werde mit statistischen Angaben und gründlichen Deduktionen. So verlockend dies auch sein würde, utn einmal weiteren Kreisen zu zeigen, wie selbst unter dem Halbmond, unter der Herrschaft der Türken, unter deren Fuss ja angeblich kein Grashalm wächst, wirtschaftlicher Fortschritt vor unseren Augen stauiiudet, so ist der Deutsche Zionistische Delegiertentag doch nicht der Ort dazu. Wir sind ja jetzt glücklicherweise, nach fünijührigen Bemiiliungen. seitdem auf dem VI. Kongress in Basel im Jahre 1903 eine Palästina-Kommission durchgesetzt wurde, so weit, dass wir verlangen und erwarten können', dass wenigstens die zum Dclcgicrtcntag gesandten Vertreter des Zionismus einigermassen über Palästina orientiert sind und die Ansichten sich zu eigen gemacht haben, welche die Kenner des Landes schon seit langer Zeit vertreten haben. So leicht war diese Aufklärungsarbeit ireilich nicht, und es ist iraglich, ob nicht die Richtung des Zionismus von vornherein eine andere -־ und vielleicht eine gesündere — gewesen wäre, wenn schon vor 10 Jahren die nötige Sachkenntnis in bezug auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Palästina bietet, vorhanden gewesen wäre. Es soll dies kein Vorwurf sein; denn es war die allgemeine damals herrschende Ansicht, dass sich aas Palästina nur in langwieriger und schwerer Arbeit wirtschaftlich etwas machen Hesse. Selbst in wissenschaftlichen Werken wurde von der Verödung und Verkarstung des Landes infolge der Entwaldung und ruchlosen Ausbeutung gesprochen. Die Erfolge der deutsehen und jüdischen Kolonisten waren noch nicht so in die Augen springend und vor allem noch nicht so bekannt, wie sie es heute sind; auch beschränkten sie sich auf kleine Ausschnitte des Landes, und Leuten, die nicht gewohnt sind, aus kleinen Symptomen Grosses abzuleiten, kann nra» es nicht verargen, dass sie nicht wagten, aus dem derzeitigen, durchaus nicht rosigen Stande der Kolonien eine glänzende Zukunft zu prognostizieren, zumal, da ihnen stets versichert wurde, die Kolonien seien ein Kunstprodukt der Geberlaune Baron Roth- Schilds, und die deutschen Tctnplcrgemeindcn hielten sich auch nur kümmerlich durch Frachtfuhrwerk und Gemüseversorgung der Städte. Was also Anfänge einer weitgehenden Entwichhing waren, betrachteten sie als belanglose Zufallserseheimmgen. Daher war es nur natürlich, wenn man die Theorie aufstellte, man dürfe in Palästina nicht an wirtschaftliche Arbeiten herantreten. bevor man nicht von der türkischen Regierung ausreichende und weitgehende Konzessionen erlangt habe. Denn was niitzc sonst die ganze Arbeit; jederzeit könne die Regierung cinschreUeu und die Früchte der langen und müh* samen Vorarbeiten vernichten oder für sich in Anspruch nehmen, wobei diejenigen, die Arbeit und Kapital in das• Land hineingesteckt hätten, dann leer ausgehen würden. Eine natürliche Konsequenz war, dass man zuerst nach dem Ganzen strebte: Autonomie in Palästina oder nichts, war die Parole. Als man sah. dass die Autonomie nicht so leicht erreichbar sei, begnügte man sich mit der Forderung eines möglichst