Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651576--05688-2662727
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 222 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24 Aus diesem Jneinandergreifen von Staat und Volkstum entstehen die Gegensätze, die die Bevölkerung eines Gebietes zu den erbittertsten Kämpfen fortreissen. Eine gedeihliche Entwicklung kann nur gefördert werden, wenn jedes Gebilde die ihm innewohnenden Schranken erkennt und mit fester Willenskraft beobachtet und wahrt. In Deutschland ist durch die Ereignisse des letzten Jahrhunderts das herrschende Volkstum in gleicher Weise kräftig und selbstsicher geworden, wie in England das angelsächsische. Aus diesem Grunde kann und wird cs dazu übergehen, die Ansprüche der Minoritäten zu achten. Kleine Reaktionen, wie in der Polenfragc, hindern den Fortschritt nicht. Auch England hat seine Ireniragc. Diese Probleme komplizieren sich vornehmlich durch die eingreifenden territorialen und ausser־ politischen Interessen. Die politische Beachtung unserer nationalen Rechte zu fordern haben wir bisher unterlassen. Die frühere Generation rang um Anerkennung der bürgerlichen Rechte, um Gleichbeachtung der Einzelnen vor dem Gesetz. Diesen Kampf müssen wir selbstverständlich weiter führen. Das Moralische, sagt Vischcr, versteht sich von selbst. Das verlangt unser Ehrgefühl, unser Selbstbewusstsein. Als Sohne des ältesten Kulturvolks dürfen wir cs nicht dulden, als Parias• behandelt zu werden. . Freilich, c i n kulturelles Out haben auch schon unsere Väter erstritten, die Freiheit der Religionsübung. Das war immer der lauteste Ruf in» Freiheitskatnpte der Menschheit von den Makkabäern bis auf unsere Tage. Die Religion ist aber immer nur e i n Zweig des nationalen Lebens-, wenn auch der bedeutsamste. Das Innenleben der heutigen Mensch* heit erschöpft sich nicht mehr in ihren Anschauungen über die letzten Dinge. Die Volksmassc identifiziert ihr nationales Gefühl immer mit dem religiösen. Sic besitzt nicht die feine Unterscheidungskunst, das Wesen eines Dinges von seinem sichtbaren Ausdruck zu sondern. Wir verlangen Freiheit in der Entwicklung aller aus unserem nationalen Leben entspringenden Kräfte, Rücksicht aui unsere historischen Traditionen, Verständnis für die uns von unseren Vätern erworbenen Sitten und Gebräuche, Anerkennung der edelsten Züge unseres Volkstums. Zwar sind wir uns bewusst, dass unser Volksleben neben köstl&hen Blüten auch traurige Auswüchse gezeitigt hat, dass uns Fehler und Mängel infolge unserer histori* sehen Entwicklung anhaften. Aber nicht in höherem Masse, als den anderen Völkern. Wir verlangen Spielraum, um diese Auswüchse zu beseitigen, aber nicht von aussen, sondern aus den uns innewohnenden Bedingungen heraus. Unser jüdisches Schulwesen, die Handhabung des jiidisehen Religionsunterrichts verlangen eine dringende Reior* mation. Auf die Einzelheiten einzugehen, liegt nicht im Rahmen meines Vortrags. Wir müssen die Arbeiten da aufnehmen, wo sie unsere Väter haben liegen lassen. Der Ruf Klees: ״Heraus aus dem Turm!" macht hier die Bahn frei. Legen wir vor aller Augen dar, wie ernst unsere Arbeit um die Erziehung und Förderung unseres Volkes ist. dann wird man einsehen, dass das, was unser eigen ist und wodurch wir kulturschaffen geworden sind, gehegt und gepflegt zu werden verdient mit der ganzen Leidenschaft, dtoren die jüdische Seele fähig ist. Man wird erkennen, dass cs unserem deutschen Vaterlande nur zum Segen gereichen kann, wenn wir die Tugenden unserer Vorfahren, Ehrbarkeit und Sitte, Zucht und Ordnung, wirtschaftliche Lebensführung und strenges Pflichtgefühl der folgende» Generation rein und unverfälscht zu überliefern trachten. Man wird die Bedeutung eines so stabilen Elements, wie das Judentum, als Kulturfaktor werten lernen, als sichtbares Zeichen, welche beharrende Macht der Beobachtung des fünften Gebots innewohnt: Achtung vor Wesen und Art, Denken und Empfinden unserer Vorfahren. Insonderheit wird man die Wirkung verspüren, welche von uns Zionisten ausgeht, die wir das Erbe unserer grossen Vergangenheit nicht in den Wind streuen, sondern für die Gegenwart und Zukunft fruchtbar machen. Mit Stolz und Selbst; bewusstsein, diesen beiden höchsten Werten im Menschenleben, erfüllen wir unsere Anhänger, aber mit einem Stolz und einem Selbstbewusstsein, die fest gegründet sind. Diese Grundlage scliafteu nur die wahrhaft grossen Aufgaben. Sie entbehren, die nur leben um des Lebens willen. Unsere Arbeit kreuzt sich nirgends mit den Forderungen des Staates. In allen vaterländischen Fragen werden wir rückhaltslos für alles eintreten, was die Entwicklung und Sicherheit Deutschlands fördert. Wir verlangen vom Staate Achtung unserer Einzel- und Volkspcrsönliclikcit. wir gewähren ihm dafür, was er zu seiner notwendigen Vereinheitlichung bedarf. Der Staat darf fest darauf bauen, dass wir die zuverlässigsten Freunde der bestehenden Ordnung sind. Einigen uns die nationalen und vaterländischen Fragen, so werden die wirtschaftlichen und machtpolitischen Fragen in unseren Reihen dieselbe Scheidung hervorrufen, wie anderwärts. Die Gefühle, Instinkte, Neigungen, die hier die Ent- Scheidung treffen, sind in der Natur der Menschen begründet. Den!:inen bannt das gewaltige Wollen umwälzender Geister, Seine ganze Veranlagung drängt ihm eine radikale Weltanscliaiiuiig auf. Der andere liebt mehr die stillen Wirkungen, die allmählichen Übergänge. Ihm ist das stürmische Vorgehen leidenschaftlicher Geister zuwider. Er denkt mit Goethe: ״Der wahre Liberale sucht mit den Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, so viel Gutes zu bewirken, wie er nur immer kann; aber er hütet sich, die oft unvermeidlichen Mängel sogleich mit!־euer und Schwert vertilgen zu wollen. Er ist bemüht, durch ein kluges Vorgehen die öffentlichen Gebrechen nach und nach zu verdrängen, ohne durch gewaltsame Massrege.n eben so viel Gutes־ mit zu verderben." Diese Gegensätze sind dauernd. Und das Ist gut so. Der Feuereifer der Einen findet seine »»atürlichen Grenzen in den» Beharrungsvermögen der Anderen. Dann wird der Weg zun» Besseren Schritt für Schritt crka»npft, und jeder Fortschritt ruht auf sicherem Boden. Wenn wir aber nun zum Schluss fragen, durch welche politischen Mittel die von mir aufgcstellten Forderungen nationaler, vaterländischer, wirtschaftlicher und machtpoütischer Art zu erreichen sind, so müssen wir den Gegensatz der uns einigenden von den uns trennenden Interessen im Auge behalten. Die frühere Generation suchte ihre Ziele zu erreichen durch Anschluss an eine Partei ohne Rücksicht auf die eben betonten Gegensätze, durch Stärkung und Forderung dieses־ einen Faktors. Diese Politik hat uns keinen Schritt weiter gebracht. Sie ist nicht zu empfehlen. In gleicher Weise ist als praktisch unbrauchbar die Biidug einer besonderen jiiUisehen politischen Organisation abzulehucn. Ich empfehle es, im Tagcskampie jedem Einzelnen zu überlassen, welcher Partei er sich ansehiiessen will, ob den in der Bildung bcgrificueii Faktoren, die zu herrschen beanspruchen und die bestehende Macht zu beugen suchen, oder ob es ihm mehr daran liegt, die Verwirklichung seiner eigenen Ideale und Gedanken im Anschluss au vorhandene Macht zu erstreben. Meine Ortsgruppe hat den letzteren Weg eingeschlagen, der ihrem Wesen am nächsten liegt, und hat damit gute Erfolge erzielt. Um liier richtungsweisend aufzutreten, fehlt es an jeglicher Vorarbeit in Gestalt praktischer Versuche. An Ideen sind wir überreich, au praktischen Versuchen über alle Begriffe arm. Noch heute gilt, was einst Fontane in einem Briefe schrieb: ״Die Juden sind und bleiben politisch unverständlieh; sonst so praktisch, verfallen sic politisch sofort der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.