Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 220 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24 gemacht werden darf. Sollen wir deshalb ausserhalb bleiben oder, ist auch hier Mitarbeiterschaft wünschenswert? Auch hier ist der Zweifel schon durch die Praxis überholt, denn eine grosse Reihe von Zionisten gibt es unter den logcnmitgliedern, zum Teil sogar in leitender Stellung•, und das hat iunere Gründe, dam die Logen haben einer Fülle unserer Anreguiigen — ich erinnere nur an die roynhcehalten — Tür und Tor geöffnet. Ihr Wirken an sich ist zweifellos segensreich. Wertvoll in unserem Sinne ist cs ganz besonders dadurch, dass es unter den Juden Deutschlands und insbesondere unter ihrer Jugend einen Boden, eine Stimmung vorbereitet, die für unsere die zionistische Arbeit, an der es ausserhalb der Logen |a nie fehlen wird, günstig ist. ,Der Zionismus als ein dem ganzen Volke dienendes Glied hat eine Fülle von Möglichkeiten, in seinem Sinne an den anderen jüdischen Organisationen mitzuarbeiten. Das nützt dem Judentunic und nützt unserer Idee. Auch seine Etappen-Politik kenn unter Umständen für das Endziel wertvoll sein. Aus dem Hand in Hand arbeiten und dem persönlich Nähertreten kommt doch mehr oder weniger Segen. Heraus aus dem Turin!‘gelte es hier. Unser!» zionistischen Standpunkt halten wir voll und verbriichlicli fest; aber darüber hinaus fördern wir soweit cs im einzelnen Eaile möglich, alles, was dem Oc- Samtjudentum dient. Herr Dr. Kollenscher - Posen referierte über: Unsere Stellung zur Gemeindepolitik Theodor Herz! hat die Parole ausgegeben, in die Gemeiudestuben cinzutrctcn. Die Parole ist befolgt worden. Wir wollen überall zugegen sein und mitarbeiten, wo cs sich um jüdische Dinge handelt Für die Gemeindenrbe t trifft dies umsomehr zu, als die Gemeinde Träger des wesentlichsten Teiles des jüdischen Kulturlebens ist. Sie pflegt die Tradition in den Synagogen, sie hat die jüdische Erziehung. Die Gemeinden sind schliesslich die einzigen staatlich anerkannten Orgamsationsfornien; die Zionisten haben ein dringendes Interesse daran, über die Aufrechterhaltung der hieraus gegebenen Beziehungen zum Staate zu wachen. Dem Staate gegenüber verlangen wir Freiheit und Selbstständigkeit in der Regelung unserer Gemeindeangelegenhcitcn. Trennung von Religion und Staat ist ein altes Postulat. Wir müssen es für die jüdischen Gemeindeangelcgenheiten umsomehr erheben, als wir bei den staatlichen Behörden kein Interesse und kein Verständnis unserer Angelegenheiten voraussfctzen dürfen, und wir als Zionisten bestrebt sein müssen, jede Möglichkeit einer Reibung mit den staatlichen Behörden zu vermeiden. Trotzdem verlangen wir eine staatliche Gesetzgebung. Sie hat sich aber darauf zu beschränken, von Staatswegen den Zwang zur Bildung von Gemeinden fcstzustellen, und diese Gemeinden mit dem Recht der direkten Beitreibung־ von Steuern auszustatten. Eine Zusammenfassung einzelner Gemeinden zu Gemeindeverbändcn ist anzustreben, weil durch die Abwanderung der Juden in grosse Städte Zwerggemeinden entstanden sind, die aus eigener Kraft nicht in der Lage sind, auch nur den notwendigsten Erfordernissen an eine Gemeinde zu genügen; diese Gemeinden zu unterstützen, ist Sache des Gemeindevcrbandcs. Innerhalb der Gemeinden verlangen wir: freiheitliche Vcrwaltung und Verfassung, allgemeines gleiches und geheimes Wahlrecht, Beseitigung jedes Ccnsus und aller Privilegien, zur Förderung des Interesses an den Arbeiten der Gemeinde, Oeffcntliclikcit der Sitzungen der bcschlicssenden Körperschäften, Berichterstattung der Repräsentanten an die Gemeindc. . Als national-politische Partei kann der Zionismus als solcher zu den religiösen Differenzen itn Judentum (Orthodoxie und Liberalismus) keine Stellung nehmen. Immerhin wird darauf zu achten sein, dass die rituellen Institutionen der Oe: meinden den strengsten Anforderungeu der Orthodoxie ent* sprechen. Die Neutralität muss da nufhören, wo die Assimilatiou beginnt. Gegen die Reformen, die einer Assimilation Vorschub leisten, wird mit aller Schärfe zu kämpfen sein. Deshalb haben wir für die Erhaltung der hebräischen Sprache in Synagoge und Schule einzutreten, deshalb auch gegen die Beseitiguug des Zionsgedankens in unseren Gebeten. Die Tätigkeit der Gemeinden ist zu erweitern: sie muss über die Erfüllung der Kultusbedürfnisse hiuausgchcn. Der Religionsunterricht in den Schulen ist mit einem Gcschichtsunterricht zu verbinden, Fürsorge für die Fortbildung dei Gemeindemitglieder in allen jüdischen Angelegenheiten, Einrichtung jüdischer' Lesehallen und Bibliotheken. Kurse über jüdi-. sehe Geschichte. Die Gemeinden sollen ferner die Gesamt- Wohlfahrtspflege übernehmen; sie hat die Armenpflege zu leiten, jüdische Krankenhäuser, indische Waisenhäuser, Asyle sind von den Gemeinden bezw. Gememdeverbüudeu ein/.urichten; Arbeitsnachweise, Notstandsarbeiten, Einrichtung von Darlehuskasseu sind Aufgaben grosser Gemeinden. Der erweiterte Umfang der Gcmeindcarbeiten wird eine Erhöhung des Etats mit sich bringen: Deckung der Ausgaben durch progressive Einkommens- und Vermögenssteuer. Diese Steuern sind an sich schon gerecht und können erhöht werden, weil die Zentralisation der Wohliahrt in den Gemeinden die Vereine zum grossen Teil iiberiiiissig macht und dadurch die Mitgliedsbeiträgc erspart werden. Durch diese Umgestaltung wird zugleich erreicht, dass Wohliahrtscinrichtungen nicht nur in den Händen der Wohlhabenden liegen, die Mitglieder sind, sondern von der Gemeinde verwaltet werden, der die jüdische Gesamtheit angehört. Die Gebühren für die Gew ährung ritueller Akte s nd nach Möglichkeit zu beseitigen. Das stellt eine ungerechte Brlastui.g derjenigen dar, die als traditionelle Juden leben; das traditionelle Leben dar! aber von der Gemeinde nicht erschwert und beslcuert werden. Eine Gemeinde, die ein starkes jüdisches Leben aut weist, wird nicht nur ihre Mitglieder an sich und an das Judentum fesseln, sondern auch nach aussen, insbesondere den Behörden gegenüber, Achtung erwecken. Im Anschluss an dieses Referat, dessen gediegene Ausführungen den stürmischen Beifall der Versammlung fanden, stellte Herr Dr. K. die folgenden Thesen für die Beteiligung der Zionisten an den jüdischen Gemeindeangelegenheiten auf: 1. Die Teilnahme an den Arbeiten der Kultus-Gemeinden ist für die deutschen Zionisten erforderlich, weil einmal den Zionisten kein jüdisches Interesse fremd bleiben darf, und weil ferner gerade innerhalb der Gemeinden die stärksten Möglichkeitcn zur Förderung einer jüdisch-nationalen Kultur gegeben sind. 2. Die Verfassung und Verwalt!» »g der Gemeinde und der Verbände soll in freiheitlicher Weise statuiert werden. Keine Privilegien. Kein Unterschied wischen In- und Ausländer. Allgemeines, gleiches geheimes Wahlrecht. Öffentlichkeit der Sitzungen. Direkte progressive Einkommens- und Vermögens- Steuer. Nach Möglichkeit keine Gebühren für die Gewährung der Ritualien. 3. Als nationale politische Partei kann der Zionismus als solcher zu den religiösen Differenzen in» Judentum (Orthodoxie und Liberalismus) keine Stellung nehmen. In den Gemeinden werden jedoch die Zionisten darüber wachen müssen, dass nicht durch Reformen einer Assimilation Vorschub geleistet wird, dass der hebräischen Sprache in Synagoge und Schule die alte Bedeutung gewahrt wird, dass aus den Gebeten der Zionsgedanke nicht beseitigt wird.