Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 216 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 24 dem Boden der zionistischen Weltanschauung steht und dass es nur der energischen zielbewussten Führung bedarf, um sie für unsere näheren und ferneren Zwecke zu organisieren Wir können bei einem ersten Vorstoss dieser Art nicht erwarten, mit allen unseren Forderungen durchzudringen, da wir für diese Zwcckc noch keinen rn seiner Anschauung gefestigten ziirfbewussten Anhang besitzen, auf den mau sich unter allen Umstände« verlassen kann. Die Folge davon ist, dass man bei diesem Versuch der Einmischung in die Oemeindepolitik ein Kompromiss abgeschlossen hat, dass wir aufs Tiefste bedauern müssen. Das Zentralbureau in Berlin hat in rührigster Weise die organisatorische Kleinarbeit und Propaganda in Deutschland geleitet. Dasselbe hat durch die Art der Ausbildung der bestehenden Organisationen bewiesen, dass diese Tätigkeit beinahe ebenso wichtig ist, wie die Vertretung der Idee. Obwohl in Deutsch* land nach der Eigenart der Verhältnisse die Massen von der Begeisterung für die zionistische Idee nicht so stark^ ergriffen werden, wie dies in anderen Ländern der Fall ist, wo sic einen höheren Prozentsatz der Bcvölkerung bilden und in materiell und politisch uugtinstigen Verhältnissen leben, hat es unser Zentralburcau fertig gebracht, dass Deutschland heute au der Spitze aller Sammlungen fiir unsere Bewegung stellt. Besonders zeigt . sich in Deutschland em reges Verstand* nis für die mater'eilen Anforderungen, welche die Exekutive fiir die Zwecke ihrer organisatorischen und politischen Tätigkeit stellen muss; in Deutschland hat die Idee des Parteifonds ein weitgehendes Verständnis gefunden, so dass wir heute schon im Stande sind, die uns au״, legte Parteisteucr in vefler Höhe zu leisten, wülueuddeni man in anderen Ländern erst anfängt, hierfür in die Agitat'on zu treten. Nachdem heute sich so die Zentralisation unserer Arbeit In Berlin vollzogen hat, dürfte der Zeitpunkt gekommen sein, auch die Einrchtung des Zentral-Komitees dem veränderten Verhältnis anzupassen. Die grossen Kämpfe der Zionistischen Bewegung im allgemeinen um die Ausgestaltung der Idee und die Form und Methode der Politik sind natiirFch auch in der deutschen Organisation nicht ohne Echo geblieben. Immerhin haben dieselben die Gemüter der deutschen Zionisten im letzten Jahre nicht so heftig erregt, wie in anderen Ländern. Insbesondere zeigte sich dies auch bei der Stellungnahme zu der Statnten-Aenderung der jüdischen Kolonialbauk. Nachdem diese Frage durch Richterspruch entschieden ist, glaube rch, dass alle Gesinnungsgenossen in Deutschland mit mir in der Hoffmmg e'nig sind, uns vor dem Richterspruchc zu beugen und innerhalb der zionistischen Organisation wieder mit neuem Eifer an fruchtbarere Arbeiten für die Erreichung unseres Zieles zu gehen. Der Gewittersturm der über uns hinbrauste, hat die Luft gereinigt, hoffen wir, dass er Balm schafft für gedeihfehes Zusammenwirken aller Richtungen, welche das zionistische Programm als verbindiieh anerkennen. Wenn wir aber ernstlich fiir alle künftigen Faiie solchen Vorkommnissen Vorbeugen wollen, so ist ein erstes Erfordernis für uns, dass wir uns auf unseren Tagungen etwas ernstlicher mit der Frage der Politik der zionistischen Bewegung befassen. Wir haben es bisher für zweckmässig gehalten, die Erörtcrung dieser Frage auszuschaltcn und dem Akiions- Komitee der Bewegung nach seinem freien Ermessen zu überlassen. Es ist das «och eine Tradition von Herzl her. Mit dieser UeberUeferung, die aus einer Zeit stammt, wo die Organisation sich noch in den Kinderschuhen befand, müssen wir brechen. Ich halte es für notwendig sich auf den Delegiertentageil der Landes- Organisationen über ein parteipolitisches Programm zu einigen, und über Resolutionen, die die Grundlage der Beratungen des Kongresses bilden können, zu verstaudlgen. Ein solches Programm lässt sicli begreiflicherweise nicht ohne gründliche Beratung in einem kleinen Komitee aufstclleu, das verpflichtet sein soll, seine Vorschlage der öffentlichen Erörterung vor dem nächsten Deiegiertentag zu unterbreiten. Unter dem politischen Programm verstehe Ich nicht lediglich eine Wiederholung der von dem ersten Baseler Kongresse angenommenen Leitsätze, sondern ein Aktions-Programm, in welchem Stellung genommen wird, zu allen Fragen der inneren und äusseren Politik der zionistischen Bewegung. In diesem Programm muss Art und Umfang der notwendigen politisch-diplomalischen Schritte festgelcgt werden. Es müsste auch die weitere Frage erwogen werden, en welchem Umfang imd aus welchem Gesichtspunkte praktische Arbeit in Palästina zu leisten ist und in dritter Linie müsste Stellung genommen werden zu den Fragen sozialer und killtureller Natur, welche ehre Lösung in der zionistischen Organisation suchen. Fiir diesen ganzen Komplex von Problemen so I das Programm eine klare Ricfmmgslime geben. Auf dem letzten Kongress• hat sich auch ein Verband jüdischer Frauen für Kultur-Arbeit in Palästina gebildet, dessen Streben daran! gerichtet ist, die jüdischeu Frauen der ganzen Welt iiir praktische Arbeit in Palästina zu Mitarbeiter׳! zu gewinnen. Dieser Verband hat sich zum besonderen Zweck gesetzt, die jüdischen Frauen Palästinas durch Förderung aller den Frauen nahel'egcnden Ideen und Bestre- Innigen auf ein höheres Niveau sozialer und ethischer Betätigung zu heben. Wir dürfen es uns zur Ehre anrechnen, dass die zionistischen Frauen Deutschlands die ersten und eifrigsten gewesen sind, welche d:ese Sache in die Hand gc- ■nommen haben, und wir wollen hoffen, dass diese Be- Strebungen in Deutschland einem immer grösseren Boden finden, da heute schon Frauen, w'elche den zionistischen Bestrebungen fern stehen, sich mit Eifer dieser Sache angeschiossen haben und so im Sinuc der Erhaltung und Stärkung des indischen Volkstums in Palästina wirken. Nach dem letzten Deiegiertentag hat in Deutschland eine gewisse Polemik eingesetzt, die sich an den Vorschlag knüpfte, c.:ne jüdisch-politische Partei in Deutschland zu schaffen. Ich glaube, dass der Delegiertentag keinen Zweifel darüber lassen wird, dass wie auch d:c Stellung der einzelnen Richtungen zu den politischen innerdeutschen Fragen sein wird, wir uns der staatsbürgerlichen PiTchteu gegen unser deutsches Vaterland voll bewusst bleiben, dass wir aber auch mit aller Entschiedenheit daran! bestellen, dass uns ebenso wie wir die Pflichten vorbehaltlos übernommen haben, wir uns auch von unserem Rechte weder im Wege des Gesetzes, noch im Wege der Verwaltung auch nur ein Titclchen rauben lassen. Wr’r wollen daher aufs deutlichste feststellen, dass wir keinerlei jüdische Parteibtlduug in Deutschland wünschen, wie es vielleicht in anderen Ländern, wo jüdische Massen wohnen, angezeigt erscheinen mag. Wir wollen und wissen ganz genau zu uiiterscheiden zwischen dem StammesgerüliI, das uns vereinigt und uns veranlasst, gemeinsam mit unseren Brüder,u in allen Ländern für die Zukunft des iiidisciien Volkes zu