Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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I Seite 210 JÜDISCHE RUNDSCHAU N023 ringerc Steigerung bei den Juden als bei den anderen Völkerschäften Russlands. Die Ursache für die Steigerung wird wohl 1 auf die allgemeinen ökonomischen Verhältnisse ziirückzufiihren sein. Diese Feststellungen der Bugdct-Kommission desavouieren auch den Jetzigen Finanzminister, der jüngst behauptete, dass I die Juden an starkem Alkohol ihre besondere Freude haben. Gerade in den Gouvernements Petersburg und M o s k a u, also den Wohngebieten der echten Russen, wird dem Alkoho- * lismus am meisten gefrölmt. In diesen Gouvernements werden ' durchschnittlich von jedem Einwohner zwei Himer, also mehr als viermal soviel als von einem Einwohner in den jüdischen Ucbictcn getrunken. Freilich ist für die Sanierung der Finanzverhältnisse Russ* lands der geringe Alkoholkonsum der Juden nicht vorteilhaft. ־ denn die Regierung macht infolge der steigenden Trunksucht immer bessere Geschäfte Vielleicht erklärt sich so das Hass, den der Finanzminister oft gegen die Juden zum Ausdruck bringt. Palästina und die hebräische Sprache; Von einem gelegentlichen Mitarbeiter wird uns geschrieben: י Der amerikanische jüdische Philantrop Jakob S c h i f i }tat bekanntlich vor kurzem eine Reise durch Palästina ge- ' macht. Einem amerikanischen Journalisten gegenüber hat sich nun Herr Schiii über seine Reiseeindrücke atisgesprochen. Zwar kann sein Urteil, wie er selbst bemerkt, in* folge seines allzu kurzen Aufenthaltes in Palästina nicht als ein definitives und massgebliches betrachtet werden. Immer* hin hat der an scharfe Beobachtungen gewöhnte Millionär Palästina mit besonderem Interesse studiert, so gut das seine kurze Zeit erlaubte und hat manche frühere irrige Meinung mit anzuerkennender Objektivität berichtigt. Palästina hat im Grossen und Ganzen einen nachhaltig guten Eindruck auf ihn gemacht: Jerusalem ist. meint tr. allerdings keine jüdische Stadt, aber eine Stadt von Juden, denn von den 60(«»() Ein* woknern sind zwei Drittel, also 40000. Juden. Was diesen Juden fehlt, ist eine feste Organisation und vor allem eine Sprache. Diese Mängel tragen Schuld, dass die Juden In Jerusalem auf einem viel niedrigeren Niveau stehen, als sie vermöge ihrer Intelligenz als geschlossene Kraft stehen könnten. Auch in den Schulen macht sich eine unliebsame Zerklüftung bemerkbar. Es ichlt an einem zielbewussten Streben, an einem einheitlichen Programm. Diese Zerklüftung im Schulwesen ist darauf zurückzuiiihren, dass die* jenigen ausländischen Juden, weiche die Schule unterstützen, auch die von ihnen gesprochene Sprache als Lehrsprache in die Schule eingeführt wissen wollen. Die englischen Juden verlangen, dass englisch die vorherrschende Sprache in den Schulen sein soll, die französischen Juden das Französische, und die deutschen Juden möchten die deutsche Sprache als die einzige Lehrsprache gelten lassen. (Dazu ist zu bemerken, dass der Hilfsverein der Deutschen Juden das Falsche eines solchen Vorgehens rechtzeitig erkannt hat. und nun planmässig darauf hinarbeitet, das Hebräische als Unterrichtssprache und weiter nur die Landessprache in den unteren und initiieren Schulen einzuführen, womit den Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung am besten gedient ist Wenn nicht alles täuscht, befindet sich auch die Alliance Israelite Universelle auf dem Wege zu dieser Erkenntnis.) Ich. für meine Person, schloss Schiff seine Ausführungen, hin auf Grund meiner ge* machten Beobachtungen fest davon überzeugt, dass in den Schulen nur arabisch und hebräisch gelernt werden darf. Die alte hebräisclic Sprache muss das Band bilden, das die Juden Palästinas zu einer geschlossenen Einheit zusammenfassen soll. Hebräische Postdrucksachen Die österreichische Postvcrw altung liess iiir den V c* * kehr mit Palästina Posuirueksachcu. Postkarten, Au- Weisungen etc. mit hebräischem Text anfertigen. Das ist ein neuer Beweis dafür, dass die hebräische Sprache unter den Juden Palästinas mehr und mehr zur Umgangssprache wird. % ‘ •»A Die Juden in Damaskus Aus Damaskus wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Die Zahl der Juden in Damaskus nimmt keineswegs zu, wie man im Auslande vielfach hört, sondern geht vielmehr ständig zurück infolge der Auswanderung nach Ägypten und Südamerika. Die meisten verliesseit bisher Damaskus infolge des Mangels an Industrie und Handel in unserer Stadt. Andererseits kommen die russischen und) rumänischen Juden, die nach dem Orient gehen, nicht nach Damaskus, sondern bleiben gewöhnlich in den syrischen und palästinischen Hafen- Städten Beirut. Haifa oder Jaffa. Die zahlreichen Handwerker unter ihnen tun daran unrecht, denn sie könnten in Damaskus, wo cs an tüchtigen Handwerkern sehr fehlt, ihr gutes Auskommen haben. Der einzige Grund, der sie meist hindert, nach Damaskus zu kommen, ist die Unkenntnis der Landessprache, denn das Arabische ist liier fast die einzige gebräuchliche Sprache, während inan in den Hafenstädten, wo schon eine grosse Zahl abendländischer Juden wohnen, allerdings auch mit der deutschen, russischen oder jüdischdeutschen Sprache (Jargon) ziemlich gut aiiskomincn kann. Aber wie das Beispiel einer Anzahl von Familien zeigt. d׳e kürzlich cst hier angekommen sind und gute Gelegenheit zur Ausübung ihres Berufes fanden, sind diese Schwierigkeiten leicht zu überwinden, und die neuen Einwanderer haben sich verhältnismässig rasch mit der Sprache und den Sitten des Landes vertraut gemacht. Die Bevölkerung von Damaskus beläuft sich auf 250 (M)0 bis 300 000 Einwohner, in der Hauptsache Mohammedaner. Juden zählt man etwa 10—12 (KM) Seelen und cbm so viele Christen. Die Zahl der Fremden ist nicht sehr gross, aber seit dem Bau der Eisenbahnen und der elektrischen Strassen* bahn, zit dein eine grosse Anzahl europäischer Arbeiter herangezogen wurde, ist sie ständig im Wachsen. Damaskus ist jetzt durch Eiscnhahucu verbunden mit Beirut. Haina und Horns. Aleppo, Haifa (diese Strecke berührt Tiberias) und dem Hcdschas. Diese Linien haben jetzt den Handel unserer Stadt ganz bedeutend entwickelt. Damaskus war immer der Ausgangspunkt der Karawanen nach Mekka, und diese Tatsaelie ist von noch grösserer Bedeutung, als bisher schon, geworden seit dem Bau der iledsclias-Bal!״. die in absehbarer Zeit beendet werden wird. Die Pilger .aus der arabischen Türkei, aus Persien und Egypten strömen in Damaskus zu* sanimen und begeben sich von hier aus alljährlich in grossen Karawanen nach den heiligen Städten des Islam. Damaskus ist uie einzige Stadt der ganzen Türkei, die eine elektrische Strasscnhalm besitzt. Diese ist vor einem Jahre, ebenso wie die elektrische Beleuchtung, von einer belgischen Gesellschaft installiert worden. An dein auf* blühenden Handel nehmen die Juden wenig Anteil. Der Handel ist hier fast ein Monopol der Mohammedaner. Eine kleine Zahl von Juden betreibt ein Handwerk, eine grössere Zahl beschäftigt sich mit dem Kleinhandel. Die hiesigen Juden sind im allgemeinen arm, und cs gibt nur wenige wohl-!labendere Familien unter ihnen, aber da diese zumeist nichts rechtes anzufangui wissen, so ist ihre Zahl ständig im Abnehmen begriffen. Einige dieser Familien sind nach Beirut oder nach Ägypten gegangen, wo es ihnen leichter ist, ihr Geld und ihre Arbeitskraft zu verwerten. Der Regen der sinaitischcn Halbinsel. Das Gebiet des Sinai wird gewöhnlich unter die regenlosen Zonen der Erde gerechnet. East das ganze Jahr herrscht dort eine grosse Diiire, aber zu gewissen Zeiten gehen wahrhaft tropische Regen nieder. Eine neue englische Expedition traf auf grosse Wassermassen, die durch eine Schlucht niederstürzten und ihren Abfluss im Roten Meer fanden. Ebenso erhalten das Tote Meer und düs Mittelmeer periodische Zuflüsse von der sinaitischen Halbinsel. Von der Hochebene absteigend liegt ein breites Tal. in dem grosse, ihre Zweige weit ausdehneude Suyal-Bäume und verschiedene Sträucher wachsen. Dieses griine. schattige Tu! ist das Wadi Hliaueli, das ins Akaba-Tal mündet. Anzeichen von raschem Wasserabfluss, lange und tiefe Rinnen im Boden, halb ans der Erde gerissene Sträucher zeigen den Weg, den der Regen, der bei Gewittern oben im Hochlande fällt, nimmt. Im gleichen Tal wurde ein Fluss entdeckt, der die Ebene in der Mitte durchkreuzte. Es war ein rauschender Fluss mit trübem Wasser, dessen Tiefe drei bis vier Fass betrug. Er hatte ein regelmässiges Bett, das in Zwischenräumen mit Büschen bewachsen war. Trotzdem war er von einem Gewitter entstanden, das in der Nacht niedergegangen. Der Regen war hauptsächlich in den östliehen und südlichen Bergen gefallen, mul das in den Schluchten zusaiimieiiströmeiide Wasser hatte sieh in einer Masse in das Wadi Legaba ergossen. Arbeitslosigkeit in Nord-Amerika Aus New׳ York wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Die hiesigen Arbeiterorganisationen haben eine Untersuehung über die Zahl der Arbeitslosen in den Vereinigten Staaten veranstaltet. Nach den nunmehr zusaminengestellten Berichten der lokalen Organisationen wurde ermittelt, dass gegenwärtig 3 160 DM) Arbeitslose in den Vereinigten Staaten vorhanden sind. Aus vielen Orten wird der New׳ Yorker Zentrale berichtet, dass in einer Reihe von Fabriken die Pro-