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Jüdische Rundschau · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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««*«*«#י I ■P’**«>*■*׳# «mna1». -■«a --י.זד;-;י^י־־».?דיד.י«י -•י•.—•,■.rv׳f- •7י?*י?י-,״ No. 23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 20« 16*^" i I! I , \ \ Aufenthalt in den Kurorten des Kaukasus-Gebietes zwei Monate lang gestattet Ist. Die Duma hat sich also durch ihren oben genannten Be- Schluss noch reaktionärer gezeigt, als die Regierung selbst ist. Die Judenfrage in Finnland Aus Helsin gfors wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: In Finnland ist die Judenfrage allmählich zu einer der brennendsten Landesfragcn geworden und wird anscheinend nicht von der Tagesordnung verschwinden, bevor sie eine einigermassen befriedigende Lösung gefunden hat. Nachdem der Delegiertentag des Handclsstandes sich in radikal-antisemitischem Sinne mit den Juden beschäftigt hat, fühlen sich nunmehr auch die fortschrittlichen Elemente gedrängt, ihre Stellungnahme zu dieser Frage vor der Ocffentlichkcit klarzulegen. Zu diesem Zwecke wurde für den 10. Mai eine Massenversammlung in Helsingfors anberaumt, zu der sich mehr als 2000 Bürger, Angehörige der verschiedensten Klassen und Parteien eigefunden hatten. Die Redner dieser Versammlung versuchten in drastischer Weise die moralische Verwerilichkeit, die verrollenden Wirkungen und die innere Haltlosigkeit der bestehenden Judcngcsctzc zu kennzeichnen. Besonders hervorgehoben zu werden vordienen die Auslassungen eines Redners, der sich mit der Entstchungsgeschiehte und der Entwicklung der Rechtsbcschrüuklingen der Juden beschäftigte. Die ersten speziell gegen die Juden gerichteten Massnahmen datieren aus dem Jahre 1772, also aus einer Zeit, in der noch ein grosser Teil Finnlands zu Schweden gehörte. Damals wurde bestimmt, dass nur Christen in Schweden und Finnland Bürgerrecht erwerben können. Einige Jahre später wurde den Juden im Wege einer Regiernngsverordnung erlaubt, sich in Stockholm. Cjordkopiiig und Göteborg niederzulasscn. Diese Vertilgung wurde damals unter der Macht der Verhältnisse erlassen, aber bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht gesetzlich festgelcgt. Im Jahre 1SS9, also schon zur Zeit der Selbständigkeit Finnlands, wurde von der administrativen Behörde angeordnet, dass die Juden nur in drei Städten des Landes wohnen, dass sic sich nicht mehr als drei Kilometer von ihrem Wohnort entfernen dürfen, und dass sie nur mit Früchten. Zündhölzern, Zigaretten, Zigarren und alten Kleidern handeln dürfen. Ferner wurde bestimmt, dass die Heirat mit einem Ausländer oder einer Ausländerin für die betreffenden finnländischen Juden den Verlust des Wohnrechtes zur Folge hat. Damit sollte verhindert werden, dass etwa neue Juden Ins Land gezogen würden, und dass eine starke Vermehrung der einheimischen Juden erfolge. Ausländische Juden dürfen sich In Finnland nur drei Tage aufhalten. Diese Verfügungen bssendie im Auslande viel zitierten finnischen Grundgesetze, die gleiches Recht für alle proklamieren, in einem eigentümlichen Lichte erscheinen. Der frühere Abgeordnete N u a r t e w o charakterisierte diese Bestimmungen trefiend und fragte, ob die Regierung den bekannten dänischen Schriftsteller Georg Brandes, der demnächst in Finnland einige Vortrage u halten gedenkt und den die gesamte finnische Presse, auch die antisemitische. n»it begeisterten Worten feiert, gleichfalls nach drei Tagen auszuweisen beabsichtige. — In der Versammlung wurde schliesslich folgende Resolution mit allen gegen fünf Stimmen angenommen: ״Die administrativen Beschränkungen der Rechte 11er Juden bedeuten eine Schmach und Schande für das finnische Volk. Die Juden sollen dieselben Rechte erhalten wie die Ausländer, die sich in Finnland niederlasscn.“ (Dreijähriger Aufenthalt in Finnland gibt den Ausländern hier die Naturalisation; aber auch während dieser Zeit sind die Aus- Kinder völlig den Inländern gleichgestellt, mit Ausnahme des aktiven und passiven Wahlrechts und der Bekleidung öfientlicher Aeniter.) Wenn Finnland noch länger die Sympatliicen des fortschriftlich gesinnten Europa für seinen eigenen Freiheitskampf wird irv Anspruch nehmen wollen, so wird es schliesslich diesen primitiven Forderungen nicht länger Widerstand leisten dürfen. Der frühere Duma-Abgeordnete Jakobson besuchte gestern den Vizepräsidenten des finnländischen Senates. Mec h e I i n, um zu erfahren, ob die finnländische Regierung dem nächsten Landtag den Gesetzentwurf über die Gleichhcrechtigung der Juden vorlegen werde. Mechelin antwortete, der Entwurf werde wahrscheinlich bis zur Eröffnung des neuen Landtags fertig gestellt sein, obwohl er gcgenw׳ärtig nicht bestimmt sagen könne, w׳ic w׳eit die Vorbereitungsarbeiten vorgeschritten seien. Was die befürchtete Intervention der russ!- sehen Regierung anbetrifft, so sprach Mechelin seine Meinung dahin aus, dass die Frage der Gleichberechtigung der Juden eine •Innere. Angelegenheit Finnlands sei, die Finnland auoh nach seinem eigenen Ermessen entscheiden könne. Die Juden in Südwesi-Russland Aus Kiew wird uns von einem gelegentlichen Mitarbeiter geschrieben: Die Auswanderung aus dem südwestlichen Rayon Russlands ist in fortwährender Zunahme begriffen. Dies ist am klarsten aus dem ungewöhnlichen Rückgang der ]iidisehen Bc v ö 1 k e r 1111 gsz ah \ zu ersehen. Auf Grund der Matrikelbücher betragt der Bevölkerungszuwachs z. B. in Um an für das Jahr 1903 941, 1904 878. 1905 735. 1906 725 Seelen; in Rowno 1903 699. 1904 660. 1905 588. 1906 586• Seelen. Ähnlich verhält es sich in den anderen Provinzen Südwest-Russlands. Nach den Feststellungen des Statistischen Komitees fiir Wolhynien ist vom Jahre. 1903 bis 1906 die Zifrer der jüdischen Bevölkerung nicht nur relativ, sondern auch absolut beträchtlich zurückgegangen. Diese anormale Erscheinung datiert seit dem Jahre 1903. während bis dahin sich die Vermehrung auch der jüdischen Bevölkerung in normaler Weise entwickelt hat. Das Jahr 1906 weist für Südwest־ Russland keine grössere Ziffer au! als das Jahr 1897! in diesem Jahre belief sich die Zahl der Juden z. B. im Gouvernement W olhynien auf 187 486 Seelen im Jahre 1903 auf 233 348, 1906 auf 208 421. Wie hat nun diese ungewöhnlich starke Auswanderung — diese ist nämlich die alleinige Ursache des Rückganges der jüdischen Bevölkerung! — auf die ökonomische Lage der zurückgebliebenen Juden gewirkt? Es liegt nahe anzunehmen, dass dadurch eine Hebung des materiellen Niveaus eingetreten sei. Indessen hisst sieh ziffernmassig beweisen, dass diese Wirkung ausblieb. Gewiss hat die Auswanderung die Konkoirenz \erringert und fiir manche eine gewisse Erleichterung herbeigeführt. Eine Reihe ökonomischer Ursachen, die in der Eigenartigkeit der Lage der Juden begründet sind, wirken jedoch einer allgemeinen Verbesserung entgegen. Durch die fortwährenden neuen Beschränkungen und die immer ärgere behördliche Willkür werden unzählige Existenzen ruiniert und verschlechtern so die ökonomische Lage der Gesamtheit. Ferner ist es eine bekannte Tatsache, dass gerade die gelcrnteil und lebenskräftigsten Arbeiter auswandern und die Zurückgebiicbenen wirtschaftlich oft viel zu schwach sind, um die neue vorerst vorteilhaftere Lage genügend auszunützen. Mit Bestimmtheit lässt sich nur sagen, dass die Lebensverhältnisse der Juden völlig unerträglich wären, wenn eben nicht die Auswanderung in der gekennzeichneten Weise zur Verringerung der Zahl der Juden beitragen w׳ürde. Die Juden und der Alkohol Aus Petersburg wird uns von unserem dortigen Korrupondenten geschrieben: Bekanntlich ist gegen Ende des vorigen Jahrhunderts das Alkohol-Monopol für ganz Russland eingeführt worden. Diese Massnahme, die von dem damaligen Finanzminister'Witte begründet und ausgefiihrt wurde, hatte eine grosse Reihe von jüdischen Existenzen ruiniert, denn die Juden waren es vornchmlich. die Schnapsläden hatten und mit sonstigen alkoholischen Getränken handelten. Es ist nun interessant zu erfahren, dass nach einer Statistik, die die Budgetkommission jetzt zusammengestellt hat. keine der Wirkungen, die sich seinerzeit Witte von der Einführung des Monopols versprach, eiugetroffen ist. Die Trunksucht unter; den Bauern hat sich in den letzten gehn Jahren nicht nur nicht verringert, sondern sie hat bedeutend z u g e n o m in e n. obgleich keine rrivaten Geschäftsleute an einer Steigerung der Trunksucht Interesse hatten. Mit dieser nunmehr ziff'ernmüssig festgestellten Tatsache ist die in Russland allgemein verbreitet gewesene Annahme widerlegt, dass cs die Juden gewesen seien, die die Bauern zum Schnapstrinkeii verleiteten, um sich au ihnen zu bereichern. Die Verwalter der Schnapsläden sind vielmehr jtl2t regierungsoffizielle Beamte. Interessante Aufschlüsse gibt die Statistik darüber, in welchen Gegenden Russlands und bei welchen Volks- Stämmen die Trunksucht am meisten herrscht. Es hat denjenigen, die die Statistik aufgestellt haben, siclierlich keine Genugtuung bereitet, konstatieren zu müssen, dass die Juden dem Alkohnlgenuss am wenigsten ergeben sind, ln den nordwestlichen Provinzen, also dem jüdischen Annsiedlungsgebiete. w ui den durchschnittlich von jedem Einwohner nicht mehr als 0.33 Eimer Schnaps in einem Jahre verbraucht, während im übrigen Russland mehr als ein halber Eimer auf einen Einwohncr kommt, in den Jahren 1904 und 1905 ist der Schnapsverbrauch unter den Juden ein noch geringerer, w’ährer.d er im Jahre 1907 sich allerdings vergrösserte, und etw׳a 0,39 Eimer beträgt fiir jeden Einwohner dieses Gebietes. Aber im gleichen Jahre steigt auch der Alkolholgenuss der übrigen Einwohner Russlands von 0,50 auf 0,63, also auch hier eine relativ gey *ייי־יוויי?*■?*י '-*״•״י •«•»•*,י - ■ ipv**«*״י ■,*-, י״״״״%•״יומי *■*3P

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