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Jüdische Rundschau · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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No. 23 ד.«ייי»**מ» י "::Jr׳!?!rg *״**״מ^ -» ־ Seite 208 JÜDISCHE RUNDSCHAU Huldigung der österreichischen Juden 1 Aus Lemberg wird uns von unserem dortigen Kor-!espondenten geschrieben: Von den vielen Projekten, welche sich mit den Huldigungen für den Kaiser Franz Josci seitens der österreichischen Juden aus Anlass des sschszigjährigcn Regierungs-Jubiläums des Kaisers befassen, verdient das Projekt des jfidisch-pulitischcn Vereins ״Schomcr Israel“ in Lemberg besonderer Beachtung. Dieser Verein schlägt nämlich vor. der neuorganisierte jüdische Gemeindebund, als Repräsentant der gesamten Judenscliaft Österreichs, möge bei der jüdischen Kunstgewerbcschule ״B e z a 1 e 1“ in Jerusalem Teppiche und sonstige Gegenstände in schönster künstlerischer Ausführung. mit dem osterrcichisch-urtgarisdicn und dem jüdisch-nationalen Wappen versehen anfertigen lassen und diese dann,dem Monarchen als Jubiläutnsgcschcnk der Juden feierlichst überreichen. Die von Herr Dr. B i c r c r. dem Präsidenten des geuannteil Vereines, ad hoc cinberufeuc Versammlung, sprach sich für dieses Projekt aus. Der zweite Pressprozess N. Sokolows Aus Warschau wird uns von unserem dortigen K.- Korrespondenten ’ geschrieben: Am 14. Juni 190*» brachte die Warschauer Jargonzcituug TELEGRAPH eine Korrespondenz, aus der Provinz ׳ (aus Tercspol), wonach der Bürgermeister der betreuenden Stadt stark verdächtig sei, Vorbereitungen zu einem Pogrom getroffen zu haben. Die Nachricht erwks sich bald als falsch und der TELEGRAPH brachte die nötige Berichtigung. Dessenungeachtet wurde die Zeitung zeitweise suspendiert und Herrn Sokolow als Redakteur — in seiner Abwesenheit — der Prozess gemacht. Die Sache kam gestern (29. Mai) vor Gericht und Herr Sokolow wurde zu sechs Wochen Arrest und vollständiger Suspendierung der Leitung verurteilt. Man solle keine die Bevölkerung gegen die Regierung hetzenden Artikel bringen, heisst es im Urteil, und man solle auch keine Panik in die Bevölkerung tragen! Und die echt-russische u“ Leute?? Ja, Bauer, das ist ganz was anderes! Die Juden und die Agrarfrage in Russland Aus Bessarabicn erhält die N. J. K. von einem gelcgcntlichcn Korrespondenten den nachstehenden Bericht über eilte neue Massnahme der russischen Regierung, die sich diesmal gegen die bäuerliche jüdische Bevölkerung richtet:! Zu den verschiedenen Mitteln, die die Regierung für ihre j programmftssig langsame Lösung der Agrarfrage anwendet,! gehört die Gründung von provinziellen Agrarkonimissionen. Diese Agrarkommissionen sollen im Aufträge der Regierung grössere Grundstücke ankaufen und sic nach entsprechender Parzellierung unter die Bauern verteilen. Die Agrarkommission geht nun in denjenigen Plätzen, in denen jüdische Kolonien vorhanden sind, in einer Weise vor. die geeignet ist. früher oder soäter die j f! d i s c h c n Kolonisten zu ruinieren. Als diese jüdischen Kolonien in den Gouvcrnements C hier so n und J e ka t e r inos Pa\v begründet wurden, hat die Regierung einem jüdischen Kolonisten einen bestimmten Bodenteil zur Bearbeitung zugewiesett. Die Rcgierung hat damals aber vorausgcschen. dass bei der normalen Bevölkerungs-Vermehrung es dazu kommen würde, dass der einer bestimmten Kolonie zugeteiltc Boden nicht mehr ausreicht Für diesen Fall hat die Regierung von vornherein eine grössere Bodenfläche in Bereitschaft gehalten, die heute 36’Xr Desjatincn beträgt. Nach einer offiziellen Verordnung von 1847. die in späteren Verordnungen bestätigt wurde, ist ausdrücklich bestimmt, dass dieser Boden nur für die jüdische Bevölkerung verwendet werden darf, in dem Falle, dass der sonst verfügbare Boden nicht mehr für alle jüdischen Kolonisten ausreicht. Im Jahre 19!י א hat sich tatsächlich bei den Juden ein grosser Mangel an Boden herausgcstcllt. Die Regierung hat sich damals veranlasst gesehen, 20 000 Pesjatinen entsprechend den früheren Verordnungen zuzuweisen. Der übrige Boden wurde von den ׳ Kolonisten gepachtet, da dieser Boden nicht unter das Gesetz vom 2. Mai 1882 fällt, nach welchem Juden keinen Boden pachten dürfen. Die Pachtbedingungen waren sehr günstig, so dass es den Juden gelungen ist. sich als Erdarbeiter und Bewirtschafter eine erträgliche Existenz zu begründen. Die jetzt von der Regierung eingesetzten Agrarkonimissionen haben ungeachtet aller erwähnten Verordnungen den ganzen Erdfonds, den die Regierung ausdrücklich für die Juden bestimmt hat, eingezogen. Den Juden soll der Boden nicht verpachtet werden. Die jüdischen Kolonisten haben nun die U n g e - sctzlichkeit dieser neuesten Anordnung nachgewiesen und haben schliesslich bewirkt, dass sie den Boden noch für ein Jahr in Pacht behalten dürfen. Im folgenden Jahre soll der ganze Boden laut definitivem Beschluss der Agrarkommission annichtiüdischc Landbaucr verkauft werden. Sogar der Preis des Bodens ist von der Agrarkommission bckaunt gegeben worden. Wie die Dinge jetzt liegen, werden wohl die Juden des ihnen zugetciltcn Bodens für immer verlustig gehen. So müssen die Juden zahlen für die Unfähigkeit der Regierung, die Agrarfrage zu einer befriedigenden Lösung zu bringen. Die Schulfrage in Russisch-Polen Aus Warschau wird uns von unserem dortigen K- Korrespondenten geschrieben: Im Mittelpunkt der jüdischen Interessen steht in diesem Augenblick die unglückselige Schulfragc. Das alte Schuljahr geht zu Ende, und schon beginnen an sämtlichen Knabengymnasien Aufnahmeprüfungen für das neue Jahr. Nun gilt an den Gymnasien die bekannte 10 Prozent-Norm für Juden, d. h. auf 100 Christen dürfen höchstens 10 Juden angcnoinmen werden: da aber die Zahl der christlichen Schüler einer Klasse selten die Zahl 40 überschreitet, so stehen den Juden nur 4. günstigenfalls 5 Plätze zur Verfügung. Bei der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Warschaus ist die Zahl der Kandidaten auf diese vier Plätze eine vielfach grössere, und an jedem Gymnasium melden sieb nicht selten 80 bis 100 Kandidaten, die dann einem Atisschcidimgscxainen unterworien werden, was übrigens bei den christlichen Schülern, nicht der!־'all ist. Natürlich überschreitet aber die Zahl der glänzend bestandenen Prüfungen immer noch vicliaeh die obiigate Vierzahl, und nun werden seitens der Eltern der Schüler alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die hcisscrschnte Aufnahme des Sohnes herbeiztitiihrcii. Protektion. Geld oder nicht sehen beides zusammen sind hier von entscheidender Wjtkung. Oie Eltern übcrbictcn sich gegenseitig, und sehr 011 steigt die Bcstcchungssuni m c (an L e 1 r e r oder sonstige Schulbcamtc!!) bis auf 1000 Rubel, also über 2000 Mark. Für den Westeuropäer sind solche Dinge kaum fassbar, aber man kann sich ungefähr vorstellen, wie dcpravicrend mid demoralisierend diese Vorgänge auf die Seelen der Kinder wirken. Un!so:nehr als man natürlich kein Geheimnis daraus zu machen imstande ist — und nicht selten wiederholt sich der Fall jenes kleinen Judenknaben, der, nachdem er nach einer glänzend bestandenen Prüfung abgewiesen wurde, in tiefster Verzweiflung seinem Vater zurief: .Papa. Papa, warum hast Du kein Geld?*• . . . Auch von der Achtung, die die Schüler später vor solchen bestochenen Lehrern und Direktoren haben, kann man sich einen Begriff machen. Aus dieser anormalen Lage verstehen Geschäftsleute ihren Nutzen zu ziehen, und so entstanden in der letzten Zeit in Warschau zwei ״Privatgymnasieu mit Rechten“ (d. h. mit dem Recht zur Verleihung der Prüfungszeugnisse) wo die Zahl der Juden an keine Norm gebunden ist. Nun ist aber in diesen der Preis so hochgeschraubt. (150 bis 180 Rubel pro Jahr), dass auch diese Schulen nur für die Bemittelten in Betracht kommen. Und die polnischen Schulen? Ja. es gibt nämlich polnische Nationalschulen mit Gymnasialprogramm — das einzige bisherige Resultat der polnischen Autonomicbcv egung —- aber dort ist die Zahl der jüdischen Schüler zwar prinzipiell eine unbeschränkte, doch faktisch eine ganz minimale. Die ״echt-polnischen" Schüler haben nämlich Mittel und Wege gefunden, ihren jüdischen Kameraden jede Lust zum Zusammensein mit ihnen radikal zu verderben. — Der einzige Ausweg aus dieser fatalen wäre ein jiidisch es Gymnasium — es gibt bereits einige wenige in Russland — aber das ist noch Zukum'l.stmisik. und die Gegenw art ist umso trauriger, als man hier die Schmach der herrsehenden Zustände beinahe nicht mehr empfindet! .... Juden in russischen Kurorten Aus Petersburg wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Während der Duma-Beratungen über das Budget des Gebirgs-Departements wurde in einer der letzten Sitzungen der Duma vo» dem Abgeordneten Rosa n o w der Antrag eingcbracht, es sei allen Bürgern ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf Religion und Nationalität, die Erlaubnis zum Aufenthalt in den Kurorten des Gebirgs-Departements zu erteilen. Dieser Antrag wurde indessen mit grosser Majorität, zu der'auch die Oktobristen gehörten, a g e l e 11 n t. — Gleichwohl hat aber der Statthalter des Kaukasus-Gebietes mit ministerieller Genehmigung eine Bekanntmachung erlassen, wonach‘ kanken Juden, die ein ärztliches Attest vorweisen können, der

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