Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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m י' ״* “ " —•« » ■) J1B,^»«•^1 No. 23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 207 ihren Gunsten die Volksnichrheit schädigt. dann ist es das Ziel dieser Politiker, hier den gerechten Ausgleich an/.ustreben. Darin liegt die Politik des Fortschritts. Die einen wollen Motive der sozialen Moral von der Politik möglichst!enthalten, die anderen wollen sie gerade zu den Leitmotiven machen. Dr. Friedemann empfiehlt mit dürren Worten in der letzten Namnier der WELT den deutschen Juden eine Politik der ersten Art. Obwohl ich mich bemühen will, in meinen folgenden Ausführungen die wahre Sachlage nicht durch unangebrachte Höflichkeit zu verdunkeln, sage ich ihm ja nichts Böses nach, denn er selbst sagt das mit einer wenn auch nicht erquiekenden, so doch anerkennenswerten Oiicnhcit. Die Juden, meint er. haben in Prcusscn kein Interesse an der Einführung eines allgemeinen Wahlrechts. ״Das allgemeine gleiche Wahlrecht ist für uns absolut wertlos und sogar gefährlich.*• Solange in Preussen ..Bildung und Besitz" den grösseren Einfluss hat. können wir hoffen, unser Interesse geltend machen zu können. Die Masse ist judcnfeimllicli. ״Dagegen ist die Regierung fiir Unterstützung empfänglich, und ihr Wohlwollen ist fiir uns von grösster Wichtigkeit.‘־ ..Schliesslich vergibt sie allein und nach ihrem (iutdiiukeu die Beamteustclleu. arbeitet die (iesetzentu iirie aus und handhabt die Vcrwaltimgsnraxis." Darum s׳»!!c:1 wir. ohne geradezu den Fortschritt• zu bekämpfen, versuchen, mit der Regierung zusammcnziiarbeiten. Wir sollen die Blockpolitik der Liberalen iiiitmaclieii und nicht uns den Radikalen anschliesscn. che »ms doch in absehbarer Zeit nichts nützen können. Das sind so einige der prächtigsten Sätze Dr. ' FricJcumiius. ohne Entstellung, zun: Teil wörtlich. Als Macbiavelli für die Politik jedes־ Mittel guthiess. das den Vorteil verbürgte, da hat er Dr. Friedemann doch nicht das Rocht gegeben, siel! auf ihn zu berufen. Denn der Kalkül ist falsch. Die preussischen Juden haben von der Regierung nicht mehr zu erwarten, als sie ihnen bis jetzt gegeben hat. Die Regierung ist Judenfeindlieh, denn in Preussen regiert unumschränkt in Heer. Politik und Beamtentum die konservative, programmatisch antisemitisehe Partei. Wenn die Regierung uns Juden wohlwollte. st> hätte sic es ja so leicht, die Juden zur getreuen Schutztrupne zu machen: sie brauchte nur den Juden ein paar Positionei: cinzuräumen. nach denen sic lechzen, und Tausende würden die Friedeniannschc Pari?!׳.• befolgen und lammfromm werden. Aber die preussischc Regierung weist kalt und hart Tausende ausländischer Juden aus. nur die Juden, sic duldet auch nicht, dass der christlich-deutsche Geist der Schuljugend allzuviel durch jüdische Oberlehrer verdorben wird, und si•* schüesst hermetisch die Juden von jedem Anteil an den Staatsgeschäften aus. Was haben wir . zu erwarten? Es werden noch einige indische Amtsrichter Landgerichtsrüte. noch einige Privatdezenten sogar ordentliche Professoren, vielleicht sogar ein millionenschwerer jüdischer Gardedragoner Reserveleutuant weiden — vielleicht. An einen jüdischen Lnndrat denkt wohl auch eine berauschte Phantasie nicht mehr. Wer glaubt denn noch an die ..liberale“ Blockära? Die Blocklibcralen brauchen die Regierung ia viel nötiger, als die Regierung sie. Lösen sic sieh jetzt von der Mehrheit los. so werden sic zerrieben. Sie müssen alles leisten und können nichts fordern. Sie müssen mit durch Dick und Dünn, ob's ihnen auch bei dem Ritte graust. Sonst aber ändert sich nichts, gar nichts. Fs geschieht mir gerade soviel fiir die Juden, als unbedingt nötig ist. um ei״o ..gut• Presse" zu erzielen und den guten Ton zu wahren. Es ist geradezu erstaunlich, wie wenig die iahrz.ehntelange Beschäitigiing mit dem zionistischen Gedanken die abgegriffensten Gedanken der Abwehr- und ״Staatsbürgcr‘־-Richtu!1g bei Dr. Friedmaim verdrängt fiat. Und für den Vorteil, den Wenige cinheimsen, sollen die deutschen Juden dieses Opfer bringen? Denn Dr. Friedemann rät — sagen wir es rund heraus ־ den deutschen Juden zur Gesinnungslosigkeit. Es ist schädlich, in der Opposition zu sein, darum geht mit der Regierung. Aber cs genügt doch nicht dazu, mit den Liberalen in den Block zu gehen. Man wird ־sich auf jüdischer Seite auch mit ihnen weiterentsvickcln müssen. Das nächst•־ ist das notwendige Kompromiss mit den konservativen Judenfeinden. Prinzipien? Bah. Prinzipien י. Wenn es uns doch ..nützt"? Unsej Platz ist auf der Linken, meint immerhin Dr. Friedemann. Aber wenn wir noch so ..gemässigte" Linke sind, so ist das eben nicht das Rechte. Wenn wir wirklich die Schranken niederreissen wollen, werden wir viel, viel weiter gehen müssen. Solange wir Juden citm Gemeinschaft durch Nation und Glauben sind, solange werden wir eine Sonder- Stellung einnehmen, und wenn wir uns noch so regierungstreu aufspielen. Die preussischc Regierung nimmt nur an einer Klasse von Juden ein liebevolles Interesse, an den getauften Juden. Und mit Recht. Ihre Staatsraison verlangt, dass* sie die Auflösung des Judentums fördert. Sollte Dr. Friedemann wirklich an grnssziieige Fortschritte In der Emanzipation der Juden glauben, und war denii die zionistische Meinung, der Grund unseres Uebcls sei ein national-historischer und nicht ein augenbiieks-ni■litischer, ein überwundener Irrtum, den man heute belächelt? Aber die Sache hat auch ein tiefes moralisches Problem in sich. Man verzeihe, dass ich in politischen Fragen von Moral spreche, aber ich tue das gewöhnlich und inkliniere nicht fiir die Friedemannsclic Politik. Wenn eine־׳ von den Grossjuden. die nach ׳•!ich streiten, uns diese Ratschläge gegelten hätte, so wäre das begreiflich. Zur Ehre der deutschen Juden alter •muss man sagen. das־s sie bisher nicht gewillt waren, die Freiheit, die sie meinten, um ein Linsengericht zu \ erkaufen. Sie handelten oft gegen den Vorteil, den ihnen das Wohlwollen der Regierung bieten konnte, mul waren demokratisch und radikal. Wenn jetzt ein Zionist, ein Augehöriger der Partei, die eine moralisch»• Gesundung des Judenbims und seine Befreiung als Volk eistrebt, ihnen rät. die Sache der Volksfa־ilicit um einiger kleiner Snndervorteilc w illen ziirnckziistelleti so ist das׳ — verwunderlich. I »r. I'riede. mann meint, eine solche Stclhmgiialiroe schadet nie ״:«••יו*־יז!. Auch nicht der Sache der iorKebrinlidien Entwicklung Preussciis der wir in den Rücken iallen? Der Rat Dr. Fricdeuiaims entspricht nicht der Stellung, die der deutsche Zionist in seiner Betätigung als Staatsbiirger eimidmien sollte. Gewiss sollen die Juden zurückhaltend sein und nicht die Rufer im Streit machen. .Aber es muss unser oberster Grundsatz werden: In allen deutsehe n F ragen sin 11 w i r in erster Linie Deutsche, in allen jüdische 11 Frag c 11 i n e r s t e r Linie Juden. Hier dreht es sie1• u;p »Rufs •t«e 1*1 agen. um innere Fragen des preussischen Volkes. Wir haben nicht di•• Interessen der Regierung wahrziiiwhnicii. sondern der 30 Millionen, die nicht regieren sondern regiert werden. Ihr Interesse verlangt das allgemeine Wahlrecht. Patriotisnms und Regierungstreue sind nicht dasselbe. Der Jude, der patriotisch denkt und sein Vaterland liebt, macht nicht seinen privaten Pakt ויו i t der Regierung, damit es ihm woI! Ic r ee bc. und fällt damit nicht denen in den Rücken, die für die Beseitigun׳/ veralteter Zustände kämpfen. Ob die Masse uns feindlich ist? Sie liebt uns vielleicht nicht mehr als die Regierung es tut. aber auch nicht weniger. Aber sie würde uns mit Recht hassen und als Schädlinge des deutschen Volkes bekämpfen, wenn wir im Handel um ein Mandat mit Prinzipien zahlten. Hier heisst es einfach, eh Jud ob Christ, seine Pflicht als Staatsbürger tun fiir das allgemeine WoM. Und das verlangt ein freies Wahlrecht. Unsere österreichischen Freunde verstanden ihre Bürgerpflichten besser als D•־. Friedemann. Sie sind demokratisch und radikal, weil sie Zionisten sind. Wenn diese Zeilen hinausgehen, ist die preussischc Wahlsvlilacht geschlagen. Ich hoffe, dass die deutschen Zionisten in ihrer Mehrheit mir zugestiinait hahen. ' Dr. Elias Auerbach. C L Rundschau. ««=—raj Jüdische Emigration aus Galizien Aus Lemberg wird uns von unserem dortigen Korrtspondenten geschrieben ־ Ober die jüdische Emigration aus Galizien und Bukowina, die meist erheblich unterschätzt wird, unterrichten die folgenden Zahlen. Nach den Vereinigten Staaten allein kamen aus den östlichen Krön ländern Österreichs litt Jahre 1-S99 1900 .. ״!190 ״ .. 1902 .. .. 1903 .. .. 1904 ״ .. ר 190 ., .. 1906 ״ ״ 1907 .. ״ 1107! jüdische Einwanderer H>920 13 006 1284S IS 759 ״ 20211 17 352 ״ M*84 ״ 1SS35 •« Fürwahr, ein beredtes Zeugnis für das immer mehr fortschreitende elend und die Ratlosigkeit der galizischen Juden! Mf*־*!**