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Jüdische Rundschau · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 206 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 23 Freilich musste dieses Verhältnis im Laufe der Zeit eine Verstümmelung erleiden. Wurden der jüdischen Gesetzgebung die politischen Instrumente der Macht genommen, so mussten sie durch speziell religiöse ersetzt werdet!. Da hätten wir bereits jene, Gefahr der Religion, die mit politischen Mitteln operiert. Indessen konnte diese Gefahr kaum ic zum Durchbruch kommen: die jüdische Religion wurzelte tief int jüdischen Leben und bewahrte, den tiefen Zusammenhang mit ihrer Geschichte, sic bewahrte ihre historische Individualität ihr politisch-nationales Gepräge. Als aber die Assimilation in der westeuropäischen Judenheit ausbrach, da trat ein neuer Begriff fiir die jüdische Religion auf: nämlich der allgemeine Begriff der Religion wurde auf die jüdische Religion angewandt: ihr politisch-nationales Spczifictim wurde verleugnet. So hat man sic zu einer Kirche nivelliert. Es trennen sich die Lager. Die einen wollen von dieser Kirche nichts wissen, die anderen dagegen verschanzen sich in ihr. Ncologic und Orthodoxie. Line grosse Kluft, doch nicht minder die Seelenverwandtschaft, 'Es ist die Seele der Assimilation, die in beiden rege ist. Sic negieren beide den politisch-nationalen Charakter der jüdischen Religion: sic schelten beide über jüdische Nation, über jüdische Politik. Wir müssen sagen: es gab keine grösseren, keine geführlichercn Reformen der jüdischen Religion ™ als die westeuropäische Orthodoxie, das Kind der Assimilationspcriodc: sic hat die jüdische Religion zu einer Kirche mit Glaubensgenossen reformiert. Freilich war sie cs unbewusst: darum auch nicht konsequent. Nun kam die nationale Renaissance, der Zionismus — die jüdische Politik. Es war daher logisch, wenn die offizielle westeuropäische Ncologic und Orthodoxie sielt vereinigten — in der Bekäntpfung des Zionismus. Sie tratet! im Namen der Religion gegen die Nation auf. im Namen der jüdischen Religion gegen die jüdische Politik. Die osteuropäische. Orthodoxie aber schloss sich immer enger dem Zionismus an. Sic trägt nicht das Kainszeichen an der Stirne: sie kennt keine Spaltung der Judenheit in zwei Lager; sie kennt keine Trennung der jüdischen Religion von jüdischer Nation, von jüdischer Politik. Es war somit eine Verleumdung der wahren Orthodoxie, so oft die westeuropäische Orthodoxie im Namen unserer Religion gegen den Zionismus protestierte, kämpfte. Eine Verleumdung und eine unreligiösc Ueberhebung gegenüber dem orthodoxen Judentum in Russland, an und bei welchem sich die westeuropäischen Juden wenigstens in religiöser Hinsicht stets zu orientieren haben. Es verstreichen einige Jahre. Die Proteste verstummen. Waffenstillstand. Der Zionismus macht Fortschritte. Die westeuropäische Orthodoxie meldet sich endlich f ü r die nationale Sache. Sie wird mit Freuden empfangen. Der Glaubensgenosse wird Gesinnungsgenosse. Und bald erprobte sich der Zionismus als eine wahre Wohltat für die westeuropäische Orthodoxie. Er gab ihr Leben. Seele. Er gab ihr den echten Sinn der jüdischen Religion wieder, den politisch-nationalen Begriff des Judentum: die Religion in ihrem Lande, die Religion als Staats- Verfassung: jüdische Religion mit jüdischer Politik . . . * * ♦ Doch ist eine gewisse Schar deutscher Orthodoxen dem Zionismus entrückt geblieben. Es sind die Schlauen, die stets behutsam abwarien, was da kommen mag. Und hinter den Schlauen stehen wie <Tcwöhnlich die Narren. Anfangs begeiferten sie den Zioiiisimis. verleumdeten ihn: er sei irreligiös, er sei vaterlaiidsverräterisch. Zwei Momente, die. wie bereits gezeigt, eng ver* bunden sind: die jüdische Religio» wird gegen die indische Politik ausgespielt. Ihr Kampf war ehrlich, wenn cs ihre Kamofcsniittcl nicht waren. Ehrlich, insofern sic offen kämpften. Freilich gehörte nicht viel Mut zu dieser Ehrlichkeit: der Zionismus war jung und schwach. Er ist inzwischen gewachsen, mächtig geworden. Er eriHierte immer mehr die jüdische Orthodoxie. Nun haben jene Schlaue״ begriffen, dass ihr offener Kampf gegen ihn erfolglos bleibt und sic schicken sich an, auf schleichendem Wege ihm einen Rippenstoss• zu versetzen. Sie wollen sich In deri'Zionismus hineinscbleichen, um ihn von innen zu sprengen. , Es ist jene altbekannte Cliauc, die seit Jahren eine gefälirliehe Gemeindcpoiitik treibt: die nicht niiidc wird, Gemeinde gegen Gemeinde aiifzulictzen und die Judenheit in zwei Lager zu spalten. Sie hat cs in Westeuropa bereits erreicht: jetzt bemüht sie sich, ilire Tätigkeit auf Osteuropa resp. Russland ausztidehnen. Wahrlich, es steckt viel Komik drin, wenn vom Assimilationsgcist versuchte Anic-lfoarez es wagen, ihr schwindsüchtiges Halbjudcntum. ihre starre, leblose Religion, die in ihrer dem Judentum entfremdeten Seele ein Zwitterdaseiu fristen ־ der osteuropäischen Orthodoxie als Muster vorzulcgett. ihr. die ja jüdische Grösse, religiöse Autorität nicht erst aus Deutschland importieren muss. Und doch hat je״e Glktue dort ilo־ Lager 3»fgcschlage11 und besitzt dort —- wie seinerzeit ein Lischkafi Haschchaiirah (Mustere Kammer) - jetzt eine sogen. ..Kncsscth Israc“. Es ist alles Geist von ihrem Geiste: kirchliche Separation. Spaltung der Judenheit. Der Zionismus aber bildet ein Hindernis. Demi er propagiert die Einheit der Nation. Da kamen unsere klerikalen Ueernr zum Gedanken: man müsse die Separation auch imierlialb des Zionismus heraufbeschwören. Kanu man ihn nicht bekämpfe», so muss man ihn bewältigen. Der Zionismus hat eine Macht erlangt die Schlauen legen mm ihre Wafieii nieder und wollen sielt in unsere Oreanisation ehisehleiehen. Die Klerikalen hatten stets einen Spüren» für .Macht . . . .Mau will den Zionismus .'11 zwei Lager sprengen. Und man möchte seine Macht für di•: Senaratiousteiuleuz der .Geineiiideimhtik gebrauchen. Koscheres Elciscb. koscherer Jude, koscherer Zionismus alles nur mit dem Ste imel einer gcwissen alleinseligmachenden ״Religionsgeselisvhait“ versehen ... So konnte es kommen, dass ein Blatt, welches durch sein Hetzen gegen alles Erische und Gesunde im Judentum herühmt ist. in der letzten Zeit siel! einer Grtipoe orthodoxer Zionisten zur Verfügung st׳dlt um miasi di־׳ Interessen des orthodoxen Zionismus zu wahren: inde••! man die neuhebräische Literatur nud imse־״ nationale!! Institut־׳ beschin״M’t tuid in Schmutz zerrt. Das Blatt mul seine!inoffiziellen Re- (iaktcurc fischen inzwischen im Trüben. Mau beutet die Naivetüt einiger orthodoxer Zionist•'״ a״s um den Zionismus* von innen zu untergraben: um eine Spaltung in den Zionismus hincinzubrittgcn — gemäss dem Separatiousprinzip der Gcrneindc. So konnte ein antizionistisches Blatt gleichzeitig zionistisehe Politik und Ocmcindcpolitik machen‘ . . . Es ist ebenso tragisch wie komisch, d^sv — wenn auch wenige — orthodoxe Zionisten sich durch Rädcisiührer einer Gerne*ndendiitik von den grossen Gesichtspunkten des Zionis- 'mtis ablenkcn lassen: auf Leim führen lassen . Es wird der zionistischen Orthodoxie eine Grube gcgraben. Es muss gewarnt werden. Man wisse: Es sind jene Schlauen, die letzt die Macht des Zionismus für Oemcindenolitik gebrauchen wollen. Und hinter ihnen stecken die Narren ... Ihr Hauptsitz is1 Krankfurt am Main. Sie haben die indische Religion zu einer Sekte herabeesetzt: nur ihr Rabbiner, nur ihr Blatt ist orthodox. Sie. halieu im Namen dieser ihrer Religion gegen den Zionismus die jüdische Politik gekämnit. weil er die Einheit des Volkes bestrebt. Nun haben sie die Taktik geändert: sie xvollen i m Zionismus, in der jüdischen I* o l i t i k. intra tnuros die jüdische Religion ihrer politisch-nationalen Bedeutung bcrauben. Separation. Und sie haben bereits für diesen Zweck einige orthodoxen Zionisten als Werkzeuge auserwäblt. Man sei auf d e r Hut! Die Juden im ..Block“ Eine Antwort an D r. E r i e d e in a n n. Es* gibt zwei Arten. Politik zu treiben: Dem einen ist sie die milchende Kuli: da darf man natürlich auch den Kuhhandel nicht scheuen. Mail macht sein Geschäft, wo man glaubt, einen Vorteil erreichen zu kömum. Diese Politiker sprechen viel von ..realer“ Politik; von ..nüchternen Erwägungen“ mul ähnlichem. Manchmal gehen die Geschälte gut. manchmal gehen sie schlecht. Man ist ״unentwegter“ Eortsclirittsmami — wenn es etwas cinbringt, und man warnt vor radikaler Prinzipienreiterei. wenn man einmal mit der Unterstützung der Reaktion sein Schäfchen ins Trockene bringen kann. Andere sehen in der Politik, und vor allem in der inneren Politik, den Inbegriff des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens eines Volkes. Und wenn sich Politik und kultureller Stand nicht decken, wenn eine herrschende Minderheit zu

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