Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 205 •י־ werk ist rekonstruiert worden. In Prenzlau und ץ ra n k f u r t a. 0. fehlt es dagegen an geeigneten Vertrauensmännern. Es besteht aber die Hoffnung. noch in diesem Jahre neue Schckelzahlcrgruppen bilden zu können. ־ Der Qruppenvcrbaitd Rheinland und Westfalen mit dem Sitz In Köln, zeigte nur in den Gruppen Köln und Duisbürg reges zionistisches Leben. Ausserdem hat sich eine Ortsgruppe in Elberfeld gebildet. Es ist unbedingt erforderlich, dass im Bezirk dieses Gruppenverbandes, in dem früher eine Reihe von blühenden Ortsgruppen bestand und wo zum grössten Teil noch die alten Vertrauensmänner ansässig sind, wieder energisch gearbeitet wird, damit der Bczirk wieder seine alte Bedeutung erlangt. Die beiden badischen Qruppcnverbäitde haben sich durch geschickte Teilnahme an den Synodalwahlcn grosses Ansehen erworben. Wir erwarten, dass sie diese günstige Situation jetzt auch für die rein zionistische Propaganda ausnützen werden, um so die Gruppen zu stärken und neue Plätze zu gewinnen. Der Gruppenverband München arbeitet in der bisherigen Wt ise weiter In Elsass-Lotliringcii wird leider nicht mit der notwendigen Energie gearbeitet. Wir hoffen, dass die persönlichen Streitigkeiten, die die Arbeit dort hinderten, jetzt beigclcgt sind und Elsass-Lotliiiiigcn bald wieder das rege zionistische Leben früherer Jahre aufweist. Der Gruppenverbaml Königsberg bat sich bemüht, durch Bioscbüren-Agitation die Ortsgruppen zu rekonstruieren, was aber leider nur zum geringsten Teil gelungen ist. Der Posencr Gruppenverband steht jetzt mit H Ortsgruppen und insgesamt •10 Orten in enger Verbindung. Er vermitteite eine Reihe von Vorträgen, darunter eine Tournee über ״Jüdische Kunst“ mit Lichtbildern, ln den einzelnen Gruppen des Distrikts wird zum Teil recht gut gearbeitet, besonders in Samtcr, das trotz seiner verhältnismässig geringen Mitgliederzahl eine intensive Tätigkeit entfaltet. Von besonderem Interesse sind die Einrichtung von Zeitungslesezirkeln, Leseabenden. Geschichtskurscn. Volksunterhaltungsabenden usw. in den Oruppcn des Bezirkes. Einen grossen Ansporn für die Tätigkeit der Gruppen und Vertrauesmänner gab die Veranstaaltung der beiden Distriktstage, die während der Berichtszeit in Posen veranstaltet wurden und sich eines regen Besuches erfreuen konnten. Gute Resultate hat auch der Üruppenverband Oberschlesien dank seiner unermüdlichen Tätigkeit zu verzeichnen. An seiner Spitze steht jetzt ein engerer Ausschuss, der aus je einem Vertreter der Gruppen und kooptierten Personen besteht, und eine systematische Agitation in ganz Obersclilesicn entfaltet. Auch hier fanden in der zur Bericht stehenden Zeit 2 sehr gut bcsuchttc Gruppenvcrbandstage statt, die den Ortsgruppen neue Anregungen gaben. Es scheint uns überhaupt unbedingt erforderlich, dass jeder Gruppenverband wenigstens einmal im Jahre einen Distriktstag veranstaltet, um hierdurch das Interesse der׳ Gruppen zu fördern. Bei der geringen Anzahl von Rednern, die dein Griippcnverband Oberschlesien zur Verfügung standen, verdient es besonders hervorgehoben zu werden, dass er aus eigenen Kräften eine grosse Anzahl yon V01 trägen vermitteln konnte, dank der Bereitwilligkeit einiger Herren, die den gleich.n Vortrag in den verschiedenen Ortsgruppen wiederholten. Die Frucht dieser eifrigen Arbeit ist denn auch die Neugründung einer ganzen Anzahl von Gruppen und die Befestigung der bereits bestehenden. Der Gruppenverband umfasst nunmehr die stattliche Anzahl von 10 zum Teil recht grossen Ortsgruppen und 6 Vertrauensmänner an kleineren Plätzen. Der Gruppenverbaml Breslau batte bisher eine energische Propaganda unter der Studentenschaft und jungen Kaufmann- Schaft entwickelt. Es hat siele nun aber leider lierausgesteilt, dass sowohl die Akademiker nach ihrer Niederlassung, als auch die Kauflcute, sobald sic selbständig geworden sind, die Hoffnungen nicht erfüllten, die man inbezug auf ihre Tätigkeit hatte hegen können. Es scheint uns daher, als ob cs noch einer intensiveren Erziehung der Studenten und jungen Kaufleutc im zionistischen Sinne als bisher bedürfe. Trotz des eng umgrenzten Tätigkeitsgebietes ־ hat der Gruppenverband im übrigen mit Erfolg gearbeitet und 5 neue Vertrauensmänner an bisher uncroberten Plätzen gewonnen. Der Üruppenverband Hansestädte hat cs weiter verstauden. die bestehenden Gruppen zu befestigen und zu vergrossem und erfreut sich auch bei der nichtzionistischen Bevölkerung eines grossen Ansehens. Zu unserem grossen Bedauern hat es sich nicht ermögliehen lassen, den von uns aiigestrebien Üruppenverband für Anhalt. Sacbsca und Hannover zu gründen. Während nun in Anhalt. Hannover und den Ortsgruppen im Königreich Sachsen recht gut gearbeitet wird, geschieht nichts an den kleineren Plätzen, da die Leitung fehlt. Wir werden daher weiter bestrebt sein, die Hindernisse, die sich der Gründung des Gruppenverbandes entgcgcnstellcn. zu. beseitigen. Leszynsky. Sonderausgabe der JÜDISCHEN RUNDSCHAU Der Tätigkeitsbericht des Deutschen Bureaus für den jüdischen Nationalfond (Propaganda-Abteilung) ist für die Delegierten in einer Sonderausgabe der JÜDISCHEN RUND- SCHAU aufgelegt. Die Leser der RUNDSCHAU erhalten ihn in nächster Nummer. Religion und Politik Eine Warnung. Von Dr. Jacques Misrachi. I. Rcligirin und Politik haben eine gemeinsame Begrifiswurzel. die Ethik. Die Geschichte aber hat sic entzweit. In der Theorie werden sic als korrelative Institute sozial-ethischer Natur konstruieit. Der Substrat aller Religion ist die sittliche Mission. Das sittliche Motiv ist auch die logische Instanz, an der sich alle Politik orientieren muss. Es ist nicht von ungeiühr. dass der Begriii des Staates erst in der Ethik zur Entdeckung gelangt (Plato). Doch in der Praxis der Geschichte treten Religion und Politik als zwei heterogene Elemente des sozialen Lebens auf. Und wir wissen bereits: sobald die Religion den Boden ihrer friedlichen heiligen Wirkungsstätte verlässt und sich in das Gebiet der profanen Politik begibt, schlägt sie meistens in ihren Gegensatz um. Die mittelalterliche Verquickung von Religion und Politik hat sich als eine ethische Geiahr erwiesen: eine Gefahr für beide Seiten. Worin mag nun der Grund für dieses soziale Phänomen zu suchen sein? Ist die Ethik das gemeinschaftliche Terrain für Religion und Politik — wie sollte ihre gemeinsame Verbindung eine ethische Gefahr in sich bergen? Oder müsste etwa darob jene Theorie vom ethischen Substrat der Religion und Politik -- wie es manche wollen —־ aufgegeben werden? Wir meinen es nicht. Vielmehr dürfte diese Distanz zwischen theoretischer Harmonie und praktischer Dissonanz aut die geschichtliche Stellung der Religionsentwicklung zur Staatcnbildung zurückzuführen sein. Religion und Staat haben sich nebeneinander ausgcbildet. Das will sagen: sie waren stets zwei Institute. Freilich, eine gemeinsame Wurzel: doch zwei Abzweigungen. So konnte im Nebeneinander eine Kluft entstehen. Die Religion blieb an Individuen haften, die Politik hingegen näherte sich immer mehr ihren! Objekte, der Gesellschaft. Die Religion musste in einen Partikularismus auslaufen. die Politik bewegte sich aber immer mehr in universalistischer Richtung. * * Anders verhält es sich im Judentum. Hier bilden Religion und Staat c i n Institut. Nicht nebeneinander, sondern ineinander. Der Begriff der jüdischen Religion deckt sich mit dem Begriffe der jüdischen Staatsvcrfassung. Ein Gesetzkörper. Daher die breiten Rahmen der jüdischen Religion, die als eine Staatsveriassung auch die Sünder, politiscli gesprochen: Verbrecher, in sich vereinigt. Die jüdische Religion ist daher sozial: weil politisch. Sic konnte nicht zu einem Partikularismus zusamiticnsclirumpfen. War sic doch die politische Einheit der Nation. Der Begriff ״Glaubensgenosse“ musste den grossen Umfang des Begriffes: Staatsbürger amieUmc«. Diese politisch-nationale Bestimmung der jüdischen Religion schützte sic vor kirchlicher Verengung auch nach dem Verlust der politisch-nationalen Selbständigkeit der Juden. Bewusst oder unbewusst hat auch in der Diaspora der politisch-nationale Geist der jüdischen Religion fortgeiebt. Der irreligiöse Jude (im Frankfurter Jargon ..Poscha“ genannt) hat — selbst in den Augen der Religionseiierer — nicht aufgehört. Jude zu sein. Ebenso wie der Verbrecher nicht aufhört. Bürger seines Staates oder Sohn seines Volkes zu sein. So ist auch in der Idee des Messianismus der politische und religiöse Moment aufs intimste verbunden.