Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-05-28 · Heft 22 (28.5.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 22 (28.5.1908)
Date
1908-05-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651574--05650-2662687
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 194 No. 22 JÜDISCHE RUNDSCHAU. besten landwirtschaftlichen Methoden wird es vermutlich dauernd wünschenswert sein, wenigstens ein Muster- oder Versuchsgut zu besitzen, einerlei .ob cs für sich selbst allein Oewinn bringt oder gar kleine Verluste. Was den zweiten Einwand betrifft, dass das Unternehmen reichliche Geldmittel voraussetzt, welche die P.L.D.C. schwerlieh wird aufbringen können, so gilt das fiir jede Kolonisationsarheit; ohne Geld ist nun einmal landwirtschaftlich und kolonisatorisch nichts zu machen Auch das reine Kreditgcbcn erfordert grosse Mittel. Für das Lehrgut genügen die Mittel der P.L.D.C. schon jetzt, falls die P.L.D.C. den bewilligten Kredit des Nationalfonds wirklich in Anspruch nehmen will. Wir sind überzeugt, dass die P.L.D.C. schon in kurzer Zeit völlig auf diesen Credit wird verzichten können, indem sie selbst über 1U0 000 Mark eingezablte Kapital verfugen wird. Was die Parzellierungsarbeit betrifft, die doch frühestens im nächsten Jahre beginnen kann, so ist anzunehmen, dass die P.L.D.C. dann schon genügend Geld zum Ankauf und zur Parzcllicrung eines Gutes haben wird, wozu die zweiten 100 QMO Mark ia reichlich genügen würden. Ausserdem würde, wenn die P.L.D.C. die Bewirtschaftung des Lehrgiitcs aus eigenen Mitteln durchführt, dann ja der Kredit des Nationalfonds für Ankauf eines Parzellierungsgutes zur Verfügung stehen und hierzu könnte ohne jede Bedenken der Nationalfondscredit tatsächlich seitens der P.L.D.C. in Anspruch genommen werden, da der Nationalfonds ja durch die Verpfandung des Bodens absolut gesichert sein würde, und gerade die Beleihung von Grund und Boden in eminenter Weise zu den vom Nationalfonds zu unterstützenden Aufgaben gehört. Schliesslich ist kein Grund vorhanden, warum die P.L.D.C., wenn die Methode der Parzellierung sich bewährt, nicht auch später seitens der Jcwish Colonization Association grössere Geldmittel erhalten sollte behufs Ansiedlung in Palästina aisässiger Juden, da dies Ia ebenso gut zu den Auigaben der J.C.A. gehört wie die Ausiedlcng russischer Juden. Es wird die weitere Ausdehnung des Koionisationswcrkes der P.L.D.C. ausschliesslich von den Erfolgen abhängen. und zwar nicht zuletzt von den wirtschaftlichen Ergebnissen des Lehrgutes, über dessen Erfolg oder Misserfolg man ja erst nach einer Reihe von Jahren im klaren sein wird, sondern davon, ob die in Deutschland erprobte Kolonisationsmcthode sich auch unter dem palästinischen Himmel bewähren wird, oder sich wenigstens den palästinischen Verhältnissen wird anpassen lassen. Vorläufig lässt sich nur sagen, dass die Sache unter der Leitung des Herrn Dr. Ruppin ln den besten Händen liegt, und dass a priori nicht ein/usehen ist. warum diese *schon in gewissem Sinne von der J.C.A. mit Erfolg angewandte Methode der langsamen Überführung von landwirtschaftlichen Arbeitern über das Pächterstadium zu selbständigen Bauern sich nicht auch in geschäftlich rentabler Weise in Palästina wird entwickeln lassen. Ganz unangebracht ist es aber, hierüber von vornherein den Stab zu brechen, gestützt auf eine angebliche Kenntnis des Menschenmaterials•, wir sind der festen durch Beobachtung der jüdischen und der allgemeinen Kolonisation gewonnenen Ueberzeugung. dass der Jude ebenso wie jeder andere Erdenbürger eern die Gelegenheit ergreift, durch eigene Arbeit zuin freien Besitze einer Erdscholle zu gelangen, wenn ihm die Möglichkeit und die notige Belehrung dazu geboten wird. In dienender Stellung mag der Jude störrischer sein als andere Völker, in freier Betätigung hat er sich noch stets als guter Arbeiter erwiesen. Was den dritten Einwand betrifft, dass durch die P.L.D.C. die Frage des Agrarcrcdits in den Hintergrund des öffentlichen Interesses rücken wird, so sind wir der Ansicht, dass gerade das umgekehrte der Fall sein wird, erst die Tätigkeit der P.L.D.C. wird es ermöglichen, bisher besitzlose Leute creditfähig zu machen, nachdem sie sich als Arbeiter und Pächter vor Sachverständigen als crcditfühig erwiesen haben werden. Die Schwierigkeit ist doch gerade die. dass, wenn wir jetzt vom Nationalfonds grössere Summen für den Agrarkredit auswerfen, es sich bei den schwierigen Besitzverhältnissen in Palästina nur um Personalcredit handeln kann, und ein solcher bei nicht an sich kapitalkräftigen Leuten im wesentlichen eine Vertrauenssache ist. sei es nun. dass der Credit auf den! direkten Vertrauen des Geidlcihcrs dem Geldnehmer gegenüber beruht, sei es. dass das Vertrauen durch die eingcsvhobcne Instanz einer Crcditgcnossenschaft auf eine Vielheit von Leuten‘ verteilt wird. Es ist aber doch klar, dass das Vcrtrauen nur gewinnen kann, wenn der einzelne Geldnehmer sich durch sein Vorleben als creditwiirdig erwiesen hat und vor allem auch den Beweis dadurch geliefert hat. dass er imstande gewesen ist. sich sein Inventar zum grossen Teil schon seihst durch eigene Arbeit zu erwerben. Was den vierten von Ihnen angegebenen Punkt betrifft, so lässt sich schwer darauf antworten, da die Ausdrücke ״Kolonisation von unten“ und ״Kolonisation von oben“ doch nur Schlägwörte sind, denen an ־sich keine bestimmten Begriffe zukommen. Sind die Gegensätze identisch mit demokratisch und aristokratisch, oder nach eigenem Ermessen und bureaukratisch oder mit individuell und* korporativ resp. sozial, oder bedeutet cs freiheitlich und zwangsweise? Aus dem zweiten Satz scheint hervorzngcheu. als ob der Gegensatz bedeuten soll, nach praktischen Erfahrungen oder nach theoretischen Programmen. Ist das richtig, so ist diese Gegenüberstellung mit derjenigen des vorgehenden Satzes nicht identisch, denn ebensogut können die Kolonisten nach theoretischen Programmen (z. B. nach marxistischen) und die Krlonisationsgcsellschaftcn nach praktischen Gesichtspunkten arbeiten wie umgekehrt. Jedenfalls ist eine Methode der An- Siedlung in Form von Rentengütern, wie sie in Deutschland so vielfach mit Erfolg angewandt wird —- allein Herr Auhagen, der uns bei unserer Arbeit beraten wird, hat 15 derartige Kolonien geschaffen — nicht mehr ein theoretisches Programm zu nennen. Die Schwierigkeit liegt einzig in der Anpassung der in Deutschland gewonnenen praktischen Erfahrungen an die palästinischen Verhältnisse. Was hier also die sogenannte Theorie fertig gebracht hat. das hat in hunderten von Jahren ..die freie natürliche Selbsttätigkeit der Privatinitiative“ nicht erreichen können. Zum Schaden unseres־ leider allzu individualistisch gearteten, und daher gegen sozialen Zusatwncnschluss misstrauischen Volkes, verspüren wir überall, welch grosse Erfolge andere Völker durch derartige Organisatiou zu erzielen vermögen. Sind die Bestrebungen der Vorschusskassen. der Konsumvereine und der verschiedenen Genossertsehaiton nicht gleichfalls Organisationen wie die l^andbanken? Hat nicht bei der Ansiedhmg durch Landbmken ein jeder Kolonist in reichem Masse Raun!, eine ,.gesunde Privatinitiative“ zu entfalten? Natürlich wäre cs besser, wenn die zukünftigen Kolonisten selbst die Fonds iiir die Landbank oder eine andeie bekannte Kolonisutionsgenossensclmt hergehen würden, aber wo findet man derartige Menschen? Wie oft haben wir die Poale Zion ermahnt. Geld unter sich autzubringen zu einem genossenschaftlichen Gut. aber leider ganzlieh ohne Erfolg. Und ohne Zusammenschluss ist cs eben nicht möglich, grössere Güter zu kaufen, zu ameliorisiercn und parzellieren, da Hilft alle Privatinitiative des kleinen Mannes nicht, das könnte höchstens ein Grosskapitalist, aber zu einer so schwierigen, langwierigen Aufgabe wird sich so leicht kein Grosskapitalist bereit finden, wohl zwar zum Landkauf, aber nicht zur Parzellierung, und Latifundienbesitz wollen wir doch nicht in Palästina züchten. Ich hoffe, dass diese Auseinandersetzung etwas zur Klärung dieser für die wirtschaftliche Erschliessung Palästinas eminent wichtigen Frage beitragen wird, wenngleich ich natürlich nicht annehmen kann, dass Ihre Bedenken dadurch beseitigt sein werden Ich glaube vielmehr, dass die inneren Gründe der Divergenzen unserer Ansicht aus dem verschiedenen Milieu heraus zu erklären sind, indem Sie sich in Odessa befinden, und wir in Deutschland. Russland macht gerade jetzt die Ucbergangszcit durch, von einer despotisch organisierten zu einer individualistisch sich weiter entwickelnden Gemeinschaft. Deutschland, wo der Individnalismtis schon seit vielen Jahren die tonangebende Rolle gespielt hat. befindet sich im Stadium der sozialen Umgestaltung. Das. was die meisten Russen als Ideal anstreben^ haben wir in Deutschland schon bis zur Neige durchgekostet, und das. was man in Deutschland jetzt erstrebt, hat in Russland kaum die Schwelle des Bewusstseins überschritten. Es sei dem» wie hei den Sozialisten, in Form von groben Schlagworten und halb verstandenen Phrasen. Ich bin aber der Ansicht, dass gerade durch die innige Berührung, welche die zionistisclie Bewegung zwischen west- und osteuropäischen .ludet» und damit zwischen west- und osteuropäischer Gedankenarbeit zur Folge hat. auch die Entwicklung der ost• europäischen Juden zu den in Westeuropa zcitgemässen Ideen eine so schnelle sein wird, dass Ost und West bei der Arbeit der P.L.D.C. noch schliesslich Zusammenkommen wird. Hochachtungsvoll und ergebenst gez. O. Warburg. £===“ Rundschau. —==J Verband der Deutschen Juden Der Gesamtausschuss des Verbandes der Deutschen Juden war am 10. Mai 190$ in Berlin versammelt. Die Versammlung war von 38 Teilnehmern aus allen Teilen des Reiches besucht. Von den Beschlüssen der umfangreichen Tagesordnung ist hervorzuheben:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.