Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1908)
- Date
- 1908-05-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 192 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 22 *sondern ehrlichen Selbstschutz, Nun mag man, wie Schreiber dieser Zeilen, in diesem wie in anderen Fällen das formale (hier juristische) Mittel für untauglich oder besser unzulänglieh halten, wofern nicht der ״Geist" kuriert ist, — dass aber der Prozess unbedingt hätte verloren werden müssen, dass ihn zu führen purer Unverstand gewesen sei, wird keiner behaupten, der die Verhandlungen und die Entscheidung des Richters halbwegs aufmerksam (inan kann den Fuglisch Lesenden den ausführlichen Bericht des JFAV1SH CHRON1CLF empfehlen) studiert hat. Ich habe den liitidruek, dass das negative Resultat des Prozesses, wenn auch nicht einzig herbeigeführt, sx> doch wesentlich beeinflusst wurde einmal durch die auf den Richter selbstverständlich höchst bcunruhigend wirkende Gcgen-Agitation aus unseren Bankkreiseu selbst, zum zweiten durch die lässige Agitation und schwatikende Haltung der mit der Prozcssiührung und -Agitation Betrauten*) und endlich dadurch, dass viele unserer leitenden Persönlichkeiten — das muss einmal gesagt werden — nicht immer genug staatsmännische Reserve bei ihren Reden auf den Kongressen und sonstigen offiziellen Aeusseruugen beobachten. Und ein Zangwill weiss diese Schwächen lieransziifinden und anzuwendcu, zehnmal besser als unsere Advokaten unsere Stärke. Und die Moral? Ich kann die des Leitartikels der JÜDISCI1FN RI INI 1SC1 IM י verstellen, die die demoralisierenden Outsiders lieber ganz zum Üratissetibleibeii veranlassen möchte, als dass die Partei durch das Oucrtreiben immer von neuem erregt und gestört wird, ־ ־ ich kann diese Moral verstellen, aber sie erscheint mir zu polizeimässig und klein. Denn das Uebel liegt viel, viel tiefer -- doch davon mit ein paar Worten zu reden, ist unmöglicli. Was aber die Moral des Herrn Dr. Friede,nanu betrifft —' 111111, gelinde gesagt, etwas, was die Dinge mehr auf den Kopf stellt, hisst sich nicht denken: Geht in euch, verstockte Toren, und reiciiet den obsiegenden Gegnern (wenn die cs wollen) die Bruderhand! So meint er. . * Ja, was ist denn geschehen? Hat der Zionismus erwiesen, dass er nichts taugt, der Territorialismus, dass er das einzige Heil ist? War die Statutenänderung das einzig Trennende in den beiderseitigen Auffassungen? Ist wirklich durch den Mund des Richters bewiesen und befestigt, dass, wie Zangwill behauptet, Palästina für die jüdische Kolonisation untauglich ist und — sagen wir — Marokko tauglich? Sind wir so aufs Haupt geschlagen und Zangwill durch die imaginäre Knlonialbank, die er gewonnen, so reiclt geworden, dass wir. wie die Russen nach Mukden, um Frieden bitten müssen? Und kann es, wenn die Territorialsten es ernst meinen und die Zionisten es ernst meinen, eine andere Vereinigung geben, als dass die Zionisten Territoriatisteu oder die Tcrritorialisten Zionisten werden? Und was hätte diese grosse Alternative mit dieser kleinen Banksache zu tun? Allerhand seltsame Kombinationen tauchen ja jetzt hie und da auf: Natioiialliberal-zionistiseli, natünial- und kulturdeutsch-zionistisch usw., aber tcnitoriaiistisch-zioiiistisch, ich meine, dagegen müsste doch nicht nur die sieh allmählich einbürgernde Nachsicht, sondern auch der ״klare Mensehcnverstand״ Front machen, den Herr Dr. Friedemauu gegen die Kongressmelirheit zitiert. Das ״Misstrauen" zu beseitigen, erscheint mir jedenfalls Herrn Dr. briedemanns seltsame Schlussformel nicht geeignet. F. *) So trat die im August v. .1. gewählte Kommission erst am 10. Januar zusammen, und dis F.A.-K. erklärt ausdrücklich ui t einem Afudavit, dass cs ..sieh erst habe v e r g e - wissern wollen, .,b wie früher, eine Mehrheit von Aktionären für die Änderung sei." Brief aus Ungarn fn Ungarn haben die Juden im Jahre 1868 gesetzlich den Stechapfel — welchen inan Fmanzipation nennt — bekommen. Für diesen warfen wir alles aus purer Dankbarkeit weg, was auf unser jüdisches Wesen folgern li,css. Wir wurden der Sprache, den Sitten, den Traditionen unserer Ahnen untreu. Wir kleiden uns, denken und fühlen als Magyaren, ln patriotischen Fragen sind wir die besten Sachverständigen und zu allen Zeiten die tollkühnsten Beschützer der ungarischen Ven fassuug. Keiner tritt so unerbittlich die anderen Nationalitäten nieder, wie eben wir und was w ir als Gegenw ert für all dieses bekommen haben, ist vernünftigerweise nicht zu besprechen. Ich wünsche nur darauf hinzuweisen, dass just der ökonomische und soziale Antisemitismus vielleicht nirgends in den anderen Goluslündern einen so fruchtbaren Grund gefunden hat, wie hier. Zahlreiche Vereine und Kreise sind vor den Juden geschlossen. So z. B. das Gentry-Casino, dessen Präsident z ui ä 11 i g Dr. Alexander Wekerle ist, der in seinen freien Stunden auch Premierminister Ungarns ist und der gleich nach seiner Friictiuuug. als das Gentry-Casino ihn begriisste, antwartete: So lange er an der Spitze desselben stellt, wird sein einziges Streben sein, dass das Casino judeujem und jmleiifrei bleibe. So der erste Mann Ungarns! Infolge dessen sind die Juden zur Auircchterhaltuug des gesellschaftlichen \e1kelns angewiesen, neiie Vereine zu gründen. Aller dass deren jüdischer Ursprung sich nicht verrate, wählen sic als Pinsidcntcn einen Niclitjudeii als Reiiotumiergoj. So auch in dem Lipotvaroscr-Kasino, dessen Mitglieder nur Juden sind, ist der Präsident Dr. Dcsider Bam’fy, ehemaliger Premierminister und Oberkurator des Pesicr Fvangelischcn Kirchenbczirkes. Das Lipotvaroser Kasino schreibt auf literarische und künstlerische Produkte Preise aus, an welchen die Künstlcrwelt ohne Rassen-, Nationalitäts- oder Religionsunterschied teilnehmcn kann und auch, nur deshalb, damit es dia Preise eben unter die Nichtjuden verteile. Und es greift auch iede Gelegenheit auf, wo es den jüdischen Stempel von seiner Stirne verschwinden lassen kann. Hier ein Beispiel, welches ein hauptstädtisches Abendblatt veröffentlicht hat, dessen Redakteur zwar getauft ist, aber dennoch alles mit jüdischen Augen betrachtet. Der Titel lautet: Apponyi und die Juden. Fin Bankett im Lipotsäroser Kasino. Unter falscher Flagge. Fr (Apponyi) hat sie nie geliebt. Schon als Kind sog er in Kalkslmrg den Judenhass und nicht die Judcnliebe ein. Und seitdem er in die politische Arena getreten, haben sich seine Gefühle nicht geändert. Oft wollte er eine ״Amiähertmg" versuchen, denn als oppositioneller Parteiführer schien cs politisch klug, vernünftig, ja zweckdienlich, um die Gunst der Juden zu buhlen. Vergebens. Fr wurde immer entlarvt. Durch einen Gegner oder durch sich selbst, durch eine Tat, oder durch eine Acnsscruitg. Und seitdem er Minister, wirklicher Gehcimrat und Fxcelleuzherr ist, kann er auch nicht anders liandclii. als cs sein Fmpfindcu und sein Gefühl diktiert. Fr lieht t'hen die Juden nicht. Deswegen ernennt er auch keine jüdische Lehrerin, geschweige denn einen jüdischen Professor, a u s g en 0m - men, wenn sie sich der Taufe unterziehen. Denn man!miss ja auch was für die Kirche . tun. Speziell wenn mau nicht nur Unterrichts•, sondern auch Kultusminister ist. Aber als Politiker ist es notwendig, das Terrain der Zukuuit zu düngen. Sachte, sachte, aber mit eiserner Konsequenz. Deshalb ist cs zweckmässig, eine Annäherung an die; Juden an/ustreben. Auf politischem und gesellschaftlichem Gebiete. Fine Antwort, welche der Deputation der israelitischen Distriktspräsidenten erteilt wird und von der Toleranz und Gleichberechtigung schwefelt, ist ja nicht gefährlich. Phrasen bilden keine Konzessionen. Verpflichten zu nichts. Denn die Juden sind für ein freundliches Wort dankbar. Sie kennen