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Jüdische Rundschau · 1908-05-15 · Heft 20 (15.5.1908) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 20 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 179 das gastliche Land bereits mit iliren Eltern verlassen haben, ruhig weiter geführt und zur Aushebung beordert. Wenn sic dann, wie natürlich, nicht erscheinen, so werden sie als ״fahnenflüchtig‘‘ gebucht. Ja. noch mehr: es wird sogar von irgendwie auffindbaren Angehörigen dieser ״Deserten rt“ die Strafe von 3tM) Rubeln ein gczogen! Als Roditschew sich auf die westlichen Länder bcrief, in denen die Juden überall gute Soldaten seien, da konnte ihm, als er Italien, Frankreich. Fuglund . zitierte, bc■ zeichnender Weise von Antisemiten zugerufen werden: ״Und Deutschland?" So weit sind die lügenhaften Ifetz.be• richte der deutschen Antisemiten also bereits gedrungen, dass man in Russland zu glauben vorgibt, die deutschen Juden erwiesen sich im Militärdienst als untauglich oder gar schädlich! Roditschew führte am Schlüsse seiner Rede 3t1s, man solle den Juden Rechte geben und ihnen Pflichten auierlegen wie allen anderen Bürgern. Fine Klasse vom Militärdienst befreien, führe zum Sklave n Staat! Der Abgcordnete P u r i sc h k c w i t s c h erklärte denn auch mit alier Deutlichkeit, dass der antisemitische Antrag eben der Weg sein soll, um den Juden allmählich alle Rechte zu nehmen. ־ Der Antrag wurde übrigens von der Duma mit grösserer Majorität ahgclchut. So machen Harlekin und S>;hufter!e in Russland Politik -- und von solchen Feilten kann das Schicksal von sechs Millionen J u d e n unter Umständen entscheidend hceiutlusst. werden. Aber wenn man unsere sanften Liberalen tragt, so ist die Judenfragc nur ״ein Teil der allgemeinen russischen!Tagt". Die Uudenfrage im Ministerrat Der Ministerrat hat sich in seiner letzten Sitzung wiederum mit der Judenirugc beschäftigt. Nach Anhörung eines Vorträges, der im Ministerium des Innern niisgcarbcitet und von einem Vertreter desselben verlesen wurde, hat der Ministerrat prinzipiell die Notwcndgikei. anerkannt, im Herbst mit einer 1crtigt.11 Gesctzesvoriagc *liier die Juden vor die Duma zu treten. Vorläufig wurde beschlossen, eine Kommission aus den Vertretern aller Ministerien einzusetzen, der das vorhandene .Material zur Sichtung und Verarbeitung vorgelegt werden soll. Die definitive Beschlussfassung über den Gesetzentwurf soll einem neuen Ministerrate Vorbehalten bleiben. Ein neuer Antrag der VerbändJer ln den Kreist» des Verbandes des russischen Volkes wird davon gesprochen, dass die Duma-Fraktion des Verbandes demnächst eine Gesetzesvorlage cinbringen soll, durch die den Juden verboten wird. Zeitungen herauszugeben. zu redigieren und an nichtiädischcn Zeitungen mitzuarbeiteu. Das offizielle Organ des Verbandes RUSSKOJE SNAMJA gibt bereits eine nähere Begründung zu dieser neusten Ausgeburt der Phantasie der Herren K rupenski und P u r i s c h k e w i t s c 11. Offenbar ist dieser Antrag ein Versuch, die bei dem Antrag zur Heeresvoriage (Ausschliessung der Juden aus der Armee) erlittene Schlappe durch einen noch unsinnigeren Antrag wieder gutzuniachen. Jüdische Rechtsanwälte in Russland Aus Warschau wird uns von K.־Korresponde11ten geschrieben: unserem dortigen Die Frage der jüdischen Rechtsanwälte in Russland und Polen hat verschiedene Stadien diirehgemnclit. die der jeweilig vorherrschenden politischen Strömung entsprechen und sie charakterisieren. Laut dem Zusatz zum Artikel 380 des russischen Gesetzes über die Justizverfassung vom 8, November 1889 wurde cs dem Justizministerium frei überlassen, die von een Advokateiikorporatioiien oder, wie es in Polen der Fall ist, vom Kreisgericht vorgeschlagenen ״nichtcliristliehen" Referendare, die die bestimmte fünfjährige Lehrzeit hinter sich hatten, zu Rechtsanwälten zu erlichen. Fs gab dann eine lange Zeit, wo es keine neuen jüdischen Rechtsanwälte gegeben hat — der Justizminister gebrauchte seine diskretionäre Gewalt im antisemitischen Sinne, wenn man auch von Zeit zu Zeit vereinzelte Ausnahmen machte. Dann kam die Revolutionszeit, und danach die ״Freiheitstage". ׳ die russische Regierung machte liberale Konzessionen und auf einmal tauchten überall verhältnismässig viele jüdische Rechtsanwälte auf. die übrigens äusserst schnell zu grossem An- .sehen kamen. Die neueste politische Strömung, die reaktionärer ist als je.zu Vor.. hat auch auf diesem Gebiete alle liberalen Ansätze glatt weggewiseht. Die jüngst vorn Warschauer Kriegsgericht dem Justizministerium zur Beförderung vorgeschlagenen vier Referendare wurden ohne jeden Grund einfach a b g e w i c s c n. Rumänisches Ans Bukarest wird uns von unserem dortigen Korresrmidcnten geschrieben: Die Ausweisung der Juden aus den Dörfern hat mit den Frühling neuerdings begonnen, und mit den traurigsten Oedanken neuerdings unsere Stammesgenossen in den Dörfern jedem Kommenden Tag entgegen. So erhielten vorige Woche die Juden aus Bi volar i (Distrikt Jassy) und die aus Raducancni (Distrikt Huschi) den Befehl.. sofort die Städtchen zu verlassen. Bivolari und Raducaneni sind keine Dörfer, soiulern kleine Städtchen, die Comune rurale (Dorfgemeinden) genannt werden. Beide Orte haben eine ziemlich grosse jüdische Einwohnerzahl. Unter anderen wohnt in Raducaneni der Wunderrabbi Schaiom Alperu, ein Schwiegersohn des berühmten-׳Krossen Wunderrabbi Friedmann aus Buhuschi. Die luden aus Bi'olari erwählten eine Kommission, um Feim Distrikts-Präfekten vorzusprechen und die Zurücknahme des Ausweisungsbefehles zu erwirken. Der Herr Präfekt ־ntv.ortete einfacli: ״Man beginnt jetzt mit den Dörfern, aber auch die Städte werden bald au die Reibe kommen." Die luden in diesen beiden Gemeinden befinden sich in der grössten Not. und niemand kommt ihnen zu Hilfe. Da sie keine Aussicht auf fremde Unterstützung haben, blieb ihnen nichts übrig, als sieh ganz der Willkür der Behörden zu überlassen, in deren Verwaltung sie ihr ganzes llah und Gut gelassen haben. Sie wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Die Lage ist eine sehr traurige. Interessant und charakteristisch ihr die Gehässigkeit d e r r u :n ä n i s c h e 11 J 11 d e n p o li t i k ist cs. dass die Regierung ׳Jen Auswanderern grosse Schwierigkeiten macht und. wie die OPi.NIA in Jassy meldet, den Schiffsagenten strengstens verboten hat. den Juden Karten nach Amerika anszufulgen. Die Juden können also weder bleiben noch können sie verreisen. Da bieibt schliesslich nichts übrig, als die Jude.1 zu ei schiessen oder sie in die Donau zu werien. Nein, auch nicht in die Donau soll man die Juden werfen״, schrieb unlängst das Amisemitenblatt MOLDOVA DF LUS. danut sie nicht unsere Fische verpesten." .... Aber das ist eine antisemitische Lüge. Man wird sie wieder in de/ Donau ertränken, wie man so oft schon rumänische Juden In der Donau ertränkt hat. Eine Kultusgemeinde in Bukarest Aus Bukarest wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Unlängst wurde in den hiesigen jüdischen Zeitungen viel darüber geklagt, dass Bukarest noch immer keine israelitische Kultusgemeinde besitzt. Man legt dem Umstande, dass die Juden in Rumänien überhaupt so wenig organisiert sind, eine grosse Schuld bei an der traurigen Lage der rumänischen Juden, die sich noch mit jedem Tage verschärft. Nun hat hier eine grosso Bewegung eingesetzt, die besonders von der Bukarcster jüdischen Wochenschrift CURIFRUL ISRAtllT propagiert wird, um endlich die Gründung einer jüdischen Kultusgcmeinde in Bukarest zustande zu bringen. Fis hat sich ein Komitee gebildet, das ziemlich energisch an die Arbeit gegangen ist. So wurde am vergangenen Sonntag eine Massenversammlung mit grossen! Erfolge abgehalten. An die Spitze des Komitees wurde der greise, aber immer noch tatkräidge Philanthrop F i I i p A. F o c s a n e a n u gewählt, und da en als ein Mann von grosser Energie gerühmt wird, so stellt zil hoffen, dass der seit *10 Jahren vergeblich gehegte Wunsch der hiesigen jüdischen Bevölkerung in Erfüllung Kchen w ird. Was die Regierung zu dei neuen Institution sagen wird, bleibt allcrdiü'gs abzuwarten. Die liberale Regierung in Rumänien Von einem anderen Korrespondenten aus Bukarest gebt uns folgende Schilderung zu: Unter der ״national-liberalen" Regierung des Herrn D. Sturdza haben die Juden gewöhnlich mehr zu leiden als unter der konservativen. Judenausteibungen aus den Dörfern werden ohne Erbarmen vorgenommen, und Gnade finden nur diejenigen, die in industriellen Etablissements irgend eines grossen ״Boiarcn״ diesem unentbehrlich sind. Sonst wird keine Rücksicht genommen auf Dauer der Ansässigkeit im DoriV, auf den Nutzen, der etwa der Bauernbevölkerung durch die Anwesenheit irgend eines jüdischen Kaufmannes tatsächlich erwächst. Nicht, einmal im betreffenden Dorfe geborene Juden, die ihren Militärdienst/ geleistet haben oder noch als aktive Soldaten leisten, werden von den Behörden geduldet. Während sogar in Russland akademisch graduierte Juden eine gewisse, ziemlich unbeschränkte Freizügigkeit haben, kennt man in Rumänien unter Herrn Sturdza als Premier und Jor.el B r a t i a n u als Minister des Innern keine V

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