Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 180 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 20 so!che Rücksicht. — Das Merkwürdige an diesem Vorgehen ist nicht nur der Umstand, dass zahlreiche Existenzen vernichtet werden, sondern dass diese Austreibungen nicht im ganzen Lande, sondern nur •n einigen Distrikten (im ganzen gibt es deren 32 in Rumänien) vorgenommen werden, wo die bctreffenden Präfekten besonders antisemitisch gesinnt sind. In den an die Dorfgemeinden gerichteten Aufforderungen zum Erlass der Ausweisungen wird nicht von Juden, sondern von ״Fremden“ gesprochen, von denselben ״Fremden"׳ die im Orte gebürtig, absolut sämtliche Bürgerpflichten (einschliesslich Militärdienst) erfüllen und denen derselbe Präfekt ״im Namen S. M. des Königs" Reisepässe auf Stempelbogcn für 20 Francs ausstellt.* in denen besonders hervorgehoben ist, dass die betreffenden Personen rumänische Untertanen sind. — Judtjfy.jdie als wirkliche Ausländer im Besitze fremder Reisepässe sind, dürfen einstweilen ungestört auf dern Lande wohnen. , Ausländische Christen werden niemals irgendwie behindert.. -- Die Erbitterung der so betroffenen jüdischen Bevölkerung lässt sich ebenso begreifen, ־,wie der schreckliche Einfluss, den das Vorgehen der Behörden auf die niehtiüdischc Bcvölkerung ansübt. Der Antisemitismus ergreift langsam aber uni so sicherer alle Kreise der Rumänen, die in den bedruckten und von der Regierung allseits geächteten Juden keine Opier, sondern die Inkarnation des Bösen, des Landesfremden selten lernen. — Während der vorjährigen Austreibungen wurden die Juden, die während der BauernrevoUcu als Reservisten unter Wafien gestanden, verschont; eine grosse Anzahl derselben cihielten sogar, ebenso wie ihre christlichen Kameraden, besondere Orden, ln diesem Jahre werden dieselben Reservisten ohne grossen Prozess aus den Dörfern gewiesen. In den Ausweisungsbefehlen heisst cs, dass, wenn der betreffende ״Fremde" nicht innerhalb einer bestimmten Zeit (diesmal drei Tage) mit seiner ganzen Familie das Dori verlassen sollte, er ,.par force publique" ausgewiescu würde, d. 11. die Sachen werden ihm zwangsweise auf- und ausserhalb des Dorfes einfach abgeladen. Auch praktische Fälle der Aus- Übung solcher öffentlicher Macht sind vorgekommen, doch lassen es die Juden in der Regel nicht so weit ankonunen. sondern ziehen es vor, ״f r e i w i 11 i g“ abzuziehen. Sehr naheliegend ist nun die Frage, was die jüdische ״Intelligenz" zu diesen Vorkommnissen sagt und tut. — Die Antwort ist leider, dass nichts, absolut nichts geschieht. Von indischen Organisationen, die geschlossen vergehen könnten, kann hierzulande keine Rede sein. Dazu ist der rumänische Jude trotz oder vielleicht wegen der tieftraurigen Verhältnisse zu apathisch. Kein Mensch rührt sich, solange es sich nicht um sein eigenes Ich handelt. Die Bne-brith-Logen existieren im Lande mehr dem Namen nach. Die Gemeinden sind nirgends gehörig organisiert, sie könnten auch nichts ausrichten, da ihre Einkünfte sehr klein und nur aus den Taxen auf das koschere Fleisch, herkotnmen, das leider nicht von allen Juden ausschliesslich verwandt wird. — Es ist aber auch nicht zu leugnen, dass die inländische jüdische Bevölkerung zur Hebung ihrer Lage hier im Lande nicht viel beitragen kann. Das könnten vielmehr mv die jüdischen ausländischen Finanziers bewirken, die aber offenbar keine Veranlassung sehen, es zu tun. Was die Juden hier überhaupt noch aufrecht erhält, ist entschieden der Zionismus allein, dem siclv denn auch nach und nach das Gros der jüdischen Bevölkerung auschliesst. Die Hoffnung auf Gleichberechtigung haben auch die früheren Optimisten längst a u f g e - geben. Wie wäre es auch anders möglich, wenn das rumänischc Parlament — die hierzu befugte Obrigkeit — in der letzten Hauptsession keine einzige Naturalisation eines rumänischen, geschweige denn eines andern Juden zugelassen und auch nicht die entfernteste Möglichkeit gezeigt hat, dass es jemals besser werden könnte! — Frühlingsfeier im Lande Israel Aus Jaffa wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben; In der jüdischen Kolonie Rcchoboth fand am vierten Tage Chol Hamoid Pessach eine Friihlingsfeicr statt, die von den iungpn Kolonisten veranstaltet wurde. Es fanden Pierde- Rennen..;Wettlaufen. Prcisschicsse». Schauturnen und anderes statt, und am Abend wurde das Fest durch einen grossen Fackelzug beschlossen. Natürlich w׳arcn viele Gäste aus Jaffa und aus den benachbarten Kolonien zusammengeströmt. Der Kolonist Smeilanskv eröfioete die Feiec mit einer schönen hebräischen Rede, und Dr. M 0 s s i n s 0 h n vom hebräischen Gymnasium fn Jaffa hielt die ebenfalls hebräische Schlussrede. Von den '•Schützen hat ein junger Kolonist aus Rechoboth den ersten Preis gewonnen, von den Turnern Herr Orlow, der 1 Turnlehrer am hebräischen Gymnasium. Dieses Fest, das das erste seiner Art in Palästina war, erweckte bei allen Teilnehmen! grosse Begeisterung, und es ist zu hoffen, dass mit der weiteren Entwicklung der Kolonien und dem Wachstum der jüdischen Bevölkerung überhaupt auch die Neigung zu gemeinsamen Festen steigen wird, die das Zusammengehörigkeitsgefiihl und die Hcimatsliebe wie kein anderes Mittel fördern. Pethach-Tikwah: ~ ‘ Verflossene Woche kan! hier das Land ״P a d g a". das in der Nähe unserer Kolonie gelegen ist, zur Verlosung. Es war seinerzeit vorn Odessacr Komitee an eine Vereinigung von 30 Mitgliedern gegen Ratenzahlung übertragen worden unter der Bedingung, dass es ihr gemeinschaftlicher Besitz bleiben soll. Nach Ablauf einer bestimmten Frist durfte es aber unter sie verteil{ werden. Auch die Gesellschaft M c n u c h a h - W e n a c 111 a h entwickelt eine rege Tätigkeit. Das Interesse der Mitglieder an der Arbeit und den Erfolgen der Gesellschaft ist gestiegen. Die meistens itn Auslande wohnenden Teilhaber betrachten das Unternehmen nicht mehr als ein philanthropisches, sondern sehen darin ein rein geschäftliches Unternehmen, von dem sie noch einmal grosse Erträge erwarten. Ein Teil der Hoffnungen hat sich bereits verwirklicht. Zurzeit weilt ein Vertreter der Gesellschaft aus Warschau hier um verschiedene nötige Einrichtungcn und Verbesserungen zu treffen. Aus Galiläa wird uns berichtet: Der Wäli (Oberpräsident und Generalgouvcrneur) von Beirut besuchte neuerdings die hiesige Gegend und beehrte auch die jüdischen Kolonien Mtt1 4.׳a und RGsch-Pinäh mit seinem Besuch. Er war von der Aufnahme, die ihm zuteil wurde, sehr erbaut und drückte seine höchste Zufriedenheit über das. was er hier gesehen hatte, aus. Bemerkenswert war seine Äusserung, dass er die Einführung der französischen Sprache in den Dorfschulen iiir durchaus falsch halte. Die Juden auf dem Lande kämen sehr gut mit ihrer Mutterspräche. Hebräisch, und der Landessprache. Arabisch, aus. Die Kenntnis des Französisehen erleichtere nur die Auswanderung, w as doch nicht w ü nscI! cns w*cr t sei. Übrigens ist die Auswanderung in der letzten Zeit erlieblich zurfickgegangen. Viele der Ausgewanderten kehren jetzt aus Amerika und Australien zurück und wenden sich mit doppelter Energie wieder der Lamhvirtsehait zu. Jerusalem, 21. April. In der Nacht vom 22. zürn 23. April brach in der Jaiiastrasse in einem Kaffee in der Nähe des Jafiatores durch Umfallen einer Petroleumlampe ein Feuer aus. das ungefähr sechs Häuser zerstörte. Unter diesen befand sich auch die Crödit Lyonnais Banquc. die aber nur eine Einbusse ihres Archivs erlitt, Geld und Wertpapiere wurden nicht vernichtct. Dagegen wurde das türkische Postgebäude, in dem sich das Telegraplicnamt befand, ganz zerstört. Da man hier fast immer Steine zum Bauen benutzt, fühlt man sich '•or Feuersgefahr bewahrt 1>nd denkt nicht daran, sich zu versichern. Auch fehlt es an Feucrlöschgcratcn .und dass hier kein Überfluss an Wasser ist. weiss man zur Genüge. Zw ischen den Trümmern liegen Haufen halb verkohlter ausgctiillter und iiiiatisgcfiilltcr Depeschenformulare. die von den Passanten aufgehoben werden. Dabei verschwindet wohl 110.-I1 verschicdencs andere, denn nichts ist abgesperrt, und keiner ist da, um fremdes Eigentum zu wahren. Die Teiegraplici.lcitung ist natürlich ganz zerstört. Der Besitzer des Kaffees ist mit einer ganzen Familie verhaftet worden. WELT. י" Allerlei Vom jüdischen Kalender Mau besass bisher keine gnauc Kenntnis davon, in welcher Weise die Juden ihren Kalender vor dessen Reform im •!. Jahrhundert n. Chr. regelte;!. Die Entdeckung einer Anzahl von aiainüisehcn Papyri in Szene, die von Professor Saycc und Mr. Cowley übersetzt wurden, gestatten einen Einblick in den jüdischen Kalender. SC10 Jahre vor seiner Reform. Es bcfinden sich unter den Papieren Kontrakte, •die beide Daten, das cgyptische und das jüdische, tragen. Aus den Daten glaubt Herr Knobel, wie er in einem Vortrage vor der königlichen astronomischen Gesellschaft in London auseinandersetzte, das Prinzip des jüdischen Kalenders feststellen zu können. Den Schlüssel zur Lösung dieser Frage lieferte der günstige U!nstand, dass zwei der jüdischen Daten genau um dreissig Tage auseiiianderiagen. Her/ Knobel stellt fest, dass der alte jüdisehe Kalender, wie der heutige, ein Hunarkalender war. das heisst, mit Monaten^von Neumond zu Neumond rechnet. Um das Mondjahr dem Sonnenjahr anzupassen. w׳urdc gelegentlich