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Jüdische Rundschau · 1908-05-15 · Heft 20 (15.5.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 174 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 20 die anderen Gemeinden zu beachten ist, dass die Chaluka I kopfweise, ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter, verteilt wird, weshalb ein reicher.,Kindersegen auch eine einträgliche Unterstützung bedeutet, in Safed, dessen Bevölkerung infolge der lokalen Abgelegenheit noch viel mehr von dem Strom der Zivilisation unberührt geblieben ist und in materiellem und geistigem Elende lebt, empfangen unter deti 6800 Aschkcriazim nur 4,1 kleine Chaluka"). Während hier die österreichischungarische Chalukakasse eine reichliche Unterstützung gewährt, fällt die der russischen und rumänischen Kolclim meist nur spärlich aus; oder, wie mir 1905 in Safed ein rumänischer Jude erklärte, ״Deutschland (Oesterreich?) zahlt gut“, so dass ein dort ansässiges Ehepaar monatlich 60—70 Mk. Unter- Stützung erhält, während er selber samt Krau und Kind nur 5 Mk. Monatsrente von seinem Komitee erhielt und sich daher auf einen Nebenerwerb — den Handel mit Braunschweiger Lotterieloseu! — angewiesen sah. Zutreffender erscheint mir die in Jerusalem von sachkundiger jüdischer Seite gewordene Mitteilung, dass einige der hier ansässigen 30 50 deutschjüdischen Familien dank ihrer Kopfzahl eine Jahresunter- Stützung von 20 Napoleons beziehen. An Summen, welche auf diese Weise ins Land!Hessen, nennt Frank! (1858, a. a. 0. S. 46, 51) für die Seiardim 1 OSO Don Piaster ( - 194 400 Mk.), darunter 80 000 Piaster von Amsterdam; für die Aschkenazim insgesamt 818 600 Piaster (— 147 240 Mk.). Der Bericht der Allgemeinen Israelitischen Allianz über die ersten 25 Jahre (1.860 -85) redet von nahezu zwei Millionen Franken (= löuünoo Mk.), die jährlich nach Jerusalem iliessen"). Die neueste Aufstellung von Davis Trictsch,:) verzeichnet an Jahresciimahmen für die aschkenazischen Kolelim 2 381 000 Fr. (= 1 904 800 Mk.). für die Sefardim 126 000 Fr. (= 100 S00 Mk.). Derselbe hat an anderem Orte (DIE WELT, 1906, No. 26) berechnet, dass bei einem Durchschnittsminimutn von 10 Fr. iiir die wöchentliche Lebenshaltung einer Familie von fünf Köpfen oder dementsprechend von ca. 100 Fr. pro Kopi und Jahr — tatsächlich sollen die Juden Saidas z. B. meistenteils nur einen Wochen- •verdienst von 4—5 Fr. pro Familie haben! — die aschkenazisehe Chaluka Jerusalems allein 20 000 Seelen direkt erhalten könnte. Die Gesamtsumme der Chaluka beträgt für Jerusalem demnach 2507000 Fr. oder 2 005 600 Mk.. während sich die Jahreseinnahmen der Jerusalemer Anstalten (Hospitäler, Schulen, Jeschiboth usw.) nur auf 144S 000 Fr. 1 158 400 Mk. belaufen. Für Safed und Tibcrias gehen ausserdem insgesamt noch weitere 1 Million ־anken (= S00 000 Mk.) ein, so dass sich die jährlichen Gesamteinnahmen für das heilige Land heute auf 4 955 000 Fr. oder rund 4 Millionen Mark stellen. Eine Uebersicht über die einzelnen Kolclim, ihre zahlenmässige Entwicklung und ihre Jahreseinnahmen bringt die beifolgende Tabelle. Die Verteilung dieser Gelder liegt in den Händen der Jerusalemer Gemeindevorsteher, d. h. der Rabbiner. Sie ist, da das jüdische Proletariat in seiner materiellen Existenz von der Chaluka abhängig, oder mit abhängig ist, ein schwerwiegendes Mittel, um die Massen gefügig zu erhalten, und eine gefährliche Waffe gegen den, der für sich oder seine Kinder fortschrittlichen Tendenzen huldigt. Denn die Rabhincn sind d״as Bildungsfciudliche. allem Kulturfortschritt abholde Element, das in dem Weltwissen eine Gefahr iiir den religiösen Bestand nicht minder als häufig auch für die eigene NVachtsplvärc wittert“). Erst allerneuestens scheint sich, wem» die Zeichen “) Nach einem Sonderbcricht aus Safed an den ״Hilisverein der deutschen Juden“, vgl. den Jahresbericht 1906, S. 71. “) Nach Lic. G. Marx (Dalman). Beiblatt zu ״Saat auf Hoffnung“ 18S6, S. 11. *') D. Trietsch. Palästina-Handbuch I. 1907, S. 164 f. **) Vgl. Eberhard. Etwas vom jüdischen Schulwesen, in MuN DPV 1905. S. 73. nicht trügen, in dieser Jerusalemer Orthodoxie ein Umschwung anzubahnen; davon am Ende. \bcr diese unwürdige, fast sklavische Abhängigkeit von den Rabbineit ist nicht die einzige Folge des waldlos gchandhabten Almosensystems; das System unterbindet vielmehr, ähnlich wie die Zahlungen der Mictzinsentschädigungcn und der Kopfsteuern für die Jerusalemer Oenicindeglicdcr seitens der orthodoxen Kirche, den Geist der Selbsthilfe und verleitet zur Trägheit. Wenn die Chaluka grosszügig zur Besserung der gewerblichen oder sanitären Verhältnisse im Lande, zur Kapitalisierung in Grundstücken oder Industriebetrieben verwendet würde, dann könnten die 2 Millionen Mark, die heute jährlich als Almosen in Jerusalem zusammenfliessen. wohl dem Elend des Einwanderungsstrou׳e.s steuern und ein Faktor zur sozialen Gesundung und wirtschaftlichen Verselbständigung werden. Tatsächlich aber verkehren sie die Losung: ..Arbeit, nicht AImosen“, die allein einen wirtschaftlichen und sittlichen Fortschritt verbürgt, in ihr Gegenteil und werden schuld daran, dass der. Bevölkerung die Fähigkeit und Fitst, durch Arbeit für den eigenen Unterhalt zu sorgen, immer mehr abhanden kommt. Ein Beispiel für die Demoralisierung und den Tiefstand der öffentlichen Meinung: Triiit der Direktor der modernen deutsch-jüdischen Lämelschtile eines Tages einen Juden jungen auf der Strasse hcrumluugern und fragt ihn. ob er nicht lieber zur Schule kommeil und etwas Rechtschaffenes lernen wolle. Wie lautete die Antwort? ״Wozu soll ich lernen, wozu soll ich arbeiten; bekomme ich doch Chaluka!־* Und der Vater stellt schmunzelnd hinter seinem hoffnungsvollen Sprössling und freut sich über dessen gesunden Menschenverstand. Kein Wunder, dass einsichtige Juden innerhalb und ausserhalb des heiligen Landes das ״Gnadenbrot der Chaluka“ nicht als ״das Süsseste dieser Welt“ (Lutte/.), sondern als ein Mittel der Korruption und als einen Fluch für ihre Volksge- ן nosseti anschen! ״Die materiellen Chalukaiutcresscn vergiften die Atmosphäre Jerusalems.“ ״Die Chaluka hat eine Bevölkerung im heiligen Lande erzogen, die man nicht addieren, sondern subtrahieren muss, wenn man den Einfluss und die Aussichten der Juden in Palästina abwägen w ill" (H. Loewe). I ״Wie eine Schmach lastet dieses Schnorrertum auf der ganzen Judenhcit“ (Mozkin). Eine ״fahrlässige Wohltätigkeit־• nennt Friedmann die Chaluka tun ihrer verderblichen Folgen willen, und Zangwill schilt sie eine ״unscrupulous charity“. Sie alle und viele andere haben ihre Stimme gegen die herrschende Chalukawirtschaft erhoben. Und dass der Ruf, wenigstens innerhalb des Amsterdamer Bezirks, nicht ungehört verhallt ist, beweist die im September 191)6 auf Einladung der Amsterdamer ״Pekidim und Amarkalim" in Frankfurt a. M. abgchalteue Palästinakonferenz der orthodoxen Judenhcit. Sie sollte die Organisation der Amsterdamer Chaluka, die zuletzt 1896 geregelt war. einer erneuten Prüfung unterziehen und vor allem untersuchen, welche wirtschaftlichen und religiösen Erfolge die Chaluka im heiligen Lande aiif/.uweisen hat, und was eventuell geschehen kann, um die ihr zugrunde liegenden Absichten immer vollkommener, unter Ausschluss jeden Missbrauchs. zu verwirklichen. Demzufolge befasste sieb das Haiiptrefcrat mit den ״zukünftigen Aufgaben der Chaluka und den Mitteln zu ihrer Lösung". Es schied zwischen dem für die deutsch-holländische Gemeinde und dem für die übrigen Gemeinden brätichVicbeu Verteilungsmodus. Für die 200״ Seelen“ (? vgl. die Tabelle) jener Gemeinde kann auf Grund der Zensur listen von den Pekiditn selber der Anteil jeder einzelnen Familie genau bestimmt und der nicht mehr Unterstützungsbedürftige ausgeschieden werden. Das Prinzip ist richtig, kann aber noch Schürfer durchgeführt werden. Anders steht es mit der ״Versorgung" des ״Restes“ der Bevölkerung. Die Verhältnisse dieser Gemeinden mit ihren.000 10—30״ Seelen“ lassen sich für das Amsterdamer

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