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Jüdische Rundschau · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 19 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 16ד von dcf Religion ihrer Väter abficlen- und die dann hilflos im Strudel der Gressstadt untergingen. Die Juden arbeiten sehr hart, zum grössten Teil zunächst als Heimarbeiter unter den abscheulichsten Bedingungen in hygienischer Beziehung. Derselbe Raum ist Arbeits-, Schlaf- und Wohnzimmer nebst Küche. In dem tagsüber gearbeitet und des Nachts geschlafen wird, oft werden noch Schlafburschen und Mädchen hinzugenommen, wobei eine Trennung der Geschlechter kaum möglieh ist. Diese Juden leiden sehr viel au Schwindsucht und sind auch infolge ihrer geringen Reinlichkeit allen möglichen Augenkrankheiten ausgesetzt, besonders Trachoma; durch die schlechte Beleuchtung ihrer Arbeitsräume nimmt nach und nach die Sehschärfe der Augen ab. Ihre Bezahlung durch die ebenfalls jüdischen Zwischenmeister, die wiederum ihrerseits für die jüdischen Grossgeschäfte arbeiten, ist unglaublich niedrig für amerikanische Verhältnisse; 16 Mk. die Woche für Anfänger, aber bei ihrer grossen Anspruchslosigkeit kommen sic doch vorwärts und bald machen sic dann ihrerseits ein Geschäft auf. Die meisten unter ihnen gehen nach der Arbeit entweder noch in die Abendschule ihres Bezirks, die jeden aufnimmt, ohne alle Rücksicht aut Alter, Vorbildung und Geschlecht, oder in eine von privater Seite veranstaltete Hinrichtung ähnlicher Art. um englisch lesen, schreiben und sprechen zu lernen. Mit grosser Tatkraft versuchen sie alles das sich anzneignen, was ihr Hortkommen im fremden Lande erleichtert. Meine brau hatte in ihrer Abendklassc zwei Jüdinnen, die ein Jahr im Lande gewesen waren, die jüngere arbeitete als Putzmacherin, die andere war Vorarbeiterin in einem bchiieidcrgesciK'iit. Die jüngere war die ehrgeizigere, und Sie cröfinetc einen Putzmacherladen int Ghetto, der bald recht gut ging; sie erlaubte aber ihrer Schwester nicht, zu Hause für sie zu arbeiten, obwohl ihr Augenlicht allmählich ahuahnt, w eil sie in der Stadt 37 Mk. wöchentlich verdiente. Beide Mädchen strengten sieh ungeheuer an. denn sie wollten eine bejahrte Mutter so bald als möglich aus Kowno kommen lassen. Unter den Juden finden sich eine Menge gebildeter Leute, welche durch die Verhältnisse gezwungen wurden, das ungastliche Russland zu verlassen. In der Heimarbeit als Schneider. Bügler oder Zigarettenniucher fangen sic an. hesuchen abends die Volksschule, sodann die Hochschule, um schliesslich in Univcrsitätskurscu zum '1‘eil auch des Nachts ihre Bildung zu vollenden. In unserem Settlement lebte eine Dame, welche diesen Entwicklungsgang genommen hatte und Acrztin war. Sie war stets bereit, besonders den Heimarbeitcrinuen zu helfen. Das Ghetto sieht int Lauf der Jahre seine Bewohner allmählich von Osten nach Westen ziehen, denn die westlichen Quartiere sind besser, die alten verlassenett Wolmugcn werden mit Neuankommenden gefüllt. Die jiidisehen, sehr gut organisierten \Vnh!tütigkcitsver׳>jne haben genügende Mittel, um jeden einzelnen Bewohner dieses Virtcls in einer anderen Stadtgegend unter viel günstigeren Bedingungen anzusiedeln, aber die Juden wollen mit ihren Volksgcttossett zusammenblciben. Hat der Zug nach Westen eine bestimmte Strasse erreicht, so schw enken die jetzt w ohlhabenden nach Süden oder Norden herum, sie sind dann schon völlig amerikanisiert, haben ihren Dialekt vergessen, wohl auch den Namen gewechselt. Von der so weit gepriesenen Toleranz können die Juden nicht mir an den Grenzen des Ghettos ein trauriges Lied singen, denn sie leiden viel unter Verfolgungen durch die irische Jugend, die Shccttvs nicht leiden kann, die Juden ihrerseits machen das Leben den Jesuiten, deren Haupt- Kirche sich im Ghetto befindet, schwer. Wir batten manchmal sechs Polizisten nötig, um die Balgereien zwischen den Kindern der Juden und Christen zu verhindern. Aber auch die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten kommt langsau! in eine immer w c n i g e r j u d e 11 i r c 11!1 d I i c 11 e Stimmung hinein, wohl zum Teil dadurch veranlasst, dass gerade russische Juden die Hauptrufer der Sozialisten sind. tEÜ Sprechsaal EEP Mr MUtellufigeh m dieser Stelle Obernimmt die Redaktion nur die pressgesetzliche Verantwortlichkeit. — . - -^ __ - •_ __ — Professor Fellbogen. Die Tagespresse brachte die Nachricht, dass am Ostersouutag bei der feierlichen Ausspcndung der heiligen Kommunion durch den Papst in der Sixtinischen Kapelle zu Rom ein Sakrileg vorgekommen ist. und zwar durch einen Juden. Hs waren dies ein Professor Heilbogen, dessen Namensursprung in das Ghetto weist, in dem noch heutzutage die Kinder am Lag bcojucr mit ״Heil und Böigen״ spielen, seine Hrau und Schwägerin. Diesem Herrn Professor nun nebst Anhang hatte es gefallen, anstatt an unseren! Pessach in die Synagoge zu gelten und unser erhebendes Hest der Befreiung aus der Sklaverei zu feiern, lieber einen Osterausflug nach Rom zu machen und sich zum feierlichsten Akte in die heiligste katholisehe Kirche unerwünscht cinzudrängen. um ihren recht zweifelhaften religiösen Gefühlen Befriedigung zu verschaffen. Sicher waren es keine religiösen Bedenken, als sie die Hostien ins Taschentuch spuckten. Religiöse Juden sind cs nicht, die die christlichen Kirchen mit ihren ungebetenen Besuchen belästigen und sich daselbst in aufdringlicher Weise breit machen, denn solche gehen überhaupt in keine Kirche, da sic dort nichts zu suchen haben. Nach der Schilderung des päpstlichen Blattes OSSHRVATORE ROMANO ist das bedauerliche Vorkouutmis in der Sixtinischen Kapelle nur krankhafter Neugierde entsprungen, die leider in unseren sogenannten ״besseren“ Kreisen herrscht, die da glauben, überall dabei sein zu müssen, und unglücklichen Zufällen zuzuschreiben, aber nicht irgend welcher böswilligen Absicht. Und diese Darstellung ist doch sicher einwandfrei. Für jeden, aber nicht für die besessenen Köpfe der Wiener Antisemiten. Diese richten sich uärliclt nur so weit nach dem Papst und dessen Verordnungen, als es ihnen in den Kram passt, anderseits sich aber den Teufel um bebördlichc Massnahmen desselben scheren, die nicht nach ihrem Geschmack sind. Wie cs aus ihrer Stellung zum Wiener Nuntius und zur Darstellung des OSSHRVATORE ROMANO zu ersehen ist. Und welche unwürdige Beachtung gemessen bei ihnen die päpstlichen Bullen gegen den Rittiahuord! Sie werden doch nicht erlügen wollen, dass auch die päpstlichen Heiligkeiten durch jüdisches Geld bestochen werden. Es wäre mm zwar überflüssig, zu sagen, dass jeder auständige Mensch ein derartiges Vergehen, das die religiösen Gefühle Andersgläubiger verletzt, ganz und gar verurteilt. Nach dem Ausspruch unseres grossen Weisen Hiüel, der .du sagte: ״Was du nicht willst, das mau dir tu. das tu aucJ! keinem andern.“ Es hätte da nicht erst der feierlichen Proteste des Obcrrabbiuers Dr. (ludemann und der üsterr. Israelitischen Union bedurft, um dies kund zu tun. Dass mau es aber den Judenfeinden mit derartigen Protesten nie recht machen kann, sollte eigentlich die jahrelange Tätigkeit des ״Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“ und die Kritik der Wiener Antisemiten und klerikalen Presse zur Genüge zeigen, die den Protestierenden sogar Heuchelei, geheime Genugtuung und Verhöhnung vorwerfen. Hinwiederum, hätten sie nicht protestiert so hiesse es, das ist die stillschweigende Zustimmung aller Juden zum Sakrileg. An Ausreden und raffinierten Unterschiebungen sind ia diese Kreise sehr geschickt Diese gehen so weit, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Aktion zur Beireiung des ungerecht verurteilten Hilsner. der Wahrmund- Affäre und diesem bedauerlichen Vorfall zu konstruieren. Denn ungerecht verurteilt ist Hilsner trotz Polen, weil, wenn man die Akten dieses fabrizierten Prozesses studiert, sehen kann, welche unwürdige Rolle Präsident. Staatsanwalt und Geschworene gespielt haben, indem sic nicht als unparteiische Beobachter seine Schuldigkeit beurteilten, sondern, durch eine niederträchtige Hetze beeinflusst, von vornhinein seine Verurteiler waren. Was uns Juden aber besonders an dieser Sache interessiert, ist. dass der ehrenhafte Professor ״Heil und Boigen“ zur Sühne seine Vergehen mit Taufwasscr ahwaschen und zum Katholizismus, zu dem er grosse Sympathie schon von früher hege, übertreten will. Ob die katholische Welt damit einverstanden ist. bleibt ihre eigene Sache. Tatsache ist aber, dass ehrliche katholische Kreise sich gegen einen solchen unerbeteneu Zuwachs ganz entschieden wenden. Uns Juden ist ja an solchen Leuten nichts gelegen. Diese sind ja schon längst innerlich uud änsserlich dem Judentum entfremdet, mögen sie also auch formell hiuwcggcheu. Sie sind der Pfahl in unserem Fleische» die uns nichts niitzen. sondern uns nur bei Andersgläubigen blossstclieu und schaden, diese mögen uns auch nicht länger mit ihrer unwillkommenen Anwesenheit belästigen. Dieses ערב רב das mit unserer erhabenen Religion rein nichts mehr Gemeinsames hat. das unser Volk sogar in Zeiten der Bedrängnis verlässt uud verrät und zum übermächtigen Unterdrücker übergeht, um uns auch noch ihrerseits zu verhöhnen, ist nicht bloss uns widerwärtig. Aber bezeichnend ist es für diese Leute, die in den langen Jahren, bis sie zur Taufe flügge geworden sind. Hreimaurer. Atheisten, luternationalisten. Kosmopoliten. Allerweltshegliieker liberaler und sozialistischer Eärbung und nur recht sehr ungläubige Juden waren, beim Religionswechscl sehr gläubige Christen werden. Ereilich. bequemer und ungefährlicher ist cs. mit der Masse zu gehen, als au der Seite der jüdischen Minorität alle Unbill zu ertragen. Nur wer stark uud mutig, bleibt bei der Hahne, wer aber feige und morsch an Charakter, Willen

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