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Jüdische Rundschau · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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I No. 19 \ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 166 Vorteile. Die Leiter des Gymnasiums sind aber mit Recht der Ansicht, dass es nicht ratsam sei. das Gymnasium in eine der Kolonien zu verlegen. Unsere jüdischen Kolonisten sind ohnehin zu wenig agrarisch, und cs könnte nur von Schaden sein, wenn die Söhne der Kolonisten womöglich durch den Gymnasialbesuch wieder der Scholle entfremdet würden. Die Kolonien anderseits aber versprechen sich begreiflicherweise vielerlei Vorteile von dem Gymnasium und machen deshalb alle nur erdenkbaren Anstrengungen, um die Verlegung des Gymnasiums durchzusetzen. So haben die Kolonisten von Pcthach- Tikwah sogar den Versuch gemacht, die Generalversammlung der Mitglieder des Gvmnasialvcreins. die demnächst stattfinden soll, zu überrumpeln. Vierzig Kolonisten von Pethach-Tikwah Hessen sich nämlich plötzlich als Mitglieder des Gymnasial- Vereins einschreiben und zahlten jeder den Beitrag von 250 Frcs.. um so vielleicht eine künstliche Majorität zu erlangen. Es ist aber, gerade im wohlverstandenen Interesse der Kolonien selbst, zu erhoffen, dass dieser Versuch ohne Erfolg bleibt, denn es ist durchaus wünsehenswert, dass das Gymnasium in einer Stadt wie Jaffa bleibt, wo sich eventuell später andere höhere Lehranstalten anschlicsscn können, als dass es in eine Kolonie verlegt wird, die dadurch mit der Zeit einen halb städtischen Charakter bckommen könnte. Die jüdische Kolonie Chudeira Ucbcr die F.ntwicklung der im Jahre 1S91 begründeten jüdischen Kolonie el-Chudeira wird uns aus Palästina geschrieben: In C 11 u d e i r a wohnen zur Zeit 32 Kolonisten-Familien und vier fremde Familien. Auf einer Fläche von 30 000 Duttatn (ca. 3000 ha) leben insgesamt jetzt etwa 750 Einwohner. Die Kolonisten haben ihre von Anfang an nicht sehr günstige Position nach Möglichkeit zu heben gesucht. Die Getreideernte des vorigen Jahres erreichte einen Wert von ca. 200000 Frcs. Manche Kolonisten haben aus ihrem Wirtschaftsbetriebe im vorigen Jahre bis zu 10 000 Frcs. erworben. Der Regierungszehnte der ganzen Kolonie beläuft sich gegenwärtig auf 23000 Frcs. Jeder Kolonist bearbeitet durchschnittiich 300 Dunam. Im grossen Ganzen betreibt die Kolonie eine sehr rationelle Wirtschaft, und die Kolonisten haben es verstanden, sich die neuesten Ergebnisse der Technik nutzbar zu machen. So wurden z. B. allein im vorigen Jahre 15000 Frcs. zur Anschaffung neuer Geräte und Maschinen verausgabt. Vielfach haben die Kolonisten auch eigene Initiative In der Erfindung neuer Hilisgerätc bewiesen, die den h c i m i - sehen Bedingungen des Landbaues angepasst sind. So hat einer der Kolonisten kürzlich neue Pläne für eine Anzahl von Ackerbau-Geräten entworfen, die von einer europäischen Fabrik angefertigt werden. Der Boden von Chudeira ist vielfach sehr ergiebig. Besonders zeichnet sich derjenige Teil des Bodens aus. der hier ..Chamra“ (rote Erde) genannt wird und bisweilen überraschende Ernteresultate ergibt. Die Kolonisten züchten viel Geflügel und Vieh in ihrer Wirtschaft. Ueberhaupt gcwährt* die Kolonie den Eindruck eines reichen Dorf- I e b c n s. Allerdings gibt es auch eine Anzahl Kolonisten, die ein ärmliches und gedrücktes Dasein führen. Die Ursache dürfte meistenteils in persönlicher Ungceignctheit zu suchen sein. Es sind dies meist Arbeiter, die zu selbständigen Kolonisten geworden sind, ohne die hierfür notwendigen V 0 r b e - dingungen an Ausbildung und Vermögen zu besitzen. So haben natürlich die wohlhabenderen Kolonisten den besseren Boden und die besseren Hilfsmittel zur Verfügung, welche letzteren hier besonders wichtig sind. Zum grösseren Teile ist der Boden infolge seiner sumpfigen Beschaffenheit einstweilen zum Anbau noch nicht geeignet. Man hat vielfach versucht, durch Eukalyptus-Anpflanzungen den Boden auszutrocknen, was aber mit grossen, meist unerschwinglichen Kosten verknüpft ist. Bis jetzt sind im ganzen 400 000 Ekaiyptusbäume in Chudeira angepflanzt. Infolge der grossen Sümpfe herrschen auch in der Kolonie eine Reihe von Krankheiten. denen oft auch junge, lebenskräftige Kolonisten erliegen. Es ist vorgekommen, dass eine ganze Familie in einigen Tagen ausgestorben ist. An medizinischer Hille bcsitzt die Kolonie nur einen Feldscher: von Zeit zu Zeit besucht Dr. Joffd. der Arzt von Sichron-Jaakob. auch die Kolonie Chudeira. Es gibt auch verschiedene Landbesitzer, die anderswo ihren ständigen Wohnsitz haben und ihr Land in Chudeira verpachten. Die Kolonie besitzt auch eine kleine Volksschule, an der ein Lehrer und eine Hilfslehrcrin gegenwärtig 32 Schüler unterrichten. Für die Fortgeschritteneren ist indessen in dieser Schule kein Platz. Es wäre an der Zeit, durch Aufwendung grösserer Hilfsmittel den misslichen Zuständen dieser aussichtsvollen Kolonie erfolgreich u cntgegenzuarbeitcii. Unter besseren Bedingungen könnte gerade die Kolonie Chudeira sich zu einer Musterk o 1 o 11 i e entwickeln. Dampfer auf dem Toten Meere Im Anschluss an die von uns vor einigen Monaten gebrachte Meldung über das Projekt eines Dampfer-Verkehrs auf dem Toten Meere wird uns jetzt aus Jaffa von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Ein Jude und ein arabischer Scheich haben ein Dampfschiff erworben, das jetzt tagtäglich den Verkehr zwischen der Ost- und der Westküste des Toten Meeres vermitteln wird. Das Schiff ist ca. 20 m lang und 5 m breit. Seine Ladung dürite vorerst hauptsächlich aus Getreide bestehen, doch wird sich bestimmt, da das Verkehrsmittel nun da ist, bald ein weiteier Personen- und Fraehtverkchr entwickeln. Nach der Absetzung des Kaimakäms Das energische, sofortige Einschreiten der obersten tiirkisehen Regicrimgsinstanz und die Bestrafung des Unruhestifters erweckte allgemeine Zufriedenheit. Besonders erfreulich ist die bei dieser Gelegenheit zutage getretene wohlwollende Gesinnung der angesehenen arabischen Biirgerklassc den Juden gegenüber. Einige arabische Kaufleutc überbrachten den Mitgliedern des jüdischen Komitees authentische Nachrichten \on arabischen Augenzeugen über die Purim-Unruhen, die das verbrecherische Vorgehen der Kaimakäms über jeden Zweifel erhoben. •Nach seiner Absetzung beglückwünschten sehr viele Araber die Juden zu ihrem Erfolge. Wie alteingesessene, mit der arabischen Bevölkerung in innigem Geschäftsvcrkeiir stellende Juden beteuern, bestehen seit jeher u'ie besten Beziehungen zwischen vielt arabischen und jüdischen Einwohnern. Auch die letztens vorgekommenen Zusammenstösse dürfen nicht voreilig als antijüdische Acusscrungen angesellen werden, da solche Raufereien auf der Strasse unter Arabern selbst alltägliche, kein weiteres Aufsehen erregende und nicht ernst zu nelimcnde Erscheinungen bilden. Die intelligente Klasse der Araber, die den ökonomischen Aufsehwung des Landes in den letzten Jahren zu beurteilen vermag. bekundet aufrichtig den Juden gegenüber, dass sie die jüdische Einwanderung der letzten Jahre als einen die Ent- Wicklung des Landes fördernden Faktor mit grosser Sympathie begrüssc. Herr Moser aus Bradford weilt jetzt, nachdem er Galiläa bereits besucht, in Judäa die zweite Woche. Mit besonderer Genugtuung wohnte er dem Unterricht im hebräischen Gymnasium in Jaffa bei. Hauptsächlich um die deutschen und jüdischen Kolonien zu studieren, hält sich gegenwärtig Herr Dr. Lothar Meyer, ein bekannter deutscher Landwirt, in Palästina auf. Die Resultate seines Studiums w ird er vermutlich veröffentlichen. Dr. Mcvcr ist Nichtjude: er ist der Herausgeber der LANDWIRT- SCHAFTLICHEN ILLUSTRIERTEN ZEITUNG. Dr. Ruppin ist bereits in Jaffa eingetroffen, und die Arbeiten zur endgültigen Errichtung des Palästinaamtes sind schon in Angriff genommen. Sozialhygienische Verhältnisse der Juden in Chicago Von einem Berliner Arzt wird uns geschrieben: In einem Vortrage über die sozialhygicnischea Verhältnisse von Chicago, den Dr. Victor von B o r o s i n i kürzlich in der Gesellschaft für soziale Medizin hielt, sprach sich dieser auch sehr eingehend über die dortigen Juden aus. Diese Ausführungen sind vielleicht wichtig genug. 11m hier atisiülirlieh wicdcrgegchcn zu werden: Für die orthodoxen Juden ist Chicago die Stadt der A b t r ii n n i g c n. Die eifrigsten unter ihnen legen gar bald den Kaftan ab und setmeiden sich die Löckchen, um den fortgesetzten Verspottungen der Kinder selbst der eigenen Rasse zu entgehen, die zweite Generation vernachlässigt dann auch die Vorschriften über die Waschungen und Gebete, beachtet die Speisegebote nicht mehr und verheiratet sieh wohl gar mit Christen. Die zweite Generation ist natürlich in die öffentlichen Schulen gegangen, obwohl au manchen Stellen des Ghettos sich auch das Glieder (die Talmudschule) noch gchalten hat. Von den tragischen Konflikten, die infolge des Aufeinanderstossens zweier Weltanschauungen sich ergeben, •merkt der Aussenstehendc nur dann etwas, wenn die Eltern oder die Kinder seine Hilfe zur Lösung des Konflikts in An- Spruch nehmen. Unter den Prostituierten Chicagos finden sieh viele Jüdinnen, denen das Elternhaus verschlossen wurde, als sie

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