Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651571--05606-2662640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 19 Seite 165 JÜDISCHE RUNDSCHAU Amnestie in Russland Airs Fete« s b u r g wird der NEUEN JÜDISCHEN KOR- RESPONPENZ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Das offizielle Organ der Oktobristen. der GOLOS MOSKWY, will aus zuverlässiger Ouellc erfahren haben, dass demnächst eine Amnestie für alle diejenigen politischen ״Verbrechcr" erlassen werden soll, gegen die das Gericht auf eine Freiheitsstrafe bis zu drei Monaten Gefängnis erkannt hat. Demnach würden also auch die Deputierten der ersten Duma, die bekanntlich wegen ihres W i b o r g e r Aufrufes vom Senat zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden sind, von der Amnestie betroffen werden. Verschiedcnc Anzeichen sprechen sogar dafür, dass mit der Amnestic in erster Linie die Befreiung der ehemaligen Dumadeputierten beabsichtigt wird. Gleichwohl bedarf diese Nachrieht natürlich noch sehr der offiziellen Bestätigung, denn eine solche Massnahme hätte ja nur dann einei! Sinn, wenn die Regierung beabsichtigte, überhaupt ihren politischen Kurs in fortschrittlichem Sinne zu ändern, und das scheint hier selbst den gewohnheitsnuissigen Optimisten wenig wahrscheinlich. Eine Deputation der ״echten Russen“ Aus Petersburg wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: In diesen Tagen ist hier aus Wilna eine Deputation der ..echten Russen“ cingctroffen. In erster Reihe will die Deputation eine Audienz beim Ministerpräsidenten Stolypin erwirken, um seine Zustimmung zu dem von der extremen Rechten in der Duma angebrachten Gesetzentwurf betreffs Entfernung der j ii d i s c h c n Soldaten aus dem russischen Heere zu erlangen. Sodann ist die Deputation beauftragt, den rechtsstehenden Dumatraktioucn eine Resolution zu überbringen, die im Wilnaer Zweigverein des ..Verbandes echtrussischer Leute" gefasst wurde, und in der die Erwartung ausgesprochen wird, dass bei Beratung des genannten Projektes die gesamte Rechte Zusammenhalten und mit aller Entschiedenheit dafür cintrcten werde. Die Ausweisungen werden fortgesetzt Die MOSKOWSKIJA WJEDOMOSTl haben unlängst Mitteilungen über die Ausweisung der Juden veröfientlicht und zugleich auf die Ungesetzlichkeit dieser Auswcisungen hingewiesen. So wurden auch ehemals nach Sibirien verbannte Juden und deren Kinder von dem Ausweisungsbefehl der örtlichen Behörde betroffen, während ihnen das Gesetz den Aufenthalt in Sibirien auch noch nach Ablauf der Verbannungszeit ausdrücklich gestattet. Weiterhin macht das Blatt auf ein Zirkular des Regierungsrates vom 22. Mai 1907 aufmerksam, welches den Behörden deutlich vorschreibt, diejenigen Juden ausserhalb des Ansiedlungsrayons ungestört wohnen zu lassen, die dort vor dem I. August 1906 bereits ansässig waren. Diese Auslassungen veranlassten nunmehr die Regierung zu einer authentischen Interpretation des erwähnten Rcgicrungs- Zirkulars. In dieser ..Interpretation" heisst es u. a.: Das Zirkular vom 22. Mai 1907 will nur die Ausweisung derjenigen Juden vermeiden, die entweder eine Familie haben oder aber eine Wirtschaft usw. an dem betreffenden Orte besitzen. Andererseits wird gerade von diesem Zirkular den Verwaltungsbehörden anbefohlcn, unter keinen Umständen Niederlassungen von Juden in solchen Orten zu dulden, für die sie kein Wohnrecht haben. Aus Sibirien werden alle diejenigen Juden ausgewiesen, für deren Aufenthalt daselbst keine gesetzliclie Unterjage sich aufweisen lasse. Die Auswcisungen müssen also fortgesetzt werden! Welche Massnahme gegen die Juden Hesse sich bei ..authentischer Interpretation" nicht aus den russischen Gcsetzen begründen?! Arbeitslosigkeit im Ansiedlunesrayon Aus W i 1 n a wird der NEUEN JÜDISCHEN KORRESPON- DENZ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Der Nordwesten Russlands ist von einer schweren wirtschädlichen Krisis heimgesucht worden, die viele jüdische Arbeiter völlig brotlos machte. Die schweren Folgen dieser Krisis lassen sich am besten an den Produktionsverhältnissen und der Lage des Handwerkerstandes in Wilna illustrieren. Wilna bildete noch kürzlich den Hauptpunkt für Gerberei. In diesem Fabrikationszweige waren zumeist Juden bcschädigt. Durch die Krisis wird die Produktion verkleinert die Arbeitcrzahl verringert und der Arbeitslohn bedeutend reduziert. Die mit kleineren Kapitalien arbeitenden Fabriken werden überhaupt erdrückt, sodass viele Fabrikanten sich mit dem Gedanken tragen, die Produktion vorläufig vollständig einzustellen. Die meisten Gerbereien arbeiten bloss drei Tage in der Woche, und die geübtesten Arbeiter erhalten statt wie bisher 10. nur noch 5 Rubel per Woche. Aehnlich ist die Lage im Schneiderberufe, in dem ungefähr 2000 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt waren. Der Durchschnittslohn beträgt gegenwärtig für münn-* liehe Arbeiter .ציר. für weibliche 2 Rubel in der Woche. Von den 700 Mitgliedern des Wilnaer Schneiderverbandes sind mehr als 30 Prozent bereits arbeitslos. Nicht besser sind die Verhältnisse in der Metallproduktion, in der ebenfalls 2000 Arbeiter beschäftigt waren. Auch hier sind die Arbcitsgelegenheiten bedeutend zurückgegangen und der Lohn ist um mehr als die Hälfte gesunken. Am traurigsten ist es mit den Arbeitern in der Baubranche bestellt. Hier waren mehr als 3000 Arbeiter beschäftigt, von denen die meisten jetzt bcschäftigungslos umherirren. Wer es noch irgendwie vermag, wandert aus. während die Zurückgebliebenen immer mehr dem Elend verfallen. Wie lange sich diese Krisis hinziehen wird, vermag niemand voraus zu sagen. Eine einsichtsvolle soziale Hilfstätigkeit könnte notlindcrnd eingreifen und soll den grösseren jüdischen Organisationen angelegentliehst empfohlen werden. . Hebräisches Gymnasium in JafF Aus Jaffa wird uns von unserem dortigen Korrcspondcnteil geschrieben: Hier fand vor einigen Tagen eine Sitzung des pädagogisehen Rates des hebräischen Gvninasiums statt, an der auch Herr Friedensrichter Moser aus Bradford (England) tcilnahm. Herr Moser bestätigte seine auf dem achten Zionisten-Kougress im Haag gemachte Zusage einer Stiftung von SO 000 Francs für das hebräische Gymnasium, und man beschloss, sofort mit den Vorbereitungen zum Bau des Gymnasiums zu beginnen, das den Namen Theodor Herzls führen wird. Bis zur Vollendung des neuen Gebäudes übernimmt Herr Moser auch die Zahlung der Miete für die bis jetzt innegehabten Räume. Zu einer grösseren Diskussion gab in dieser Sitzung die Frage der religiösen Richtung des Gymnasiums Anlass. Bckanntlich sind von gewisser Seite Gerüchte in Umlauf gesetzt worden, das Gymnasium erziehe seine Schüler zu Atheisten und vernachlässige überhaupt vollständig die religiösen Traditionen des Judentums. Obwohl alle diese Gerüchte längst als unbegründet erwiesen sind, hatte man aus orthodoxen Kreisen von Herrn Moser verlangt, er müsse seinen Einfluss geltend machen, um den streng traditionellen Geist im Gymnasium durchztisetzen. Herr Moser äusserte bescheiden, er sei sehr wenig kompetent, über Fragen der Tradition in ausschlaggebendem Sinne zu entscheiden, und deshalb wolle er auch keine Zielpunkte aufstellen: aber e§ sei sein Wunsch, dass das Gymnasium derart geführt werde, dass die Mehrheit der palästinischen Juden zufrieden sein könne. Im übrigen meinte Herr Moser, er könne sich nur den Worten des jüdischen Schriftstellers Mordechai ben Hillel Hakohcn anschliesscn. der in seinem Namen und im Namen einiger Eltern der Schüler sagte, sie alle, die gewiss im traditionellen Judentum erzogen seien, fänden keine bessere Schule für die nationale und religiöse Erziehung ihrer Kinder als das hebräische Gymnasium in Jaffa. — Bei der Abschiedsfeier. die die Mitglieder des Gymnasiums Herrn Moser gaben, sprach dieser seine Genugtuung über das schöne Verhältnis aus. das zwischen Lehrern und Schülern des Gymnasiums herrsche, über die Munterkeit und Lebensfreude der Schüler, und gab der Hoffnung Ausdruck, dass er bald nach PapsF׳״’ zuriiekkehren könne, um an der Einweihung des neuen יח•-. naslums teilnehmcn zu können. Der Streit um das Gymnas um Aus Jaffa wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Nachdem nun der Bau des Gymnasiums beschlossene Sache ist. beginnt der Streit der verschiedenen Orte, namentlich der Kolonien, die das Gymnasium gern in ihre Mitte aufnehmen möchten. Die Kolonie Pethach-Tikwah. die grösste jüdische Kolonie Palästinas, die über 1700 Seelen zählt, bewirbt sich sehr eifrig um aas Gymnasium, auf das sie ein gewisses Recht zu haben glaubt, und verspricht, für den Fall, dass das Gymnasium nach Pethach-Tikwah verlegt würde, der Anstalt eine namhafte Subvention zu gewähren. Ausserdem will die Kolonie, ebenso wie Rischon-Ie-Zion es bereits versprochen hat. dem Gymnasium das Grundstück für das neue Gebäude schenken. Rischon-Ic-Zion verspricht der Anstalt sogar eine Wasserleitung und verschiedene ande!«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.