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Jüdische Rundschau · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 164 JOPISCHE RUNDSCHAU. No. 10 Synagoge öfters umgebaut, zuletzt im Jahre 1862. Im Innern findet sich ein altes, herrlich gearbeitetes Gitter aus Schmiedeeisen, davor das Wappen des vom Kaiser Josef II. im Jahre 1782 geadelten Joachim Edlen von Popper. Als Reliquie wird auch ein altes Gewand von dem Rabbiner Salomon Molch«) aufbewahrt. Molcho war als Maranne geboren, trat später wieder zum Judentum über, versuchte mit David Reubetti den König von Portugal, den Kaiser Karl V., Franz I. und den Papst zu veranlassen, mit den Juden zusammen Palästina zu erobern, utn endlich in Italien auf dem Scheiterhaufen zu sterben (1532). — Aus der Pinkasgasse. die bis 1817 auch Ueberfuhrgassc genannt wurde, weil sich hier an Stelle des jetzigen Kettensteges die Ueberfuhr befand, gclangt man am Kunstgewerbemuseum vorbei zu dem in einer ׳ Ecke der Ufergassc gelegenen israelitischen Bad ho f mit seiner schönen Kanzel und den schattigen Bäumen im Hofe — einem ehemaligen Wirtschaftshofe. Auch die Tage dieses ßadhofes sind gezahlt. In Kürze wird er niedcrgclcgt und zur Strassenerweitcrung verwendet werden. DerLembergerGememde־׳atunddieüuden Anlässlich der letzten Gemeinderatswahleu in Lemberg wurde unter den jüdischen Wi.hlerkreisen viel über eine merkwürdige Bestimmung der Gcmeinderatsstatuten gesprochen, die am besten beweist, welcher ungerechten Erniedrigung die jüdischen Bürger in Lemberg ausgesetzt sind. Auf einigen jüdischen Wühlerversammlungen wurde nämlich die htrdcrung erhoben, eine solche Zahl von indischen Gemeinderäten zu he- Ansprüchen, wie sie dem Verhältnisse der jüdischen Einwohner Lembergs und insbesondere ihrer Stimmcuanzahi entspricht. Die Juden bilden in Lemberg 31* Prozent der Gesamtbevölkerung und sogar mehr als *10 Prozent der Wahlberechtigten, während es traditionell heisst, dass sic für sich höchstens neunzehn von den hundert Gemeinderüten verlangen können. Auf einer Versammlung der jüdischen Kaufleutc beantwortete nun der bekannte Assimilantenführer Feldstein eine diesbeziigliehe Interpellation dahin, dass das Gemeinderatsstatut eine solche Vermehrung der jüdischen Gemeinderäte nicht zulässt, da es genau bestimmt, dass, wenn die Zahl der Juden im Lemberger Gemeinderat zwanzig übersteigen sollte, die Christliehen Gemeinderäte einen besonderen Rat bilden müssen, weleher alle christlichen Angelegenheiten der Stadt zu besorgen hätte. Feldstein, der selbst Gcmcinderat ist. gab zugleich zu, dass diese Bestimmung eigentlich nur den Zweck verfolge, den Juden die Möglichkeit zu rauben, für sich mehr als zwanzig Sitze im Gemeinderate zu beanspruchen. — Die antisemitisch-polnische Bürgerpartei, die sogenannte ״Strzelnica“, welche bislang die Majorität im Gemeinderate besass. droht sogar, dass sie. wenn die Juden schon zwanzig Gemeinderäte wählen würden, einen besonderen christlichen Rat bilden werde, und überlässt daher den jüdischen Wählern nur neunzehn Mandate. Nun ,wurden aber Stimmen laut dass es für die Juden von keiner Bedeutung sei, wenn die übrigen Gemeinderäte einen besonderen christlichen Rat schaffen sollten, der nur über die christlich-religiösen Angelegenheiten zu entscheiden hätte, da es schon jetzt eingeführt sei. dass Juden in christlichen Kirchensachen niemals das Wort ergreifen oder gar mitstimmen. Man wolle trotz dieser Bestimmung mehr als zwanzig jüdische Gemeinderäte wählen und diesbezügliche Unterhandlungen einleiten. Dem widersprach aber Feldstein, indem er davor warnte, die Polen zu ״provozieren•’, und trotzdem er das gute Recht anerkannte, riet er aber davon ab. von diesem Rechte doch einmal Gebrauch zu machen. Noch einmal sahen wir also klar, wie die Assimilantenführer das uns staatsgrundgcsctzlicli garantierte Recht mit den Füssen zu treten erlauben und die jüdischen Interessen schmählich schädigen, nur um sich die Gunst der polnischen Behörden und Parteien zu erschmeicheln. Ein ungarischer Justizminister Es ist kein Wunder, dass im Ungurluudc bei Behörden wie beim Volke die Meinung besteht, den Juden müsse man nur gehörig drohen, dann könne man von ihnen alles erhalten. Die schon oft genug in den Witzblättern verspottete W ü r d closigkeit der ungarischen Juden, die in ihrer Mehrzahl keinen höheren Ehrgeiz kennen, als einen schönen, echt magyarischen Namen zu erhalten, hat diese Ansicht aufkommen lassen und gibt ihr dauernd neue Berechtigung. Bis zu welcher Kühnheit man sich gelegentlich den Juden gegenüber versteigt, davon gab eine Szene Kenntnis, die sich am 29. April hier in dem Prozess ereignete, den der ehemalige ungarische Justizminister (I) Polonyi gegen den Abgeordneten L e n g y e l wegen Verleumdung anstrengte. Dieser Prozess scheint immer mehr ein Verhängnis für Herrn Polonyi zu werden, dem da Dinge nachgewiesen werden, die sich als Handlungen eines Justizminsters zumindest recht eigenartig von den Vorstellungen abheben, die man anderwärts von dem höchsten Justizbeanite» eines Landes zu haben pflegt. Der Abgeordnete Paul Sa ndor. der speziell zur Vernehmung von Wiesbaden, wo er sich zur Kur aufhält, hierhergekonunen.war. sagte unter Eid folgendes aus: Der damals noch im Amte befindliche Justizminstcr Polonyi habe eines Tages einen Vertrauensmann zu ihm entstandt, der von ihm int Hainen Polonvis forderte, er (Sattdor) solle dem Justizminister binnen 24 Stunden diejenigen Fälle rnitteilcn. die der (seither verstorhene) Bürgermeister Haimos gegen den Herrn Justiz* minister Polonyi, Vorbringen wollte. Sollte Sandor diese Auskunft verweigern, so würden der Justizminister — das liess er gleich mit bestellen! — und seine ganze Anhängerschaft in Ungarn eine noch nicht d a g c w c s c n c Judenverfolgung inszenieren! Trotzdem Herr Polonyi sich natürlich krampfhaft bemühte, diese sensationelle Aussage Sand 0 r s zu entkriifteil, gelang es ihm nicht, die Glaubwürdigkeit des Abgeordneten, der diese Acusstruug auf seinen Zeugcucid nahm, zu erschüttern. - So sieht ein Justizmihister in Ungarn aus. in dem die Juden ״.'l a g y a r e 11" sind. Die russischen Juden im Militär Aus Petersburg schreibt uns im Anschluss an unsere bereits vor mehreren Wochen gebrachte Meldung unser dortiger Korrespondent: In der Dumakommission für die Landesverteidigung hat bekanntlich für die äusserstc Rechte der Abgeordnete Krupenski den Antrag tingebracht, die Juden vom Militärdienst auszusehliessen und ihnen dafür bestimmte finanzielle Lasten auf/.uerlegen. Die russischen Juden erblicken mit Recht in diesem Versuch der Reaktionäre den ersten Schritt zur völlige» Entrechtung der Juden in Russland und wehren sich mit allen Mitteln dagegen. Auch die gemässigte Partei erklärte sich durch ihren Führer W I a d i tn 1 r B o b r i tt s k i für den Antrag, aber gegen die finanzielle Belastung als Ablösung der Wehrpflicht. Da die Opposition in dieser Kommission nicht vertreten ist und die Oktobristen sowie die Regicrungsvcrtreter es nicht für nötig fanden, gegen diesen unerhörten Antrag Stellung zu nehmen, so bleibt nur die Möglichkeit, im Plenum der Duma dagegen aufzutreten. Die Opposition gedenkt bei dieser Gelegenheit die Tatsache hervorzuheben, dass im letzten Kriege in Ostasien über fünfzigtausend j ü d is c ti c Soldaten gekämpft haben, ungerechnet die grosse Zahl jüdischer Acrzte. Dass die Juden zum Militärdienst ungeeignet seien, ist ja für die Herren Antisemiten und Judenfresser aller Staaten und Völker eine feststehende Wahrheit. In Russland nun kommt noch die Beschuldigung hinzu, die Juden vermieden es geflissentlich, ihrer Militärdicnstpflicht nachzukonunen und suchten durch allerhand Tricks, sich ihr zu entziehen. Nach der letzten Volkszählung vom Jahre 1897 gab es im russischen Reiche •1.13 pCt. Juden. Wenn wir nun dieses Verliältnis bei den Rekriitencrhebungen von den Jahren 1902 und 1903 berücksichtigen, so ergibt sich folgendes Bild: IV02 nuj Kn1tcnr «usm-; 4•^״sollten hoben & |daruntSerinJudC Tatsächlich gab Also stellen die es Juden da- ' Juden Ober runter ihren Pflichtteil So die Sprache der unverfälschten Zahlen über die Be- Heiligung der Juden am russischen Militärdienst. Was aber ihre militärisch-soldatische Pflichterfüllung anbelangt, so gibt darüber ein gewiss nicht i ii r die Juden voreingenonmtener Zeuge Auskunft, nämlich der Kriegskorrespondent der Suworin’schen NOWOJE WREMJA. Taburno. in seinem Buche ..Die Wahrheit über den russisch-japanischen Krieg“. Auf Seite 232 dieses Buches ist zu lesen: ״lu diesem Kriege haben sich sehr viele von ihnen (den Juden) ebenfalls als vorzügliche, tapfere und äusserst ge schickte Soldaten erwiesen. Nicht wenige sind auch durch das Georgs-Kreuz ausgezeichnet worden, manche haben sogar mehrere Auszeichnungen bekommen, was besonders iritcressant ist. da diese gewöhnlich nicht von den Vorgesetzten, sondern von den Mannschaften selbst zuerkannt zu werden pflegten. Die Offiziere konnten auch nicht genug Gutes von den jüdischen Soldaten erzählen, die übrigens auch von ihren christlichen Kollegen verehrt und geliebt wurden.“ So Herr Taburno, dessen obengenanntes Buch im Verlage des Anti* semiten Suworin erschienen ist.

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