Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 158 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 18 überhaupt an, ob ein Jude sich taufen liess oder nicht??! Wie kommen Sic dazu, getaufte Juden stets als ״chc■ malige Stammes g e n 0 s s c n“ zu bezeichnen?? Das erscheint mir als eine ungeheuerliche Inkonsequenz im D e n k e n . da ein Jude durch den ״Uebertritt zum christlichen Glauben“ wohl aus seiner Religionsgemeinschaft, niemals aber aus seinem Stamme austritt! Oder sind Heine, Börne und DisraOli etwa auch ״e 11 c m a I i g c Stammesgenossen“? Sofern cs sich also hier bei Ihnen nicht um ein blosses Spiel mit Worten, sondern um logisch durchdachte Begriffe handelt, bitte ich Sie um Aufklärung dieses Wider- Spruches. Bei Gelegenheit der Wahlen in der Berliner Jüdischen Gemeinde sind Sie in begeisterten Worten gegen die sogenannten Liberalen für die ..Heiligkeit und Un- Verletzbarkeit des jüdischen S a b b a t h“ e i n - getreten! Sie wagen aber andererseits die Männer, die zu Ihrem tiefsten Schinerze eine Verletzung dieses ״h e i 1 i - gen jüdischen Sabbath“ in unseren offiziellen zionistischen Bureaus feststellen mussten, als ..verächtliche Schnüffler" mit Ihrem recht wohlfeilen Spotte zu traktieren! Und dies noch dazu in einem Artikel, der mit peinlicher Deutlichkeit zeigt, dass Sie in rätselhaft geschickter Weise in de 11 Privatverhältnissen von Leuten h c r u m z u s c h n iif f c I n verstehen, die den 2 i o n i s m 11 s nichts, aber auch n i e 111 d a s mindest .c angchen! —- Auch diesen Widerspruch bitte ich. wenn möglich, sachlich und logisch aufzuklären. Mit besten Zionsgriissen Ihr sehr ergebener Hermann S t r u c k. I _ 1 -- Erwiderung. Herr Struck wünscht den wörtlichen Abdruck seines Briefes, da er es besonders im Hinblick auf den bevorstehenden Delegiertentag für wichtig erachtet, solche Dinge jetzt sine ira zu erörtern. Meine wissenschaftliche Anschauung über die Person Jesu bei dieser Gelegenheit hier zu erörtern, wäre aus diesem Grunde verfehlt, um so mehr als ia Herrn Strucks Meinung nicht auf Quellenforschung und Qucllenkcnntnis. sondern auf Abneigung beruht. Dazu kommt, dass in unserem Artikel ausschliesslich von solchen Leuten gesproclicn war• die für die preussische L a n d t a gs w a 111 in Betracht kommen. Der Spott, der in dem Ausdruck ״ehemalige Stammes genossen“ liegt, ist Herrn Struck deshalb entgangen, weil er eben das religiöse Empfinden vom nationalen Bewusstsein weniger fein zu sondern gewöhnt ist. Für die zionistischen Bureaus, die nicht meiner Leitung unterstehen, bin ich hier nicht verpflichtet, cinzutretcn. Sollte inan dagegen mir in mein Bureau, oder in meine Wohnung Leute schicken, um mich zu prüfen, wie ich es mit dem Sabbath zu halten gedenke, so werde ich trotz des Sabbath genau wissen, was ich zu tun habe. Endlich überschätzt Herr Struck meine ..Geschicklichkeit im Schnüffeln“. Ich habe die Verhältnisse im Sanatorium Schlachtensee, die ich so fein ausgeschnüffelt haben soll, keineswegs erschnüffelt, sondern nur. als man mir von sehr vielen Seiten den Prospekt zusandte und mir unter Entrüstung mitteilte. dass Dr. Piaczek. der das unter rabbinischer Aufsicht koschere Sanatorium leite, getautt sei. wie es meine Pflicht war. mich genau und gewissenhaft erkundigt, ehe ich den Artikel veröffentlichte. Wenn das ..Schnüffeln“ heisst, so versteht Herr Struck etwas ganz anderes darunter, als ich. Dass den Zionismus die Judentaufen niebs angclicn. ist ein Irrtum des Herrn Struck. Der Grundsatz des Zionismus, jeden nach seiner Eagon selig werden zu lassen und sich in keine religiösen Fragen des Judentums hiiicin/umisclien. verlangt keineswegs eine Neutralität gegenüber den Judctitaufcu. Denn es ist ein Irrtum zu glauben, dass es sich dabei um eine religiöse Frage handele. Soweit das der Fall ist. d. 11. soweit es sich um einen Ucbertritt aus Uebcrzcugung handelt, werde ich mich gemäss den Grundsätzen des Zionismus keineswegs in die Frage des Uebertrittes hiiiciiiniciigcii. Herr Struck vvclss aber so gut wie ich. dass die Fälle des (iberzeugungsntässigen Uebertritts so ausserordentlich selten sind, dass wir sic ganz aus der Diskussion ausschalten können. Im übrigen ist bei einem Volke, das staatlich nur in der äusseren Form der Religionsgesellschait anerkannt wird, das Verlassen dieser Rcliglonsgesellschaft mit dem Verlassen der Nation gleichbedeutend, und ich erinnere Herrn Struck nur an das charakteristische Bild der JUGEND ..Aus der äthiopischen Rasse ausgetreten". Bei dem Kampfe gegen die Judcntüuflinge handelt cs sich für mich um eine Frage der Ehre und des Anstandes ebenso wie um die Frage der Existenz unserer Nation. Ich werde daher auch weiter für das Judentum und gegen die Judentaufen nach bester Uebcrzcugung Front machen. Der Redakteur der JÜDISCHEN RUNDSCHAU. Vereine und Gesellschaften Berlin. Der Neue Iüdlsche Gentcindevercln hielt am Mittvoch. dem 1. April seine erste Bezirksversammlung In Berlin N. ab. Nach einleitenden Ausführungen des Herrn Rechtsanwalts Dr. Klee über die Aufgaben des neuen Vereins, den alle ji'idiscli-inlercssicrtcn Kreise Berlins zu tätiger Mitarbeit an den Aufgaben der Gemeinde vereinen will und einen Ausbau der Institutionen der Gemeinde in administrativer, religiöskultureller und wirtschaftlicher Hinsicht erstrebt, sprach Herr Dr. W i t k 0 w s k y über ..Aufgaben der Berliner Jüdischen Gemeind e." An den mit warmem Beifall angenommenen Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion; fast sämtliche Anwesende schlossen sich dem Verein an. Freunde einer Ncubclebiing des jüdischen. Gcmcindeintercsscs erhalten auf Wunsch gern weitere Auskunft elurch Herrji F a b r i k d i r c k t o r L i c 111 e!1 s t c i 11. Berlin C.. Neue F r j c d r i c h s t r a s s c .W-40. ־י* Lustige Ecke ■־ Die DEUTSCH-SOZIALEN BLATTER schreiben unterm •J. März 1908 folgendes: ..Juden als Anarchisten. Im Zusammenhang mit dem Bombenwurf in New York am 2<. März ist jetzt Alexander Bergmann, der Ehemann der Anarchistin Emma Goldmaim. verhaftet worden. Die Polizei fand in der Wohnung Silber- Steins in Brooklj'11 eine dessen Zugehörigkeit zur a:1a׳chistisehen Vereinigung bestätigende Mitgliedskarte, die von Bergmann unter/.cchiiet war. Da eine besondere Anklage nicht vorlag. wurde Bergmann vom Polizeigericht wieder treigelassen gegen das Versprechen, sich dem Gerichte auf Verlangen zu stellen. Es ist doch eine reizende Gesellschaft, diese ״Russen" mit den alttcstamcutlich v c r d ä c 11 - t i g e n Namen." Was für ein merkwürdiges Altes Testament die Antisemiten haben, wussten w ir hingst. Also die Namen Emma. Bergmann. Goldmann und Silberstein sind aus dem Alten Testament. *=■. Allerlei Ueber Schulgärten schreibt Dr. K. F1 o c r i c k c in der bekannten naturkundlichen Monatsschrift KOSMOS die bcherzigensw erteil Worte: Vor allem gilt es. auch in den Kindern die schlummernde Liebe zum Garten zu erwecken und in die richtigen Bahnen zu leiten, und das kann nicht besser geschelten, als durch ausgedehnte Anlage und Benützung von S c 11 u I g ä r t e n. Leider hat diese hochaktuelle Frage, die das wärmste Interesse aller Bevölkcruugskreisc verdient, noch keine befriedigende Lösung gefunden, obgleich die bcteiligten Kreise sich längst darüber einig sind, dass die Schulgärten jedenfalls ein wichtiges, vielleicht sogar ein unentbehrlichcs Hilfsmittel fiir den naturwissenschaftlichen Unterricht darstcllcn. der ja für eine nahe Zukunft endlich der bedeutungsvollste zu werden verspricht. Den nur allzu oft verloren gegangcncii Sinn für veredelnden Naturgenuss kann gerade der Schulgarten wieder ins Leben rufen, so dass ihm eine hohe erzieherische Bedeutung nicht abgesprochen werden kann. Dazu kommt die hauswirtschaitlieh-praktischc. die zeichnerischc. und — auch der Lehrer kann im Schulgarten noch viel lernen, gehört er doch oft noch der Generation an. die. soweit sic in den Grosstadtei! herangcbildct wurde, nicht eine Roggenvon einer Ciersteiiäbre unterscheiden konnte. Vm allem müssen die grosseren Kinder auch zu den leichteren Arbeiten im Garten herangezogen werden, dann kommt ihnen das Verständnis fiir die Pilaiizenphvsiologie ganz von selbst. In meinen Jugendjahren hatten wir es nicht so gut. und der ganze botanische Unterricht beschränkte .sich auf eine abschreckend langweilige Einpaukiing des Systems. Was hätten wir darum gegeben, in freier Natur mit der Pflanze selbst vertraut werden zu dürfen, sie — lieben zu lernen 1 Waldschulen. Ferienkolonien. Schulvivarien und Seliuigüiten — auch in den dumpfen Schuistuhcn beginnt es sich dank dem fortschrittliehen Sinne unserer Lehrerschaft zu regen und zu keimen.