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Jüdische Rundschau · 1908-05-01 · Heft 18 (1.5.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 18 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 156 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 18 in Russland immer sehr bequem für die Pogromvcranstalter -- frühmorgens fand in einem acht Kilometer von Sehacnoiz entfernteil Städtchen B y s t r i z a ein kleiner Krawall statt, wobei den Juden die Fenster ciitgcschlagcn und die Synagoge geplündert wurden. Einer weiteren Ausdehnung machte der Semsky Natschaluik (Landrat) ein Ende, indem er die durch Hetzapostel aufgeregte Bevölkerung beruhigte. Am Montag waren bereits der (jouverneur von Wilna. L u b i m o w. der Staatsanwalt und andere Vertreter der Behörden an Ort und Stelle. Die Städtchen der ganzen Umgegend sind infolge dieser Affäre in grösster Gefahr. Ausser dem Schuster Josse ist ein Jude aus Bystriza, Chon e, verhaftet worden. Das einzige Indizium ist sein gelber Bart! Bis jetzt vermutet man. dass die Schwester den kleinen Knaben selbst getötet und die Geschichte erfunden hat. um der Obhut über das Kind, das sie tagelang bewachen musste, iiberhoben zu sein. Für diese Annähme sprechen die Aussagen zweier Bauern, deren einer an dem Kleide des Mädchens Bluttlecke bemerkt haben will, während ein anderer bekundet, das Mädchen habe sogleich nach der Entdeckung iiir Kleid gewechselt. Vielleicht iriii; aber eher eine andere Vermutung das Richtige, dass nämlich die an der Inszenierung von ..Pogromen" interessierten ..echtrussischen Leute" sich diesen ..Ri!ualm»>rd" haben auf Be- Stellung machen lassen. Dass die Herren dazu skrupellos genug sind, bedarf keines Beweises. Bestärkt wird dieser Verdacht noch dadurch, dass die Yerbäiidler in der Wiliiaer Gegend seit langer Zeit versuchten, das Volk mit allen mögliehen Mitteln gegen die Juden aut'zuhetzeii. So kam kürzlich jn Wilna eine Frau zur Polizei mit der Anzeige, die Juden hätten ihr Kind gestohlen, um es zu den Feiertagen zu schlachten, indessen hat die Polizei das Kind bereits nach ganz kurzer Zeit aufgciundcii. und zwar an ganz uiiverdüchtigem Orte. Jedenfalls aber ist wieder einmal der Zweck erreicht: die Bevölkerung ist im höchsten Masse erregt, und der Boden ist für einen Pogrom glänzend vorbereitet. Indessen muss gesagt werden, dass der Gouverneur, ein gerechter und korrekter Mann, bereits allen Kreisvorstehern telegraphisch Anweisung gegeben hat. strenge Massnahmen zu ergreifen, um ernsteren Ausschreitungen vorzubcugeii: freilieh bezeichnet er selbst die Lage als überaus b c - denk lieh! Der Kreisvorsteher von Bystriza hat den durch I den Krawall geschädigten Juden zum Tröste gesagt, sie I möchten froh sein, dass man sie nicht bereits erschlagen habe! I . In Ergänzung dieser Meldung wird uns von einem anderen I Korrespondenten aus Wilna berichtet: I , Gegen fünfhundert Bauern haben in B u j w i d z y samt- I liehe jüdischen Einwohner, etwa zehn Erwachsene, gebunden, um sie ins Wasser zu werfen. Ein Jude hatte sich versteckt, und während die Bauern auf der Suche nach diesem waren, traf ein Vertreter des Semskv Natschaluik ein, dem es unter grosser Mühe gelang, die Juden zu befreien. Nur diesem glücklichen Zufall verdanken die Juden von Bujwidzy ihre Rettung! Aus verschiedenen anderen Orten treffen ebenfalls sehr beunruhigende Nachrichten ein. und man muss auf das | Schlimmste gefasst sein. j Bedenkliche Symptome Man schreibt der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ aus Petersburg: Sollten sich noch irgendwo in! Laude kurzsichtige Leute finden, die über das Verhalten der Regierung zur Judenfrage und ihrer möglichen Lösung im Unklaren wären, so schaffen die Erklärungen, die der Gehilfe des Ministers des Innern. Herr Lykosehin. namens der Regierung in der letzten Sitzung des Rates für lokale Wirtschaftsangelegenheiten abgab, in dieser Beziehung völlige Klarheit. Der Rat besteht bekanntlieh aus Vertretern verschiedener Ressorts und der Semstwo. Er ist ins Leben gerufen, um den Gesetzentwurf der Regierung betreffs einer Reform der fokalen Selbstverwaltung zu prüfen, bevor die Vorlage der Duma unterbreitet wird. Die Mitglieder dieses Rates sind mit der Absicht ausgewählt, dass sie die ursprünglich für die zweite Duma bestimmte liberale Vorlage dem jetzigen Kurse entsprechend korrigieren. Nun besprach dieser Rat am 10. d. M. das Projekt der Selbstverwaltung für kleinere Dörfer. Purisehkewitz, der als Senistwovertrcter an den Verhandlungen des Rates teilnimmt, wies auf die Notwendigkeit hin. das Recht der Juden in Bezug auf Bcteiligung an der Selbstverwaltung - Posselok — zu beschränken. Der Vertreter des Ministeriums des Innern. Herr Strachowski, erwiderte darauf, das Ministerium sei gegenwärtig mit der Prüfung der Gesetzgebung betreffs der Juden beschäftigt und daher müsse die von Purisehkewitz gestellte Frage vorläufig verschoben werden. Der Gehilfe des Ministers des Innern, Herr Lykosehi:!. der im Rate den Vorsitz führt, beeilte sich jedoch, ohne jegliche direkte Veranlassung dem Rat die allgemeine Frage vorzulegen: cb man die Rechte der Juden überhaupt besehtänken solle. Dabei betonte 'Herr Lykoschin nachdrücklich, dass die Ansicht des Rates in dieser Angelegenheit als Stimme des Landes für die Regierung massgebend sein würde. Für den Rat, namentlich wenn mau seine Zusammensetzung in Betracht zieht, war freilich die Versuchung nur allzugross, ohne Lärm und Aufsehen, in aller Stille und Heimlichkeit.— die Sitzungen des Rates sind nicht öffentliche — die Judenfrage zu lösen, und mit 3U gegen 15 Stimmen bejahten sie die aufgestellte Frage. Die Juden sollen in ihren bürgerlichen Rechten nach wie vor. oder vielleicht noch mehr — so weit es gellt -־- beschränkt werden. So will es eben die Mehrheit* des Rates für die Angelegenheiten der lokalen Wirtschaft und Selbstverwaltung. Und diesen Wunsch äusserte sie ganz beiläufig, ohne irgend welche Besprechung oder Prüfung, bei einer Angelegenheit, die an sich fast keine praktische Bedentung hat. da die Juden in den kleinen ackerbautreibenden 1 Dorfgemeinden gar nicht in Betracht kommen. War die Mehrheit des Rates zu diesem voreiligen und unüberlegten Beschluss I durch den Vorsitzenden verleitet, so ist das Verhalten dieses I Vorsitzenden und höheren Regierungsvertreters um so auffallender, der erklärte, diesen - so sehr anfechtbaren und I plötzlichen — Beschluss zur Richtschnur in wichtigen Fragen nehmen zu wollen. Der Rat ist d׳>eh nur eine vom bureau- I kratischen Geist geschaffene und getragene ,.Vorstufe" (zur I Duma), deren Kompetenz von der Oefieiitliehkeit und Presse 1 stark bestritten wird. Die Regierung wollte nicht die Stimme I des Landes, wie sie in der ersten und zweiten Reichsduma in I der Judenfrage sieh kundgab. anhüreii. Sic soll doch aber die Stimme ihrer Diener und Handlanger im Rate nicht iiir die des Volkes und Landes ausgeben. Ei gelingt ihr doch nicht. I jemanden irre zu iiihreii. | ״Echt russische“ Studentenorganisationen Man schreibt der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ aus Petersburg: Die Studentenfiliale des Verbandes des russischen Volkes in Odessa, w elche es durchgesetzt hat, alle alten Beamten und Diener der dortigen Universität durch Verbändler zu ersetzen, tälirt in ihrer Arbeit fort. Sie verrichtet jetzt Spionagedienste in der Studentenschaft. Am 29. März fand im Versammlungraum der Studentenfiliale. in' der Teehalle eine Sitzung des Rates dieser Abteilung statt. Das Programm dieser Sitzung verdient besondere Aufmerksamkeit. Wir wollen es hier wiedergeben. I. * * * (geheimer Bericht): 2. * * * (geheimer Bericht: 3. Ueber die Ersetzung der Diener der Odessaer Universität durch Mitglieder der Odessaer Abteilung des Verbandes des russischen Volkes; 4. Ueber die Universitätsbibliothek: 5. * * e (geheimer Bericht: 6. * * (geheimer Bericht: 7. * * * (geheimer Bericht): 8. * * * (geheimer Bericht. — Diese Fülle von geheimen Berichten hat eine sehr empfindliche Wirkung für die gesamte Studentenschaft. —- Arreste und Haussuchungen unter den andern Studenten mehren sielt in ungewöhnlicher Weise, ln dem Berichte über die Universitätsdiener wird daraui hingewiesen, dass dank ihrer Ersetzung durch Verbändler man die Möglichkeit erhält, strenge Wache über die Studenten und einige Professoren zu halten. Der Bericht über die Universitätsbibliothek handelt unter anderem von der Notwendigkeit der Ent-! e r n 11 n g aller ״v e r r u t*c r i s c h c n" Bücher und der Wiedereinführung der alten Kontrolle. Die ..Entfernung•• von Büchern aller Art findet ausserdem auf allen russischen Universitätsbibliotheken gewolmhcitsmassig auf dem Wege statt, dass Beamte und Professoren fortschleppen, was nicht niet- und nageltest ist. Sie sind eben ..ecbtrussiscb". Der Dumapräsident und die Judenfrage Aus Petersburg wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben• Anlässlich der Umf-age, die der jüdische Dumaabgeordnete N i s s c I o w i t s ch bei verschiedenen Parteiführern veranstaltete. deren Stellungnahme bei einer etw aigen Besprechung der Judenfrage er kennen lernen wollte, bat sielt auch der Präsident der Duma. Chotnjakow׳. übe־־ die Gleichberechtigung der Juden in Russland geäussert. Er ist der Meinung, dass es im gegenwärtigen Augenblick nicht ratsam sei. die Judenfrage in der Duma aufztirollcn. Erstens sei die Duma Jetzt viel zu sehr beschäftigt, um sich mit dieser komplizierten Angelegenheit zu befassen, und sodann sei auch die gegenw ä r t i g c politische L a g e durchaus tt i c h t geeignet.

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