Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 18 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 155!׳ nen Wege. Das Kind kehrte Jedoch nicht nach Hause zurück, blieb einige Tage verschollen, bis es am 8. d. M. als Leiche in einem Walde bei Policza gefunden wurde. Das Bezirks־ gericht Policza ordnete die gcrichtsärztlichc Obduktion der Leiche an. die nach dem übereinstimmenden Gutachten der beiden Gerichtsärzte Tod durch Erfrieren ergab. Diese Todes- Ursache War trotz der vorgerückten Jahreszeit durch die Er- Schöpfung des Kindes infolge Hungers ermöglicht worden. Ver- Ictzungen wurden an der Leiche nicht gefunden, mit Ausnähme von unbedeutenden, nach dem Tode entstandenen Hautabschürfungcn. Der Leichnam wurde daraufhin anstandslos auf dem katholischen Ortsfriedhofe des Dorfes Teleci bestattet. Bald verbreitete sich jedoch in Zwittau das Gerücht von einem Ritual morde. Der Leichnam wurde exhumiert und in das Krankenhaus in Zwittau befördert. Da infolge des ausgestreuten Gerüchtes Exzesse gegen die jüdische Bevölkerung in Zwittau befflrehtet wurden, iatervenierte der Sekretär der ..Oesterreichiseh-Israclitischen Union״ in Wien. Herr Siegfried Fleischer, und als dieser in Erfahrung brachte, dass an die Staatsanwaltschaft in Brünn das Ansuchen wegen neuerlicher Obduktion des Leichnams gestellt werde, erbat er sich die Intervention des Brunner Advokaten Dr. H. Pialla, damit diese Obduktion durch die Brunner Gerichtsärzte .vorgenommen werde. Die Staatsanwaltschaft ging, um die Beunruhigung der Zwittauer Bevölkerung zu zerstreuen, auf dieses Ansuchen ein. ohr'eich das Gutachten der Gerichtsärzte in Polic/.ka keinerlei Bedenken hervorzurufen vermochte. Gestern begaben sich die hiesigen Gerichtsärzte kais. Rat Dr. Zuska und Dr. Herzei mit dem Herrn Gerichtssekretär Jerziczka nach Zwittau und obduzierten nochmals den Leichnam in Anwesenheit mehrerer Vertraucnsmänncr. Da Befund und Gutachten sich als vollkommen einwandfrei erwiesen, eine Verletzung der Leiche nicht konstatiert wurde und in dem Leichnam auch ein so grosses Blutuuantum vorgfunden wurde, dass die Möglichkeit einer Blutentzichung absolut ausgeschlossen erscheint, liess Herr Gcrichtssckrctär Jerziczka dieses Ergebnis der Obduktion über Weisung der Staatsanwaltschaft sofort in Zwittau niakatieren. Durch dieses rasche Einschreiten der Staatsbehörden ist somit in diesem Falle jeder weiteren Hetze der Boden abgegraben worden. —־ Aber was ist das für ein Volk, das nur dann seine jüdischen Nachbarn nicht totschlägt, wenn man die Toten ausgräbt! Und wie gesichert ist das Judenvolk, das zittert, wenn ein Blatt vom Baume fällt? Blutlüge in Ungarn In dem ungarischen Städtchen Szlnervaralja versuchte man einen Rituaimord in der üblichen Weise vor Pessach zu fabrizieren: Bei dem Geschäftsführer Isak Bernstein In dem genannten Städtchen ist die zehnjährige Flora Buzilla als Kindermädchen bedienstet. Bernstein lässt das Kind unterrichten. Am 7. April erschien Im Hause Bernstein das fünfzehnjährige Christemmidchcn Martha Mark und fragte nach der Buzilla. Als sie erfuhr, dass das Mädchen in den Kaufmannsladcn geschickt wurde, ging die Mark ihm nach und veranlasse es. anstatt zu seinem Dienstgeber zurückzukehren, sie zu einem ausserhalb der Stadt wohnenden, rumänisehen Arbeiter namens Georg Vajda zu begleiten. Dort wurde die kleine Flora in ein Zimmer gesperrt. Auf die Frage des erschreckten Kindes, was inan mit ihm eigentlich vorhabc, kam stets die Antwort: ״Das wirst du schon erfahren." Am nächsten Tage wurde Flora Buzilla ihrer Kleider entledigt und streng bewacht. Selbst die Notdurft konnte sie nur unter Bewacliung des Vajda verrichten. Flora weinte den ganzen Tag. denn man verweigerte ihr auch die Nahrung, nur einmal im Tage erhielt sic durchs Fenster ein Stück Maisbrot. Auf ibr wiederholtes Jammern sagte Vajda: ״Wcisst du denn nicht, dass die Juden zu ihren Ostern Christenmädchen schlachten, weil sie das Blut brauchen? Bleibe du mir ruhig bei uns. wir werden auf dich achtgeben.‘‘ In einem unbewachten Momente gelang cs Flora Buzilla. aus ihrer Haft zu entkommen, aber sic getraute sich natürlich nicht, zu Bernstein zuriiekzukehren, sondern lief zu Ihrer Mutter, die in dem benachbarten Dorfe Borhid wohnt. Als Flora Buzilla am7 ׳. April von ihrem Wege zum Kaufmann nicht heimgekchrt war. hatte der Dienstgeber Bernstein angenommen, dass sic zu ihrer Mutter nach Borhid gegangen sei. Er schrieb daher unverzüglich an die Mutter, sic möge ihre Tochter ihm zurückschicken, da er ihrer bedürfe. Die Mutter ging auf die Suche nach ihrer Tochter und als sie drei Tage lang vergeblich nach dem Kinde gesucht batte, schrieb sie an Bernstein, dass er für das Verschwinden der Flora verantwortlich sei und dass sie am anderen Tage die Anzeige gegen ihn erstatten werde. Am anderen Tage war jedoch, wie eben erwähnt, das gesuchte Mädchen im Hause seiner Mutter erschienen. Diese begab sich, nachdem Flora ihre Leidensgeschichte erzählt hatte, mit ihr in die Stadt zu Bernstein, der nun seinerseits den ganzen Vorfall bei dem Oberstuhlrichtcr zur Anzeige brachte. Die sofort eingeleitete Untersuchung ergab nun den oben geschilderten Tatbestand, und die Verführerin der Flora Buzilla. da? Bauernrr.ädchcn Martha Mark, gestand weinend ein, da?s sie i m Aufträge des Georg Vajda auch ein anderes Christenmüdchen \v c g z u locken versucht hatte. Was wäre mit der armen Flora geschehen, w׳cnn cs ihr nicht gelungen wäre, zu cntilichcn? Und welche Folgen hätte wohl das Verschwinden für die Juden der Stadt und vielleicht gar der Juden Ungarns nach sich gezogen? Die von den Antisemiten als Ritualmord angesprochene Ermordung und Zerstiickclung des Judenknaben Blechcr in Berlin zeigt, was geschehen sollte. Aber diese Liebe- Im dem klerikalen Stuhlwelssenburg in Ungarn creiguete sieb vor einigen Tagen ein Vorfall, der der Bildung des 20. Jahrhundert durchaus entspricht: Vorige Woche starb do־t der angesehene jüdische Kaufmann Jakob Löwy. Da der enge Hofraum die zahlreich ersclücnenen Trauergäste nicht zu fassen vermochte, wurde die Zeremonie auf der Strasse vor dem Mause verrichtet. Kaum begann de־ Kantor seine traurige Funktion, als die Fenster einer Gassenwohnung des anstossenden Hauses, die von dem christlichsozialen Führer Advokaten Dr. Sch 1 ania d 1 nge r. geöffnet wurden und — ein Grammophon die laszivesten Brettlgesängc ertönen liess und auf diese Weise die Gefühle der an der Bahre ihres Familienoberhauptes schluchzenden Hinter- I liebenen und de״ zahlreichen Trauerversammlung verhöhnend. Als der Kantor geendet hatte, wurde auch das Grammophon hercingcholt. Kaum begann der Rabbiner die Trauerrede, wurde das Grammophon wieder ans Fensterbrett gestellt und — aufgezogen. Und als der Tnauerzug sich schliesslich in Bewegung setzte, liess Dr. S c h I a ma di n g e r sein Grammophon einen antisemitischen Marsch spielen. Es wäre zu gefährlichen Demonstrationen seitens der Trauergäste gekemmen — — wenn sie nicht Juden wären von denen Ibsen den Peer Gi־nt sagen lässt: ״Von Juden lernt ich die Geduld.“ Die Entrüstung der Augenzeugen richtete sich aber nicht nur gegen die Liebesbezcugung des klerikalen Advokaten, sondern mehr noch gegen den Stadthauptmann Aladar Zavaros, der Augenzeuge dieser Pietätlosigkeit war, jedoch sich nicht veranlasst sah. clnzuschreiten. weil er ״nicht dienstlich anwesend wäre.“ Wie wäre es wohl einem Juden ergangen, der es gewagt hätte, die Einsegnung einer katholischen Leiche in so unqualifizierbarer Weise zu stören? Ein neuer ״Rituaimord“ Aus Wilna wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Nulla dies sine linea! Kein russisches Osterfest ohne einen ..Ritualmord". Noch ist nicht vorauszusehen, was uns das russische Osterfest diesmal an Pogroms und anderen .,echtrussischen" Volksbelustigungen bringen wird, da hören wir schon von den Vorbereitungen dazu. In der Nähe von Wilna, in einem entlegenen Dörfchen, dessen Namen man kaum kannte. Schaenoiz. das etwa 5—6 Kilometer von dem Städtchen B u j w i d z v (Gouvernement Wilna) entfernt ist, wurde am vorigen Sonnabend ein zweijähriger polnischer Knabe mit durchschnittenem Halse in einer Wiege aufgefunden. Die Eltern des Kindes, der Färber Stanislaus Rinkiewicz und seine Frau; waren vom Hause fortgegangen und hatten ihr kleines Sühnchcn unter der Obhut einer zwölfjährigen Tochter zurückgelasscn. Wie diese nachher erzählte, soll ein Mann mit langem Rock, hohem Hut und grossem gelben Bart ins Zimmer gekommen sein, der, ohne etwas zu sagen, auf das Kind zugegangen sei und ihm den Hals durchgeschnitten habe. Das Haus des Färbers Rinkiewicz liegt weit abseits vom Dorfe, sodass es einige Zeit dauerte, bis auf das Geschrei des Mädchens Nachbarn herbcicilten. die das tote Kind auffanden. Natürlich wurde diese Geschichte sofort zu einem Ritualmord verarbeitet, zumal nach den Angaben des Mädchens ein Jude als Täter in Betracht käme — wenn diese Angaben richtig sind! Jedenfalls strömten am selben Tage noch grosse Scharen von Menschen in dem kleinen Orte zusammen, was zur Aufklärung der Sache nicht sehr dienlich war. Der einzige in dem Dorfe wohnende Jude, ein Schuster namens Josse, wurde sofort auf Befehl der Staatsanwaltschaft verhaftet. Schon am Tage darauf, am Sonntag — ״Ritualmorde" passieren