Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite!54 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 18 * lustig fort in nichtssagender Phrascnhaftigkcit. Das Leben stellt uns vor ganz andere Fragen als solche des Kampfes gegen Antisemitismus. Durch diesen haben wir noch 1־:n keiner Haares Breite an Macht gewonnen. Vielmehr hat die Bewegung gegen uns an Gefährlichkeit zugenommen, weil sie dank der Mühen unserer prozessführenden Freunde die Oeffentlichkeit jetzt meidet; denn gerade die Oeffentlichkeit der Judenhetzc, deren Einzelheiten wir alle erlebt haben, hat einen grossen Kreis von besser empfindenden Nichtjudcn zu Gegnern des Antisemitismus gemacht, die sie heut nur noch zum geringsten Teile sind, weil der Antisemitismus sich in die Salons verkrochen hat. In der Sturm- und Draugperiodc des sozialen Erwachens mussten doch auch die Dummen ihren Sozialismus haben, er hiess eben Antisemitismus, gegen ihn werden wir mit aller Schneidigkeit ebensowenig ausriehten, wie etwa gegen die Jüngere Spielart, die Rassenbewegung. Als Student hat man also mit der Tatsache der konfessio- »teilen Scheidung zu rechnen und damit, dass unser draussen im praktischen Leben die Pflichten erhöhter Leistungen warten. Deshalb sollen wir nicht auf das Selbstbewusstsein der Studenten so grosses Gewicht •legen, sondern nur darauf, dass er ein Recht hierzu bekommt. Dieses Programm hisst eine Trennung der jüdischen Studentenschaft nicht zu. Selbst die Zionistentrage kamt für sie keinen Grund geben. Im Gegenteil: der zum Überdruss schon besprochene Programmpunkt Jung-Judas, die alles umfassende kulturelle Hebung der Juden, heraus aus dem Ghcttogcfühl zum freien Menschentum einigt uns ja alle. .Wie vor Jahren die reine Abwehrtätigkeit auch in der jüdischen Studentenschaft ihren Resonanzboden gefunden, so treten jetzt mit grösserer Energie allerdings Gegner und Anhänger der zionistischen Bewegung auf den Plan. Es besteht aber zwischen diesen beiden Phasen studentischen Lebens ein himmelweiter Unterschied. Während die erstere, welche sich ja glücklicherweise bald in 'die staats-* und rechtsanwaltlichen Bureaus verkroch und nur zuweilen die Oeffentlichkeit nicht immer gerade angenehm beschäftigt, von vornherein einen grossen Teil der jüdischen Akademiker degoutierte, wreil es nicht jedermanns Sache ist, wegen Kreti und Pleti zum Kadi zu laufen und wenn das Material ausgegangen ist, die akademischen Hörsäle auf ihre Lehrtendenz zu beriechen, beschäftigt die zweite Frage heute alle jüdischen Studenten ohne jede Ausnahme: es gibt kein Totschweigen mehr. Und da es nicht schwer ist, schon heut vorauszusagen, dass die zionistische Frage für alle jüdischen Korporationen bald eine Frage der Tagesordnung sein wird, möchte ich schon jetzt hierüber eine Bemerkung machen, welche mit Notwendigkeit aus den eben besprochenen Voraussetzungen folgt: für jemand, der sich in der zionistischen Literatur über das Wesen der Bewcguttg unterrichtet hat, kann diese ein Trennungsfaktor nicht werden, ebenso wenig wie es etwa irgend welche parteipolitische Anschauung sein kann. Schon die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft fesselt jeden einzelnen an den andern mit vielen Fäden gemeinsarner Interessen. In den einzelnen Zirkeln wird die Vorherrschaft für die eine oder andere Richtung immer wechseln, es sei denn, dass die Aufnahme von vornherein an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Richtung als Vorbedingung geknüpft ist. Ich halte diese Einseitigkeit in keiner Hinsicht für opportun, weit erstens nur wenige Gymnasiasten die Schulbank mit fcstgcgriindeten Weltanschauungen verlassen und zweitens. wfeii streng parteiliche Abschliessung die Möglichkeit kritischer Ausbildung abschncidct und gegenscitige Belehrung ausschliesst. Daher ist es Pflicht aller Juden, welchen die Erhaltung studentischer Freiheit atn Herzen liegt, nichts zu unterlassen, was den Ausbruch eines Kriegszustandes fn unsern Reihen hindert. Ein ganz kleiner ruhiger Kreis will ihn. Es heisst letzt für uns alle, die Augen offen halten. «• Rundschau. 1*==»י Ausstellung jüdischer Künstler Berlin. Ausstellung Jüdischer Künstler. Bel der gelegentlich der Schlussfcler der Ausstellung Jüdischer Künstler veranstalteten Tombola gelangte u. a. ein Pastellbild von Arthur Markowlcz zur Verlesung. Durch ein Versehen eines Angestellten wurde icdoch dem Gewinner nicht das von dem Künstler lür die Tombola bestimmte Bild, sondern ein minderwertigeres ausgehändigt. Der jetzige Besltzer des genannten Bildes von Markowicz wird hierdurch dringend ersucht, sich Im Bureau des Jüdischen Kunstvereins. Berlin• Halensee. Johann Slglsmundstr. 3, Telephon-Amt Wl. 1757. zu melden, um das richtige Bild ln Empfang zu nehmen. •Berlin. Ausstellung Jüdischer Künstler. Von den für den wohltätigen Zweck der Ausstellung durch die Künstler gespendeten Werken ist noch eine beschränkte Anzahl übrig geblieben, die nun in der Expedition der JÜDISCHEN RUND- SCHAU, SW.. Zimmerst»-. 77. zur Ausstellung gelangt und dortselbst stets Montag, Dienstag. Mittwoch und Donnerstag von •1—6 Uhr nachmittags zu besichtigen ist. Es befinden sich darunter Bilder von \V o l tn a r k. A itma n n. P a s t e r!1 a k. L. H i r s c h e n b c r g , Skulpturen von 0 1 i c e n s t e i n u. a. Die Expedition der JÜDISCHEN RUNDSCHAU ist bereit, den Verkauf der ausgestellten Bilder zu vermitteln. Berlin In den Sophiensälcu (Sophiens♦ nsse) veranstaltete an׳ Dienstag, dem 2N April, der Verein zur Förderung jüdischer Kunst seinen 1׳. Vortragsabend in der Wintersaisou 1907/ns unter dem Titel ״Jüdische Dichtung“. Leider konnte infolge Verhinderung des Vortragenden der Zeitpunkt der Veranstaltung erst am vorhergehenden Tage bekannt gegeben werden; hieraus lässt sich wohl auch der etwas spärliche Bcsuch des überaus interessanten Abends erklären. Herr E nt a n u e I Reicher vo»11 Lcssingthcater las u. a. eine Skizze von Pcrcy, ein Drama von Coralnik und zum Schluss eine köstliche Humoreske von Brau des mit feinem Verständnis und urwüchsigen» Humor. Die Zuhörer folgte!» mit grösstem Interesse dem lebhaften fesselnden Vortrag, und wir können den schwachen Besuch besonders im Interesse der Abwesenden nur nochmals bedauern. Konrad Furrer In der Osterwoche ist in Zürich ein christlicher Pfarrer gestorben, dem viele Juden aufrichtige Tränen nachgeweint haben — war er doch einer der wenigen Christen, die nicht nur mit dem Verstände, sondern mit dem Herzen die allgemeine Judennot mitiiihlten. Konrad Furrer war ein Freund jenes Marcus Dreyfus, der in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden in der Schweiz war, und dem er nach dessen Tode eine nachmals nicht nur in der Schweiz berühmt gewordene Grabrede hielt, die als ..Rede eines christlichen Geistlichen am Grabe eines Juden“ im Drucke erschien und viel Aufsehen erregte. In den letzten Jahren war er in weiteren jüdischen Kreisen hauptsächlich durch seine von warmer Begeisterung durebströmten Vorträge über, Palästina bekannt. Er liebte dieses ׳ehemals jüdische Land und wollte gern dazu beitragen, es wieder jüdisch zu machen. Anlässlich des VII. Zionisteiikongrcsscs hielt Furrer in Basel eine Rede, die bei jüdischen und nichtjüdischen Hörern grossen Eindruck machte durch die heilige Uberzeugung, die von diesem Manne ausging, dass den» Lande Palästina und dem Volke der Juden noch eine gemeinsame grosse und herrliche Zukunft beschieden sein würde. Wie beliebt und geschätzt dieser Mann war. ersieht man daraus, dass viele Juden sogar in die Kirche gingen, um Furrer zu hören. Und was für den Mann noch bezeichnender ist: nie hat er einen Juden überredet, seinem Glauben und seinem Volke untreu zu werden! Er ruhe in Frieden! Blutlüge In Zwittau Am 1. d. M. w ollte der Zwithuer Hausbesitzer \V a I c n t a ein Kaninchen in eine benachbarte Ziegelei senden und fragte bei dem Inwohner des Hauses, dem Führer Z a v a d i I. an. ob nicht eines von dessen Kindern das Kaninchen in einem Korb in die Ziegelei tragen könnte. Dazu erbot sich der 9jährige. intellektuell stark zurückgebliebene Sohn des Zavadil. Das Kaninchen langte in der Ziegelei an und dem Knaben wurde bedeutet, dass er nach Hause gehen und nach einigen Stunden das Tier wieder abholen könne. Der Knabe entlernte sich in der Richtung gegen Zwittau auf dem ihm bckannten, etwa eine Viertelstunde von seiner Wohnung gclege-