Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 16-17 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 148 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Dieses Urteil stellt im herrlichen Einklang mit den B c g n a d i - jungen der Pogrom 11 eldcn ,die tagtäglich aus allen Orten gemeldet werden. Charakteristisches aus einem Progromprozess Die Gerichtsverhandlungen in allen Pogromprozessen nehmen bekanntlich stets einen und denselben Verlauf und haben denselben Ausgang: der Anklageakt beschuldigt lediglich die Juden, sie hätten selbst die Pogrome hervorgerufen: der Staatsanwalt tadelt das Judentum und verteidigt die Pogrommac'her; die Verletzten, ihre Anwälte und Zeugen dürfen nicht die Wahrheit aussagen; dann wird die Zivilklage als unbegründet zurückgewiesen und ein paar arme Teufel — einfache Handlanger der eigentlichen unvcrletzbaren Pogrommacher — werden zu geringen Gefängnisstrafen verurteilt, von denen sie dann durch Begnadigung befreit werden. Unter diesen Umständen hat cs für die Zivilkläger wirklich keinen Sinn und Zweck, sich an solchem Prozess, der doch nichts als offene Rechtsverdrebung ist, zu beteiligen. So sah sich auch Rechtsanwalt Margolin. als Vertreter der Zivilkläger in Sachen des Njcschincr Pogroms, veranlasst, gleich bei Eröffnung der Gerichtsverhandlungen dem Gerichte folgende Erklärung abzugeben: ..Es wäre naiv, nach einer speziellen lokalen Ursache zu suchen. Die Ursache sei eine allgemeine; cs unterliege doch keinem Zweifel, dass die samtliehen Pogrome vom Oktober 1905 — die Arbeit einer und derselben Organisation, die Verwirklichung eines allgemeinen Planes war. Der beste Beweis dafür sei schon die vorher bestimmte Gleichzeitigkeit der Ausführung. Mag es nun der Kicwer Pogrom — das ..Volksgericht“ gegen die Juden für das Verhalten des ״Bundes" und Verletzung der Kaiscrbilder sein: mögen die Juden in Krolewetz wegen des Steigen» der Petroleumprcise geplündert werden, mag in Njeschin der Pogrom infolge der revolutionären Reden der Juden wegen Laden- Schluss entbrennen, es bleibt die Frage: warum geschahen diese so ״naturnotwendigen" Explosionen an den nämlichen Tagen, zwischen IS. und 24. Oktober? Sonst galt doch als ausgew'ählter Termin dafür die Osterwoche. Der allgemeine Gencralpogrom folgte dem Generalstreik der Eisenbahner: aber niemand würde behaupten, dass letzterer etwa spontan, ohne eine früher ausgearbeiteten allgemeinen Plan, ausgebrochen wäre, dass etwa auf jeder einzelnen Werft, an jeder Station der Streik selbständig entstanden, durch lokale Ursache hervorgerufen sei. Ebenso zwecklos wäre es. die lokalen Ursachen der Oktoberpogronie erforschen zu wollen. Also brauchen wir nicht Zeit zu verlieren, um die Angaben der Anklageschrift zu widerlegen. Als überflüssig erscheint uns auch unsere Anteilnahme an den Gerichtsverhandlungen. Deshalb erachten wir cs für statthaft, unser Gesuch schon im jetzigen Stadium, am Anfang des Prozesses, vor Gerieht darzulegen. Wir bitten das Gericht, sich den von uns bereits auseinandergesetzten Standpunkt der Beschädigten betreffs der Ur- Sachen des Pogroms zu vergegenwärtigen. Wir bitten, anzuerkennen, dass die hier sitzenden Angeklagten unter dem Einflüsse der Gerüchte und in der Uebcrzeugung von der Straflosigkeit der Pogrome handelten. Für diese physischen Schuldigen ist der einzige Beweggrund zu den Pogromen die Begierde nach leichter und strafloser Bereicherung gewesen. Die intellektuellen Schuldigen sehen wir hier auf der Anklagebank nicht . . , ־ ' Indem wir die ganze Schuld denjenigen zuschrciben. die die Angeklagten inspirierten, bitten wir um Nachsicht für diese zufällig ergrjiienen Leute, die zum Verbrechen durch andere verleitet wmrden. Endlich bitten wir Sie noch, mutig und^ entschieden zu sagen, dass die Judenpogrome gar nicht Selbstjustiz oder Volksgericht gegen Verbrechen, sondern eine gemeine ruchlose Auslieferung eines entrechteten Bcvölkerungsteiles an die elenden Abfälle der Gesellschaft zu Tod und Plünderung waren. Wenn Sie es in Ihrem Richterspruche nicht sagen dürfen, so sagen Sie es wenigstens sich selbst, in Ihrem eigenen Gewissen. Darin würde eine Genugtuung für uns liegen. Grösseres verlangen wir von Ihnen nicht: Sie urteilen doch nur über 12 Angeklagte, verhandeln doch nur über die Ereignisse in Njeschin. Das allgemeine Gericht, das die allgemeinen Ursachen der Oktoberpogromc aufdecken wird, steht noch bevor: das ist das Gericht der Geschichte. Und Ihr Urteil würde nur denjenigen Trost und Heilung bringen, die man ln Njeschin No. 16/17 ן gleich nach dem Pogrom gezwungen hat. in Schmutz und Blut in demütiger Weise vor ihren Peinigern zu kriechen und vergeblich um Gnade zu flehen. Nun haben Sic die Stimme der Geschädigten vernommen. Damit sei unsere Aufgabe zu Ende. Gcldintcresscn beschäftigen uns wenig, und deswegen brauchen wir nicht hier zu bleiben. Wir haben unsere Hlicht getan, wir können gehen." Darauf verlless Herr Margolln den Sitzungssaal. Die sämtlichen Geschädigten und Zivilkläger folgten ihm. Die Verhandlungen nahmen dann den üblichen Fortgang. Regelung der jüdischen Emigration Aus Petersburg wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Eine neu gegründete ״Gesellschaft zur Regelung der jüdischen F.migration", dieihren Sitz in Petersburg hat, erlässt soeben folgenden A 11 f r 11 f: Die Auswanderung der Juden aus Russland hat üi den letzten Jahren noch nie dagewesene Dimensionen angenommen. Innerhalb der letzten fünf Jahre sind mehr als eine halbe Million Juden emigriert. Der blutrünstige Pogromncbel. der bisher das Ansiedlungsgebiet bedrohte, beginnt zwar ein wenig zu weichen. Auf eine Verminderung der E m i g r a t i o n ist indessen nicht zu hoffe n. Die fortwährende Bedrückung, der Hunger, die Arbeitslosigkeit tun das ihrige. Auch der fluchtartige Charakter der Emigration ist unverändert. Gepeitscht von einer bitteren Verzweiflung fliehen ebenso wie vorher noch jetzt die cingeschiichterten hilflosen Volksninssen. Von niemandem beschiit/.i, werden die armen Wanderer auf ihrem dor״en\oilen Wege von jedem belästigt und gequält, der nur irgend etwas vermag. Die brutale Gewalt des prcussischen (j r e n z g c n d a r m s müssen sie ebenso über sich ergehen lassen wie die schikanöse Behandlung der S c h i f t s m a tr o s e n. Und w enn sic schon den ersehnten Hafen erreicht haben, so harret ihrer neues Unglück, neue Leiden und neue Qualen. Die mit der Auswanderung verbundenen Beschwerlichkeiten haben sich geradezu zu einem Volksunglück ausgewachsen. Die Plätze, an denen sich bis jetzt die Auswanderung konzentrierte, sind überfüllt, und neue Auswanderungspunkte sind den unwissenden Emigranten nicht bekannt. Die verschiedenen Versuche, der Auswanderungskalamität abzuhelfcn. mussten fehlschlagen, weil hierzu nicht die Kräfte eines Einzelnen oder einer einzelnen Organisation ausreichen. Was hier nottut, ist eine zentralisierte grosse Aktion, die ihre Stützpunkte sucht und findet. Eine grosse jüdische Emigrationsgescllschaft soll geschaffen werden, die überall, wo Juden wohnen, Vertretungen besitzt und die alle diejenigen vereinigt, die auf dem Emigrationsgebiete sich betätigen, unbeachtet ihrer sonstigen Parteizuge- Hörigkeit. Unsere Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Grundstein für eine so grandiose geeinigte Organisation zu legen. Wir hoffen zuversichtlich, dass es uns durch eine rege und tätige Arbeit gelingen w׳ird. alle Elemente in der J u d e nhe i t zu vereinigen, die fiir die Regelung der jüdischen Emigration das nötige Interesse und Verständnis haben." Wie löblich und anerkennenswert auch die in dem Aufruf bezeichnete Aufgabe ist, so wäre es doch für die jüdische Oefientlichkeit zunächst von grossem Interesse, zu erfahren, wer eigentlich die Gründer und Leiter der Gesellschaft sind und w'elche Mittel sie bereits besitzt, um eine so grosse und fundamentale Hilfsaktion ins Werk zu setzen. Der Worte sind gerade auf diesem Gebiete genug gewechselt. Palästina Die Generalversammlung der Weinbau-Gesellschaft, die In Jaffa tagte, gab ein Bild des guten Gedeihens des Weinbaues in Palästina. In diesem Jahr wurde ein Reingewinn von 12 Frcs. pro Zentner erciclt, w׳ährend im vorigen Jahr der Verdienst gleich Null war. Von der Verwaltung erhielten die Kolonisten bisher 16 Frcs. Überschuss pro Zentner, die Weinbau-Gesellschaft hat also schon im ersten Jahre ihres Bestehens fast denselben Satz erzielt, obgleich ihre te'chttischcn Anlagen erst im Laufe des kommenden Jahres ganz benutzt werden können. Es steht somit zu erwarten, dass in den nächsten Jahren, mindestens der gleiche Verdienst erzielt werden wird, wie der, den die Verwaltung verteilte. Dafür aber sind die Kolonisten nunmehr vollständig selbständig und nicht mehr von der Administration abhängig. Auch der Karmel-Wcinhandel hat sich gut entwickelt und brachte im letzten Jahr nicht unbedeutende Einnahmen. Man 8 ist jetzt insbesondere darauf bedacht, sich auch den östlichen