Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 16-17 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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N0- <6/17_ 'JÜDISCHE RUNDSCHAU. י ' Seite 145 — Rundschau. *■==3 Ausbildung jüdischer Kleinbauern Hubert Auhagen, der vor einiger Zeit im Aufträge des deutschen Auswärtigen Amtes Palästina und Syrien besuchte und die hohe Eignung dieser Gegenden fiir jüdische bäuerliche Ansiedelungen in seinem dem Auswärtigen Amt erstatteten Bericht besonders hervorgehoben hatte, bemüht sich nun, obwohl selbst Christ, jüdischen jungen Leuten Gelegenheit zu geben, sich landwirtschaftlich fortzubilden, damit sie später als Bauern in Palästina sich ansässig machen können. Aus einem Briefe des Herrn Auhagen an das Mitglied des zionistischen Aktionskomitees Prof. Warburg (Berlin) können wir folgende Stelle mittcilen, die von den sympathischen Absichten Auhagens handelt: ״Da ich mich für die Sache auf das lebhafteste interessiere und von der hohen Bedeutung der zionistischen Be- Strebungen nicht nur für das Judentum, sondern für die ga n z c K u 11 u r w e 11 auf das tiefste durchdrungen bin, gedenke ich den Versuch zu machen, die Angelegenheit dadurch praktisch zu fördern, dass ich zunächst jüdische junge Männer in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ausbilde und eventuell auf meinen Ländereien zur Ansetzung bringe. Zunächst sollten die Kolonisten als Pächter, später als Rentengutserwerber angesetzt werden. Vor einigen Tagen habe ich den ersten jungen Mann aus Ahlem erhalten. Es ist ein Herr Weinberg, der früher schon auf einer Ihrer Kolonien in Kleinasien tätig war. Ich habe ihm gestern den ersten Unterricht im Pflügen erteilt und mich gefreut, wie anstellig sich der junge Mann dabei benommen hat. Wahrscheinlich bekomme ich demnächst noch einen zweiten Zögling. Da meine übrigen für Bunker.- bürg angeworbeneu Kolonisten auch demnächst ihre kleinbäuerlichen Stellen in Betrieb setzen, werden die jtingen Männer stets gute Beispiele hier vor Augen haben. Vielleicht entwickelt sich später einmal aus den kleinen Anfängen eine kleine landwirtschaftliche Schule zur Ausbitdung jüdischer Kleinbauern. Davon sind Sic. sehr vereintester Herr Professor, gewiss auch überzeugt, dass eine erfolgreiche jüdische Kolonisation nur denkbar ist, wo der Grundstock der Kolonisten aus wirklichen Bauern besteht. Natürlich liegt mir, das brauche ich wohl nicht besonders zu versichern, sehr daran, den Juden bei mir die Möglichkeit zu bieten, auch als ״Juden“ leben zu können, ohne bezüglich der Religion in Gewissensk o n f 1 i k t e z u kommen. (Man vergleiche damit die Haltung jüdischer Grossgrundbesitzer, die vor kurzem die Anstellung in Ahlem ausgebildcter jüdischer Eleven einfach ablehnten! Die Red.) Bei wenigen, Schülern ist es ja sehr schwer, den Anforderangen in dieser Beziehung gerecht zu werden: aber wenn man wenigstens zehn Männer hier vereinigen könnte, sei es als Kolonisten, sei es als Schüler, so könnten sie eine kleine jüdische Gemeinde bilden, und die Unkosten würden sich eher verlohnen.“ Rassen-״Wissenschaft“ Immer mehr beginnt die POLITISCH-ANTHROPO- LOGISCHE REVUE zu einer einseitigen, unkritischen Vertreterin geiinanomanischer Anschauungen Chamberlain’schen Schlages zu werden. In dieser Richtung liegt wieder aus der letzten Zeit ein — im übrigen bedeutungsloser — Aufsatz von Otto Hauser ״Anthropologisches aus dem Alten Testament“ vor. Seine Sätze muten in einer ״wissenschaftlichen" Zeitschrift teilweise wie Karrnevalsscherze an. Dass Jesus ״ethnisch dem Judentum nicht angehörte". ist sozusagen bereits die Eintrittsparole fiir den Chambcrlain-Kreis geworden: als ״Beweis" führt Hauser an, dass er frühzeitig als licht von Haar und Bart und grau von Augen geschildert wird. Paulus war natürlich auch kein Jude, ebensowenig I.ucas, der einzige, der das Evangelium künstlerisch erfasste, ״während Matthaeus und Marcus nur nach der üblichen Art der hebräischen Schriftsteller kompilieren." Köstlich ist die ״anthropologische" Betrachtung Sauls und Davids. Saul zeichnete sich vor allem durch seine Schönheit aus. ״Wie diese (Sauls!) Schönheit zu denken Ist, wird bei David nähen ausgeführt.‘‘ O Logik! Das Prädikat ״admoni" für David wird natürlich als ״blond" verwertet, während es eben so gut rotwangig bedeuten kann, allenfalls rothaarig. Dann geht es wörtlich weiter: ״Wir sehen also David ganz so geschildert, wie die Helden Homers, und da seine Zeit beiläufig mit der ihren zusammenfällt, so darf man ihn wohl als einen noch weiter südwärts verschlagenen Abkömmling der nordischen Rasse betrachten, Saul wohl nicht minder und מי Salomo zumindest als Mischling, da er als Sohn Davids kaum völlig aus der Art geschlagen sein wird. Von Davids Sohn Absalom ist es allgemein bekannt, dass er besonders langes Haar trug, was ein deutliches Zeichen nordischen Einschlags ist.“;־ . Bitte, nicht lachen! Das ist ernsthaft gemeint. Das ist für viele Leute Wissenschaft. Und warum wird der Logik so hahnebüchen zu Leibe gegangen? Etwas später sagt Hauser: ״Es ist vielleicht nicht ungerechtfertigt, die höchste Machtcntfnltung des israelitischen Volkes in der ersten Königszeit einer von Norden eingedrungenen hochgewachsenen, blonden Herrscherrasse zuzuschreiben." Natürlich: In allen Zeiten und Breiten gibt es nur einen tüchtigen Menschen, den blonden Germanen. Er war sicher auch der erste, der sich entschloss, aus einem Affen ein Mensch zu werden. Wer’s nicht glaubt, zahlt einen Taler. ea. Folgen des Antisemitismus in der Armee ln der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 6. April bemerkte der sozialdemokratische Redner Scliumeier: ״Der Kriegsminister hat zugestanden, dass wir einen Abgang von 220 Militärärzten haben. Das bedeutet bei den kominenden Manövern und den erhöhten Anforderungen an die Soldaten Tod und Verderben fiir sie. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen bei den Sozialdemokraten.) Ich mache die Regierung schon jetzt dafür verantwortlich, wenn sich bei den Manövern infolgedessen Unfälle ereigne sollten. Die Armcevcrwaltung soll davor gewarnt sein und, ehe sic die geniigende Zahl von Aerzten hat. wenigstens auf die Leistungsfähigkeit der Soldaten Rücksicht nehmen. Es ist eine Tat- Sache, dass bisher die jüdischen Acrztc vom Heere davongclaufen sind. Den Sozialdemokraten komme es jedoch nicht darauf an. ob die Militärärzte Juden oder Christen seien, sondem sie erachten es füi iure Pilicht. anzustreben, dass in der Armee überhaupt genügend Aerzte zur Verfügung stehen. Der Abgeordnete Biclolahwck würde, wenn ihm einmal als Soldat auf dem Marsche irgend etwas passieren würde, gewiss auch nicht die Geistesgegenwart haben, bevor er hinfällt, den Arzt zu fragen: Jud oder Christ? (Lebhafter Beifall und Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Wie die Verhältnisse in betreff der Militärärzte heute liegen, können und dürfen sie nicht länger andauern und die Sozialdemokraten verlangen Garantien dafür, dass die Mannschaft in Hinkunit im Falle der Erkrankung genügenden Schutz finde.“ Am 7. April sprach Abgeordneter D. Straucher. iührte Beispiele von Soldatenmisshandlungen und Ausschreitungen von Unteroffizieren gegen Soldaten an und fügt hinzu:. Innerhalb des Militarismus könne auch von einer Gleichberechtigung und Rechtsgleichheit der Angehörigen aller Konfessionen keine Rede sein. Als Beweis dafür diene die Tatsache, dass die jüdischen Soldaten nicht einen einzigen aktiven Militär- Seelsorger besitzen, wodurch die Kriegsverwaltung Demoralisation züchte und den Eindruck der Minderwertigkeit der jüdischen Konfession gegenüber den anderen hervorrufe. wogegen Redner namens seiner Parteigenossen mit allem Nachdrucke protestieren müsse. Als treue Staatsbürger haben die Juden auch das Recht, in diesem Staate so behandelt zu werden wie alle übrigen Staatsangehörigen. In Besprechung der Zustande im militärärztlichen Offizierkorps bemerkt Redner, dass seit der Amtswirksamkeit des Generaloberstabsarztes Dr. v. Uriel sich das militärärztliche Leben zu seinem Nach-־ teile verändert hat. Es hersche derzeit ein grosser Aerztemangel, weil Generaloberstabsarzt v. Uriel bei der Anstellung von Aerzten eine konfessionelle Scheidung vornehme. Die Massnahmen des Generaloberstabsarztes Uriel seien nicht im Interesse des militärärztlichen Ofiizicrkorps gelegen. Uriel sei schmiegsam nach oben und gefürchtet unsanft nach י unten. Aus welchen Gründen werden trotz des Staatsgrundgesetzes über die Gleichberechtigung die Juden prinzipiell aus dem Auditoriat ausgeschlossen? Die Partei des Redners, verlangt die Gleichberechtigung. In jedem Menschen müsse sich das Rechtsgefühl aufbäumen, wenn die Juden von allen Seiten nur Schimpf und Zurücksetzung erfahren. Dagegen müsse man protestieren und Redner erwarte, dass alle Parteien, deren Programm auf dem Prinzip des Rechtes basiert ist. diesen i Beschwerden und Wünschen werden gerecht werden. (Beifall.) Die Baron Hirsch-Schulen . ..•- Jeden Tag werden In Galizien Klagen über die Verwaltung der Baron Hirsch-Schulen laut. Man wirft der Administration mit Recht vor, dass sie kein Verständnis für die kulturellen Bedürfnisse der heutigen Jüdischen Bevölkerung besitzt und;! dass sie sich von politischen Parteien leiten lässt. Erst vor * kurzem konnte man sogar in polnischen Blättern lesen% dass ן die Verwaltung manche Schulen in kleinen galizischen Städt- , UPfm Tglpg" *V?' |*| ,JB 41 *)" W '!#׳P * P?