Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 16-17 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 16/17 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 139 der Versamfnlumr präsidierte, Sir Francis M 0 1! tef i or e , L. .1. Orcenberg, Professor Dr. H. Gollancz. Herbert B e n t w ich. Joseph Cowen, Dr. A. S. Rappaport. Dr. N. Friedebergcr, S. B. Rubinstein, S. Ü o IU - reich u. a. Das Erscheinen des Präsidenten Wolftsohn. der. begleitet von seiner Frau, die Plattform bestieg, löste einen enthusiastisehen Beifallssturm aus, der immer von neuem einsetzte und mehrere Minuten andauerte. Nach einigen begrüssenden Einicitungsworten Dr. Oasters, der den Führer der Zionisten namens der Versammlung willkommen hiess, begann David YVcliisohn unter dem stürmischen Beifall der Versammlung seine Rede und führte folgendes aus: Mr. Chairman. Ladies and Cientlemen. meine Damen und Herren! Der Grundgedanke des Zionismus, der zionistischen Idee ist. dass die »udenirage nur auf einem eigenen Territorium, und zwar nur In Palästina gelöst werden kann, dass die Judennot, die auf unserm Volke so schwer lastet, nirgendwo auf fremdem Boden bekämoft werden kann. Der grösste Teil des jüdischen Volkes lebt und leidet in den östlichen Ländern und ist gezwungen, auszuwandern. Mit der Auswan־ derung aber ist die Sachlage nicht geändert, mit der Aus- Wanderung hat die Not noch nicht aufgehört. Denn dieselben Ursachen, oder deutlicher gesagt: derselbe Antisemitismus, der unsere ludert zt»r Auswanderung zwingt, derselbe Antiscmitisniiis begleitet sic aut ihrer Auswanderung überallhin und bleibt bei ilmen überall, wo sie sich ansiedcln. Von diesem Gedanken ausgehend hat Dr. Herzi seine Broschüre ..Der Juden- Staat" geschrieben, und aus diesem O'undgedanken heraus hat der I. Zionistenkongress das Basler Programm verfasst, i das. wie Sie ja wissen, lautet: ״Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina". Das ist der politische Zionismus, das ist die Grundläge für die zionistische Politik. Als wir vpr 10—12 Jahren diesen Gedanken verkündet haben, als wir' daran gegangen sind, unsere Organisation zu schaffen, da haben wir erwartet, dass alles, was im Judenturne lebt, alle, die ein warmes Herz iür das Judentum haben, insbesondere aber diejenigen, die durch Intelligenz, durch die Kraft ihres Vermögens und Könnens dazu bciaifen sind, die grossen jüdischen Hilfsorganisaticnen zu leitet» sich am Hillswerk zu beteiligen, dass die die ersten sein werden, mit uns zusammen deisc Arbeit zu vollführen. Dies geschah aber nicht so. Von massgebender Stelle wurde uns seitens dieser grossen Hilfsorganisationen geantwortet: Die Judenfrage kann in den freien Jmniigrationsländern, in England und Amerika, gelöst werden. Dort hat man den Antisemitismus nicht zu befürchten, und Amerika allein ist in der Lage, sämtliche Juden der Welt, die auswanderp müssen, aufzunelimen. Von diesem Gesichtspiinkte aus wurde die Auswanderung unterstützt und gc fördert Nach wenigen Jahren schon, da bürten wir mit einentmaf einen Ruf, ein Wort, das wir schon vor langer Zeit gehö-t hatten, ein Wort, das die ägyptischen Politiker unter Pharao geprägt hatten: ״Pen jirbu" — vielleicht werden ihrer zu viel Dieses Wort scholl uns jedoch nicht r.ur von unsern Feinden, sondern auch aus dem eigenen Lager entgegen, von Furch! diktiert, es könnten in den Inur.igrationsländcrn ״vielleicht zu viel־ werden. Es dauerte wiederum nur ein paar Jahre, und eine andere Tatktik wurden eingeschlagcn. Man bemühte sich, die Aus- Wanderung ein/udümmen und aufzuhaltcu. Dadurch glaubte man die Judenirage in den östlichen Länden selbst zu lösen. Durch Gründung von Schulen sollte das geistige Niveau der Masse gehoben werden, durch Schaffung von Arbeitsgelegenliciten, industriellen Unternehmungen und dergleichen mehr klaubte matt die Auswanderung eindümmen zu können. Wiederum nur wenige Jahre dauerte es. und aus Rumänien be- Kannen g osse Judctituassen auszuwandern. Gleich daraut erfolgte die Katastrophe in Russland, w־> die Auswanderung sich veniinffaet't. teilweise sogar verzehnfacht hat, und wiederum standen die Hliisorganisatiotien vor der Notwendigkeit. ihre letzte Taktik fallen zu lassen und die Auswanderung wiederum zu unterstützen. Einen kleinen Unterschied hu׳ man jetzt zu machen versucht: man versucht, den Auswanderer• ström nach anderen Gerieten abzulenken, statt New Vorfc nach Galveston oder anderen (.]egenden. Und diese Idee, die noch ganz kurzen Datums ist, scheint man schon wieder fallen zu lassen, und jetzt hart man schon wieder, dass die jüdischen Hilfsorganisationen Fabriken oder ähnliche Unternelimungci | in Russland errichten wollen, um die Auswande ung einzuschränken, also wiederum die alte Politik, die man vor einiger! Jahren gezwungenerw eise aufgegehen hat. Diese mi hevollc Arbeit, diese üuälerei kommt mir vor wie die jenes Mannes, dem eine Fensterscheibe eingeschlagcn wurde. Um sich vor Wind und Wetter zu schützen, hat e־ eine Scheibe von der anderen Seite herausgenommen und sie hier eingesetzt, und als der Wind nun vor. der anderen Seite bereinbliess, nahm et sie auch da heraus und setzte sie w ieder an die alte Stelle. Der Mann mühte und quälte sieft ab. blieb aber trotzdem nicht vor de! Unbili der Witterung geschützt und musste weite! leiden. (Heiterkeit und Beifall.) So ungefähr sieht die jüdische Politik aus. So sielil die Politik aus, die die Hilfsorganisationen treiben, ohne Ziel, ohne Plan, mir den augenblicklichen Be diirfnissen gehorchend, immer der Not gehorchend wird herum• experimentiert. Die Judennot bleibt aber Immer weher bestehen. Meine verehrten Damen und Herren! Ich will durchaus nicht die Verdienste dieser Männer, die für die allgemeiner jüdischen Interessen arbeiten, in Abrede stellen oder auch nur schmälern. Im Gegenteil: Wir haben volle Ursache, dem edles Baron Hirsch, der dem jüdischen Volke ein so hochherzige» mein Kind, und auch meine Väter haben sie nicht gesehen;.. sie seuften hier unter Druck und Sklaverei wie wir . . . aber ich denke mir, das Herrlichste und Krhabenste für ein Volk muss sie sein und ein schönst s Geschenk vom Schöpfer aller Dinge." Und wieder lauschen sie in die Nacht hinaus, mit verhaltenem Atem, mit wild pochendem Herzen, ob sie nicht noch käme, die so heiss und sehnsücht'g Erwartete . . . Doclt drauss n nur lautlose, geheimnisvolle tSille, die das Blut in den Adern vor Grauen erstarren lässt. ... Sie lauschen und lauschen . . gegürtet zum Marsche, den Wanderstab in der Hand . . Da . . plötzlich, jäh liercinbrccliettd in die Stille der Natur ertönt von weitem, von der äusscrsteii Stadt gebendes Wehgeschrei und wälzt stell, in hundertfachcnt Echo anschwellcnd zum Orkan durch die Häu-e.• der Ägypter. Bleich vor Entsetzen werden die Lauscher in den Hütten und fester packt die Faust den knotigen Wanderstecken . . Immer schrecklicher und verzweifelter klingen von drüben herüber Entsetzensrufe und wilde Totenklage, aber die Schreie verstummen au den Hütten der zitternd Harrenden lind nicht hört mau an i hren Pforten rauschen den Flügelschlag Asraels . . . Wieder lauschen sie. mit zusammengebissenen Zähnen, die Hände ineinander verkrallt vor wahnsinniger Aufregung .. . Horch . . draussen Stimmengewirr. . . laute Jubelrufe . . . und dazwischen seine Stimme, die Stimme des Mannes, auf dem ihrer aller sehnsüchtige Hoffnungen ruhen! Und wild pochenden Herzen» stürzen sie hinaus, Hab und Gut zurücklassend, was gilt cs letzt auch .... es geht ja zur . . . Freiheit! Und draussen steht e r; sonnenhell glänzt sein Antlitz in der Nacht . . . Tausende stürmen herbei . . stürzen ihm zu Füssen, berauscht vor Freude. Wie aus Erz gegossen sthet er da, den Blick halb wehmütig, halb glücklich lächelnd . . . atemlos harrt d:e enge ... die Augen der Tausende bohren sich in wilder Erwartung in die Seinen, hängen unverwandt an seinem Antlitz. . . . Jetzt hebt er den stabbewehrten Arm . . . eine Bewegung in der Menge . . . ״Auf,“ ruft er, ״folgt mir zur Freiheit!" Auf springt die Menge . . . Donnernd ertönt es: ״Zur Frtvheit, zur Freiheit, auf, ihm nach, zur Freiheit!“ — Juda, mein Volk, das war einst dein Pessach, diese heilige Nacht, in der du abwarfest das Sklavengewaud, den Wanderstab ergriffest und hinaus zogst, ein freies Volk zu werden in dem Laude, das dir zttge'- schworen, so lange der Himmel über der Erde sich sich wölbe. Juda, mein Volk, da wfarst du glücklich, da sonntest du dich im Lichte deiner Freiheit und de:nc Söhne und Tochter sangen Jubellieder zum Schlage der Zyitibel. — Wo ist dein Glück geblieben. Juda, mein Volk, w0׳ deine Freiheit, wo dein Land? Zum Spielball der feindlichen Mächte bist du geworden und zum Spott der Völker! . . . Verjagt hat man dich aus deinem Lande und hinausgestossen in die kalte, unwirtliche