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Jüdische Rundschau · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 132 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 15 Sammlung. Herrn Superintendenten Szebcreni־. erbitten. Herr Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler wurde durch ein heftiges Unwohlsein an dem Besuche der Versammlung gehindert, doch hatte auch Herr Dr. Zweig keinen Anlass, in der Ver- Sammlung das Wort zu ergreifen, da die seitens des Herrn Dr. Elbogen gegebenen Zusagen, sowohl in einem Antwortbrief des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, als auch inflndlicli von dessen Vorstandsmitgliedern vor Versammlungsbeginn wiederholt und tatsächlich auch eingehaken wurden. Aus dem beruhigten Lande In den letzten Wochen sind wieder, eine ganze Reihe von Begnadigungen der Verbändler erfolgt, welche wegen Anteilnahme a!: Pogromen verurteilt worden sind. Zur selben Zeit ist der in ganz Russland sehr populäre Arzt K a r c w a j e f f der Leader der Trudowiki in der zweiten Puma, von Verband lern ermordet worden, und zugleich meldet der Telegraph aus verschiedenen Ortschaften Lalle von Attentaten durch Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes. So ist das Bild des Zustandes, in dem wir leben. Die Revolution ist längst besiegt, und doch dauert der Krieg zwischen dem Volke und der Regierung fort. Andere Regierungen, welche im Kampi gegen die Revolution die Oberhand gewonnen haben, verstanden in der Reaktion mit einer gewissen Massigkeit vorzugehen, aber eine so von .Gott verlassene Regierung, wie sie uns beschert ist. hat es nie gegeben. -- Denn sie ist cs. die diesen Krieg immer weiter schärt. - In iedem Orte hat die Regierung, tun mit der Revolution fertig zu weiden, eine Diktatur eingesetzt. Nun ist die Revolution besiegt, die Diktatur ist aber geblieben, und wütet in der Provinz, wie der Siege» im besiegten Lande. — Vor einigen Tagen hatten wir berichtet, wie der berüchtigte Diktator von Jalta. Dumbadzc. eine Christin auswies, weil sie ein Liebesverhältnis mit einem Juden unterhielt, und einen Jüngling, der infolge grausamer Behandlung aus dem Liternl.&usc geflüchtet ist, zum Selbstmord getrieben hat. - So wird die Bevölkerung terrorisiert. Von Zeit zu Zeit liest man dabei Bekanntmachung von Begnadigungen, welche der Zar den wegen Pogrome Verurteilten gewährt und hört von immer neuen Attentaten gegen einzelne populäre, zur Oppa sition gehörende Personen. Da der Verband von einem iedem provinziellen Diktator offen für seine einzige Stutze erklärt wird, wc.tdcn die Mörder nie entdeckt. Infolge der Bcgnadigungen durch den Zaren fühlen sich die Mörder ermutigt und haben das Gefühl, straflos Verbrechen begehen zu können. Dieser Tage erklärte Dumbadzc in einem Interview im SWET er habe vor Petersburg keine Furcht und kümmere sich nicht . im Geringsten um die Minister. Die Führer des Verbandes des russischen Volkes identifixieren sich soweit mit der Polizei, dass sie nicht nur eine grossartige Denunziations-Tätigkeit entwickelt haben, sottder״ sogar an Haussuchungen tcilnchmcn. ו Caveant Consules .... Aus Petersburg wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Itn Ausland wird mau wahrscheinlich bald wieder von liberalen Reformen in Russland, besonders von einer Erleichterung der' Lage der russischen Juden hören. Worauf sich diese Prophezeiung stützt? Auf die Debatten des russisehen ״Parlaments“ vom 31 .März d. Js., die das Budget zum Gegenstand hatten, ln dieser Diskussion wurde die völlig verfahrene finanzielle Situation des russischen Reiches grell beleuchtet. Das letzte Etatsjahr schliesst mit einem ungeheuren Defizit ab, das ja auch niemanden in Erstaunen setzt, der die Misswirtschaft des Tschin auch nur eiuigertnassen kennt. Wie da Tausende, ja Hmiderttauseiide und Millionen geradezu vergeudet, einfach unterschlagen und gestohlen werden. das ist ja in Europa nun bald sprichwörtlich. Und doch erzählen die Zeitungen immer nur von den grossen Betrügereien. Aber was so im ״Kleinen“ Tag für Tag in Russland von den Beamten an Staatsgeldern oder solchen Bcträgen, die dem Staate hätten zufliesseu müssen, gestohlen wird, das übersteigt die Summe jener grossen Diebereien um ein Vielfaches. Nur dass sich niemand mehr darüber aufregt, weil ja doch nichts zu ändern ist. Aber im Etat tritt das natürlich in die Erscheinung, und so erblickt man da Einnahmeposten, die in einem regulär verwaltete« russischen Staatswcsen vielleicht dreimal so hoch sein müssten! Also das Defizit ist da. Und eine neue Anleihe wird auch bald da sein, obwohl offiziell davon noch nichts verlautet. Und hier beginnt »•in ernstes jüdisches Interesse an dieser Frage. Wenn die jüdischen Finanziers wiederum der russischen Regierung das Geld zur Unterdrückung des Volkes darleihcn werden, so laden sie nicht nur gegenwärtig eine schwere Blutschuld auf ihr Haupt, indem sic selbst die schwarzen Hunderte besolden, sondern sie rufcii damit auch für alle Zukunft den Zorn des jüdischen und des russisehen Volkes gegen sich wach. Und das könnte eines Tages auch für die Finanzlcutc selbst von grösserer Bedeutung sein, als sic heute ahnen mögen. Daher ist es eine ernste Pflicht der jüdischen Presse, beizeiten vor einer Beteiligung jüdischer Finanziers an eine־, neuen russischen Anleihe zu warnen. Mögen diese Warnungen bisher immer ungchört verhallt sein, letzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Herren im eigensten Interesse und in dem der russischen Judcnhcit cs sich zehnmal reiflich überlegen sollten, ob sie wieder die Hand bieten sollen zur Verlängerung der gegenwärtigen Zustände. Noch scheint alles wieder zur Rulte gekommen. Aber wer garantiert, dass es nicht die Ruhe vor einem schrecklicheren Sturm ist, als wir ihm bisher erlebten? Caveant Consules. Unter Protektion des Verbandes des russischen Volkes Aus Petersburg wird der RI SS. KORR, geschrieben: Der VcrbanJ des russischen Volkes handelt jetzt mit Ablasszetteln fiir alle möglichen Vergelten und Verbrechen. Jeder Verbrecher kamt dem Gericht entzogen werden, wenn er dem Verbände beitritt. Dann geniesst er sofort eine starke und einflussreiche Protektion, welche ihm völlige Straflosigheit fiir alle seine begangenen Vergehen garantiert. Ans einer grossen Auswahl von dergleichen Fällen will ich ein grelles Beispiel herausgreifeu. Der Gutsbesitzer von Radornisel, Herr Masslow, det ungünstig für ihn abgeschlossene Waldkontrakte brechen wollte.־ sti engte eitle Krimiualklage gegen seinen Verwalter Migorin mul andere Personen an. Migorin und die Zeugen wurden aber nicht vom Untersuchungsrichter verhört, sondern von dem Rechtsbeistand Masslow?:. Herrn Rechtsanwalt Malussewätsch, der ein gefälschtes Protokoll abfasstc. — Migorin reichte Klage ein und der Prozess wurde dem Untersuchungsrichter Jazcnko übergeben. Nach einghender Untersuchung wurde Malussewätsch wegen Fälschung und Missbrauch zur gerichtlichen Vcrantwortung gezogen. Und was tat Malussew itsch? - - Er Hess sich sofort als Mitglied des Verbandes des russischen Volkes emtragen. trat a!s Verteidiger im Kiewer Pogrom-Prozesse aui und begab sich zum Kongress der Verhändlcr. Gleichzeitig aber begannen KIEWLANIN und RUSS OJE SNAMJA eine Hetzkampagne gegen den Untersuchungsrichter Jazenko. Und plötzlich, -- o Wunder — wurde Jazcnko auf Verfügung des Ministeriums seines Amtes enthoben und die Untersuchung Regen Rechtsanwalt Malusscwitseh eingestellt. Neues vom Verbände der ״echien Russen“ Aus Petersburg wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Der Gencralrat des ״echt russischen Verbandes“ fordert in einer Eingabe bei der zuständigen Instanz eine Verordnung, dass die Fahne des Verbandes in allen öffentlichen Gotteshäusern des gesamten russischen Reiches angebracht werde als Zeichen des echten Patriotismus und der Treue des Volkes zuin Throne. Ein erfolgreicheres Mittel, die bestialischen Instinkte der unwissende« und abergläubischen Volksmassen gegen die Juden auizustachcln. ist wohl kaum denkbar. Leider besteht wenig Aussicht, dass dieses Gesuch unberücksichtigt und die Gotteshäuser vor einer so groben Entweihung bewahrt bleiben werden. Die Macht der ״echten Russe״“ kommt derjenigen eines uneingeschränkten .Selbstherrschers gleich. Dies ist durch den Kongress der Nationalisten und Grossgrundbesitzer. der kürzlich hier stattfaiid, wieder aufs eklatanteste klar geworden. Gegen die von der Regierung beabsichtigten Marine- und Justizreformcn w urde dort eine Sprache gefühl t, die einem Oppositionsmann der Linken zum mindesten lebenslängliche Verbannung nach Sibirien eingetragen hätte. Es wäre unter diesen Umständen gefährlich, wenn sich die Juden über den Ernst ihrer Lage hinwcgtätischen und nicht auf der Hut sein wollten. fit Ergänzung dieser Meldung erhalten wir von unserem Korrespondenten noch folgende »Nachricht: Die Petersburger JudcwhcU wird stark von der Tatsache beunruhigt, dass anlässlich der bevorstehenden 0 s t e r f c i e rtage die Anführer des ..schwarzen Hunderts“ in allen Städten eine wüste Agitation gegen die Juden entfalten, die sich des Schutzes gewisser Regierungskreise erfreut. Besonders tritt dabei der zur Genüge bekannte und berüchtigte K r u s e 11 e - wan sowohl in seiner Zeitung DRUG (Freund) wie auch in der mündlichen Agitation hervor. Wie es heisst, plant man jiidischcrscits die Ahsendung einer Deputation unter Führung von B a ro u G i n z b u r g an det! Ministerpräsidenten S t o! vp i 11. Hoffentlich überlegen sich die Petersburger Juden noch T?*׳f י*י׳!-)»ע1?4יןי**%.<^0ז.ו י»lיf*%d^iwיימייי^ייי•^*•יי1«^ייי^יי<»ייr»^^ ״twrr* "*"*״*

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